Anfang der 1950er Jahre begann man in der DDR mit der Produktion der DEFA-Märchenfilme.

Hintergrund Die DEFA war das erste Filmstudio in den vier Besatzungszonen, das nach 1945 eine Lizenz erhieltVgl. Sabine Hake: Film in Deutschland. Geschichte und Geschichten seit 1895. Reinbek b. Hamburg 2004, S. 161., produzierte aber in der Besatzungszeit keine Märchenfilme. Die DEFA-Kinderfilmproduktion näherte sich dem Märchenerbe anfangs nur langsamVgl. Eberhard Berger, Joachim Giera: 77 Märchenfilme. Ein Filmführer für jung und alt. Berlin 1990, S. 19., auch weil die Grimmsche Sammlung in der sowjetischen Besatzungszone nicht unumstritten war.Vgl. Kristin Wardetzky: Märchen in Erziehung und Unterricht. In: Märchenspiegel. Zeitschrift für internationale Märchenforschung und Märchenpflege. 1/2014, S. 3–14. Die Märchen der Brüder Grimm schienen einerseits als zu illusionär-romantisch und mystisch, andererseits als zu grausam und blutig. 1948 schlug Wolff von Gordon der DEFA eine Verfilmung des Märchens Das kalte Herz von Wilhelm Hauff vor.Vgl. Joachim Giera: Vom Kohlenmunk-Peter, dem kleinen Muck und seinen Leuten. Märchenfilme aus den DEFA-Filmstudios. In: Helge Gerndt, Kristin Wardetzky: Die Kunst des Erzählens. Festschrift für Walter Scherf. Potsdam 2002, S. 293–300. Erst zwei Jahre nach der Gründung der DDR wurde mit Das kalte Herz der erste Märchenfilm, der zugleich auch der erste DEFA-Farbfilm in Agfacolor ist, unter der Regie von Paul Verhoeven im Frühling und Sommer 1950 in den Babelsberger Studios gedreht, und dank 9.779.526 Zuschauern wurde er zudem sogleich auch einer der erfolgreichsten DEFA-Filme überhaupt.Die erfolgreichsten DDR-Filme in der DDR. Insidekino.com. 1953 wurde der Zuschauerrekord mit dem zweiten Märchenfilm der DEFA, Die Geschichte vom kleinen Muck von Wolfgang Staudte, mit 12,9 Millionen Kinobesuchern gebrochen, was auch auf die aufwendige Produktion und die seinerzeit noch nicht so gängigen Spezialeffekte zurückzuführen ist. Damit ist die Wilhelm-Hauff-Verfilmung der besucherstärkste Kinofilm der DDR.

Durchschnittlich erreichten die nachfolgenden Märchenproduktionen vier bis fünf Millionen Zuschauer. 1961 wurde erst- und letztmals mit einer Verfilmung nach Hans Christian Andersen, die den Titel Das Kleid trug, ein Märchenfilm verboten. Im Juli 1989 wurde mit Hannelore Unterbergs Produktion Verflixtes Mißgeschick!, in der Carmen-Maja Antoni die Titelrolle spielt, der letzte DEFA-Märchenfilm auf der Kinoleinwand gezeigt.

Erfolg Die Filme zählen teilweise zu den bedeutenden deutschen Filmen. Im Laufe der Jahrzehnte entwickelten sich die Filme zu Kultfilmen und werden regelmäßig im KiKA-Sonntagsmärchen und zur Weihnachtszeit in den Dritten Programmen gezeigt. Vor allem die Kooperationsproduktion Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (1973) mit der ČSSR erlangte große Bekanntheit.

Die DEFA-Märchenfilme sind als Teil des gesamten Filmerbes der DEFA über die Archivplattform Progress Film zugänglich und lizenzierbar.

Übersicht der DEFA-Märchenfilme * 1950: Das kalte Herz – Regie: Paul Verhoeven, Vorlage: Wilhelm Hauff 1953: Die Geschichte vom kleinen Muck – Regie: Wolfgang Staudte, Vorlage: Wilhelm Hauff 1955: Der Teufel vom Mühlenberg – Regie: Herbert Ballmann, Vorlage: Harzsage 1956: Das tapfere Schneiderlein – Regie: Helmut Spieß, Vorlage: Brüder Grimm 1957: Das singende, klingende Bäumchen – Regie: Francesco Stefani, Vorlage: Brüder Grimm 1958: Die Geschichte vom armen Hassan – Regie: Gerhard Klein, Vorlage: Uigurisches Märchen 1959: Das Feuerzeug – Regie: Siegfried Hartmann, Vorlage: Hans Christian Andersen 1960: Hatifa – Regie: Siegfried Hartmann, Vorlage: Willi Meinck 1960: Das Zaubermännchen – Regie: Christoph Engel und Erwin Anders, Vorlage: Rumpelstilzchen von den Brüdern Grimm 1961: Schneewittchen – Regie: Gottfried Kolditz, Vorlage: Brüder Grimm 1961: Die goldene Jurte – Regie: Rawsha Dorshpalam 1961: Das hölzerne Kälbchen – Regie: Bernhard Thieme, Vorlage: Das Bürle von den Brüdern Grimm 1961: Das Märchenschloß – Regie: Herrmann Zschoche, Vorlage: Der Märchenschimmel von Fred Rodrian 1962: Rotkäppchen – Regie: Götz Friedrich, Vorlage: Brüder Grimm 1963: Frau Holle – Regie: Gottfried Kolditz, Vorlage: Brüder Grimm 1964: Die goldene Gans – Regie: Siegfried Hartmann, Vorlage: Brüder Grimm 1965: König Drosselbart – Regie: Walter Beck, Vorlage: Brüder Grimm 1967: Turlis Abenteuer – Regie: Walter Beck, Vorlage: Pinocchios Abenteuer von Carlo Collodi 1969: Wie heiratet man einen König? – Regie: Rainer Simon, Vorlage: Die kluge Bauerntochter von den Brüdern Grimm 1971: Dornröschen – Regie: Walter Beck, Vorlage: Brüder Grimm, Charles Perrault 1972: Sechse kommen durch die Welt – Regie: Rainer Simon, Vorlage: Brüder Grimm 1973: Drei Haselnüsse für Aschenbrödel – Regie: Václav Vorlíček, Vorlage: Božena Němcová 1973: Susanne und der Zauberring – Regie: Erwin Stranka 1974: Hans Röckle und der Teufel – Regie: Hans Kratzert, Vorlage: Meister Hans Röckle und Mister Flammfuß von Ilse und Vilmos Korn 1976: Das blaue Licht – Regie: Iris Gusner, Vorlage: Brüder Grimm 1977: Wer reißt denn gleich vor’m Teufel aus – Regie: Egon Schlegel, Vorlage: Der Teufel mit den drei goldenen Haaren von den Brüdern Grimm 1979: Schneeweißchen und Rosenrot – Regie: Siegfried Hartmann, Vorlage: Brüder Grimm, Die drei verwunschenen Fürsten von Božena Němcová 1979: Der Katzenprinz – Regie: Ota Koval 1980: Der Spiegel des großen Magus – Regie: Dieter Scharfenberg 1982: Der Prinz hinter den sieben Meeren – Regie: Walter Beck, Vorlage: Das singende springende Löweneckerchen von den Brüdern Grimm 1984: Die vertauschte Königin – Regie: Dieter Scharfenberg, Vorlage: Die Schustersfrau als Zarin von Andrej Platonow 1985: Gritta von Rattenzuhausbeiuns – Regie: Jürgen Brauer, Vorlage: Gisela von Arnim 1985: Eine zauberhafte Erbschaft – Regie: Zdeněk Zelenka und Michael Kann, Vorlage: Gleichnamige Novelle von Václav Řezáč 1986: Der Bärenhäuter – Regie: Walter Beck, Vorlage: Brüder Grimm 1988: Froschkönig – Regie: Walter Beck, Vorlage: Brüder Grimm 1988: Der Eisenhans – Regie: Karl Heinz Lotz, Vorlage: Brüder Grimm 1989: Die Geschichte von der Gänseprinzessin und ihrem treuen Pferd Falada – Regie: Konrad Petzold, Vorlage: Die Gänsemagd von den Brüdern Grimm 1989: Verflixtes Mißgeschick! – Regie: Hannelore Unterberg, Vorlage: Wer das Unglück meistert, findet das Glück von Samuil Marschak 1991 (1961): Das Kleid – Regie: Konrad Petzold, Vorlage: Des Kaisers neue Kleider von Hans Christian Andersen

DEFA-Märchenfilme für das DDR-Fernsehen Außerdem produzierte die DEFA mehrere Märchenfilme für das Fernsehen der DDR, die nur dort gezeigt wurden: 1971: Der kleine und der große Klaus – Regie: Celino Bleiweiß, Vorlage: Hans Christian Andersen 1975: Die schwarze Mühle – Regie: Celino Bleiweiß, Vorlage: Die schwarze Mühle des Schriftstellers Jurij Brězan 1976: Die Regentrude – Regie: Ursula Schmenger, Vorlage: Theodor Storm 1977: Der Hasenhüter – Regie: Ursula Schmenger Vorlage: Der Hasenhüter und die Königstochter von Ludwig Bechstein 1977: Die zertanzten Schuhe – Regie: Ursula Schmenger, Vorlage: Brüder Grimm 1978: Der Meisterdieb – Regie: Wolfgang Hübner, Vorlage: Brüder Grimm 1979: Die Gänsehirtin am Brunnen – Regie: Ursula Schmenger, Vorlage: Brüder Grimm 1980: Gevatter Tod – Regie: Wolfgang Hübner aus dem Jahr 1980, Vorlage: Brüder Grimm 1983: Zauber um Zinnober – Regie: Celino Bleiweiß, Vorlage: “Klein Zaches genannt Zinnober” von E. T. A. Hoffmann 1988: Rapunzel oder Der Zauber der Tränen – Regie: Ursula Schmenger, Vorlage: Brüder Grimm

Siehe auch Liste von DDR-Kinderfilmen Liste von deutschen Märchenfilmen im Fernsehen

Literatur Eberhard Berger, Joachim Giera: 77 Märchenfilme. Ein Filmführer für jung und alt. Henschel, Berlin 1990, ISBN 978-3362004473. Ingelore König, Dieter Wiedemann, Lothar Wolf (Hrsg.): Zwischen Marx und Muck. DEFA-Filme für Kinder. Henschel, Berlin 1996, ISBN 3-89487-234-9. Frank-Burkhard Habel: Das große Lexikon der DEFA-Spielfilme. Die vollständige Dokumentation aller DEFA-Spielfilme von 1946 bis 1993. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2000, ISBN 3-89602-349-7. DEFA-Stiftung (Hrsg.): Die DEFA-Märchenfilme. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-00-032589-2. Anett Werner-Burgmann: Träume in Piatherm. Die Kinder- und Märchenfilme von Siegfried Hartmann. In: Stefanie Mathilde Frank & Ralf Schenk (Hrsg.): Publikumspiraten. Das Genrekino der DEFA und seine Regisseure (1946–90), Schriftenreihe der DEFA-Stiftung, Bertz + Fischer Verlag, Berlin: 2022, ISBN 978-3-86505-421-0, S. 147–167.

Einzelnachweise

Kategorie:Filmreihe