Das Marsprogramm der Volksrepublik China () ist ein Programm zur Erforschung des Planeten Mars mit Raumsonden, koordiniert von der Nationalen Raumfahrtbehörde Chinas. Bestandteile des Programms sind bislang ein Marsorbiter (Yinghuo-1), ein Marsrover (Tianwen-1) und eine Rückholmission, mit der Bodenproben vom Mars auf die Erde gebracht werden sollen.

Geschichte Russland hatte seit 1996 an der Entwicklung einer Sonde gearbeitet, die auf dem Marsmond Phobos landen und von dort Bodenproben zur Erde zurückbringen sollte. Dies war jedoch zunächst nur ein theoretisches Projekt. Erst ab 2004 wurden von der russischen Regierung genügend Gelder bereitgestellt, um mit dem Bau der ersten Komponenten zu beginnen. Im Juni 2005 sprachen Russland und die Volksrepublik China erstmals über eine Zusammenarbeit, was Mitte August 2006 von Ye Peijian, seit 2004 Chefkonstrukteur der Mondsonden bei der Chinesischen Akademie für Weltraumtechnologie, offiziell bestätigt wurde. Am 26. März 2007 wurde während eines dreitägigen Russland-Besuchs von Präsident Hu Jintao ein Vertrag zwischen der China National Space Administration und Roskosmos unterzeichnet, nach dem China gegen finanzielle Beteiligung einen kleinen Satelliten mit der damals „Phobos Explorer“ genannten Sonde mitschicken könnte.

Damit war die Finanzierung für das ab 2008 „Phobos-Grunt“ genannte Projekt (von russisch Грунт, „Boden“) gesichert. Ursprünglich war der Start der beiden Sonden für Oktober 2009 geplant, musste dann aber in letzter Minute auf 2011 verschoben werden (es gibt nur alle 26 Monate ein Startfenster zum Mars). Am 8. November 2011 fand der Start tatsächlich statt, die Sonden konnten jedoch die Transferbahn zum Mars nicht erreichen und verglühten am 15. Januar 2012 in der Erdatmosphäre. Anders als beim Mondprogramm, wo es ganz konkret um die Suche nach und den Abbau von Bodenschätzen auf dem Erdtrabanten geht, hat das chinesische Marsprogramm primär wissenschaftliche Ziele. Noch im August 2012 war die chinesische Regierung angesichts des im Vergleich zum Mond höheren Schwierigkeitsgrads und geringeren Nutzens nicht bereit, größere Geldmittel für eine Marserkundung zur Verfügung zu stellen und setzte stattdessen trotz des Fehlschlags immer noch auf internationale Zusammenarbeit.

Bereits im August 2010, also noch vor dem Scheitern der Phobos-Grunt-Mission, hatten 8 Mitglieder der Chinesischen Akademie der Wissenschaften der Nationalen Behörde für Wissenschaft, Technik und Industrie in der Landesverteidigung, wegen der englischen Bezeichnung State Administration for Science, Technology and Industry for National Defense meist SASTIND abgekürzt, unter dem Eindruck der erfolgreichen Chang’e-1-Mission vorgeschlagen, einen umfassenden Plan für die Tiefraumerkundung jenseits des Mondes auszuarbeiten. SASTIND bildete sofort eine Expertengruppe, die einen solchen Plan ausarbeiten und die Möglichkeiten seiner Umsetzung prüfen sollte. Dann geschah jedoch lange nichts. Erst 2013 – im März jenes Jahres hatte mit der Wahl Li Keqiangs und Xi Jinpings zum Premierminister bzw. Präsidenten ein Regimewechsel stattgefunden – beauftragte der Staatsrat der Volksrepublik China Dong Zhibao (董治宝, * 1966) vom damaligen Wüsteninstitut Lanzhou der Chinesischen Akademie der Wissenschaften (中国科学院兰州沙漠研究所), eine Gruppe von rund einem Dutzend Forschern zu leiten, die auf dem Hochland von Tibet einen Ort finden sollten, wo man die Umweltbedingungen auf dem Mars simulieren, eine Forschungsbasis einrichten und die Technologien für einen Marsrover und weitere Ausrüstung unter Extrembedingungen erproben könnte.

Die Planung für die erste rein chinesische Marsmission wurde, was die einzelnen Schritte und Missionsziele angeht, dreimal grundlegend geändert. Am 23. Juni 2014 verkündete schließlich Ouyang Ziyuan, damals wissenschaftlicher Berater der Führungsgruppe Monderkundungsprojekt bei der Nationalen Raumfahrtbehörde, im Rahmen eines Vortrags über die erfolgreiche Landung der Mondsonde Chang'e-3 auf der 22. Konferenz der International Planetarium Society in Peking, dass China nun ein neues, eigenes Marsprogramm aufgelegt habe. Ouyang Ziyuan gab damals bereits einen konkreten Zeitplan für die damals noch „Yinghuo-2“ genannte Mission mit Orbiter, Lander und Rover im Jahr 2020 und für eine Rückholmission im Jahr 2030 bekannt. Wenige Monate später stellte die China Aerospace Science and Technology Corporation auf der vom Staatsrat veranstalteten Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung in Zhuhai (11. – 16. November 2014) ein Modell von Lander und Rover aus (noch mit anders angeordneten Solarmodulen als bei der gegenwärtigen Version), mit Erläuterungen zur Mission, nämlich dass ein Orbiter die Lander-Rover-Gruppe in die Marsumlaufbahn bringen und dann zum richtigen Zeitpunkt absetzen sollte. Der Orbiter sollte einerseits wissenschaftliche Beobachtungen machen und gleichzeitig als Relaissatellit für den Rover fungieren. Der Start der Sonde sollte mit der in Entwicklung befindlichen Schwerlastrakete Changzheng 5 von dem im September 2014 fertiggestellten Kosmodrom Wenchang aus erfolgen.

Hierbei handelte es sich immer noch um Vorplanungen. Erst am 11. Januar 2016 gab Premierminister Li Keqiang die entsprechenden Mittel aus dem Fonds für Nationale wissenschaftlich-technische Großprojekte frei, womit das Marsprogramm offiziell gestartet war. Am Nachmittag des 22. April 2016 gab Xu Dazhe, der damalige Direktor der Nationalen Raumfahrtbehörde, den Vorgang auf einer Pressekonferenz im Staatsratsgebäude öffentlich bekannt. Chefwissenschaftler des Marsprogramms wurde der Ionosphärenforscher Wan Weixing, damals Leiter des Labors für Erdmagnetismus und Astrophysik am Institut für Geologie und Geophysik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, das 2017 umstrukturiert und – weiterhin unter der Leitung von Wan Weixing stehend – in „Schwerpunktlabor für Geophysik und planetare Astrophysik“ umbenannt wurde. Technischer Direktor des Marsprogramms wurde der Nachrichtentechnik-Ingenieur Zhang Rongqiao, der am Zentrum für Monderkundungs- und Raumfahrt-Projekte bislang als Stellvertretender Technischer Direktor für das Mondprogramm der Volksrepublik China gearbeitet hatte. Stellvertretende Technische Direktoren des Marsprogramms wurden der Astrochemiker Li Chunlai, stellvertretender Direktor der Nationalen Astronomischen Observatorien der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, und der Ingenieur Zhang Tingxin (张廷新) von der Chinesischen Akademie für Weltraumtechnologie.

In der Wüste Gobi wurde ein Biospähren-Modul mit dem Namen „Huoxing 1 Hao Jidi“ (Marsbasis Nr. 1) errichtet, in dem Taikonauten das Überleben auf dem Mars trainieren können.

Bei der Chinesischen Akademie für Weltraumtechnologie hatte dasselbe Team, das die Mondsonde Chang'e-3 mit ihrem Jadehase-Rover entwickelt hatte, schon seit Jahren an Vorstudien für eine Marslandung gearbeitet – das Modell von 2014 bildete den damaligen Stand der Dinge ab. Nun fand dort ein Generationswechsel statt: im April 2016 wurde Sun Zezhou, der bisherige Stellvertreter von Ye Peijian, zum Chefkonstrukteur für das Marsprojekt (und die Mondsonden) ernannt. Auf der Pressekonferenz am 22. April war es dann aber noch Ye Peijian, der enthüllte, dass der Start der Sonde, der ursprünglich für 2018 geplant gewesen war, wegen ungelöster technischer Fragen (Größe der Solarmodule, Landeverfahren) auf 2020 hatte verschoben werden müssen.

Programmstruktur Stand 2021 sind am Marsprogramm der Volksrepublik China mehrere tausend Forschungsinstitute und Firmen mit mehreren zehntausend Wissenschaftlern und Ingenieuren beteiligt. Ähnlich wie das Mondprogramm besteht auch das Marsprogramm aus mehreren Schritten:

Umkreisung (绕) Landung (著)罗竹风 (主编): 汉语大词典. 第九卷. 汉语大词典出版社, 上海 1994 (第二次印刷), S. 430. Patrouille (巡) Rückkehr (回)

Yinghuo-1 Der von der Shanghaier Akademie für Raumfahrttechnologie, einer Tochtergesellschaft der China Aerospace Science and Technology Corporation, ab 2006 entwickelte und gebaute Orbiter Yinghuo-1 wurde im März 2009 nach Russland geliefert, um zusammen mit Phobos-Grunt während des Startfensters im September/Oktober jenes Jahres zum Mars zu starten, wo er im August 2010 ankommen sollte. Wie schon bei der Mondsonde Chang’e-1 wurden die wissenschaftlichen Nutzlasten vom Zentrum für Weltraumwissenschaften und angewandte Forschung, dem heutigen Nationalen Zentrum für Weltraumwissenschaften, entwickelt, in diesem Fall von einer Gruppe um Zhao Hua (赵华, * 1961); die Gesamtverantwortung für die Nutzlast-Systeme hatte der heutige Direktor des Zentrums, Wang Chi.

Da die Russische Akademie der Wissenschaften aus Sicherheitsgründen zusätzliche Tests durchführen wollte, verschob Roskosmos am 21. September 2009 den Start der beiden Sonden auf das nächste Startfenster im Oktober/November 2011. Kurz nach dem Start am 8. November 2011 versagte trotz aller Tests der Bordcomputer durch kosmische Strahlung, die Sonden konnten die Transferbahn zum Mars nicht erreichen und verglühten am 15. Januar 2012 in der Erdatmosphäre.

Tianwen-1 Nach dem Fehlschlag mit Yinghuo-1 ging man gleich zum nächsten Schritt, der Landung, über. Man hatte in China bereits seit längerem an Konzepten für eine Marslandung gearbeitet, dabei hatte man ursprünglich einen Orbiter mit zahlreichen Minilandern favorisiert. Man war sich dessen bewusst, dass etwa die Hälfte aller weltweit gestarteten Marsmissionen gescheitert waren; wenn der Kontakt zu dem einen Minilander abbrach oder der andere zu hart aufschlug, hätten immer noch eine Reihe ihrer „Kollegen“ auf dem Mars arbeiten können.

mini|Modell des Rovers auf einer Ausstellung 2018 Bei der ernsthaften Wiederaufnahme des Marsprogramms nach der Wahl Xi Jinpings im März 2013 entschied man sich dann jedoch für eine abgeänderte Version des Chang’e-3-Prinzips: ein einfacher Lander ohne weitere Nutzlasten, ein weitgehend autonom agierender Rover und ein ebenfalls relativ intelligenter Orbiter, der als Relaisstation für die Übertragung der vom Rover gesammelten Daten zur Erde fungieren und gleichzeitig selbst Messungen durchführen sollte. Den Ausschlag bei der Entscheidung für dieses, durchaus als riskant wahrgenommene Konzept gab – neben dem Erfolg der Chang’e-3-Mission – die Tatsache, dass die Entwicklung der schweren Trägerrakete Langer Marsch 5 bereits weit fortgeschritten war. Mit der dort zur Verfügung stehenden Nutzlastkapazität war es möglich, die Komponenten so zu konstruieren, dass eine realistische Aussicht auf Erfolg bestand.

Gebaut wurde die Sonde diesmal von der Chinesischen Akademie für Weltraumtechnologie, die von den Mondlandern her über reichlich Erfahrung mit diesem Konzept verfügte. Für die Entwicklung der insgesamt 13 Nutzlasten von Rover und Orbiter war wieder das Nationale Zentrum für Weltraumwissenschaften zuständig, das dann die einzelnen Unterprojekte auf weitere Zulieferer verteilte. So wurde zum Beispiel das Bodenradar des Rovers an eine Gruppe um Zhou Bin (周斌) und Shen Shaoxiang (沈绍祥) vom Schwerpunktlabor für Elektromagnetische Strahlung und Erkundungstechnologie des Instituts für Elektronik der Akademie der Wissenschaften vergeben, die bereits ähnliche Geräte für die Mondsonden Chang’e 3 und Chang’e 5 gebaut hatte (das Institut für Elektronik besitzt eine eigene Werkstatt).

Am 24. April 2020, dem 50. Jahrestag des Starts des ersten chinesischen Satelliten Dong Fang Hong I, wurde bekanntgegeben, dass die interplanetaren Missionen Chinas alle den Namen „Tianwen“ (天问 bzw. „Himmelsfragen“) tragen sollten, nach dem gleichnamigen, aus 183 Rätseln bestehenden Gedicht von Qu Yuan aus den „Elegien von Chu“.Helwig Schmidt-Glintzer: Geschichte der chinesischen Literatur. Scherz Verlag, Bern 1990, S. 36f und 77. Die Marssonde war zu diesem Zeitpunkt die als Nächstes anstehende Mission und wurde daher „Tianwen-1“ (天问一号, Pinyin Tiānwèn Yīhào) genannt. Am 23. Juli 2020 startete die Sonde zum Mars, am 14. Mai 2021 landete der Rover Zhurong in der Utopia Planitia.