mini|hochkant=1.4|Die erste Abbildung eines Beutelgangs (rechts) skizzierte Leonardo da Vinci um 1498. Er schließt an den Mahlgang mit Unterantrieb an (links).Heinrich Herzberg, Hans Joachim Rieseberg: Mühlen und Müller in Berlin. Teilauflage, Werner-Verlag, Düsseldorf 1987, ISBN 3-8041-1977-8, 2 Mühlen und Mühlenwerke. Mehl- und Graupenmühlen, S. 26–32, hier S. 29–31.
Der Beutelgang oder das Beutelwerk ist eine Sichtmaschine. Sie trennt in einer handwerklichen Getreidemühle mittels eines Siebs den zermahlenen Mehlkörper von der Kleie.Werner Schnelle, Rüdiger Hagen: Mühlenbau. 2. Auflage, Beuth Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-410-21342-0, 4 Bau traditioneller Verarbeitungsmaschinen für Wind- und Wassermühlen. 4.3 Sichtmaschinen. Zur Entwicklung der Sichtmaschinen, S. 130.Helmut Düntzsch, Rudolf Tschiersch, Eberhard Wächtler, Otfried Wagenbreth: Mühlen. Geschichte der Getreidemühlen. 1. Auflage, Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie, Leipzig 1994, ISBN 3-342-00672-2, 1 Die maschinentechnische Entwicklung der Getreidemühlen. 1.1 Mahlaggregate, Siebmaschinen und andere Arbeitsmaschinen der Getreidemühlen. Siebung (Sichtung) des Mahlgutes, S. 21–24.Micaela Haas, Joachim Varchmin: Mühlen gestern und morgen. Martina Galunder Verlag, Nümbrecht 2002, ISBN 3-89909-009-8, 2. Die traditionellen Wind- und Wassermühlen. 2.3. Die Technik der handwerklichen Mühle. [Einleitung], S. 15–17, hier S. 16–17.
Das Sichten und Sieben stehen eigentlich für unterschiedliche Verfahren. In der Getreidemüllerei lässt sich beides technologisch und historisch nicht scharf abgrenzen. Daher verwendet die Mühlenkunde die zwei Begriffe synonym.
Geschichte mini|hochkant|Das aus dem Rüttelbeutel (H) geschlagene Mehl fällt in den Mehlkasten, Georg Andreas Böckler: Theatrum Machinarum Novum, Nürnberg 1661, WassermühleHelmut Düntzsch, Rudolf Tschiersch, Eberhard Wächtler, Otfried Wagenbreth: Mühlen. Geschichte der Getreidemühlen. 1. Auflage, Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie, Leipzig 1994, ISBN 3-342-00672-2, Bildanhang. Die Siebung (Sichtung) des Mehls vom 16. bis ins 19. Jahrhundert. Bild 7, S. 300.
Nach 800 verbreitete sich der Rüttelbeutel. Der Beutelgang mechanisierte ihn, nutzte dieselbe Antriebsenergie wie der Mahlgang – die Wind-, Wasser- oder tierische Muskelkraft, verlegte den Arbeitsschritt in die Getreidemühle. Seine Erfindung erfolgte wohl im 15. Jahrhundert. Leonardo da Vinci hielt ihn in seinem von 1493 bis 1502 verwendeten Skizzenbuch fest. Die ersten nachweislichen Verwendungen stammten aus Städten im Heiligen Römischen Reich: „Im Jahre 1502 Mittwoch für Joh. Baptistae ist das Räderwerk der Beutel in Mühlen allhier zu Zwickau erstlich aufgekommen und gebraucht worden.“ 1533 lehrte ein Meister aus Memmingen den Appenzellern das schöne weiße Beutelmehl zu bereiten. Das 16. Jahrhundert sah eine langsame Verbreitung der Technik.Wolfgang Kuhlmann: Wasser, Wind und Muskelkraft. Deutsche Gesellschaft für Mühlenkunde und Mühlenerhaltung, Petershagen-Frille 2012, ISBN 978-3-00-037659-7, 12. Eine Frau macht den Anfang. Von den ältesten technischen Mühlenzeichnungen, S. 81–87, hier S. 83–86.Johannes Mager, Günter Meißner, Wolfgang Orf: Die Kulturgeschichte der Mühlen. Edition Leipzig, Leipzig 1988. ISBN 978-3-361-00208-1, Der Weg der Mühlentechnologie. Vom Mahl- und Beutelwerk zum Walzenstuhl und Plansichter, S. 28–41, hier S. 30–31.
Die junge Technikwissenschaft befasste sich ab dem letzten Viertel des 16. Jahrhunderts regelmäßig mit dem Beutelgang. Augustin di Ramelli veröffentlichte in Schatzkammer mechanischer Künste (Paris 1588 und Leipzig 1620) eine kurze Erläuterung einer Mühle mit Beutelgang. Die dazugehörige Zeichnung gab Letzteren undeutlich wieder. Fausto Veranzio beschrieb und zeichnete in Machinae novae (Florenz / Venedig 1615/1616) einen vollständigen Beutelgang. Er verwies darauf, dass der von ihm genannte Typ, der in Deutschland übliche war. Jacobus de Strada fertigte um 1580 zahlreiche Zeichnungen von Wasseranlagen an, darunter einer Wassermühle mit oberschlächtigem Wasserrad, Mahl- und Beutelgang. Sein Enkel publizierte sie in Machine (Frankfurt am Main 1617). Die 2. Auflage unter dem Titel Künstlerischer Abriss allerhandt Wasserkünste (Frankfurt am Main 1629) enthielt eine ausführlichere Erläuterung. Die Zeichnung de Stradas erlangte durch das Abkupfern von Georg Andreas Böckler in Theatrum machinarum novum, das ist neuvermehrter Schauplatz der mechanischen Künste (Nürnberg / Frankfurt am Main 1661) eine größere Bekanntheit.Helmut Düntzsch, Rudolf Tschiersch, Eberhard Wächtler, Otfried Wagenbreth: Mühlen. Geschichte der Getreidemühlen. 1. Auflage, Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie, Leipzig 1994, ISBN 3-342-00672-2, 6 Mühlen in den Technikwissenschaften. 6.1 Mühlen und Maschinenwissenschaft, S. 146–148.Helmut Düntzsch, Rudolf Tschiersch, Eberhard Wächtler, Otfried Wagenbreth: Mühlen. Geschichte der Getreidemühlen. 1. Auflage, Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie, Leipzig 1994, ISBN 3-342-00672-2, Quellenverzeichnis und weiterführende Literatur. Literatur zu Abschnitt 6.1. Originalliteratur Maschinenkunde mit Mühlen bis 1800, S. 402.
Verallgemeinernde Aussagen, wie der Beutelgang „…wurde im 17. Jahrhundert allgemein gebräuchlich“, hielten einer genauere Betrachtung nicht stand. Die Ursache lag bei zwei entscheidenden Nachteilen des Beuteln. 1) Durch das mehrfache Aufschütten und Sichten verringerte sich die Verarbeitungsmenge einer Getreidemühle. Freiberg erlebte 1580 eine große Dürre und einen entsprechenden Wassermangel. Nach dem Entfernen der Rüttelbeutel aus den Wassermühlen vermahlten sie täglich doppelt so viel Getreide. 2) Das Abtrennen der Kleie verringert die Menge des zu Brot verbackbaren Endprodukts. Die o. g., weiter westlich gelegene kursächsische Stadt zwang 1641 die Not des Dreißigjährigen Kriegs zur Abschaffung der Beutelgänge. In diesem Zusammenhang wurde erwähnt, dass die Technik vielerorts nicht zum Einsatz kam.Ilka Göbel: Die Mühlen in der Stadt. Müllerhandwerk in Göttingen, Hameln und Hildesheim vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert. Dissertation Universität Göttingen 1991 (= Veröffentlichungen des Instituts für Historische Landesforschung der Universität Göttingen. Band 31). Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 1993, ISBN 3-927085-87-1, 4.4.2.2 Einführung neuer Mühlentechniken, S. 96–99.
Der Stadtrat von Göttingen beschloss 1735, seine Große Mühle zu modernisieren, um einen Beutelgang zu erweitern. Bereits nach weniger als zwei Jahren funktionierte die Anlage nicht mehr. Müller Sievert konnte mit ihr nicht umgehen und hatte mangels geringer Nachfrage kein Interesse am Fortbestand. Sein Nachfolger Ohms sagte 1750 aus „Es hätte niemand darauf mahlen wollen, weil darauf ein merkliches verloren ginge, und nicht so viel Mehl heraus zu bringen stehe als auf den gewöhnlichen Mühlen.“ In mehreren preußischen Landesteilen fand 1797 eine Befragung zur Verbesserung des Mühlenwesens statt. Bei der Kriegs- und Domänenkammer in Minden ging aus der Grafschaft Mark folgende Antwort ein: „In den Mühlen wird nicht gebeutelt, und ist so viel hier bekannt, in hiesigen Gegenden keine einzige Mühle dazu eingerichtet. Das Beuteln geschieht also mittelst einer Hand-Beutel-Mühle durch die Consumenten.“ Die gleiche Situation traf sicher für andere Landesteile, vor allem ländliche Regionen ebenfalls zu. Der Lauf der Zeit brachte mehrere Weiterentwicklungen (leistungsfähigeres Beutelzeug; Länge des Mehlkastens; Rollbeutel; Neigung, Länge und Gewebe des Rüttelbeutels; gesteigerte Rüttelbewegung).
Effektivere Sichtmaschinen, zuerst der 1785 vom englischen Ingenieur John Smeaton erdachte Sichtzylinder verdrängten den Beutelgang. Um 1900 enthielten ihn noch wenige, kleine Mühlen. Obgleich wurde weiterhin an seiner Optimierung getüftelt. Im Jahr 1957 sprach das Eidgenössische Amt für geistiges Eigentum dem Österreicher Franz Zins das Patent Nr. 317434 auf eine „Mühle für Kleinbetriebe mit neuer und besserer Beutelvorrichtung“ zu. Laut Erfinder erbrachte eine zusätzliche Abstützung zugleich eine waage- und senkrechte Bewegung des Rüttelbeutels, damit ein feineres Sichten. Eine Verwendung wurde nicht überliefert. Die Besichtigung eines Beutelgangs ermöglichen beispielsweise das Deutsche Technikmuseum Berlin (1983 dorthin umgesetzte Bockwindmühle Bohnsdorf) und das Museumsdorf Cloppenburg (1939–1941 dorthin verbrachte Kappenwindmühle Bokel).Helmut Düntzsch, Rudolf Tschiersch, Eberhard Wächtler, Otfried Wagenbreth: Mühlen. Geschichte der Getreidemühlen. 1. Auflage, Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie, Leipzig 1994, ISBN 3-342-00672-2, Personenverzeichnis. Smeaton, John, S. 426.Micaela Haas, Joachim Varchmin: Mühlen gestern und morgen. Martina Galunder Verlag, Nümbrecht 2002, ISBN 3-89909-009-8, 7. Kurze Beschreibungen einer Auswahl von Wind- und Wassermühlen. 7.1. Die Mühlen in Berlin. Die Bockwindmühle im Deutschen Technikmuseum Berlin, S. 107–111, 1983: S. 108; Beutelsichter: S. 111.Kappenwindmühle aus Bokel. In: Stiftung Museumsdorf Cloppenburg (Hrsg.): Museumsdorf Cloppenburg (abgerufen am 19. Juni 2019).
Technik Der Beutelgang schließt direkt unterhalb des Mahlgangs an, weil von dort her der Antrieb erfolgt. Er besteht aus 1) dem Beutelzeug als Transmissionsmaschine, 2) dem Rüttelbeutel als Arbeitsmaschine, 3) dem Mehlkasten als umgebendes Gehäuse und 4) einem meist abnehmbaren Kleiekasten (auch Vorkasten). 5) Später kam der Sauber als nachgeschaltete Arbeitsmaschine hinzu. Die Herstellung der Gesamtmaschine übernahmen Mühlenbauer.Werner Schnelle, Rüdiger Hagen: Mühlenbau. 2. Auflage, Beuth Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-410-21342-0, 4 Bau traditioneller Verarbeitungsmaschinen für Wind- und Wassermühlen. 4.3 Sichtmaschinen. Beutelgang, S. 130–131.Helmut Düntzsch, Rudolf Tschiersch, Eberhard Wächtler, Otfried Wagenbreth: Mühlen. Geschichte der Getreidemühlen. Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie, Leipzig 1994, ISBN 3-342-00672-2, 1 Die maschinelle Entwicklung der Getreidemühlen. [Einleitung], S. 7.
Beutelzeug mini|Die Details der Zeichnung von Leonardo da Vinci (Bildmitte) entsprechen weitgehend dem Gabelzeug – am Mühleisen ein Rädegetriebe mit Holzpflöcken. Nur die Gabel ersetzt ein dünner Stock.Heinrich Herzberg, Hans Joachim Rieseberg: Mühlen und Müller in Berlin. Teilauflage, Werner-Verlag, Düsseldorf 1987, ISBN 3-8041-1977-8, 2 Mühlen und Mühlenwerke. Mehl- und Graupenmühlen, S. 26–32, hier S. 29–31.
Das Beutelzeug (auch Sichtzeug) überträgt die Energie vom Mühleisen auf den Rüttel- oder Rollbeutel. Von ihm existieren vier Typen:
Das Gabelzeug bewirkt eine Hin- und Herbewegung. Hinter dem Mehlkasten ragen zwei Beutelsäulen auf. Diese verbindet unten ein Beutelsteg und oben ein Balken. Dazwischen steht die beiderseitig in Spurzapfen gelagerte, senkrechte, hölzerne Rüttelwelle. Am Mühleisen, meist an der Unterseite der Laterne sind zwei oder drei Holzpflöcke (Daumen) befestigt. Sie treffen bei jeder Umdrehung des Läufersteins den Anschlag (Arm) an der Rückseite der Rüttelwelle und lösen eine Teilumdrehung aus. Später kam der Dreischlag (drei Nocken auf der Laterne) zum Einsatz.
Der Hebel soll immer fest am Dreischlag anliegen. Dazu dient eine Federrute aus elastischem Eschenholz. Der Zweig wird von einer beweglichen Halterung im Fußboden über ein festes Gegenlager geführt und drückt durch ihre Spannung den Gegenhalter und letztlich den Anschlag. Die Halterung kann mit einem Seil verschoben und so die Spannung verändert werden.