Im Verband deutscher Lehreremigranten, auch bekannt unter dem Namen Union des instituteurs allemands émigrés (kurz: Union), organisierten sich zwischen 1933 und 1939 aus NS-Deutschland geflohene Lehrer. Der Verband repräsentierte nach eigener Einschätzung die „bestorganisierte Berufsgruppe der Emigration“zitiert nach Hildegard Feidel-Mertz/Hermann Schnorbach: Lehrer in der Emigration, S. 10 und zählte zu seinen Mitgliedern viele Lehrkräfte, die Schulen im Exil mit aufgebaut oder dort unterrichtet hatten. Die Erforschung des Verbands wie auch der Schulen im Exil ist im Wesentlichen das Verdienst von Hildegard Feidel-Mertz.
Gründung der Union im Jahre 1933 Mit 125 bis 150 Mitgliedern, wie Heinrich Rodenstein schätzte,Heinrich Rodenstein: Verband deutscher Lehreremigranten (siehe Weblinks) war die Union nicht gerade ein mitgliederstarker Verband und organisierte vorwiegend jene Angehörige pädagogischer Berufe, die sich schon vor der Machtergreifung durch eine Verbindung von politischem und pädagogischem Engagement ausgezeichnet hatte und deshalb „im ‘Dritten Reich’ aus dem staatlichen Schuldienst entfernt und nach zum Teil vorübergehender Tätigkeit in Landerziehungsheimen und sonstigen Privatschulen, in der Sozialarbeit oder Erwachsenenbildung in die Emigration“ gedrängt wurde.Hildegard Feidel-Mertz/Hermann Schnorbach: Lehrer in der Emigration, S. 16 Wer nicht freiwillig ging, wurde spätestens mit der Verabschiedung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums daran erinnert, dass es für ihn in Deutschland keine berufliche Zukunft mehr gab.
Über das Internationale Berufssekretariat der Lehrer (IBSL),Hermann Schnorbach: Lehrer im Internationalen Gewerkschaftsbund. Entstehung und Entwicklung des Internationalen Berufssekretariats der Lehrer von 1918 bis 1945, Juventa Verlag, Weinheim, 1989, ISBN 3-7799-0692-9 dem bis zu seiner Selbstauflösung im Jahre 1933 von deutscher Seite aus die Allgemeine Freie Lehrergewerkschaft Deutschlands (AFLD)Hermann Schnorbach (Hg.): Lehrer und Schule unterm Hakenkreuz. Dokumente des Widerstands 1930 bis 1945, Athenäum Verlag, Königstein/Ts., 1988, ISBN 3-7610-8275-4 angehörte, wurden von Straßburg aus erste Hilfsmaßnahmen für die bedrohten deutschen Kollegen organisiert. In Absprache mit dem IBSL erfolgte Ende 1933 die Gründung der Union des instituteurs allemands émigrés, die dann 1934 als deutsche Sektion in das IBSL aufgenommen wurde. Über die Vorgeschichte dieser Verbandsgründung berichten Feidel-Mertz und Schnorbach: Die Union hatte ab 1935 „ihren Sitz in Paris, verfügte aber auch in der Tschechoslowakei über stärkere Mitgliederkontingente, ebenso in Südamerika und Schweden. Diese Niederlassung geschah nicht zufällíg; denn bis Ausbruch des Krieges bot Frankreich und insbesondere Paris die günstigsten Aufenthalts- und Arbeitsbedingungen für deutsche Emigranten. Daß selbst politische Aktivitäten kaum eingeschränkt wurden, ja vielfach solidarische Unterstützung fanden, führte zu einer Konzentration vielfältiger Initiativen und organisatorischer Ansätze an diesem Ort.“Hildegard Feidel-Mertz/Hermann Schnorbach: Lehrer in der Emigration, S. 15
Der Gründungsaufruf der Union erschien in verschiedenen pädagogischen und gewerkschaftlichen Publikationen und deutschen Exilzeitschriften und „richtete an alle emigrierten antifaschistischen deutschen Lehrer den Appell, sich an der Arbeit der Union zu beteiligen. Speziell stellte sich die Union die Aufgabe, Vorarbeit für die Schule des 'vierten' Reiches und Ausarbeitung sozialistischer Erziehungsgrundsätze, Informationen, Stellenvermittlung, Hilfe und Repräsentation ihrer Mitglieder und Beobachtung des faschistischen Schulwesens zu leisten.“Hildegard Feidel-Mertz/Hermann Schnorbach: Lehrer in der Emigration, S. 97
Aktivitäten der Union in den Folgejahren Die Union stand politisch links der SPD und engagierte sich stets für ein sozialistisches Schul- und Erziehungsprogramm in einem Deutschland nach dem Ende der NS-Ära. Die Zusammenarbeit mit dem IBSL ermöglichte es, auf dessen Strukturen zurückzugreifen, und in Frankreich gab es eine enge Kooperation mit der französischen Volksschullehrergewerkschaft, dem Sydicat National des Instituteurs (SNI). 1935 übernahm Rodenstein von Heinrich Grönewald, der an die Pestalozzi-Schule Buenos Aires wechselte und dort auch zum Motor einer argentinischen Union-Gruppe wurde, die Leitung der Pariser Sektion. Zugleich wurde das bislang noch in Straßburg residierende Sekretariat der Union auf Beschluss des IBSL nach Paris verlegt. „Mit dieser ‘Reorganisation’ […] des Verbandes seit Oktober 1935 fand eine systematische Mitgliederwerbung statt, die Arbeit wurde intensiviert und die Herausgabe eines Informationsdienstes vorbereitet. Seit Januar 1936 erschienen die ‘Informationsblätter der UNION’ (bis Nr. 9 unter dem Titel ‘Informationen der Union’) mit durchschnittlich 3 Seiten, mitunter auch bis zu 7 Seiten Umfang mehr oder weniger regelmäßig monatlich als Mitgliederzeitschrift. Die letzte uns bekannte Ausgabe, die Nr. 29, datiert vom 10. April 1939.“Hildegard Feidel-Mertz/Hermann Schnorbach: Lehrer in der Emigration, S. 103 Heinrich Rodenstein, der als Redakteur des Informationsdienstes fungierte, spricht von „fast 30 Rundschreiben“, die er herausgegeben habe.
Im Juli 1935 beteiligte sich die Union in Paris am Aufbau einer deutschen Volksfront. Mehrere Verbände, darunter der Schutzverband deutscher Schriftsteller und die „Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft, Kunst und Literatur im Ausland“, bildeten dazu den Aktionsausschuß für Freiheit in Deutschland, dem auch Heinrich Mann angehörteHildegard Feidel-Mertz/Hermann Schnorbach: Lehrer in der Emigration, S. 111, sowie der Historiker Helmut Hirsch, der Schriftsteller Rudolf Leonhard und der Journalist Maximilian Scheer.Zur Geschichte des Aktionsausschusses für Freiheit in Deutschland siehe das mehrteilige Werk von Ursula Langkau-Alex: Deutsche Volksfront 1932 - 1939 mit Dokumenten zur Geschichte des Ausschusses zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront.
Die Pariser Gruppe der Union war die mitgliederstärkste und auch hauptsächlich Trägerin der programmatischen Arbeit, aus der der 1937 entstandene Entwurf für ein „Sozialistisches Schul- und Erziehungsprogramm“ hervorging. Für Feidel-Mertz und Schnorbach ist es
Anfang 1937 schloss sich die in der Tschechoslowakei existierende Fachgruppe ehemaliger reichsdeutscher Pädagogen mit 25 Mitgliedern der Union an. Nach dem Münchner Abkommen vom September 1938 organisierte die Union zusammen mit dem IBSL eine Hilfsaktion zur Rettung der bedrohten deutschen Kollegen in der Tschechoslowakei. Zwei Flugzeuge sollten die Mitglieder nach Paris ausfliegen, doch eines davon stürzte am 7. Januar 1939 beim Landeanflug in Paris ab, wobei ein Mitglied, Lotte Smigula-Kamp, den Tod fand und drei weitere verletzt wurden.Hildegard Feidel-Mertz/Hermann Schnorbach: Lehrer in der Emigration, S. 107 und 235
Nach Ansicht von Feidel-Mertz und Schnorbach war die Union kein reiner Selbsthilfeverein, sondern reihte „sich bewußt in die antifaschistische Front der internationalen Solidarität für die Opfer des Faschismus“ ein. Sie leistete juristische Hilfe für Kollegen, die in Konflikt mit den Ausländergesetzen geraten waren, beteiligte sich an Hilfsaktionen für spanische Bürgerkriegsopfer, besonders Kinder, und beteiligte sich Ende 1936 am Überparteilichen Deutschen Hilfsausschuß, in dem linke Hilfsorganisationen ihre Arbeit koordinierten.Hildegard Feidel-Mertz/Hermann Schnorbach: Lehrer in der Emigration, S. 114–115
Das Ende der Union Im April 1939 wurde durch ein Dekret der französischen Regierung die Arbeit ausländischer Vereinigungen in Frankreich stark reglementiert und eingeschränkt. Die Union erwog darauf noch die Umwandlung in eine Wohlfahrtsorganisation und eine Anpassung an die französischen Gesetze, wozu es aber nicht mehr gekommen ist. Der Zweite Weltkrieg brach aus, und in weiser Voraussicht beseitigte Heinrich Rodenstein alle Spuren, die auf die Union hätten hinweisen können. Wie notwendig diese Vorsichtsmaßnahmen waren, zeigte sich wenige Monate später. Nach der Besetzung von Paris durch die deutsche Wehrmacht drangen Gestapo-Leute in Rodensteins ehemalige Wohnung ein und nahmen eine – zum Glück erfolglose – Hausdurchsuchung vor.
Mit der Besetzung Frankreichs fand die Arbeit des Verbands deutscher Lehreremigranten ihr Ende. Einige seiner Mitglieder wurden interniert, andere konnten nach England oder in die USA flüchten. Diejenigen, die es nach England schafften, konnten sich in der Landesgruppe deutscher Gewerkschafter in Großbritannien oder innerhalb der International Group of Teachers Trade Unionists weiterhin politisch betätigen. „Die ‘International Group of Teachers Trade Unionists’ war sowohl Fortsetzung wie auch Neubeginn des 1940 untergegangenen Internationalen Berufssekretariats der Lehrer“ und fungierte als Kommission im Rahmen der Arbeit des Internationalen Gewerkschaftsbunds.Hildegard Feidel-Mertz/Hermann Schnorbach: Lehrer in der Emigration, S. 124
Bekannte Mitglieder Mitglied in der Union konnte man nur aufgrund einer persönlichen Bekanntschaft oder einer vertrauenswürdigen Empfehlung werden, und man hatte zudem„- Lehrer zu sein ‚im weitesten Sinne, Kindergärtnerinnen, Jugendfürsorger, Berufs- und höheres Schulwesen eingeschlossen‘; außerdem ist die Mitgliedschaft von Kinderãrzten nachgewiesen; - Emigrant zu sein; - persönlich zuverlässig zu sein; - die freigewerkschaftlichen Grundsätze im Rahmen des IBSL anzuerkennen.“Vorstandsmitteilungen Nr. U/April 1938, zitiert nach Hildegard Feidel-Mertz/Hermann Schnorbach: Lehrer in der Emigration, S. 103 Das Mitgliederverzeichnis wurde verschlüsselt geführt, und „die einzige Liste, die dieses System entschlüsselte, hat Heinrich Rodenstein bei Kriegsbeginn vernichtet, so daB eine vollständige Rekonstruktion des Mitgliederbestandes der ‘Union’ sich heute als unmöglich erweist“.Hildegard Feidel-Mertz/Hermann Schnorbach: Lehrer in der Emigration, S. 104 Feidel-Mertz und Schnorbach skizzieren in ihrem Buch 68 Personen in Kurzbiografien. Die bekanntesten Personen darunter sind: Arthur Arzt Ernst Behm und Agnes Behm-Barow Erna Blencke Helmut von Bracken Artur Egon Bratu Günter und Johanna Dallmann Alfred Dang Herman und Grete Ebeling Minna Flake Walter Friedländer Heinrich Grönewald