Die feministische Theologie ist eine seit den späten 1960er Jahren stark gewordene und der Emanzipation der Frau zuzuordnende theologische Richtung. Sie ist verwandt mit der Befreiungstheologie und – sowohl in Denkansätzen als auch in wissenschaftstheoretischem Anspruch – mit der feministischen Wissenschaftstheorie verbunden.

Die feministische Theologie im weiteren Sinn umfasst ein breites Spektrum unterschiedlicher und zum Teil gegensätzlicher Denkbewegungen in verschiedenen Religionen und Regionen der Welt.Vgl. Artikel Feministische Theologie, in: HKWM, Bd. 4. Ihnen gemeinsam ist die Infragestellung traditioneller Gottesbilder, religiöser Institutionen und Praktiken unter feministischer Perspektive. Im engeren Sinn wird darunter die christliche feministische Theologie verstanden, die in Europa und den USA im Kontext der Frauenbewegung entstanden ist und wichtige Impulse aus der ökumenischen Bewegung und der Erneuerungsbewegung innerhalb der Katholischen Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil erhielt.

Grundsätzliches Die Wurzeln der feministischen Theologie reichen bis in die französische Revolution zurück. Im Zuge der Aufklärung verkündete 1789 die französische Nationalversammlung die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, schloss davon aber Frauen aus. Dies zog den Widerstand und Protest zeitgenössischer Frauen nach sich, der teilweise auch zu blutigen Auseinandersetzungen mit den Machthabern führte.

Feministische Theologie ist – wie die Befreiungstheologie – bewusst kontextuell. Das bedeutet, sie berücksichtigt insbesondere die Frauenperspektive. Das bringt ihr immer wieder den Vorwurf der Parteilichkeit ein: Ist es mit dem wissenschaftlichen Neutralitätsgebot vereinbar, die Bibel mit den Interessensaugen von feministischen Theologen zu lesen? Dagegen fragt die feministische Theologie, ob es umgekehrt überhaupt möglich sei, Theologie nicht kontextbezogen zu betreiben. Die feministische Analyse herkömmlicher Theologie zeigt, wie sehr diese von patriarchalischen Denkmustern geprägt ist: In aller Regel ist sie weiße, westliche und männlich geprägte Mittelstandstheologie. Grundthese der feministischen Theologie ist daher, dass keine Theologie dem wissenschaftlichen Neutralitätsgebot gerecht wurde oder wird und dass dies auch kaum möglich ist. Daher postuliert feministische Theologie für sich meist keinerlei wissenschaftliche Neutralität und widerspricht herkömmlichen Theologen, die für ihre Theologie eine solche Neutralität behaupten. Feministische Theologie gibt sich also auch den Auftrag, die zum Ausgangspunkt der Betrachtung gewählten patriarchalischen Strukturen der herkömmlichen Theologie in Geschichte und Gegenwart zu hinterfragen.

Feministische Theologie arbeitet auf allen theologischen Gebieten. Innerhalb der Fächer Altes und Neues Testament bemüht sie sich, patriarchalische Strukturen der Bibel und patriarchalische Auslegungstraditionen sichtbar zu machen. Im Rahmen der Kirchen- und Theologiegeschichte fragt feministische Theologie gezielt nach Frauengeschichte, kritisiert die tradierte Geschichtsauslegung als androzentrisch (männerzentriert) und deutet androzentrische Geschichtsschreibung um. Feministische Systematik will Glaubensgrundsätze überdenken, die im Laufe der Geschichte patriarchalische und androzentrische Züge bekommen haben, so z. B. Teile der Kreuzestheologie oder androzentrische Gottesbilder. In der praktischen Theologie bemüht sich feministische Theologie um Umsetzung des auf theoretischer Basis Erarbeiteten (Wie kann man verantwortungsvoll feministisch predigen? Müssen Seelsorgekonzepte feministisch überarbeitet werden? Wie können Erkenntnisse der feministischen Theologie in den Religionsunterricht einfließen? Wie können Liturgie, Lieder und Texte weniger androzentrisch gestaltet werden? usw.) In einer feministischen Ethik werden die Grundsätze christlicher Moral auf ihre genderspezifischen Eigenarten untersucht.Elisabeth Gössmann, Elisabeth Moltmann-Wendel, Herlinde Pissarek-Hudelist, Ina Praetorius, Luise Schottroff, Helen Schüngel-Straumann (Hrsg.): Wörterbuch der Feministischen Theologie. 2., vollständig überarbeitete und grundlegend erweiterte Auflage. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2002, ISBN 978-3-579-00285-9.

Strömungen innerhalb der feministischen Theologie Feministische Theologie ist parteiische Theologie im Sinne der Frauenemanzipation. Es stellt sich jedoch die Frage, in welche Richtung die Frauenemanzipation gehen soll. Wie im Feminismus allgemein entwickeln sich auch in der feministischen Theologie verschiedene Strömungen mit sehr unterschiedlichen Interessen. Der Differenzfeminismus legt Wert auf die Andersartigkeit der Frauen von Männern und fordert eine Aufwertung dessen, was Frauen ausmacht. Dagegen geht die Gendertheorie davon aus, dass der Unterschied zwischen Männern und Frauen in erster Linie gesellschaftlich bedingt ist. Für die feministische Theologie bedeutet die Zugehörigkeit zu einer der beiden Richtungen ganz andere Zielsetzungen. Soll z. B. bewusst Gottes „weibliche“ Seite wiederentdeckt werden? Oder bedeutet das nicht vielmehr, gesellschaftlich bedingte Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Himmel festzuschreiben? Sollen Frauen als Gegenüber zu den Männern in der Bibel wiederentdeckt werden? Oder soll vielmehr die Verheißung Galater 3,28 hervorgehoben werden, dass vor Gott weder männlich noch weiblich gilt?

Eine weitere Frage innerhalb der feministischen Theologie ist die nach der Stellung der Bibel. Wird sie im Ganzen und ohne Fehler als Gottes Wort anerkannt, so lassen sich patriarchalische Denkstrukturen in ihr nicht kritisieren. Die feministische Kritik kann dann nur dort ansetzen, wo Androzentrismus die Auslegungsgeschichte geprägt hat. Der Textbestand der Bibel aber bleibt weitgehend kritikfrei und wird als Wort Gottes anerkannt. Andere feministische Theologinnen und Theologen lehnen große Teile der Bibel als patriarchal ab. Bereits die Abfassung der Texte erfolgte ihrer Meinung nach unter androzentrischen Gesichtspunkten. Texte, die erkennbar emanzipatorischen Strömungen zuwiderlaufen, werden nicht als heilige Schrift anerkannt. Einige besonders radikale Theologen haben sich im Laufe der Zeit ganz vom Christentum distanziert (z. B. Mary Daly). Verständlicherweise nimmt die Frage, in welchem Rahmen die Bibel das Wort Gottes ist, eine gewisse Breite ein. Kernfrage ist hier, ob „Wort Gottes“ fundamentalistisch, in wörtlichem Sinn verstanden wird oder historisch als „Gotteswort im Menschenwort“.

Bekannte Vertreterinnen einer feministischen Theologie im deutschen Sprachraum sind Elisabeth Schüssler Fiorenza, Sabine Pemsel-Mair, Doris Strahm und Sonja Angelika Strube.

Theologische Disziplinen im Einzelnen Bibelwissenschaften Einleitung Die Auslegung biblischer Texte ist bestimmt von der eigenen Frömmigkeitserfahrung, vom sozialen Ort und politischen Selbstverständnis, vom fachlichen Know-how und Erkenntnishorizont des Interpreten.Insbesondere das eigene Bibelverständnis ist entscheidend für den weiteren Umgang mit den biblischen Texten. Das ist zwar nicht spezifisch für feministische Theologen, aber für feministische Theologen wird die Frage in vielen Fällen relevanter, als für Theologen herkömmlicher Art. Welche Schlüsse sind aus der Analyse zu ziehen, dass bestimmte Textpassagen einen frauenfeindlichen Hintergrund haben? Kritische Bibelinterpretationen einzelner Frauen, besonders Mystikerinnen, gibt es seit dem Mittelalter. Trotzdem mussten Frauen in jedem Jahrhundert von vorn beginnen, weil sie keine Traditionen gebildet haben und nicht institutionalisiert waren. Erst heute ist die feministische Kritik so stark, dass sie nicht mehr wegzudenken ist.Gerda Lerner: Eintausend Jahre feministische Bibelkritik. In: Die Entstehung des feministischen Bewusstseins. Vom Mittelalter bis zur ersten Frauenbewegung. dtv, München 1998, ISBN 3-423-30642-4, S. 170–201.

Altes Testament Beim Alten Testament handelt es sich nicht um ein Buch, sondern um eine ganze Bibliothek, die zu verschiedenen Zeiten und unterschiedlichen Verfassern in einem Zeitraum von rund tausend Jahren entstanden sei.

Die Kritik begann mit der Hervorhebung und Beschreibung zahlreicher Frauengestalten, die in der bisherigen Theologie (besonders auch Praxis und Liturgie) eine vergleichsweise geringe Rolle spielten. Die Frauengestalten in der Bibel, von denen man annahm, dass sie aufgrund ihrer Weiblichkeit stets vernachlässigt wurden, wurden stärker in den Vordergrund gerückt und ihre Rolle für das Volk Israel mehr betont.Ähnlich wurde mit der patriarchalen Sicht der Familien- und Volksstruktur Israels verfahren, in der die Geschlechterlisten (Stammbäume) fast ausschließlich Männer aufzählten, Frauen zumeist nicht genannt wurden. Für die Erzväter Israels (Abraham, Isaak, Jakob) wurden die dazugehörigen Frauen hervorgehoben (Sara, Rebekka, Lea und Rahel). Entsprechend wird in feministischen Kreisen meist nicht von den „Stammvätern“, sondern von den „Erzeltern“ Israels gesprochen (Irmtraud Fischer). Auch die Bedeutung von weiblichen Nebenfiguren für das Fortschreiten Israels – häufig auch für dessen Rettung – wurde stärker betont, so in der Kindheitsgeschichte des Mose (Hebammen, Schwester des Mose, Tochter des Pharao).Die negative Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte der ersten Frau in der Bibel (Eva, die Verführerin und Ursache allen Übels) wurde kritisch hinterfragt. Anders als im Judentum hätte sich von dieser Figur her im Christentum ein negatives Frauenbild geformt, das heute noch wirksam ist. Die Kritik gipfelt in einem männlichen Gottesbild, das eigens behandelt werden soll (s. u.).Kompendium Feministische Bibelauslegung (Hg. Luise Schottroff/Marie-Theres Wacker), Gütersloh 1998, ISBN 978-3-579-00391-7Irmtraud Fischer: Die Erzeltern Israels. Feministisch-theologische Studien zu Genesis 12–26. (Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft 222), Berlin 1994 .Helen Schüngel-Straumann: Die Frau am Anfang. Eva und die Folgen. 3. Auflage. LIT, Münster 1999, ISBN 978-3-8258-3525-5Helen Schüngel-Straumann: Anfänge feministischer Exegese, Gesammelte Beiträge. LIT, Münster 2002, ISBN 978-3-8258-5753-0.

Neues Testament