mini|Ein Musiker spielt die vertikale Winkelharfe kugo. Die Bildrolle Shinzei-kokaku-zu von Fujiwara no Michinori (1106–1160) enthält Material aus dem 8. und 9. Jahrhundert. Kugo (, Hiragana ), auch tate-kugo („stehende Harfe“) und kudara-goto (, aus Kudara eingeführtes Saiteninstrument, koto) ist eine vertikale Winkelharfe mit 23 Saiten, die in Japan möglicherweise von den ersten nachchristlichen Jahrhunderten bis in die Heian-Zeit (794–1185) gespielt wurde und mit den Reformen der höfischen Musik im 10. Jahrhundert verschwand. Wahrscheinlich gab es Harfen in Japan nur zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert. Die kugo geht über die ebenfalls verschwundenen Vorbilder konghu in Korea und konghou in China auf antike Winkelharfen im Iranischen Hochland (persisch tschang) zurück. Der Hauptbeleg für die Existenz japanischer Winkelharfen sind zwei Harfenfragmente vermutlich aus dem 8. Jahrhundert. In zahlreichen japanischen buddhistischen Manuskripten aus jener Zeit erscheinen darüber hinaus Abbildungen kleinerer Bogenharfen, die der burmesischen saung gauk ähnlich sind. Ende des 20. Jahrhunderts wurde nach historischen Vorbildern eine moderne kugo rekonstruiert.
Herkunft Die ältesten bekannten Harfen sind Bogenharfen, die ab den 4. Jahrtausend in Mesopotamien und im Alten Ägypten vorkamen und aus dem gebogenen Stab eines Musikbogens hervorgegangen sein dürften. Anfang des 2. Jahrtausend v. Chr. wurde in beiden Regionen die Winkelharfe mit einer größeren Saitenzahl eingeführt, die aus zwei, in einem rechten oder spitzen Winkel verbundenen Stäben besteht und die allmählich die Bogenharfe ersetzte. Von Mesopotamien ausgehend erreichte die Winkelharfe knapp zwei Jahrtausende später über Zentralasien China und noch einige Jahrhunderte später Japan. Die Bogenharfe lebte nur fernab ihrer Ursprungsregionen Mesopotamien und Iranisches Hochland fort. Im alten Indien, wo die Winkelharfe nie angekommen war, taucht die Bogenharfe mit einem großen zeitlichen Abstand von frühen Harfenabbildungen der Indus-Kultur (um 2800 – um 1800 v. Chr.) erstmals im 2. Jahrhundert v. Chr. auf Reliefs auf, die zur buddhistischen Kultur gehören. In der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends n. Chr. (um 700) verschwanden die Bogenharfen aus Indien (die in Sanskrit-Texten als vina erwähnt werden), sie leben lediglich in Gestalt der saung gauk in Myanmar fort. Dorthin sind sie in den ersten Jahrhunderten n. Chr. mit der Ausbreitung des Buddhismus gelangt.Bo Lawergren, 2008, S. 262
mini|hochkant|Vertikale Winkelharfe konghou. Malerei aus der Nördlichen Wei-Dynastie (385–535). Bereits in den Jahrhunderten vor der Zeitenwende gelangten Harfen nach Zentralasien, von wo sie sich während der Han-Dynastie (207 v. Chr. – 220 n. Chr.) mit dem Buddhismus in China verbreiteten. In der hauptsächlich von Uiguren bewohnten Region Xinjiang im Nordwesten Chinas wurden bei Ausgrabungen 1996 und 2003 mehrere horizontale Winkelharfen (kompakte Harfen mit einem waagrecht gehaltenen Resonanzkörper) aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. entdeckt, die den früheren assyrischen Harfen entsprechen, wie sie am Südwestpalast von Ninive aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. abgebildet sind. Aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. stammt die im Altai ausgegrabene horizontale Pasyryk-Harfe. Dieser alte Harfentyp der Skythen wurde rituell verwendet und diente möglicherweise als magisches Hilfsmittel bei Bestattungen.Vladimir Lisovoi: The Meeting with the Scythians Idiophones and Chordophones. The Ancient Altai and Black Sea Region’s Cultures. In: International Conference on Arts, Design and Contemporary Education (ICADCE), 2016, S. 24–30, hier S. 27 Ihm entspricht die in den Bergen im Norden Georgiens bis heute vorkommende Winkelharfe tschangi,Bo Lawergren: Ancient Angular Harps, nach 2008, S. 447–458, hier S. 448 deren Namen von der persischen Winkelharfe tschang abgeleitet ist. Eine asiatische Bogenharfe, die in ihrem Rückzugsgebiet Nuristan kaum noch vorkommt, ist die waji.
Die Resonanzdecke der waji besteht wie bei den in Kuqa, Xinjiang, ausgegrabenen Bogenharfen aus einer aufgespannten Tierhaut.Samantha Li: The Kuchean Harp: Konghous in the Chinese Oasis Kingdom of Kuqa. Buddhist Door Global, 4. August 2017 Neben der frühen Bogenharfe ist aus der Nähe von Kuqa noch ein zweiter, späterer Harfentyp von den Anfang des 4. Jahrhunderts entstandenen Wandmalereien in den Höhlen von Kizil bekannt. Dort sind eine senkrechte Winkelharfe, eine fünfsaitige Laute (vom Typ des sassanidischen barbat und der chinesischen pipa), eine Querflöte und eine Panflöte abgebildet.Shigeo Kishibe: The Origin of the K'ung-Hou (Chinese Harp). In: Journal of the Society for Research in Asiatic Music, Nr. 14/15, Dezember 1958, S. 1–51, hier S. 20 Bo Lawergren (2016) zufolge waren Bogenharfen eher in Gegenden verbreitet, in denen der Theravada-Buddhismus vorherrscht und Winkelharfen eher in Gebieten mit Mahayana-Tradition. Zugleich bezweifelt Lawergren, ohne eine Begründung anzugeben, dass es überhaupt Harfen in Japan gab, trotz archäologischer Funde und zahlreicher Bildquellen.Bo Lawergren: Harfen. A. Antike. 6. Ost- und Zentralasien. In: MGG Online, November 2016. Dagegen erklärt Lawergren in Angular Harps Through the Ages, 2008, S. 265, es habe zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert Harfen in Japan gegeben. Im Khmer-Reich von Angkor wurde bis ins 13. Jahrhundert die Bogenharfe indischen Ursprungs pin gespielt, zunächst mit dem Hinduismus und später mit dem Mahayana-Buddhismus als Staatsreligion.
Das chinesische Wort konghou (verbunden mit uigurisch qungqau, koreanisch konghu und dem arabisch-persischen Wortumfeld tschang einschließlich sogdisch cngryʾ, čangaryāB. Gharib: Sogdian Dictionary. Sogdian-Persian-English. Farhangan Publications, Teheran 1995, S. 127) ist seit dem Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. aus schriftlichen Quellen der Han-Zeit bekannt. Die Wortherkunft ist entlang der Ausbreitung des Instruments über Zentralasien zu verfolgen. Konghou bezeichnete allgemein verschiedene chinesische Zupfinstrumente unabhängig von ihrer Bauform und mit einem Namenszusatz spezielle Instrumente: wo-konghou („horizontale konghou“), Abbildungen aus dem 5./6. Jahrhundert zufolge vermutlich eine lange Wölbbrettzither ähnlich der japanischen wagon, dann shu-konghou („vertikale konghou“, auch hu-konghou, „Nordbarbaren-konghou“), eine fremde Winkelharfe, und fengshou-konghou („Phönixkopfharfe“), vermutlich eine aus Zentralasien eingeführte Bogenharfe.Martin Gimm: China. V. Qin- und Han-Dynastie (249 v. Chr. – 220 n. Chr.). 5. Musikinstrumente. In: MGG Online, Juli 2018 (Die Musik in Geschichte und Gegenwart, 1995) Die eingeführte vertikale Winkelharfe war das bedeutendste buddhistische Musikinstrument im alten China. Neben der buddhistischen Ritualmusik wurde die konghou auch zur musikalischen Unterhaltung und als Begleitinstrument von Dichtern verwendet. Ton- und Porzellanfiguren aus der Sui-Dynastie und Tang-Dynastie (581–907) stellen Harfe spielende Musikerinnen dar, die aus Zentralasien stammten.Bo Lawergren: In: Neville Agnew (Hrsg.): Conservation of Ancient Sites on the Silk Road. Proceedings of the Second International Conference on the Conservation of Grotto Sites, Mogao Grottoes, Dunhuang, People's Republic of China, June 28 – July 3, 2004. Getty Conservation Institute, Los Angeles 2010, S. 117–124, hier S. 120 Ungefähr im 14. Jahrhundert verschwand die konghou aus der chinesischen Musik.
Spielweise mini|hochkant|Eine Musikerin spielt die chinesische Winkelharfe konghou. Ausschnitt aus einer Malerei von Qiu Ying (1494–1552) aus der Ming-Dynastie, Anfang 16. Jahrhundert. Als einziges in Japan entwickeltes Saiteninstrument gilt die Wölbbrettzither wagon, deren Form erstmals um die Zeitenwende erscheint. Bis zur Yayoi-Periode (etwa 3. Jahrhundert v. Chr. – 3. Jahrhundert n. Chr.) verlief die Kulturentwicklung Japans weitgehend unabhängig vom Festland. Mit der nachfolgenden Kofun-Zeit (Anfang 4. Jahrhundert – 710 n. Chr.) begann zunächst der Import von Handelswaren und Kulturgütern aus Korea und erst später aus China. Dies drückt sich etwa im Namen shiragigoto für eine Form der Zither wagon aus,Francis Piggott (The Music and Musical Instruments of Japan. 2. Auflage, Kelly & Walsh, Shanghai/Hongkong/Singapur 1909, S. 122, ) verweist beim Namen shiragi-koto auf die Zeichnung einer alten Winkelharfe. der mit dem Präfix shiragi vor koto („Zither“) das japanische Wort für das koreanische Königreich Silla (356–935) enthält. Zum Tod des japanischen Kaisers Ingyō im Jahr 453 entsandte der König von Silla ein 80-köpfiges Orchester, das bei den Begräbnisfeiern musizierte. Silla war eines der Drei Reiche von Korea. Nach dieser frühesten Mitteilung über koreanische Musik in Japan fehlen für etwa ein Jahrhundert Belege über die Musikausübung in Japan. Dennoch gibt es Nachweise für weitere koreanische Musiker, die in dieser Zeit nach Japan kamen. Frühestens in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends könnte auch die Harfe über Korea nach Japan eingeführt worden sein. Die „Musik der Drei Reiche“ (sangkangaku) ist eine Form von Musik aus Korea, die in den höfischen Musikstil gagaku eingegangen ist. Zur damaligen sangkangaku gehörten die Musikinstrumente shiragigoto (Brettzither wagon), ōteki (Bambusquerflöte), makumo (unbekanntes Blasinstrument) und kugo.Hans Eckardt: Japanische Musik. In: Friedrich Blume: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. 1. Auflage, Band 6, Bärenreiter, Kassel 1957, Sp. 1723
Einen bedeutenden Einfluss auf die japanische Musik hatte die Einführung des Buddhismus über Korea im 6. Jahrhundert. Diese historische Zäsur wird am Jahr 552 festgemacht, als der König des koreanischen Reiches Baekje (japanisch Kudara) dem japanischen Kaiser Kimmei (reg. 539–571) eine vergoldete Buddhafigur überreichte.Eta Harich-Schneider, 1973, S. 38 Durch chinesische Vermittlung kam auch der ursprünglich aus Indien stammende buddhistische Ritualgesang shōmyō während der frühen Heian-Zeit (794–1185) nach Japan.Shigeo Kishibe: Japan. I. General. 1. History. (ii) Continental Asian music. In: Grove Music Online, 2001 Dass in der buddhistischen Musik in China die Harfe verwendet wurde, geht aus tantrischen Kommentaren zum Ninno-kyō („Sutra des wohlwollenden Königs“) hervor. Darin heißt es, der Tang-Kaiser Tang Daizong (reg. 762–779) habe bei einer Festveranstaltung das Schneckenhorn (hōragai) geblasen. Ferner wird die konghou erwähnt.Eta Harich-Schneider, 1973, S. 310 Das umfangreichste Werk zum japanischen shōmyō ist das Gyosan Taigaishū des Shingon-Mönches Chōe (1457–1524) aus Bushū (Provinz Musashi). Darin werden – den chinesischen Acht Klängen ähnlich – die buddhistischen Musikinstrumente klassifiziert, darunter auch solche, die zur damaligen Zeit längst verschwunden waren. In der Kategorie „Holz“ findet sich die Winkelharfe kugo als Rückbesinnung an die Vergangenheit. An ihrer Stelle hätten tatsächlich verwendete Schlitztrommeln und andere Schlagidiophone genannt werden sollen.Eta Harich-Schneider, 1973, S. 340f