mini|Kassin: Porträtrelief Josef von Kühn, 1913 Josef Kühn, seit 1909 Edler von Kühn (* 5. Dezember 1833 in Wien; † 10. April 1913 in Wien) war ein österreichischer Philanthrop. Er war Gründer und Präsident des Ersten Wiener Volksküchenvereins, Gemeinderat der Stadt Wien, sowie Mitglied im Bundesausschuss des Österreichischen Roten Kreuzes.
Herkunft und Leben mini|hochkant|Ehrengrab von Josef von Kühn auf dem Wiener Zentralfriedhof Joseph Kühn wurde am 5. Dezember 1833 in Wien-Wieden geboren und am selben Tag in St. Carl getauft. Sein Vater, Johann Kühn, war k.k. Rechnungsofficial, Hausbesitzer und Mitglied des Äußeren StadtratsKarl Hofbauer: Die Wieden mit den Edelsitzen Conradswerd, Mühlfeld, Schaumburgerhof und dem Freigrunde Hungerbrunn. Verlag Karl Gorischek, Wien 1864, , S. 63 (digitale-sammlungen.de). von Wien, sowie einer der acht Directoren des Wiener Bezirkskrankenhauses Wieden. Seine Mutter Anna entstammte der wohlhabenden Postmeister-Familie Prettenhofer in Neunkirchen, einer Poststation an der Semmeringstraße von Wien nach Grätz (heute Graz). Schon der Großvater Franz Prettenhofer war Mitglied im Aktionärs-Ausschuss der Österreichischen Nationalbank, die Eltern konnten 1844 das Schloss Guntramsdorf bei Wien erwerben.Pfarrer Josef Knoll: Chronik der Marktgemeinde Guntramsdorf und der Pfarren von Guntramsdorf. Marktgemeinde Guntramsdorf, 6. verbesserte Auflage, Guntramsdorf 2004, keine ISBN, S. 72 und S. 89.
Nach Absolvierung seiner juridischen Studien einschließlich Promotion war Josef Kühn im Gerichtsdienst und im Staatsministeriums tätig. 1865 gab er die Beamtenstellung auf, um sich als Privater politischen und vor allem gemeinnützigen Tätigkeiten zu widmen. Am 17. Juli 1875 heiratete er in Wien-Oberdöbling Emma Pfeningberger, eine Tochter des Realitätenbesitzers und Wachstuch-Fabrikanten Josef Pfeningberger. Das Paar lebte danach in Wien und in Guntramsdorf, wo die beiden Töchter zur Welt kamen.
Josef Kühn war Ritter des Franz-Joseph-Ordens und erhielt 1909 den Adelstitel "Edler von Kühn", er starb aber schon vier Jahre später am 10. April 1913. Die Stadt Wien gewährte ihm ein EhrengrabBrigitte Ponta-Zitterer: Der Kärntner Bildhauer Josef Kassin (1856–1931). In: Dissertation Universität Graz. 2018, S. 267 und S. 349. am Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 0, Reihe 1, Nr. 67) und benannte den Kühnplatz in Wieden nach ihm.
Gemeinnützige Tätigkeit Volksbank auf der Wieden Anfang 1868 stellte Kühn gemeinsam mit einem Buchbinder und einem Tischlermeister beim Statthalter den Antrag auf Gründung einer Volksbank auf der Wieden nach dem Muster des deutschen Sozialreformers Schulze-Delitzsch. In seiner Schrift "Über Vorschussvereine als Volksbanken" wies Kühn darauf hin, dass Handwerker und kleine Gewerbetreibende bisher wenig Aussicht auf einen Kredit zu erträglichen Zinsen haben und dass es in Deutschland bereits mehr als 1000 solcher Vorschussvereine gebe, in den deutschsprachigen Gebieten Österreichs (Cisleithaniens) aber erst 19 Vereine. Der neu gegründete Vorschussverein "Wiedener Volksbank" hatte alsbald 350 Mitglieder, konnte den Wiener Börsenkrach von 1873 unbeschadet überstehenWiedener Volksbank. In: Neues Wiener Blatt. 22. August 1874, S. 5. und blieb danach zwei Jahrzehnte lang bis 1891 bestehen.Auflösung der Wiedener Volksbank. In: Neue Freie Presse. 18. März 1891, S. 10.
Erster Wiener Volksküchenverein Wien war gegen Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur die glanzvolle Reichshaupt- und Residenzstadt, es gab auch eine dunkle Seite "im Schatten der Ringstraße".Helmut Walla: Im Schatten der Ringstraße: das andere Wien um 1900. In: Familia Austria. Österreichische Gesellschaft für Genealogie und Geschichte, Schriftenreihe Nr. 2, Wien 2017. Um die Not dort nicht mit Almosen zu lindern, sondern mit Essen zum Selbstkosten-Preis, lud Kühn als Mitglied des Bezirksausschusses Wien-Wieden im Oktober 1869 einen größeren Kreis von Herren in das Gemeindehaus des Bezirks ein, um die Gründung eines Vereins zur Errichtung und Leitung einer Volksküche nach dem in Deutschland, namentlich in Berlin, erprobten Grundsatz der Selbsterhaltung ohne Gewinnerzielung zu besprechen. Kühns Vorschlag erhielt zwar Beifall, wurde aber mit großer Mehrheit abgelehnt, weil man mit solchen Unternehmungen bereits Erfahrungen gemacht habe. Die Rumford’schen Suppenanstalten hätten in Wien zwei Jahre bestanden und sich dann aufgelöst. Außerdem sei es ganz unwahrscheinlich, dass sich in Wien genügend Frauen und Fräuleins finden würden, welche bereit wären, als Ehrendamen bei der Speiseabgabe am Buffet täglich abwechselnd zu wirken.
Drei Jahre später unternahm Kühn einen neuen, aber diesmal erfolgreichen Vorstoß zur Gründung eines Volksküchenvereins. Zusammen mit dem Wiedener Bezirksvorsteher und k.k. Hoflieferanten Franz Winkler von Forazest, sowie drei weiteren Bürgern erstellte er im April 1872 ein Programm, das in mehreren tausend Exemplaren ausgesandt wurde. Außerdem bemühten sich die Gründer um die Mitwirkung hochherziger Frauen, die sich in großer Zahl anschlossen und so die Bestrebungen wesentlich förderten. In der konstituierenden Versammlung vom 10. November 1872 genehmigten die überwiegend bürgerlichen Mitglieder das Vereinsstatut der "Ersten Wiener Volksküche im Bezirke Wieden", so dass bereits am 22. Jänner 1873 das erste Speiselokal in Wien IV, Hechtengasse (heute Rienößlgasse) eröffnet werden konnte. Innerhalb weniger Jahre eröffnete der Erste Wiener Volksküchenverein noch drei weitere Volksküchen im I., VI. und VII. Bezirk. mini|Breitwieser: Eine Volksküche in Wien, 1880
In anderen Bezirken beschränkte sich der Erste Wiener Volksküchenverein zunächst auf die tatkräftige UnterstützungLeopoldstädter Volksküche. In: Neues Fremdenblatt. 29. Dezember 1872, S. 2. von sechs anderen, rechtlich eigenständigen Volksküchen-Vereinen. Dazu gehörte der Erste Leopoldstädter Volksküchen-Verein, den die Fürstin Marie zu Hohenlohe-Schillingsfürst, die Gattin des kaiserlichen Obersthofmeisters Konstantin zu Hohenlohe-Schillingsfürst ins Leben gerufen hatte. Ebenfalls in der Leopoldstadt befand sich eine Volksküche nach israelitischem Ritus, die koscheres Essen für die jüdische Bevölkerung bereitstellte.
Hohe Besucher Nur wenige Wochen nach Eröffnung besuchte Kaiser Franz Josef am 12. März 1873 persönlich die Erste Wiener Volksküche in Wieden, wo ihn Kühn empfing und ihm die wichtigsten Mitarbeiter vorstellte. Nach Besichtigung der Küche kostete der Kaiser selbst von den Speisen und rühmte ihren Wohlgeschmack. Danach begab er sich in die überfüllten Speiseräume und erkundigte sich bei den Gästen nach ihrer Zufriedenheit. Nach halbstündigem Aufenthalt äußerte der Kaiser nochmals seine Anerkennung über das gemeinnützige Wirken dieses menschenfreundlichen Institutes.
Am 11. Februar 1874 widmete auch Kaiserin Elisabeth der Ersten Wiener Volksküche einen längeren Besuch. Kühn empfing sie am Eingang und stellte ihr seine Mitarbeiter vor. Nach eingehender Besichtigung von Küche und Speisesälen bedankte sich Kühn für die hohe Auszeichnung und Anerkennung, die dem Institut zuteilgeworden sei. Einige Monate nach diesem Besuch übernahm die Kaiserin am 10. Juli 1874 als "Protectorin" den Ehrenschutz über den Ersten Wiener Volksküchenverein.
Am 19. April 1875 kam die Kaiserin mit Ihrer Hofdame, der Gräfin Goëss, unangekündigt zu Fuß zur Innenstadt-Volksküche in der Schönlaterngasse 9, abgerufen am 19. April 2025. Sie war erstaunt über die gute Entwicklung der Volksküchen in Wien und sprach ihre lebhafte Zustimmung und Anerkennung aus. Dieser Besuch wurde vom Maler August Heinrich Mansfeld in einem Gemälde festgehalten. Nur acht Tage nach seiner Mutter besuchte auch Kronprinz Rudolf am 27. April 1875 die Volksküche in der Schönlaterngasse.Erster Wiener Volksküchenverein. In: Wiener Zeitung. 25. Mai 1876, S. 1–2. mini|August Heinrich Mansfeld – Besuch der Kaiserin Elisabeth in der Volksküche 1875
Gemeinderat der Stadt Wien Von 1873 bis 1886 war Kühn liberales Mitglied des Wiener Gemeinderats. Vor seiner Wahl hatte Kühn versprochen, dass er sich für die Abschaffung der nach Steuerleistung gestaffelten "Wahlkörper" einsetzen werde,Vereinschronik. In: Illustrirtes Wiener Extrablatt. 1. März 1873, S. 5. wobei aber erst 1885 eine geringfügige Verbesserung zustande kam. Der Wiener Kommunalkalender dieser Jahre erwähnt Kühns Mitarbeit im Schulbau-Ausschuss, Ortsschulrat, Bezirksschulrat der Stadt Wien, der Steuerreform-Commission und als Antragsteller der Commission zum Schutz der Waldungen im Hochquellengebiet. Außerdem war er Mitglied der Direktion des St. Josef Kinderspitals. Nach dem Ende seiner Gemeinderats-Tätigkeit war er Mitglied im Zentralrat für das Armenwesen in Wien.
Reform, Ausbau und Sicherung der Volksküchen Während Kühns Gemeinderatszeit waren zwei der eigenständig betriebenen Volksküchen in Schwierigkeiten geraten, eine davon (Alservorstadt) musste nach Verlusten schließen. Obwohl der Erste Wiener Volksküchenverein davon nicht direkt betroffen war, widmete sich Kühn jetzt mit ganzer Kraft der Reform, dem Ausbau und der Sicherung des Ersten Wiener Volksküchenvereins. Als Voraussetzung dazu wurde die Organisation straffer und zentraler gestaltet und durch Dienstvorschriften geregelt. Die Geschäftsführung der Küchen wurde durch besoldete „Vereinsbeamtinnen“ wahrgenommen und von der vereinsmäßig ehrenamtlichen Aufsicht getrennt. Es wurde eine Küchenrevision geschaffen und die einheitliche Qualität der Speisen durch ein erprobtes "Normal-Kochbuch" sichergestellt. Schließlich wurde die berufsmäßige Heranbildung von Volksküchen-Wirtschafterinnen geregelt.
Ende 1887 wurde die fünfte vereinseigene Volksküche im Arbeiterbezirk Favoriten errichtet, wo ein großer Teil der ärmsten Bevölkerung wohnte. Es folgten neue Volksküchen in Ottakring, Hernals-Ottakring, der Alservorstadt, Fünfhaus, Brigittenau und im damaligen Zwischenbrücken. Nachdem die bisher eigenständige Landstraßer Volksküche mit dem Verein fusioniert hatte, verfügte der Erste Wiener Volksküchenverein 1895 über elf eigene Speiselokale, drei weitere waren in Vorbereitung.
Zur dauerhaften Sicherung seines Bestandes gründete der Verein 1888 eine Stiftung mit einem Stammkapital von 40 000 Gulden, die überwiegend von einem Wohltätigkeits-Basar stammten, den die seither verstorbene Fürstin Johanna von Auersperg 1876 abgehalten hatte. Mit dem Stiftungsvermögen wurde ein Baugrund in Wien-Wieden beschafft, auf dem das "Kaiser Franz Josef-Stiftungshaus" errichtet wurde. Im Stiftungshaus waren neben der Wiedener Volksküche auch Mietwohnungen untergebracht, aus deren Ertrag der Baukredit zurückgezahlt wurde. Auch wenn das Stiftungshaus in einem anonymen ZeitungskommentarDie Wiener Volksküchen und die bürgerliche Wohltätigkeit. In: Arbeiter-Zeitung. 16. September 1892, S. 3. als „Zinshaus“ gewertet wurde, sicherte es später in den Notzeiten des 1. Weltkriegs den Weiterbestand der Volksküchen.
Kühn als Techniker Der Jurist Kühn entwickelte in den Volksküchen bemerkenswerte technische Neuerungen, über die er in mehreren Schriften berichtete. Jahrzehnte bevor Schnellkochtöpfe erstmals in Haushalten verfügbar waren, führten die Wiener Volksküchen nach mehrjährigen Studien und Versuchen das Kochen unter Dampfdruck nach Papin ein, wodurch sich Brennstoffverbrauch und Kochzeiten halbierten. Zudem gab es weniger Hitze und Dunst in den Küchen.