mini|Mitglieder des Frauenreichskomitees (1904). Von links: Anna Boschek, Therese Schlesinger, Amalie Seidel, Adelheid Popp und Lotte Pohl-GlasCharlotte Glas, verheiratete Pohl (* 17. Januar 1873 in Wien; † 15. Februar 1944 in Zürich) war eine österreichische Sozialdemokratin, Frauenrechtlerin und Schriftstellerin.

Leben Sie kam am 17. Januar 1873 als Charlotte Glas als Kind des Schneiders Marcus Glas und Rosalia Glas (geborene Plautus) in Wien auf die Welt."Österreich, Niederösterreich, Wien, Matriken der Israelitischen Kultusgemeinde, 1784–1911," database with images, FamilySearch (20 May 2014), Wien (alle Bezirke) > Geburtsbücher > Geburtsbuch E 1872 Okt.–1874 Sep. > image 27 of 240; Israelitische Kultusgemeinde Wien (Jewish Community of Vienna), Municipal and Provincial Archives of Vienna, Austria. 1897 trat sie aus der jüdischen Gemeinde Wiens aus.Austritte in Wien aus der IKG 1868–1914. Hrsg. Anna Staudacher, 1897/266 Bereits in frühen Jahren begann sie sich gewerkschaftlich zu engagieren. Neben Adelheid Popp, Anna Altmann, Anna Boschek, Amalie Ryba und Marie Krasa gehörte sie zu jenen Arbeiterinnen, die durch Vorträge und Agitation in ganz Österreich versuchten, Frauenvereine zu gründen.

Am 1. Oktober 1893 hatte sie neben Amalie Ryba vor rund tausend Frauen für das Wahlrecht der Frauen gesprochen. Hierfür wurde Amalie Ryba „wegen Schmähung und Verächtlichmachung der Behörden und des Reichsrates“ zu drei Wochen Arrest verurteilt. Lotte Glas wurde sogar „wegen Verbrechens der Beleidigung der Mitglieder des kaiserlichen Hauses“ angeklagt. Sie wurde schuldig gesprochen und „zu vier Monaten schweren Kerkers verurteilt, was sogar beim Bürgertum Entsetzen hervorrief“. Dies geschah, „obwohl festgestellt wurde, daß die Anklage auf zwei nachträglich zusammengekoppelten Berichten zweier Regierungsvertreter beruhte und von den Zeugen widerlegt wurde“.Vgl. Hermann Bahr, Arthur Schnitzler: Briefwechsel, Aufzeichnungen, Dokumente (1891–1931). Hrsg. Kurt Ifkovits, Martin Anton Müller. Göttingen: Wallstein 2018, S. 826 bzw. online: https://schnitzler-bahr.acdh.oeaw.ac.at/pmb3784.html Sie war zu dem Zeitpunkt mit Felix Salten liiert, dem sie von Paul Wertheimer vorgestellt worden war, war mit Karl Kraus befreundet und verkehrte im Café Griensteidl und überhaupt im Umfeld der Wiener Moderne.

Am 24. März 1895 gebar Glas die gemeinsame Tochter von ihr und Salten. Diese wurde als »Maria Charlotte Lamberg« im Gebärhaus Alserstraße geboren und danach – wie für außerhalb der Ehe geborene Kinder gängig – zu einer Kostfrau aufs Land gegeben. Das Kind starb nach nur 4 Monaten in Gerasdorf. Saltens Behandlung von Glas (die er mit ihrer Schwester Emma betrog) wurde auch zu einem der Gründe des Zerwürfnisses zwischen Salten und Kraus, das mit einer Ohrfeige endete.

Arthur Schnitzler schildert eine ihr nachgebildete Figur in seinem Roman Der Weg ins Freie unter dem Namen Therese Golowski. 1898 war sie mit Anna Boschek Gründungsmitglied des Frauenreichskomitees der Sozialdemokratischen Partei Österreichs und bemühte sich, damit ein zentrales Organ für die Arbeiterinnenbewegung zu schaffen. Im August 1900 heiratete sie den Diplomaten Otto Pohl. Mit ihm hatte sie die Tochter Annie Pohl, die Malerin wurde (verh. Chiaromonte, Wien, 21. September 1901 – Toulouse, 28. August 1941). Sie hielt Vorträge und schrieb regelmäßig für die Arbeiter-Zeitung. Ihre Texte stammen aus ganz Europa, da sie durch die Berufslaufbahn des Mannes regelmäßig den Wohnort wechseln musste. Spätestens nach dem Ersten Weltkrieg dürften ihr Mann und sie sich getrennt haben, da dieser mit einer neuen Lebensgefährtin zusammenlebte. In den 1920er Jahren arbeitete sie als Sekretärin der internationalen Gewerkschaftsorganisation.

Werke

Die Fortschritte der Arbeiterinnenbewegung in Österreich. In: Dokumente der Frauen, Bd. 3, Nr. 2, 1900 (Digitalisat) Wirthschaftgemeinschaften. In: Dokumente der Frauen, Bd. 5, Nr. 1, 1901 (Digitalisat) Pariser Frauenarbeit in der Kriegszeit. In: Arbeiterinnen-Zeitung, 15. Dezember 1914 »Allerlei« von damals. In: Gedenkbuch. 20 Jahre Österreichische Arbeiterinnenbewegung. Im Auftrag des Frauenreichskomitees herausgegeben von Adelheid Popp. Wien 1912, S. 75–81. online Lotte Pohl-Glas (Ascona): Zu Viktor Adler kommen. In: Arbeiter-Zeitung, 24. Juni 1932 online erneut in: Emma Adler, Wanda Lanzer (Hrsg.): Victor Adler im Spiegel seiner Zeitgenossen. Verlag der Wiener Volksbuchhandlung, Wien 1968.

Literatur (umgekehrt chronologisch)

Katharina Prager: »Und waschen Sie mir den Kopf ordentlich!« Felix Salten und Karl Kraus. In: Im Schatten von Bambi. Felix Salten entdeckt die Wiener Moderne. Hrsg. von Marcel Atze unter Mitarbeit von Tanja Gausterer. Residenz Verlag, Wien/Salzburg 2020, ISBN 978-3-7017-3520-4, S. 162–183. Siegfried Mattl: Between Socialism and Feminism: Charlotte Glas (1873–1944). In: Religions, Jg. 7, H. 8, August 2016, Beitrag 97, 10 Seiten, (online).

Weblinks

Texte bzw. Texte und Erwähnungen von ihr auf ANNO der Österreichischen Nationalbibliothek Lotte Glas im Tagebuch von Arthur Schnitzler Lotte Glas in: Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren. Digitale Edition. Hg. Martin Anton Müller, Gerd Hermann Susen und Laura Untner, online.

Einzelnachweise

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