In der oberhessischen Kleinstadt Neustadt lebten 1933 rund 120 Juden.Alemannia Judaica – Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum, Stand: 20. Mai 2016, https://www.alemannia-judaica.de/neustadt_hessen_synagoge.htm; aufgerufen am 26. Juni 2019 Damit war die jüdische Gemeinde Neustadts die zweitgrößte im damaligen Landkreis Marburg.Andrea Freisberg / Gerhard Bieker, Nova Civitas - Neustadt (Hessen). Eine Wanderung durch die Geschichte der Stadt, Neustadt 2004, Seite 109 Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers gelang es einigen Dutzend Juden, in die USA, nach Argentinien, Australien oder Südafrika auszuwandern.Barbara Händler-Lachmann, Ulrich Schütt, „unbekannt verzogen“ oder „weggemacht“. Schicksale der Juden im alten Landkreis Marburg 1933–1945, Marburg 1992, ISBN 3-89398-080-6 1942 wurden die letzten jüdischen Einwohner Neustadts deportiert, rund 70 starben qualvoll in nationalsozialistischen Konzentrationslagern.Florian Lerchbacher, 70 von 120 Juden starben qualvollen Tod, 9. November 2018; https://spd-neustadt.de/70-von-120-juden-starben-qualvollen-tod/; aufgerufen am 26. Juni 2019
16. Jahrhundert bis 1933 Historische Dokumente belegen, dass bereits im Jahr 1513 jüdische Menschen in Neustadt zu Hause waren.Barbara Händler-Lachmann / Ulrich Schütt, „unbekannt verzogen“ oder „weggemacht“. Schicksale der Juden im alten Landkreis Marburg 1933–1945, Marburg 1992, ISBN 3-89398-080-6 1812 gab es 24 jüdische Familien. 1905 waren es 108 Frauen, Männer und Kinder, bei einer Gesamteinwohnerzahl von rund 2.000. Jüdische Männer arbeiteten als Viehhändler, Metzger, Lehrer oder betrieben Geschäfte (Schuhe, Textilien, Futtermittel, Getreide u. a.), berufstätige jüdische Frauen waren als Verkäuferin, Hausangestellte oder Lehrerin tätig. Die Neustädter Juden unterhielten eine Synagoge, eine Schule, ein rituelles Bad und einen Friedhof, der nordöstlich außerhalb der Stadt liegt.
1933 bis 1942 Akten des Hessischen Staatsarchivs Marburg belegen, dass sich 1933 insgesamt 14 Neustädter Häuser, zumeist in der Marktstraße, in jüdischem Besitz befanden.Matthias Holland-Letz, Gemeindevorstand hält Nazi-Akten weiter unter Verschluss, in: Frankfurter Rundschau, 22. August 2002, http://www.historische-eschborn.de/berichte/Hessen/Nazi-Akten/nazi-akten.html; aufgerufen am 26. Juni 2019 Nach der Machtergreifung Hitlers litten auch die Neustädter Juden unter dem wirtschaftlichen Boykott, unter Entrechtung und zunehmender Unterdrückung. Viele waren gezwungen, die Stadt zu verlassen sowie Häuser und Geschäfte unter Wert zu verkaufen. Von den „Arisierungen“ profitierten auch in Neustadt Mitglieder der NSDAP. Im September 1940 schrieb Louis Wiederstein, der nationalsozialistische Bürgermeister Neustadts, an den Landrat in Marburg: „Hier sind jüdische Gewerbebetriebe nicht mehr vorhanden.“Hessisches Staatsarchiv Marburg, Originaldokument vom 2. September 1940 (Stadt Neustadt, Der Bürgermeister, „Betr. Entjudung der gewerblichen Wirtschaft“).
Das Schicksal des Gemeindeältesten Sally Levi Sally Levi, geboren 1889, war Inhaber der Handelsfirma M. Stern in der Marktstraße. Er hatte das Amt des Gemeindeältesten inne. Im Februar 1939, wenige Monate nach der Pogromnacht vom 9. November 1938, floh er nach Köln. Akten der Oberfinanzdirektion Köln belegen, dass er in der Roonstraße 108 gemeldet war. Von dort betrieb er die Auswanderung für sich und seine Familie, für die Schiffspassage hatte er bereits bezahlt.Oberfinanzdirektion Köln, Originaldokument vom 11. März 1942 (Brief eines Reisebüros der Deutschen Afrika-Linien an den Oberfinanzpräsidenten Köln) Sally Levi wurde 1941 ins Ghetto Lodz/Polen deportiert. Wo und wann er ermordet wurde, ist nicht bekannt.
Briefe von Bruno Rosenthal im Archiv der University of Alaska Fairbanks (USA) Bruno Rosenthal, geboren 1886, betrieb die Handelsfirma A. Bachrach Nachfahren in der Marktstraße. Er schrieb ab 1939 mehrere Briefe an US-amerikanische Behörden, in denen er für seine Familie, für sich und die verbliebenen Neustädter Juden um Einreise in den US-Bundesstaat Alaska bat. In den USA wurde damals der Entwurf eines Gesetzes diskutiert, das die Einwanderung nach Alaska erleichtern sollte.Gerald S. Berman, Alaska als Zuflucht, in: Zeitschrift für hessische Geschichte und Landeskunde, Nr. 92/1987 Davon hatte Rosenthal gelesen. Den damaligen US-amerikanischen Gegnern der Einwanderung, darunter die Veteranenorganisation „American Legion“, gelang es 1940, das Gesetz zu verhindern.Tom Kizzia, Beacon of Hope. Part 4: Are there no exceptions?, in: Anchorage Daily News, Online-Ausgabe, 19. Mai 1999, auf Englisch, https://www.adn.com/past-projects/article/are-there-no-exceptions/1999/05/19/, aufgerufen am 26. Juni 2019 Bruno Rosenthal und seine Frau, die Lehrerin Bianka Rosenthal, wurden 1941 ins Ghetto Riga/Lettland deportiert. Wo und wann sie ermordet wurden, ist nicht bekannt. Die Briefe Rosenthals liegen, laut der US-amerikanischen Tageszeitung Anchorage Daily News, im Archiv der University of Alaska in Fairbanks, Alaska.
Synagoge Während der Pogromnacht setzten Nazis und Mitläufer die Synagoge in der Marburger Straße in Brand. Wie aus Akten des Hessischen Staatsarchivs Marburg hervorgeht, wurde die Inneneinrichtung demoliert, Geräte und Gewänder wurden teils zerstört und teils gestohlen.Hessisches Landesarchiv Marburg, Landrat des Landkreises Marburg, Aufstellung über die Im Landkreis Marburg vorhanden gewesenen und noch vorhandenen Synagogen, Betsäle und jüdischen Friedhöfe, Marburg, 28. Mai 1946 Anschließend zeigten mehrere Neustädter Bürger Interesse, das Grundstück zu kaufen.Matthias Holland-Letz, Gemeindevorstand hält Nazi-Akten weiter unter Verschluss, in: Frankfurter Rundschau, 22. August 2002; http://www.historische-eschborn.de/berichte/Hessen/Nazi-Akten/nazi-akten.html; aufgerufen am 26. Juni 2019 Den Zuschlag erhielt laut Hessisches Staatsarchiv ein Neustädter Kolonialwarenhändler und „führender PG“ (PG steht für Parteimitglied der NSDAP). Heute befindet sich auf dem Grundstück ein Wohn- und Geschäftshaus.
Erinnerungskultur Dankward Sieburg, Lehrer an der damaligen Gesamtschule Neustadt, leitete ab 1986 ein Schulprojekt zum Thema „Die Synagogengemeinde von Neustadt – Momberg“. Die Ergebnisse wurden im November 1988 in einer Ausstellung in der Schule präsentiertGroßes Interesse an Dokumentation, Oberhessische Presse, 11. November 1988 und in einer 767 Seiten umfassenden DokumentationDankward Sieburg, Die Synagogengemeinde zu Neustadt. Beiträge zu ihrer Geschichte, Neustadt, Mai 1990 zusammengefasst. 2008 befasste sich eine Gedenkveranstaltung der Stadt Neustadt mit der Pogromnacht von 1938. Im November 2018 lud die Stadt zur Veranstaltung „80 Jahre Pogromnacht“. Zu den Rednern zählten Bürgermeister Thomas Groll (CDU), Monika Bunk, stellvertretende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Marburg, sowie Professor Jürgen Reulecke, Historiker der Universität Gießen (emeritiert). Am 27. Januar 2021, dem Holocaust-Gedenktag, wurde auf dem Rathausplatz ein Denkmal eingeweiht, das an die ermordeten Juden in Neustadt und Momberg (heute ein Ortsteil Neustadts) erinnert. Das Denkmal besteht aus einer künstlerisch gestalteten Bank mit Lesepult, auf dem wechselnde „Erinnerungsbücher“ befestigt sind. Am 31. März 2025 wurden vor dem Haus Lehmkaute 7 sechs Stolpersteine vom Künstler Gunter Demnig verlegt. Sie erinnern an die sechs Mitglieder der jüdischen Familie Stern, die dort bis Mai 1941 lebten. Am 17. März 2026 verlegte Demnig weitere 12 Stolpersteine. In der Bahnhofstraße 6 erinnern sie an Hermann und Jettchen Levi, an fünf ihrer Kinder und an Hermanns Bruder Moritz Levi. In der Bogenstraße 1 verweisen sie auf Sally und Frieda Levi, deren Tochter Alma und auf Lina Stern, die Mutter von Frieda Levi. An der feierlichen Veranstaltung nahm Tova Taylor, geborene Levi, teil. Die 39-Jährige reiste aus London an. Sie ist eine Urenkelin von Moritz Levi.
Siehe auch Jüdischer Friedhof Neustadt (Hessen)
Literatur Andrea Freisberg, Gerhard Bieker: Nova Civitas – Neustadt (Hessen). Eine Wanderung durch die Geschichte der Stadt. Neustadt 2004. Barbara Händler-Lachmann, Ulrich Schütt: „unbekannt verzogen“ oder „weggemacht“. Schicksale der Juden im alten Landkreis Marburg 1933–1945. Marburg 1992, ISBN 3-89398-080-6. Dankward Sieburg: Die Synagogengemeinde zu Neustadt. Beiträge zu ihrer Geschichte. Neustadt 1990.
Einzelnachweise
Weblinks Alemannia-Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum (Jüdische-Gemeinde – Neustadt (Hessen)) Jüdische-Gemeinden.de – Neustadt (Hessen)
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