mini|Gülletourismus von Detmold ins Landschaftsschutzgebiet Briloner Hochfläche mini|Zum Gülletourismus genutzter Gülle-Container im Sauerland
Gülletourismus, auch Gülleexport, bezeichnet den Transport von Gülle aus Regionen, in denen es viele Mastbetriebe für Geflügel, Rinder und Schweine gibt, in Gebiete mit geringerer Viehdichte und Belastung. In Regionen Deutschlands mit vielen Mastbetrieben fällt deutlich mehr Gülle an, als die Pflanzen auf den Flächen vor Ort aufnehmen könnten und in denen die Böden schon stark mit Stickstoff belastet sind. Überschüssige Gülle und aufbereiteter Mist werden daher oft über große Entfernungen in Ackerbauregionen mit geringerer Belastung transportiert. Diese Transporte führen zu Umweltbelastungen und verstärken die Bodenbelastung vor Ort.Süddeutsche Zeitung, So ein Mist, 11. Juni 2017
Lage in Deutschland In Deutschland gibt es keine behördlich geführte Datenbank über den Umfang und die zurückgelegten Transportstrecken. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland gibt auf Basis eines „Nährstoffberichts“ des Landwirtschaftsministeriums in Niedersachsen an, dass Gülle, Hühnerkot und Gärreste aus Biogasanlagen mit einem jährlichen Volumen von 34 Millionen Tonnen an andere Betriebe abgegeben werden. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland schätzt, dass rund ein Zehntel dabei überregional transportiert wird. Rund 75.000 Transporte mit drei Millionen Tonnen Gülle rollten demzufolge jedes Jahr über niedersächsische Straßen.Hannoverische Allgemeine, , 4. Oktober 2016
Gülletourismus gibt es auch zwischen den Niederlanden und Nordrhein-Westfalen und im Bundesland Bayern.Bayerischer Rundfunk, Schärfere Düngeregeln: Gülletourismus quer durch Bayern, 19. Juni 2019 2015 sollen z. B. 60.000 Lkw-Ladungen mit Gülle aus den Niederlanden nach Deutschland gebracht worden sein.
Nach einer Greenpeace-Recherche im Jahr 2020 waren beim Gülletourismus die durchschnittliche Distanz zwischen Mastbetrieb und Zielgebiet etwa 220 Kilometer, bei 86 von Greenpeace nachverfolgten Gülletransporten. Greenpeace ging auch vom Transport von antibiotikaresistenten Keimen und Antibiotikarückständen in der Gülle aus. Alle von Greenpeace untersuchten elf Gülle-Proben enthielten Antibiotikarückstände und sieben multiresistente Keime.
2019 schätzte man den Deutschland-internen Gülletourismus auf 130.000 Lastwagen-Ladungen und den aus den Niederlanden weiter auf 60.000 Lastwagen-Ladungen. Allein aus Niedersachsen ging man von jährlich 3,15 Millionen Tonnen Gülle und Mist aus, die in andere Gebiete verbracht wurden. In den Niederlanden fielen 1,4 Millionen Tonnen Schweinegülle, Geflügelmist, Gärreste und verbrauchter Champost, ein aus Pferde- und Hühnermist hergestelltes Substrat zur Champignonzucht, an, die nach Nordrhein-Westfalen gefahren wurden. Der BUND und andere Umwelt-Verbände beziffern die Kosten, die aufgrund der Überdüngung bei der Versorgung mit sauberem Trinkwasser entstehen, auf acht Milliarden Euro jährlich. Im Extremfall sind es demnach sogar bis zu 25 Milliarden. Im ersten Halbjahr 2025 kam es zu einem weiteren Anstieg im Gülletourismus von den Niederlanden nach Deutschland, als 1,07 Millionen Tonnen Gülle und aufbereiteter Mist importiert wurden. Rund 40 Prozent des Gülletourismus mit Gülle und aufbereitetem Mist aus den Niederlanden gingen nach Deutschland, dies waren rund 39 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2024. In den Niederlanden gibt es einen beträchtlichen Nährstoffüberschuss aus der intensiven Tierhaltung. Zudem wurde in den Niederlanden das Düngerecht schrittweise verschärft. 2025 sank die erlaubte Stickstoffmenge in nitratbelasteten Regionen auf 190 kg N/ha und in anderen Gebieten auf 200 kg N/ha.
Nitratbelastung in Deutschland mini Als Ergebnis des jahrzehntelangen Gülleeinsatzes in Deutschland und lokaler Überdüngung ist der Grundwassersockel von mehr als 50.000 Quadratkilometer der Bundesrepublik durch Nitrate gesundheitsgefährdend kontaminiert. Die Fläche mit mehr als 50 mg Nitratsalzen pro Liter Grundwasser im Grundwasserkörper entspricht ungefähr 15 % des Territoriums Deutschlands.Umweltbundesamt: Ausweisung nitratbelasteter Gebiete, 29.01.2026, als Memento gespeichert am 20.07.2026 Aufgrund der geringen Fließgeschwindigkeit von Oberflächenwasser in den Grundwassersockel würde ein Stopp der Nitratausbringung erst 10 Jahre später sich auf die Nitratkonzentration im Grundwasser auswirken.
Forderung nach Flächenbindung in der Tierhaltung Umweltverbände und Anbauverbände von biologisch wirtschaftenden Bauern fordern für landwirtschaftliche Betriebe eine Bindung der gehaltenen Masttiere an die landwirtschaftliche Fläche des Betriebes. Jeder landwirtschaftliche Betrieb soll, wie bei Bio-Betrieben, nur so viele Tiere halten, wie er selbst deren Gülle und Mist auf eigenen Flächen zur Düngung nutzen kann. Bio-Betriebe dürfen maximal zwei Großvieheinheiten (etwa zwei Kühe oder 14 Mastschweine) je Hektar eigener landwirtschaftlich genutzter Fläche halten.
Weblinks
Gülle und Getreide per Kombiliner transportieren, aus Agrarheute, Beispiel eines Betriebs, der seine Gülle abtransportiert. Gülletourismus, bei duden.de
Einzelnachweise
Kategorie:Politisches Schlagwort Kategorie:Abfallwirtschaft