mini|Seit der Ausgabe Riga 1678/79 wurden die Vier Bücher vom wahren Christentum mit Emblemen illustriert; hier eine Illustration des 1705 in Stade von Caspar Holwein gedruckten BuchsJohannes Wallmann: Arndtrezeption im Baltikum, Tübingen 2010, S. 271. Vier Bücher vom wahren Christentum ist der Titel eines vierteiligen Werks des lutherischen Pfarrers und späteren Generalsuperintendenten Johann Arndt, dessen erster Band 1605 in Frankfurt am Main erschien; die Gesamtausgabe lag 1610 in Magdeburg vor. Es war das erfolgreichste protestantische Erbauungsbuch, von dem bis um 1700 mehr als 50 Ausgaben, Teilausgaben und Übersetzungen gedruckt wurden. Das Werk wurde konfessionsübergreifend sehr breit rezipiert, war aber hinsichtlich seiner Rechtgläubigkeit auch seit Erscheinen umstritten.

In späteren Ausgaben wurden weitere Schriften Arndts angefügt, so dass es zu Fünf bzw. Sechs Büchern vom Wahren Christentum kam; dies entspricht aber nicht Arndts Intention.

Inhalt Anleitung zum christlichen Leben Johann Arndt war, während er das Wahre Christentum schrieb, Pfarrer an St. Martini in Braunschweig, wechselte dann nach Eisleben. In der Vorrede erläuterte Arndt, warum er das Buch geschrieben habe. Offizielles Bekenntnis und gelebter Glaube entsprächen einander nicht. Politische Ereignisse und Naturphänomene (hier steht die Naturphilosophie des Paracelsus im Hintergrund) wiesen auf die Krisenhaftigkeit der Gegenwart hin.Thomas Illg: Ein anderer Mensch werden, Göttingen 2011, S. 56 f. Dabei bleibt die Kritik allgemein, so dass man nur vermuten kann, dass die politischen Wirren in Braunschweig, die Arndt miterlebte, ihn beunruhigten.Thomas Illg: Ein anderer Mensch werden, Göttingen 2011, S. 60.

Das Buch präsentiert sich dagegen als „Anleytung“ zu einer geistlichen Erneuerung. Das wahre Christentum bestehe darin, Christus im Leben nachzufolgen und Taten der Liebe zu vollbringen. Der Glaube sei nicht ein Für-Wahr-Halten von Sätzen (Arndt sieht die Theologie sehr kritisch), sondern eine innere Kraft, die den Menschen verändere und nach außen in guten Werken sichtbar werde.Thomas Illg: Ein anderer Mensch werden, Göttingen 2011, S. 63 f.

Vier Bücher Die Aufteilung des Stoffes ist für Arndts Konzeption wichtig. Die einzelnen Kapitel des Werks sind in sich abgeschlossene Einheiten, so dass sich das Wahre Christentum als Hausbuch eignete, in dem der Leser täglich einen Abschnitt meditieren konnte.Hermann Geyer: Verborgene Weisheit, Band 1, Berlin / New York 2001, S. 10 f. Im Sinne einer platonischen Urbild-Abbild-Relation entsprechen den vier göttlichen „Büchern“, in denen sich Gott offenbart habe, vier von Arndt publizierte reale Bücher.Hermann Geyer: Verborgene Weisheit, Band 2, Berlin / New York 2001, S. 74. Die ersten drei Bücher gehören als Gruppe zusammen und beschreiben den Dreischritt der Stufenmystik: Reinigung, Erleuchtung und Vereinigung der Seele mit Gott (via purgativa, via illuminativa, unio mystica).Wolfgang Sommer: Die Spiritualität zwischen lutherischer Orthodoxie, Mystik und Pietismus am Beispiel von Johann Arndt (1555-1621). In: Peter Zimmerling (Hrsg.): Handbuch Evangelische Spiritualität. Band 1: Geschichte. Vandenhoeck & Ruprecht,. Göttingen 2017, S. 213–238, hier S. 224. Die einzelnen Bücher haben folgenden Inhalt:

Das Buch der Heiligen Schrift (Liber Scripturae): Gott offenbart sich in den Texten der Bibel. Arndt ging davon aus, dass der Mensch das Ebenbild Gottes sei, doch habe er durch den Sündenfall die Gottebenbildlichkeit verloren. Durch Christus werde er aber neu geboren (Rechtfertigung und Heiligung) und erlange das ewige Leben. Notwendig sei eine echte innerliche Buße und Abkehr von der Welt. Diese Buße, und nicht die Zusammenkunft in der Kirche, sei der wahre Gottesdienst.Martin Brecht: Das Aufkommen der neuen Frömmigkeitsbewegung in Deutschland, Göttingen 1993, S. 136. Das Buch des Lebens, Christus (Liber vitae Christus): Gott offenbart sich in Jesus Christus, dem „lebendigen Buch“. Beginnend mit dem Gedanken, dass Christus der Arzt und Heilbrunnen sei, handelt das zweite Buch von der Nachfolge Christi und der lebendigen Verbindung mit Christus im Gebet. Arndt referiert hier die „Theologie des Kreuzes“ von Angela de Foligno. Als eine Art Exkurs ist der erste Teil des Gebetbüchleins von Valentin Weigel eingefügt, der vom Inhalt her relativ unverfänglich war.Martin Brecht: Das Aufkommen der neuen Frömmigkeitsbewegung in Deutschland, Göttingen 1993, S. 137. Das Buch des Gewissens (Liber Conscientiae): Gott offenbart sich im Menschen selbst, in seinem Herzen oder Gewissen. Das Reich Gottes, der höchste Schatz, befinde sich im Herzen des Menschen, „… offenkundig ist das Gottesverhältnis individualistisch gedacht und unabhängig von der Welt wie den kirchlichen Institutionen. Die Auswirkung dieser Vorstellung auf eine Kultur der Innerlichkeit und ein distanziertes Verhältnis zur Welt bei den Lesern Arndts sind schwerlich zu überschätzen.“ Das Buch der Natur (Liber Naturae): Gott offenbart sich in der Natur. „Wie das grosse Weltbuch der Natur von Gott zeuget / vnd zu Gott führet.“ Der Makrokosmos der Schöpfung verweise auf Gott und finde in der menschlichen Seele, dem Mikrokosmos, seine Vollendung. Hier hat Arndt Paracelsus rezipiert. Im zweiten Teil wird Raimund von Sabunde referiert: Der Mensch sei das Ebenbild Gottes und zur Gottesliebe verpflichtet.Martin Brecht: Das Aufkommen der neuen Frömmigkeitsbewegung in Deutschland, Göttingen 1993, S. 137 f. mini|Die Embleme als Beigaben zum Wahren Christentum zeigen häufig technisches Gerät (Fernrohr, Druckerpresse, Setzkasten, Kompass); hier eine Rakete mit dem Lemma: „Ich steige und säubere mich.“ Der Gedanke, das es zwei Bücher Gottes gebe, die Bibel als Heilige Schrift und das „Buch der Natur“, hat im Christentum eine lange Tradition. Bonaventura etwa geht von der Komplementarität beider Bücher aus. Von Bonaventura führt diese Tradition über Raimundus Lullus zu Raimund von Sabunde – der maßgeblichen Quelle für Teil II im vierten Buch des Wahren Christentums.Hermann Geyer: Verborgene Weisheit, Band 2, Berlin / New York 2001, S. 20–22. Daneben gab es zu Arndts Zeit auch die Vorstellung einer Dreiheit von göttlichen Büchern, wobei neben Bibel und Natur als dritte Offenbarungsquelle der innerliche Mensch (Herz, Seele oder Gewissen) tritt.Hermann Geyer: Verborgene Weisheit, Band 2, Berlin / New York 2001, S. 53 ff. Da in solchen Dreierreihen auch Christus anstelle der Bibel genannt werden kann, ergibt sich die Vierzahl, die Arndt bei der Konzeption seines Werks zugrunde legt.Hermann Geyer: Verborgene Weisheit, Band 2, Berlin / New York 2001, S. 60.

Quellen Johann Arndt hatte ursprünglich in Basel Medizin studiert und war hier mit der hermetisch-paracelsischen Naturphilosophie in Kontakt gekommen, die besonders das vierte Buch prägt. Arndt machte seine Quellen nicht kenntlich; es handelt sich aber auf weite Strecken um eine geschickte Kompilation. Dabei nutzte er sowohl Werke mittelalterlicher Mystiker als auch Schriften von Spiritualisten des 16. Jahrhunderts:

Theologia deutsch, Johannes Tauler, Thomas a Kempis, Angela von Foligno, Raimund von Sabunde, Valentin Weigel, Paracelsus.

Arndt hatte seine Quellen durch Auswahl, Paraphrasierung, Streichungen, Zufügungen in einen evangelischen Rahmen einzupassen versucht, was ihm, so Martin Brecht, „angesichts der Eigentendenzen dieses Materials nicht immer gelang.“Martin Brecht: Das Aufkommen der neuen Frömmigkeitsbewegung in Deutschland, Göttingen 1993, S. 138.

Von Weigel übernahm Arndt die Lehre vom „inneren Wort“, wodurch – für lutherische Theologie problematisch – die Autorität der Bibel relativiert wird; biblische Texte seien etwas Äußerliches und deshalb „nur mittel / die man nit verachten soll / aber sie sind nicht der Schatz selber / sondern Christus vnd Gott / der kan auch ohne mittel kommen.“Johann Arndt: Vier Bücher vom Wahren Christentum, II.34.11, S. 392. Wörtliches Zitat aus Weigels Gebetbüchlein. Siehe Volkhard Wels: Unmittelbare göttliche Offenbarung als Gegenstand der Auseinandersetzung in der protestantischen Theologie der Frühen Neuzeit, S. 781. Die Bibel wird in den Vier Büchern vom Wahren Christentum durch Allegorese mystisch-existentiell ausgelegt.Martin Brecht: Das Aufkommen der neuen Frömmigkeitsbewegung in Deutschland, Göttingen 1993, S. 139.

Rezeption Pietismus Besonders auf den Pietismus hatte das Werk großen Einfluss, so dass von einigen Kirchenhistorikern die These vertreten wird, nicht Philipp Jakob Spener (der das Wahre Christentum sehr schätzte und 1674 eine kommentierte Ausgabe herausgab), sondern Arndt sei der Begründer des lutherischen Pietismus (Ernest Stoeffler,„Der Vater des lutherischen Pietismus ist nicht Spener, sondern Johann Arndt.“ (E. Stoeffler,: The Rise of Evangelical Pietism, 2. Aufl. Leiden 1971, S. 202, hier zit. nach: Johannes Wallmann: Der Pietismus, Göttingen 2005, S. 33). Martin Brecht). Das „Wahre Christentum … ist auf die Dauer wirksamer geworden als alle dogmatischen Systeme der Orthodoxie“, so Brecht. Das Werk traf den Zeitgeschmack von Spätrenaissance und Barock; „Arndt … bediente sich des vorstellbaren beschreibenden Satzes, der packend aufgemachten biblischen Geschichte oder des einprägsamen aus der Bibel oder der Natur genommenen Bildes.“

Arndtsche Streitigkeiten Die ersten Reaktionen auf die Veröffentlichung waren positiv. Johann Valentin Andreae empfahl das Wahre Christentum, der Dresdner Oberhofprediger Polykarp Leyser verteidigte Arndts Rechtgläubigkeit mit dem kryptischen Votum: „Das Buch ist gut, wenn nur der Leser gut ist.“ Günstig für die Akzeptanz des Werks war auch Arndts damalige Freundschaft mit Johann Gerhard, der persönlich die neue Frömmigkeit mit orthodoxer Schultheologie verband.Martin Brecht: Das Aufkommen der neuen Frömmigkeitsbewegung in Deutschland, Göttingen 1993, S. 142 f. Zum Konflikt kam es ab 1618 in Danzig durch Anhänger Weigels, die sich auf das Wahre Christentum beriefen. Dabei wurde entdeckt, dass Arndt Weigels Gebetbuch exzerpiert hatte – für einen lutherischen Pfarrer und Buchautor jener Zeit eine skandalöse Arbeitsweise. Arndt behauptete, er habe nicht gewusst, wer der Autor jenes Textes sei und habe beim Exzerpieren den biblischen Grundsatz „Prüft alles und das Gute behaltet“ () befolgt. Die Danziger Pfarrerschaft spaltete sich und bat auswärtige Theologen um ihr Gutachten.Martin Brecht: Das Aufkommen der neuen Frömmigkeitsbewegung in Deutschland, Göttingen 1993, S. 143.

Arndts Werk wurde 1623, zwei Jahre nach Arndts Tod, von dem Tübinger Theologieprofessor Lucas Osiander II. in einem Theologischen Bedencken wegen seiner Benutzung mystischer und spiritualistischer Literatur scharf kritisiert. Osiander hatte sich mit seinen Kollegen abgestimmt, so dass nun erstmals eine theologische Fakultät gegen das Wahre Christentum Stellung bezog.Martin Brecht: Das Aufkommen der neuen Frömmigkeitsbewegung in Deutschland, Göttingen 1993, S. 146. Auch andere Theologen der lutherischen Orthodoxie, z. B. Johann Konrad Dannhauer, griffen diese Kritik auf.

Kirchliche Domestikation des Wahren Christentums