mini|hochkant|Juri Dmitrijew (2007)
Juri Alexejewitsch Dmitrijew (auch Jurij Dmitrijew transkribiert; ; * 28. Januar 1956 in Petrosawodsk) ist ein russischer Menschenrechtler und Historiker, der zu den Verbrechen des Stalinismus forschte und lange den karelischen Regionalverband der Menschenrechtsorganisation Memorial leitete. Besondere Bedeutung erlangte seine Arbeit über die Erschießungsstätte Sandarmoch, die er 1997 gemeinsam mit Irina Flige und Weniamin Joffe lokalisierte und deren Opfer er anschließend mit Kollegen systematisch zu identifizieren und zu dokumentieren half.
Leben Werdegang Dmitrijew wurde im Alter von einem Jahr aus einem Waisenhaus adoptiert und wuchs in der Familie eines sowjetischen Militäroffiziers auf, der zeitweise in der DDR stationiert war; große Teile seiner Kindheit verbrachte er in Dresden.S. Lebedew, Interview mit Juri Alexejewitsch Dmitrijew Magazin Colta, 2. Februar 2018 (russisch, abgerufen am 22. Juli 2020) Er studierte an der Medizinischen Fakultät des Nordwestlichen Gesundheitsamts in Leningrad, ohne das Studium zu beenden. Zwischen 1988 und 1991 arbeitete Dmitrijew als Berater des Volksdeputierten der UdSSR, Michail Zenko. Damals begegnete er erstmals den Massengräbern der in den 1930er Jahren erschossenen Personen.Irina Galkowa: Interview mit Juri Alexejewitsch Dmitrijew, 1. Mai 2017, (russisch, abgerufen am 22. Juli 2020) Seit Ende der 1980er Jahre beschäftigte er sich mit dem stalinistischen Terror und der politischen Verfolgung in Karelien; 1997 übernahm er die Leitung des dortigen Regionalverbands von Memorial.
Forschungen Zunächst war Dmitrijew Juniorpartner von Iwan Tschuchin (1948–1997), einem ehemaligen Chefinspektor des karelischen Innenministeriums, der 1989 zum ersten Vorsitzenden der neugegründeten Menschenrechtsorganisation Memorial in Karelien ernannt worden war und von 1993 bis 1995 Abgeordneter in der Obersten Sowjet- und Staatsduma der Russischen Föderation war. Nachdem sich Tschuchin Zugang zu den Archiven der karelischen Staatssicherheit hatte verschaffen können, erforschte er zusammen mit Dmitrijew die Akten der karelischen troïka und dvoïka. Diese Spezialgerichte existierten zur Zeit des Großen Terrors in der gesamten Sowjetunion. Ihre Aufgabe war es, die inhaftierten Verfolgungsopfer zu verurteilen. In mühevoller Kleinarbeit konnten Tschuchin und Dmitrijew nach und nach die Urteile der troïka und dvoïka aufdecken.Irina Flige: Sandormokh. Le Livre noir d’un lieu de mémoire. Aus dem Russischen von Nicolas Werth. Société d'édition Les Belles Lettres, Paris, 2021. Hier: Vorwort von Nicolas Werth, S. 17/18. Als Tschuchin im Mai 1997 bei einem Autounfall in Wien ums Leben kam, führte Dmitrijew die Arbeit alleine fort und übernahm damit die Aufgabe, die Opfer der Verfolgungen in Karelien namentlich zu erfassen, darunter Menschen, die erschossen oder zu Straflager verurteilt wurden oder bei Verhören starben. Bis 2021 waren 14 Erinnerungsbände mit rund 20.000 Namen veröffentlicht worden.
1997 lokalisierte Dmitrijew gemeinsam mit Irina Flige und Weniamin Joffe die Erschießungsstätte Sandarmoch in Karelien, an der während des Großen Terrors Tausende Menschen vom sowjetischen Geheimdienst erschossen worden waren. Dmitrijew und seine Kollegen beschränkten sich dabei nicht auf das Auffinden der Erschießungsgruben, sondern rekonstruierten anhand von Archivmaterial auch Namen und Biografien zahlreicher Opfer. Nicht zuletzt aufgrund von Dmitrijews Engagement wurde in Sandarmoch bereits 1997 eine Gedenkstätte eingerichtet.
Im Sommer 1998 untersuchte Dmitrijew in Krasny Bor (Schöner Hain), einem Waldgebiet 19 km westlich von Petrosawodsk, ein weiteres Massengrab mit etwa 1000 Leichen, das im Jahr zuvor von I. D. und S. I. Tschugunkow entdeckt worden war.https://dmitrievaffair.com/remembrance/krasny-bor/ Sowohl Sandarmoch als auch Krasny Bor waren Erschießungsstätten aus der Zeit des Großen Terrors., Memorial (russisch, abgerufen am 22. Juli 2020) Darüber hinaus untersuchte Dmitrijew die Geschichte des Solowezker Lagers zur besonderen Verwendung (SLON) und des Lagerkomplexes Belbaltlag beim Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals.Biografie von Juri Alexejewitsch Dmitrijew, Memorial (russisch, abgerufen am 22. Juli 2020) Dank seiner Suche in Archiven sind die Namen aller 6241 in Sandarmoch dokumentierten Hinrichtungsopfer mit Angaben zu Geburtsjahr, Beruf, Verhaftung, Urteil und Hinrichtung bekannt. Nach Aussage von Irina Flige von Memorial gibt es „in ganz Russland keinen anderen, auf diesem Niveau dokumentierten Ort der Opfer staatlichen Terrors“.
Ab 2018 führte die staatlich finanzierte Russische Militärhistorische Gesellschaft in Sandarmoch eigene Grabungen durch, mit denen unter anderem die umstrittene Hypothese untersucht werden sollte, dort seien neben Opfern des stalinistischen Terrors auch sowjetische Soldaten bestattet, die während des Fortsetzungskriegs von finnischen Truppen erschossen worden seien. Die Historikerin Irina Takala bezeichnete diese These als sachlich unbelegt; der Finnland-Historiker Antti Kujala wertete die neue Deutung von Sandarmoch zusammen mit Dmitrijews Inhaftierung als Versuch, die stalinistischen Massenmorde zu relativieren, die Arbeit von Memorial in Zweifel zu ziehen und dessen Mitarbeiter einzuschüchtern.
Strafverfahren und Haft Im Dezember 2016 durchsuchten Ermittler Dmitrijews Wohnung und stellten auf seinem Computer neun Nacktfotos seiner minderjährigen Adoptivtochter sicher, auf deren Grundlage gegen ihn wegen der Herstellung kinderpornografischen Materials ermittelt wurde. Dmitrijew erklärte, die Fotos angefertigt zu haben, um für die zuständigen Behörden die körperliche Entwicklung des bei der Adoption unterernährten Kindes zu dokumentieren; Sachverständige der Verteidigung unterstützten diese Erklärung und bewerteten die Aufnahmen nicht als pornografisch.
Im April 2018 sprach das Stadtgericht von Petrosawodsk Dmitrijew von den mit den Fotografien zusammenhängenden Vorwürfen frei. Das Oberste Gericht Kareliens hob diesen Freispruch später auf und ordnete eine erneute Verhandlung an. Im Juni 2018 wurde Dmitrijew erneut festgenommen; nun wurde ihm zusätzlich eine gewaltsame sexuelle Handlung an seiner minderjährigen Adoptivtochter vorgeworfen. Dmitrijew bestritt die gegen ihn erhobenen Vorwürfe.
Am 22. Juli 2020 verurteilte das Stadtgericht von Petrosawodsk Dmitrijew wegen der gewaltsamen sexuellen Handlung zu dreieinhalb Jahren Haft in einer Strafkolonie; wegen der bereits verbüßten Untersuchungshaft hätte er nach diesem Urteil im November 2020 freikommen können. Am 29. September 2020 erhöhte das Oberste Gericht von Karelien die Strafe auf 13 Jahre Haft in einer Strafkolonie mit strengem Regime. Dmitrijew war wegen der COVID-19-Pandemie in Russland nicht im Gerichtssaal, sondern aus dem Untersuchungsgefängnis zugeschaltet und bekam vom Geschehen wegen schlechter Übertragung nur einen Teil mit. Sein langjähriger Verteidiger konnte wegen einer Corona-Quarantäne nicht am Berufungsverfahren teilnehmen. Der von Dmitrijew abgelehnte Pflichtverteidiger hatte nur drei Tage Zeit, um 19 Aktenordner zu dem Fall zu sichten.
Nach einer erneuten Verhandlung der weiteren Anklagepunkte wurde Dmitrijew im Dezember 2021 zu insgesamt 15 Jahren Haft in einer Strafkolonie mit strengem Regime verurteilt; Gegenstand des Urteils waren neben dem Vorwurf sexueller Handlungen gegenüber einer Minderjährigen auch die Herstellung kinderpornografischen Materials und ein Waffenbesitzdelikt. Im März 2022 bestätigte das Oberste Gericht Kareliens das Urteil; im Mai 2022 wurde Dmitrijew in die Strafkolonie IK-18 im mordwinischen Potma verlegt.
Memorial stuft Dmitrijew als politischen Gefangenen ein und bringt das Strafverfahren mit seiner Erforschung der stalinistischen Repressionen und insbesondere Sandarmochs in Verbindung; mehr als 150 russische Kulturschaffende und mehr als 400 ausländische Wissenschaftler unterstützten ihn mit offenen Briefen. Auch Historiker, Menschenrechtsaktivisten und Kulturschaffende äußerten die Auffassung, die Vorwürfe seien konstruiert worden, um Dmitrijew wegen seiner historischen Arbeit zum Schweigen zu bringen. Der Kreml erklärte dagegen, in das Verfahren nicht involviert zu sein; die Staatsanwaltschaft wies einen politischen Hintergrund zurück und erklärte, die Anklage beruhe auf Beweisen.
Während der Haft wurde Dmitrijew wiederholt in eine Strafzelle verlegt, unter anderem wegen beanstandeter Ausführung der morgendlichen Gymnastik. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich während der langjährigen Haft; über mehrere Jahre berichtete er unter anderem über Bluthochdruck, Schwindel und Kopfschmerzen. Am 25. September 2026 wurde der 70-Jährige nach starken Koordinationsstörungen und Schwäche, bei denen er zeitweise nicht mehr stehen konnte, aus der Strafkolonie in die medizinische Strafvollzugseinrichtung LIU-3 im mordwinischen Baraschewo verlegt; es bestand der Verdacht auf einen Schlaganfall. Sein Anwalt erhielt zunächst keinen Zugang zu Dmitrijew; am 28. September teilte die Einrichtung ihm telefonisch lediglich mit, dessen Zustand sei „stabil“, ohne weitere medizinische Einzelheiten bekanntzugeben. Dmitrijews Unterstützer äußerten Zweifel daran, dass die Einrichtung über die für eine umfassende Diagnose und Behandlung erforderliche Ausstattung verfüge, und forderten seine Verlegung in ein ziviles Krankenhaus.
Dmitrijews älteste Tochter Ekaterina Klodt setzt Teile seiner Erinnerungsarbeit fort und verlas 2023 bei der jährlichen Gedenkveranstaltung in Sandarmoch eine aus der Haft übermittelte Botschaft ihres Vaters.
Literatur Irina Flige: Sandormokh. Le Livre noir d’un lieu de mémoire. Société d'édition Les Belles Lettres, Paris, 2021, 167 Seiten. (Auf Französisch.) ISBN 978-2-251-45129-9. Mit einem Vor- und Nachwort von Nicolas Werth. Der französische Historiker und Spezialist der Geschichte der Sowjetunion besorgte auch die Übersetzung aus dem Russischen. Titel der russischen Originalausgabe: Sandormokh, Dramaturgia smyslow. Olivier Rolin: Le Météorologue. Roman. Le Seuil/Éditions Paulsen, Paris 2014. Neuauflage bei Le Point, Paris, 2015, 192 Seiten. Deutsch: Olivier Rolin: Der Meteorologe. Roman. Übersetzung Holger Fock und Sabine Müller. Liebeskind, München 2015, ISBN 978-3-95438-049-7. Der Roman handelt von der Zeit des Großen Terrors (1936/37–1938) in der Sowjetunion und erzählt die Geschichte des russischen Meteorologen Alexei Feodossjewitsch Wangenheim, der 1937 mit anderen Häftlingen in Sandarmoch ermordet wurde.
Weblinks
The Dmitriev Affair: The Life's Work and Trial of Yury Dmitriev dmitrievaffair.wordpress.com (englisch, abgerufen am 22. Juli 2020) Der Fall Dmitriev – eine Übersicht memorial.de (abgerufen am 22. Juli 2020) Die Geister der Vergangenheit Dekoder.org (abgerufen am 22. Juli 2020) Das Echo von Sandarmoch. Wie die Verurteilung des karelischen Historikers Juri Dmitrijew Russland und uns verändern wird Journal 7x7, (russisch, abgerufen am 22. Juli 2020)
Einzelnachweise
Kategorie:Menschenrechtsaktivist (Russland) Kategorie:Person (Memorial) Kategorie:Träger des Andrei-Sacharow-Freiheitspreises Kategorie:Sowjetbürger Kategorie:Russe Kategorie:Geboren 1956 Kategorie:Mann