mini|hochkant=1.3|Die wasserführende römische / mittelalterliche Wasserleitung von Vindonissa; öffentlich zugänglicher Bereich im Altersheim Windisch Bei den beiden Wasserleitungen von Vindonissa handelt es sich um grösstenteils unterirdisch verlaufende Wasserleitungen (lat. aquaeductus oder rivus), die vermutlich im 1. Jahrhundert n. Chr. errichtet wurden. Ursprünglich versorgten sie das römische Legionslager Vindonissa und die umliegenden Zivilsiedlungen mit Brauch- und Trinkwasser. Sie erstrecken sich auf dem Gebiet der heutigen Gemeinden Lupfig, Hausen und Windisch im Schweizer Kanton Aargau.
Bei der wasserführenden römischen / mittelalterlichen Wasserleitung handelt es sich vermutlich um das älteste technische Bauwerk der Schweiz, das immer noch in Betrieb ist (Stand 2019). Es ist überhaupt eine der ganz wenigen römischen Wasserleitungen nördlich der Alpen, die bis heute funktionsfähig ist. Sie wurde beim Bau des Klosters Königsfelden um 1310 wiederentdeckt, ausgebaut und erfuhr seither auch verschiedene Veränderungen. Die etwa 2,4 km lange Freispiegelleitung speist heute (2019) noch einen um 1870 gebauten Springbrunnen vor dem alten Hauptgebäude der Klinik Königsfelden (heute PDAG).Maier-Osterwalder: Die wasserführende römische Wasserleitung von Hausen nach Vindonissa. 1994, S. 140.Trumm: Vindonissa – Stand der Erforschung II. Der zivile Komplex. 2011, S. 13.
mini|Am 8. Oktober 2020 wurden ca. 45 m dieser sog. älteren römischen Wasserleitung für eine Tiefgarage unwiderruflich zerstört (Sie steht nicht unter Schutz). Die zweite, tote (nicht mehr intakte) römische Wasserleitung wurde bei archäologischen Untersuchungen in den Jahren 1928 bis 1931 als eigenständige Leitung identifiziert. Sie stellte mit mindestens 3,3 km Länge ursprünglich das grössere Bauwerk dar. Auf dem letzten Abschnitt im Bereich des heutigen Dorfzentrums von Windisch wurde diese Leitung oberirdisch als Aquaeduktbrücke weitergeführt, wovon etwa 30 Pfeilerfundamente archäologisch nachgewiesen werden konnten. Diese Aquaeduktbrücke datiert in die Zeit kurz vor der Mitte des 1. Jh. n. Chr. und wurde vermutlich bereits ab dem frühen 2. Jh. aufgegeben und abgebrochen.
Kontrovers diskutiert wird in der Öffentlichkeit die unwiderrufliche Zerstörung einiger Abschnitte der toten römischen Wasserleitung aufgrund neuer Bauvorhaben.
Geschichte und Erforschung Das Legionslager Vindonissa
mini|hochkant=1.7|Karte von Hausen und Windisch mit der Lage des ehem. Legionslagers Vindonissa (rot) und den dazugehörigen Zivilsiedlungen und Grossbauten (orange) sowie den beiden Wasserleitungen (blau).
Das römische Legionslager (lat. castra legionis) Vindonissa liegt auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Windisch, auf dem von den Flüssen Aare und Reuss gebildeten Sporn des Windischer Plateaus. Vermutlich entstand hier nach der Kapitulation der Helvetier nach der Schlacht bei Bibracte (58 v. Chr.) ein helvetisches Oppidum, wovon u. a. ein rund 400 m langer, 20 m breiter und bis zu 7 m tiefer Spitzgraben (sog. «Keltengraben») zeugt.Hartmann: Vindonissa. 1986, S. 24–29; Hartmann: Das römische Legionslager von Vindonissa. 1983/2003, S. 5; Trumm: Vindonissa. Stand der Erforschung I. 2010, S. 39.
Mit dem Beginn des ersten grossen römischen Lagers ist ab der Regierungszeit des Kaisers Tiberius (ab 14 n. Chr.) zu rechnen, der die Nordgrenze des Römischen Reiches zu konsolidieren begann. In diesem Zusammenhang baute die 13. Legion (Legio XIII Gemina) den Stützpunkt Vindonissa bis um 40 n. Chr. zur endgültigen Grösse des Legionslagers aus.Trumm: Vindonissa. Stand der Erforschung I. 2010, S. 43–45;Hartmann: Das römische Legionslager von Vindonissa. 1983/2003, S. 5.
Die 21. Legion (Legio XXI Rapax), welche 45/46 die 13. Legion ablöste, strukturierte das Legionslager um, und die 11. Legion (Legio XI Claudia) führte 70 bis 101 n. Chr. weitere Umbauten und Reparaturen durch: Die Holz- und Fachwerkbauten der 13. Legion wurden schrittweise in Stein um- und ausgebaut. Im Zuge der Verschiebung der Reichsverteidigung unter der Regierung des Kaisers Trajan im Jahre 101 n. Chr. wurde das Lager aufgehoben und die 11. Legion in den unteren Donauraum verlegt.Hartmann: Das römische Legionslager von Vindonissa. 1983/2003, S. 10–14;Trumm: Vindonissa. Stand der Erforschung I. 2010, S. 50.
Nach Jürgen Trumm war das Legionslager Vindonissa «in der Nordwestschweiz während knapp 100 Jahren so etwas wie der ‹Motor› der Romanisierung, also der friedlichen Durchdringung der einheimischen, keltisch geprägten Kultur mit den Errungenschaften der römischen Zivilisation.»Jürgen Trumm: Vindonissa – Stand der Erforschung II. 2011, S. 21. Dieser Prozess fand nach dem Abzug der 11. Legion ein Ende. Zwar blieb das aufgelassene Lagerareal möglicherweise zeitweilig unter der Kontrolle der römischen Militärverwaltung, ab dem 2. Jh. wurde die ehemalige Lagerstadt (lat. canabae legionis) jedoch in den Stand eines einfachen Strassendorfes (lat. vicus) zurückversetzt. Das Areal wurde zögerlich besiedelt und blieb im 2. und 3. Jh. ein Strassendorf an der wichtigen römischen Fernstrasse zwischen dem Hochrhein und den Alpenpässen.Jürgen Trumm: Vindonissa – Stand der Erforschung I. 2010, S. 50.
Während des 6. Jahrhunderts ist Vindonissa als Sitz eines Bischofs belegt.Helmut Maurer: Überlegungen zum früh- und hochmittelalterlichen Windisch (6.–13. Jahrhundert). In: Jahresbericht Gesellschaft Pro Vindonissa. 2016, S. 33–44 (Online).
Die Wasserversorgung des Legionslagers
Die beiden römischen Wasserleitungen sind vermutlich im 1. Jh. n. Chr. im Zusammenhang mit dem Legionslager Vindonissa erbaut worden, wobei deren genaue zeitliche Einordnung noch unklar ist.Sophia Joray: Freispiegel-Leitungen transportieren das Wasser. In: Laschinger, Schwarz: Vindonissa Quellfrisch. 2011, S. 11. Conrad Fels ging davon aus, dass es sich bei der heute toten Wasserleitung um die ältere handelt.Anmerkung: Er schloss dies aus der sorgfältigeren Ausführung (Viertelrundstab) der toten Leitung und aus dem Umstand, dass diese vollständig versandet oder mit Schwemmlehm gefüllt ist. Er ging davon aus, dass diese nach dem Abzug der 11. Legion vernachlässigt worden sei und die neu einrückenden Truppen nach 260 n. Chr. eine neue gebaut hätten. Deshalb wird in der älteren Literatur auch von der «älteren» und der «jüngeren» römischen Wasserleitung gesprochen. Allerdings bemerkte bereits Rudolf Laur-Belart, dass es durchaus möglich ist, dass beide Wasserleitungen gleichzeitig in Betrieb waren, da auch die Zivilbevölkerung mit Brauch- und Trinkwasser versorgt werden musste.Laur-Belart: Vindonissa. 1935, S. 94.
Die Wasserversorgung eines Legionslagers mit 5000 bis 6000 Mann, mindestens 120 Reit- und Zugtieren, weiteren Hilfstruppen und den Einwohnern der umliegenden Zivilsiedlungen war von existentieller Bedeutung. Harald von Petrikovits schätzt den täglichen Wasserbedarf grob auf rund 150 bis 200 Kubikmeter, was einem Wasserzufluss von etwa acht Kubikmeter bzw. 8000 Liter pro Stunde entspricht.Harald von Petrikovits: Die Innenbauten römischer Legionslager während der Prinzipatszeit. (= Abhandlungen der Rheinisch-Westfälischen Akademie der Wissenschaften, 56) Opladen, 1975, S. 105. Da jedoch zu Stosszeiten ein höherer Andrang herrschte, dürfte sich der geschätzte Wasserzufluss nach Franz Maier-Osterwalder auf das Doppelte belaufen, d. h. rund 16'000 l pro Stunde.Maier-Osterwalder: Die wasserführende römische Wasserleitung von Hausen nach Vindonissa. 1994, S. 144.
Das professionell angelegte Wasserversorgungssystem gilt als eine wesentliche Errungenschaft der römischen Zivilisation in der Schweiz, wobei hauptsächlich die Bewohner der grossen Städte davon profitierten.Laschinger, Schwarz: Für die Wasserversorgung war den Römern kein Aufwand zu gross. In: Laschinger, Schwarz: Vindonissa Quellfrisch. 2011, S. 6. Verschiedene antike Autoren bezeugen den Stellenwert der Wasserversorgung im Römischen Reich im Allgemeinen. Vitruv, der im 1. Jahrhundert v. Chr. «Zehn Bücher über Architektur»Vitruvii De architectura libri decem. Lateinisch und deutsch. Übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Curt Fensterbusch. WBG, Darmstadt 1964, 6. Aufl. 2008. verfasste, widmete insbesondere das gesamte achte Buch dem Thema Wasser, mit Kapitel über Auffindung, Nivellierung, Leitungsbau und unterschiedliche Wasserqualitäten.Anmerkung: Allerdings gibt Vitruv keine Auskunft darüber, wie die Römer die natürlichen Grundwasservorkommen aufgespürt haben. Sextus Iulius Frontinus (ca. 35–103 n. Chr.), der für Bau und Unterhalt der Wasserleitungen Roms zuständig war, verfasste De aquaeductu urbis RomaeAusgabe: Robert Howard Rodgers (Hrsg.): De aquaeductu urbis Romae. Cambridge u. a., 2004.Übersetzung: Frontinus-Gesellschaft (Hrsg.): Wasserversorgung im antiken Rom. Sextus Iulius Frontinus, curator aquarum. 4., verbesserte Auflage. Oldenbourg, München/Wien, 1989. in zwei Büchern, das eine Geschichte und Beschreibung der römischen Wasserver- und Entsorgung enthält, die er als eine zivilisatorische Leistung der Römer ansieht:
Der Qualitätsanspruch der Römer an gutes Trinkwasser erforderte aufwendige und kostspielige Fernwasserleitungen: «Das Wasser desjenigen Flusses, an dessen Ufer man ein Lager oder eine Stadt aus verkehrstechnischen oder fortifikatorischen Gründen angelegt hatte, war in den meisten Fällen für eine Trinkwasserversorgung nicht gut genug.»Klaus Grewe: Römische Wasserleitungen nördlich der Alpen. In: Frontinus-Gesellschaft: Die Wasserversorgung Antiker Städte. Band 3, 2. Aufl. 1994, S. 45. Nördlich der Alpen war die Frostsicherung gemäss Grewe ein besonderes Problem, das eine Verlegung der Leitungen in das Erdreich verlangte. Darüber hinaus könnte diese Massnahme auch militärische Ursachen gehabt haben, da dadurch die Zerstörung bei feindlichen Einfällen erschwert wurde. Nach Grewe zeigen die römischen Wasserleitungen eine typische Form von römischem Pragmatismus in den Ingenieursbauten: «Die Anlagen sind von bestechender Einfachheit, wo die Voraussetzungen es zuliessen; sie sind aber von beeindruckender Genialität dort, wo die Gegebenheiten es erforderten.»Klaus Grewe: Römische Wasserleitungen nördlich der Alpen. In: Frontinus-Gesellschaft: Die Wasserversorgung Antiker Städte. Band 3, 2. Aufl. 1994, S. 46.
Nutzung der wasserführenden Leitung im Mittelalter mini|Urkunde des Herzogs Rudolf IV. von Österreich, durch die er die wasserführende Leitung dem Kloster Königsfelden schenkte