mini|Das Haus Große Bäckerstraße 23 in Lüneburg – hier wuchs Heinemann auf. Heute (2019) befindet sich dort im Erdgeschoss eine Rossmann-Filiale. Henry Joseph Heinemann (* 2. November 1883 in Lüneburg; † 24. Dezember 1958 in Amsterdam) war ein deutsch-niederländischerWährend der Zeit des Deutschen Kaiserreiches existierte noch keine einheitliche deutsche Staatsbürgerschaft. Heinemann war vielmehr zunächst preußischer Staatsangehörigkeit, später wurde noch „Bayern nach dem Pass“ hinzugefügt. Humanmediziner. Er erwarb sich große Verdienste um die Tropenmedizin in der Kolonie Niederländisch-Indien und forschte insbesondere auf dem Gebiet der Serologie zu Krankheiten wie beispielsweise Syphilis, Tuberkulose und Malaria. Zum Ende seines Lebens war er noch für das Koninklijk Instituut voor de Tropen tätig.
Leben Herkunft, Ausbildung und Privatleben
Henry Joseph HeinemanIm Geburtsregister der jüdischen Gemeinde Lüneburgs und auch in der städtischen Meldekarte wird er durchgehend als „Henry Joseph“ aufgeführt. Insbesondere in niederländischen Publikationen sind aber auch die Varianten „Henri Josef“ sowie „Josef Henri“ zu finden. wurde als jüngstes Kind in eine wohlhabende Großfamilie jüdischen Glaubens mit insgesamt 17 Kindern hinein geboren, von denen 15 das Kleinkindalter überlebten. Der Vater Marcus Heinemann (1819–1908) betrieb zusammen mit seinen Brüdern eine Bank und einen Tuchhandel in Lüneburg. Darüber hinaus war er Vorsteher der städtischen jüdischen Gemeinde und Mitbegründer sowie wichtiger Finanzier des Museumsvereins. Die Mutter Henriette Heinemann (geborene Lindenberg; 1836–1883) starb nur zehn Tage nach Henrys Geburt an einer Infektion. Seine Schwester Martha Gella fungierte in den folgenden Jahren als Mutterersatz und half maßgeblich dabei, die jüngeren Geschwister aufzuziehen. Direkt im Zentrum der Altstadt bewohnte die Familie ein 1550 erbautes Patrizierhaus mit der Adresse Große Bäckerstraße 23. Aufgrund des großen Altersunterschiedes der Kinder lebten allerdings nicht alle Familienmitglieder gleichzeitig dort.
Nachdem er am Johanneum Lüneburg sein Abitur abgelegt hatte, zog er im April 1902 nach München, um ab dem Sommersemester an der Ludwig-Maximilians-Universität ein Medizinstudium aufzunehmen. Er war Mitglied in einem schlagenden Corps und wurde während des Sommersemesters 1905 nicht in den Immatrikulationslisten geführt. Nach seiner Rückkehr konnte er das Studium nach dem Wintersemester 1906/1907 abschließen. Im Juni 1907 legte er die Dissertation Die Spontanruptur des Herzens vor und wurde schließlich am 20. August 1908 promoviert.Lieselotte Resch / Ladislaus Buzás: Verzeichnis der Doktoren und Dissertationen der Universität Ingolstadt – Landshut – München 1472–1970. Band 2: Medizinische Fakultät 1472–1915. Universitätsbibliothek München, München, 1976, Seite 410.
Am 21. Oktober 1911 ließ sich Henry Heinemann in Straßburg protestantisch taufen. Auf Ceylon traf er die dort als Krankenschwester arbeitende Dorothea „Dora“ Betty Masemann (1890–1955). Geboren im niedersächsischen Wöpse war sie die Tochter eines Berliner Arztes. Beide verlobten sich an Ostern 1915 in einem Kriegsgefangenenlager auf CeylonGerhard Dannemann: Gefangen am anderen Ende der Welt. Deutsche im Ersten Weltkrieg in Ostasien und Australien. Books on Demand, 2018, ISBN 978-3-7460-4595-5, Seite 97. und heirateten am 20. Juli gleichen Jahres im Ortsteil Wiesbach der oberbayerischen Gemeinde Ainring. Das Paar hatte mit Martha Maria Louise (1916–1976) und Heinz Otto (1920–1977)„Henry Heinemann, noted physiologist, killed in accident“. In: The New York Times, 25. November 1977, Seite 28. zwei gemeinsame Kinder. Zwar lag der Lebensmittelpunkt der Eheleute – bedingt durch Henrys Arbeit – knapp 30 Jahre lang auf Sumatra, ihre Kinder ließen sie aber aufgrund der besseren Bildungsinfrastruktur in Mitteleuropa unterrichten, in den Niederlanden sowie am Institut auf dem Rosenberg im schweizerischen St. Gallen.
Zu seiner Familie zählten beispielsweise sein Bruder Otto Karl Erich, der in den Vereinigten Staaten das Musiklabel Okeh Records gründete, sowie der Philosoph Fritz Heinemann und der Sprachwissenschaftler Hermann Jacobsohn als seine Neffen. Die unverheirateten Schwestern Martha Gella und Emilie kümmerten sich um den verwitweten Vater und bewohnten das Haus bis zu ihrem eigenen Tod Mitte der 1930er Jahre. Während der Zeit des Nationalsozialismus wanderten zahlreiche Mitglieder der Familie Heinemann unter dem Eindruck des sich stetig intensivierenden Antisemitismus in die Vereinigten Staaten, in das Völkerbundsmandat für Palästina, das Vereinigte Königreich, in die Schweiz, die Niederlande und nach Frankreich aus. Einigen gelang jedoch nicht die rechtzeitige Flucht: Henry verlor zwei Schwestern (Anna Rebecca und Ida), zwei Nichten, zwei Neffen, vier Großnichten und einen Großneffen im Holocaust. Darüber hinaus starb eine Großnichte im Zuge der Krankenmorde.Becki Cohn-Vargas: „The Heinemann Legacy“. Abgerufen auf beckicohnvargas.com am 14. Juni 2019.
Berufliche Anfänge Nach seinem Studienabschluss fand Heinemann den Einstieg ins Berufsleben an der medizinischen Fakultät der Straßburger Kaiser-Wilhelm-Universität, wo er als Dozent angestellt wurde. Sein Forschungsschwerpunkt lag zu diesem Zeitpunkt bereits auf der Tropenmedizin. Dort machte er auch die Bekanntschaft von Albert Schweitzer, der – obgleich fast neun Jahre älter als Heinemann und bereits sowohl in Philosophie als auch in Theologie promoviert – in den Jahren 1905 bis 1913 noch ein Medizinstudium absolvierte.
Parallel zur universitären Tätigkeit begann Heinemann seine praktische Laufbahn als Tropenarzt zunächst auf der damals zum Britischen Weltreich gehörenden Insel Ceylon. Anfang der 1910er Jahre arbeitete er am Zentralhospital Petoemboekan in der Nähe von Loeboekpakam an der Ostküste der Region Sumatera Utara in Niederländisch-Indien. Dort war seit Mai 1906 Gustav Baermann als Chefarzt tätig, der einst Assistent von Albert Neisser gewesen war.Katja Sabisch: Das Weib als Versuchsperson. Medizinische Menschenexperimente im 19. Jahrhundert am Beispiel der Syphilisforschung. Transcript Verlag, Bielefeld, 2007, ISBN 978-3-89942-836-0, Seite 101.
Gefangenschaft und Militärdienst im Ersten Weltkrieg Zu Beginn des Ersten Weltkrieges gab Heinemann seine Arbeitsstelle in Übersee sofort auf, um nach Deutschland zu reisen, geriet allerdings auf Ceylon als „feindlicher Ausländer“ in britische Kriegsgefangenschaft und wurde in einem Lager im Süden der Insel, in Diyatalawa, interniert. Dort ließ man ihn weiter seinen medizinischen Tätigkeiten nachgehen, wie Zeitzeugen berichteten: „Besonders erwähnen möchte ich auch Herrn Dr. Heinemann aus Lüneburg, der – selbst Kriegsgefangener – sich in aufopfernder Weise der Kranken annahm und der unter der nominellen Aufsicht eines englischen Arztes alle Fälle selbst behandelte. Er war den Müttern bei der Entbindung eine erfahrene und vertrauenswerte Hilfe und hielt auch einen Kursus über erste Hilfe in Unglücksfällen, der stark besucht war. Sein Sprechzimmer lag in der Mitte des Lagers und war durch eine rote Kreuzflagge kenntlich.“Christian Böhringer: Während des Krieges in Ceylon. In: Süddeutsche Monatshefte, Band 13, 1916, Seiten 44–45. Eine Gefangennahme von medizinischem Personal verstieß allerdings gegen die erste Genfer Konvention und seinem Bruder Robert, der Justizrat war und als Rechtsanwalt in Lüneburg praktizierte, gelang es im Verlaufe des Jahres 1915, die Freilassung zu erwirken.
Noch im gleichen Jahr meldete sich Henry Heinemann in Deutschland freiwillig zum Kriegsdienst und wurde als Sanitätsoffizier der 2. Königlich Bayerischen Division zugeteilt. Im Frühjahr 1916 untersuchte er einige aus britischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrte Besatzungsmitglieder der im November 1914 angegriffenen und zerstörten Emden und stellte fest, welche infolge ihrer erlittenen Verwundungen dauerhaft dienstuntauglich waren. Im weiteren Verlauf des Jahres nahm er an der Schlacht um Verdun teil, wo er durch ein Schrapnell verwundet wurde. Anschließend diente er noch unter Kommandeur Jakob von Danner als Bataillonsarzt im 18. Bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment an der Ostfront. Heinemann verfasste mit der selbstgebundenen Schrift Kriegstagebuch eines Truppenarztes eine Abhandlung über Hygiene und Gesundheitsvorsorge an der Front, wurde mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet und mehrfach befördert. Während des Krieges und kurz danach lebte er mit seiner Familie im Ortsteil Wiesbach der oberbayerischen Gemeinde Ainring sowie in Herrsching am Ammersee.In Wiesbach erfolgte im Juli 1915 die Hochzeit von Henry und Dorothea; zudem wurde dort im Mai 1916 ihre Tochter geboren. Mehrere medizinische Fachaufsätze Heinemanns aus dem Jahr 1919 geben als Wohnort „zurzeit Herrsching am Ammersee“ an.
Mehr als eineinhalb Jahrzehnte Chefarzt Bereits unmittelbar nach dem Ende der Kampfhandlungen nahm Heinemann seine Arbeit als Tropenarzt in Südostasien wieder auf. Zum Jahreswechsel 1918/1919 besuchte er ein Gefangenenlager in Britisch-Indien und behandelte dortige Patienten. Anschließend kehrte er ins Zentralhospital Petoemboekan auf Sumatra zurück. 1923 wechselte er als Chefarzt an das Krankenhaus der von der Handelsgesellschaft Senembah MaatschappijDie NV Senembah Maatschappij (Maatschappij = Gesellschaft) war zeitweise die zweitgrößte Plantagen-Gesellschaft in Sumatra und hatte ihren Schwerpunkt auf dem Tabakanbau. Sie wurde 1889 mit Sitz in Amsterdam gegründet. Im Jahr 1959 wurden ihre Besitzungen im inzwischen unabhängigen Indonesien verstaatlicht. Das Gebiet Senembah, nach dem sie benannt ist, lag zwischen den Sultanaten von Deli und Serdang. betriebenen Tabakplantage Tandjong MorawaDer Name der Plantage – Tandjong Morawa – setzt sich zusammen aus der Lokalbezeichnung „Tandjong“ und der latinisierten Bezeichnung Mährens. in der Nähe von Medan. Diese Position hielt Heinemann knapp 17 Jahre. Darüber hinaus bestand ab 1926 in Medan eine Poliklinik für bedürftige Brustkranke, die er ebenfalls leitete.Zentralblatt für die gesamte Hygiene mit Einschluss der Bakteriologie und Immunitätslehre, Band 25, Springer Verlag, 1931, Seite 746.
Insbesondere in den 1920er Jahren publizierte er zahlreiche Artikel in Fachzeitschriften. Durch seine Forschungen erarbeitete er sich einen Ruf als hervorragender Tropenmediziner und war sowohl bei der niederländischen Kolonialmacht als auch bei der einheimischen Bevölkerung sowie in seiner deutschen Heimat hoch geachtet. Heinemann stand in regelmäßiger Korrespondenz mit Bernhard Nocht, dem Leiter des Instituts für Schiffs- und Tropenkrankheiten in Hamburg, und wurde in deutschen Medien teilweise auch als „Leiter des Tropeninstituts in Medan“ bezeichnet – implizierend, dass es sich bei seinem Krankenhaus um eine Außenstelle des Hamburger Instituts handelte.„Hamburger Wissenschaftler im Vulkan von Merapi umgekommen?“ In: Hamburgischer Correspondent, № 593, 20. Dezember 1930.
Die Familie lebte in einem großen kolonialen Haushalt auf Sumatra. Die heißen Sommer verbrachte man in Berastagi, wo man auf 1330 Metern Höhe über dem Meeresspiegel dem tropischen Klima der sumpfigen Küstenebene zeitweise entgehen konnte. Heinemann gehörte zu den Förderern des jungen Tropenarztes und Biometeorologen Werner Borchardt, den er während einer Ärztekonferenz in Marburg kennengelernt hatte. Er lud ihn zu einem ein- bis zweijährigen Studienaufenthalt nach Niederländisch-Indien ein. Borchardt kam allerdings Anfang Dezember 1930 – nur wenige Wochen nach seiner Ankunft – bei einer Eruption des Vulkans Merapi auf Java ums Leben. Anlässlich des 40. Jahrestages der Entdeckung des Elementes Radium hielt Heinemann 1938 am Oostkust van Sumatra-Instituut in Medan einen Vortrag über Wilhelm Conrad Röntgen.Frederik Jacobus Johannes Dootjes: Oostkust van Sumatra-Instituut 1916–1941. Brill, Leiden, 1941, Seite 110.
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