Geheimbünde, Geheimgesellschaften oder auch arkane Gesellschaften (abgeleitet von „Geheimnis“), vor allem im politischen Bereich auch klandestine Gesellschaften oder klandestine Gruppen, sind Organisationen oder Vereinigungen, die ihre Mitglieder, ihre Ziele oder ihre Tätigkeit vor ihrer sozialen Umwelt geheim halten. Sie unterscheiden sich nach Entstehung, Organisationsform und Ausrichtung voneinander. Allen Geheimbünden gemeinsam ist der Besitz sie charakterisierender „Geheimnisse“, die keinem Außenstehenden bekannt gemacht werden dürfen, und die Verfolgung verschiedener Interessen, die etwa von aufklärerischen, esoterischen, politischen oder kriminellen Zielen motiviert sein können.

Die Geheimhaltung kann sich auf alle oder nur einige der sie betreffenden Aspekte erstrecken, wie Namen und Anzahl der Mitglieder, die hierarchische Gliederung, Absichten und Ziele, Aktivitäten, Treffpunkte, Aufnahme- und Übergangsriten, Glauben, Dokumente und eine zumeist symbolische Geheimsprache. Seit dem 19. Jahrhundert entstanden politische, meist kämpferische Geheimbünde und terroristische Untergrund- und Partisanenbewegungen verschiedenster Zielrichtung mit bis zu Terror und Mord reichenden Methoden.

Geheimbünde sind auch verbreitet Gegenstand gesellschaftlicher Imaginationen in Verschwörungstheorien und der Popkultur.

Begriff Wesentliches Kriterium von Geheimbünden ist eine starke Abschottung in Zielen, Strukturen und Tätigkeit gegenüber der sozialen Umwelt.Günter Hartfiel: Wörterbuch der Soziologie (= Kröners Taschenausgabe. Band 410). Kröner, Stuttgart 1972, ISBN 3-520-41001-X, S. 240. Geheimbünde sind nicht auf bestimmte Zeitepochen, Regionen oder Kulturen beschränkt. Sie vertreten oder vertraten oftmals Inhalte und Ziele, die den gesellschaftspolitischen Normen der jeweiligen Zeit in einem jeweiligen Land widersprechen oder sich ihnen widersetzten. Darunter waren auch revolutionäre, in der Neuzeit auch demokratische, sozialistische, kommunistische und anarchistische Vereinigungen.

Dabei sind die politischen, rein weltliche Ziele verfolgenden, exoterische Lehren verbreitenden Geheimbünde von den esoterischen Geheimbünden zu unterscheiden, die überlieferte, erdachte oder unter „göttlichem Einfluss“ eines „Erleuchteten“ verkündete Lehren verbreiten.Karl R. H. Frick: Die Rosenkreuzer als erdichtete und wirkliche Geheimgesellschaft. In: Gerd-Klaus Kaltenbrunner (Hrsg.): Geheimgesellschaften und der Mythos der Weltverschwörung. Herder, Freiburg (Breisgau) u. a. 1987, ISBN 3-451-09569-6, (Herderbücherei 9569), (Initiative 69), S. 104.

Geheimhaltung und Hierarchie Die Geheimhaltung kann etwa die Anzahl und Namen der Mitglieder, die verfolgten Ziele und Absichten, Aktivitäten, Versammlungsorte, Riten und Schriftstücke betreffen. Geheim ist nicht in erster Linie die Vereinigung selbst, sondern das von ihr geheim gehaltene Wissen. Es gibt Bünde und Gruppen mit einer hierarchisch gestaffelten Einweihungsstruktur und bestimmten Aufnahme- und Übergangsriten, bei denen des Öfteren nur die Einweihungsinhalte innerhalb der „höheren“ Grade geheim gehalten werden, mitunter weil diese missverstanden oder, wie die sexualmagischen Lehren und Rituale einiger neomagischer Orden, anstößig erscheinen könnten. In anderen Geheimbünden dient die Geheimhaltung als Schutz vor anderen, wenn etwa die Mitglieder vom Bekanntwerden ihrer Mitgliedschaft Nachteile zu befürchten hätten; sie kann auch vor Profanierung schützen, also der Entweihung von Ritualen oder Symbolen, die auf Außenstehende pathetisch oder lächerlich wirken.Marco Frenschkowski: Die Geheimbünde. Eine kulturgeschichtliche Analyse. Marixverlag, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-86539-926-7, S. 17 ff.

Die stufenweise Einweihung der Mitglieder in das Geheimnis und die damit verbundene notwendig steile Hierarchie haben nach der deutsch-amerikanischen politischen Theoretikerin Hannah Arendt Geheimgesellschaften gemeinsam mit totalitären Bewegungen, die kein Geheimnis schützen würden, sondern ihren irrationalen Kern vor dem Eindringen der Vernunft. Arendt spricht von der „Zwiebelstruktur“ solcher Gruppierungen: Demnach gebe es stets eine innere Führungsgruppe, die Kader, darum herum die normalen Angehörigen der Partei und ihrer angeschlossenen Organisationen, und um diese herum die Sympathisanten der Bewegung.Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Neuausgabe, Piper, München 1986, S. 577 ff., u.ö., das Zitat S. 639.

Ursprünge

Geheimbünde als organisierte Träger geheimer Lehren sind so alt wie die menschliche Kultur. Bereits in vorchristlicher Zeit existierten kultische Geheimbünde und Mysterienkulte, die durch Mythen, Maskerade, Geheimriten und Kultfeiern versuchten, Verbindung zu numinosen Wesenheiten aufzunehmen. Die Verpflichtung, Kultgebräuche geheim zu halten, existierte auch im frühen Christentum. So wurden in der Spätantike vor Ungetauften die Taufe und das Taufbekenntnis, der Brauch des Abendmahls und das Vaterunser geheim gehalten. Es gab aber keine allgemein anerkannte Festlegung des Umfangs der Geheimhaltungspflicht, und von Strafbestimmungen für den Fall einer Übertretung ist nichts bekannt.

Historisch berufen sich heutige Geheimgesellschaften der westlichen bzw. christlichen Kulturen mitunter auf die Gralsritter, die Templer, die Freimaurer, die Rosenkreuzer oder den Illuminatenorden. Darüber hinaus gibt es christliche geheime Laienbruderschaften mit beschränktem Gelübde wie das Opus Dei oder den Orden vom Goldenen Vlies. Einige Geheimgesellschaften des 18. Jahrhunderts übernahmen Konzepte des Neuplatonismus der Renaissance, insbesondere das eines gestuften Aufstiegs zur Erkenntnis.

Projektionen Es kommt auch vor, dass einer bestimmten Gruppe, die in Wahrheit offen auftritt und deren Ziele allgemein bekannt sind, unterstellt wird, ein Geheimbund zu sein, der insgeheim ganz andere Ziele verfolge. Häufig sind diese Gruppen Gegenstand von mit erheblichem imaginativem Aufwand ausgeschmückten Verschwörungstheorien. Objekt solcher Projektionen waren oder sind etwa die Freimaurer, die Jesuiten, Opus Dei, die Juden und zum Teil Scientology. Hierher gehören auch gänzlich fiktive Gruppen, an deren Existenz zum Teil geglaubt wurde, wie etwa die Hexen, zum Teil ist sich die Gesellschaft bewusst, dass es sich um reine Imaginationen handelt, wie bei Vampiren oder der Organisation SPECTRE aus den James-Bond-Filmen. Nach dem Religionswissenschaftler Marco Frenschkowski stellen Erzählungen über solche Geheimbünde in beiden Fällen „eine Angst der Moderne dar, dass die überschaubare, rational geordnete (eventuell – in der jüngeren Vergangenheit – demokratisch verantwortete) Gesellschaft nur eine Maske für andere Machtverhältnisse sein könnte“.Marco Frenschkowski: Die Geheimbünde. Eine kulturgeschichtliche Analyse. Marixverlag, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-86539-926-7, S. 18–25, das Zitat S. 21, zu Scientology S. 213.

„Geheimlehren“ und Geheimwissen Bei Geheimbünden als Träger einer „Geheimlehre“ spricht man allgemein von einer esoterischen Lehre, die nur wenigen in einem inneren Kreis bekannt und zugänglich ist. Der Verrat von esoterischem Geheimwissen wurde in früheren Zeiten, abhängig von der äußerlichen Machtposition der betroffenen Geheimgesellschaft, graduell sehr unterschiedlich bestraft. Heute ist es ungefährlich, sich das Wissen eines Geheimbundes anzueignen, und ein Verrat von Geheimnissen hat lediglich eine nach außen unwirksame moralische Verurteilung durch die „verratene“ Gemeinschaft zur Folge. Das Wissen der gegenwärtigen Geheimgesellschaften ist häufig durch entsprechende materielle Leistungen käuflich zu erwerben, wodurch der Begriff „geheim“ weitgehend als Lockmittel für spekulative und kommerzielle Machenschaften zweckentfremdet wurde.Karl R. H. Frick: Die Erleuchteten. Gnostisch-theosophische und alchemistische Geheimgesellschaften. Marix Verlag, Wiesbaden 2005, S. 7–8.

Bei profanem Geheimwissen handelt es sich um Geheimnisse, die einem anderen nicht mitgeteilt werden dürfen. Ungerechtfertigte Mitteilungen darüber gelten als unehrenhaft und verräterisch. Profane Geheimnisse gehören meist zu den Anliegen politischer Geheimbünde.Karl R. H. Frick: Die Erleuchteten. Gnostisch-theosophische und alchemistische Geheimgesellschaften. Marix Verlag, Wiesbaden 2005, S. 7.

Geheimbünde in Geschichte und Gegenwart 18. Jahrhundert: Aufkommen aufklärerischer und gegenaufklärerischer Geheimgesellschaften Im Zeitalter der Aufklärung entfaltete sich im Zuge des „Strukturwandels der Öffentlichkeit“ (Jürgen Habermas) ein reges Vereinsleben jenseits der vormodernen Vergesellschaftungsformen von Hof und Kirche, das in Teilen in Form von Geheimbünden ablief. Als Ursache für die verbreitete Arkanpraxis sind vor allem die Repressionen des absolutistischen Staates zu nennen, dem alle Treffen verdächtig waren, in denen eine die Ständegesellschaft transzendierende Gleichheit und eine das staatliche Deutungsmonopol missachtende freie Meinungsäußerung praktiziert wurden.Jürgen Habermas: Soziale Strukturen der Öffentlichkeit. In: Peter Pütz (Hrsg.): Erforschung der deutschen Aufklärung. Anton Hain Meisenheim, Königstein/Ts. 1980, S. 139–144; Michael Voges: Aufklärung und Geheimnis. Untersuchungen zur Vermittlung von Literatur- und Sozialgeschichte am Beispiel der Aneignung des Geheimbundmaterials im Roman des späten 18. Jahrhunderts. De Gruyter, Berlin/New York 1897, S. 12–16. Der deutsche Philosoph Immanuel Kant schrieb 1793, Staaten eigne stets ein Element des Gehorsams und eines der Freiheit, das den Anspruch auf Gehorsam vernunftgemäß begründe. Dessen Fehlen (etwa im Absolutismus) sei „die veranlassende Ursache aller geheimen Gesellschaften“.Immanuel Kant: Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis, zitiert bei Horst Möller: Preußische Aufklärungsgesellschaften und Revolutionserfahrung. In: Otto Büsch und Monika Neugebauer-Wölk (Hrsg.): Preußen und die revolutionäre Herausforderung seit 1789 (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 78). de Gruyter, Berlin / New York 1991, ISBN 978-3-11-012684-6, S. 103 (abgerufen über De Gruyter Online). Nach Reinhart Koselleck ist die Scheidung von privaten und „etatistischen“, also der Kontrolle des Staates unterliegenden Lebensbereichen, die im 18. Jahrhundert um sich griff, für die Entstehung des Geheimnisses konstitutiv. Das Spannungsfeld zwischen der Aufklärung, die alles Wissen an die Öffentlichkeit bringen und dort kritisierbar machen wolle, und der Geheimhaltung, die dieses Wissen und diese Kritik vor dem Zugriff des Staates zu schützen trachtete, sei „bereits an der Wurzel des absolutistischen Staates angelegt“.Reinhart Koselleck: Kritik und Krise. Ein Beitrag zur Pathogenese der bürgerlichen Welt. Karl Alber, Freiburg, München 1959.

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