Hans Joachim Schmidt (* 5. Januar 1907 in Riga, Gouvernement Livland; † 19. März 1981 in Wien, Österreich) war ein deutscher Zahnarzt sowie Pressereferent bzw. Referent für Öffentlichkeitsarbeit der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg, Mitbegründer der Deutschen Fluorkommission im Deutschen Ausschuss für Jugendzahnpflege (DAJ) und der European Organisation for Caries Research (ORCA). Er war einer der engagiertesten deutschen Verfechter der Fluoridanwendung zur Kariesprophylaxe, speziell der Trinkwasserfluoridierung. Der Stuttgarter Zahnarzt ist nicht mit dem Kieferchirurgen (Dr. med., Dr. med. dent.) Hans Joachim Schmidt (* 1912) zu verwechseln, der bis 1950 in der Berliner Charité im Institut von Georg Axhausen als Oberarzt wirkte.
Leben und Werk Seine Eltern waren der „Reichsdeutsche Fabrikbesitzer“ Johannes Schmidt und dessen Ehefrau Claire Schmidt, geborene Tacke. Im Jahr 1914 verließ er seine baltische Heimat und bestand nach mehrfachem Schulwechsel 1928 in Wuppertal-Elberfeld die Reifeprüfung. Danach studierte er „Rechts- und Staatswissenschaft“ in Königsberg, München, Marburg und Würzburg. In Würzburg begann er auch ein Studium der Zahnmedizin. Politisch engagiert äußerte er sich 1935 in zeitgemäßem Stil zur Annexion des Memellands.Hans Joachim Schmidt: Gequältes Memelland. 15 Jahre Kampf für das Deutschtum. Verlag H. Schaufuß, Leipzig 1935. Im Januar 1936 wurde er als Diplom-Volkswirt mit seiner Dissertation „Der zusätzliche Kredit“ zum Dr. rer. pol. promoviertHans Joachim Schmidt: Der zusätzliche Kredit. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der hohen staatswissenschaftlichen Fakultät der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Würzburg 1936. und im Februar 1937 im Hygiene-Institut unter Maximilian Knorr zum Dr. med. dent. mit einer Dissertation über Statistische Untersuchungen über die Zahnkaries. Im angehängten Lebenslauf erwähnt er: „Als Leiter der Arbeitsgemeinschaft „DAF“ der Würzburger staatswissenschaftlichen Fakultät nahm ich an einem Vierwochenlehrgang der Schulungsburg der NSDAP, Berlin-Wannsee teil“.Hans Joachim Schmidt: Statistische Untersuchungen über die Zahnkaries. Dissertation, Würzburg 1937. Zum 1. Mai 1933 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 3.108.078)Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/38181244 mit einmaligem Auftritt als Redner, von 1934 bis 1938 war er SA-Rottenführer.Spruchkammer (37/05) in Sachen gegen Dr. Dr. Schmidt, Hans Joachim. Staatsarchiv Ludwigsburg. Signatur EL 902/20 Bü 92222. Aufgrund einer Kriegsverletzung (Kniesteckschuss mit Kniegelenksergüssen, Schlottergelenk; 50 % Behinderung) wurde das Verfahren gegen ihn gemäß Verordnung zur Durchführung der Weihnachts-Amnestie vom 5. Februar 1947 eingestellt.
Schon 1936, als cand. med. dent. hatte er Beiträge für die Zahnärztlichen Mitteilungen geschrieben und sich dann intensiver der zahnmedizinischen Statistik zugewandt.Hans Joachim Schmidt: Das Rohstoffproblem und der Zahnarzt. In: Zahnärztliche Mitteilungen. Band 27, Nr. 10, 1936, S. 201.Hans Joachim Schmidt: Das soziale Problem und die Kariesforschung. In: Zahnärztliche Mitteilungen. Band 27, 1936, S. 725.Hans Joachim Schmidt: Die Notwendigkeit zahnärztlich-statistisch sichere Aussagen zu gewinnen und ihre Mittel. In: Schweizer Monatsschrift für Zahnheilkunde. Band 48, 1938, S. 1300.Hans Joachim Schmidt: Rufe die nicht verhallen sollten (Kommentar zu W. Klußmann). In: Zahnärztliche Mitteilungen. Band 29, 1938, S. 695. Mit seinem Werk Zahnärztliche Statistik, das im Jahr 1938 im Hippokrates Verlag, Stuttgart, erschien, erregte er Aufmerksamkeit.Hans Joachim Schmidt: Zahnärztliche Statistik. Hippokrates Verlag, Stuttgart, 1938.Der Literaturbericht des Monats. Zahnärztliche Statistik. In: Zahnärztliche Mitteilungen. Band 29, 1938, S. 987.Zahnärztliche Statistik. In: Zahnärztliche Mitteilungen Band 29, 1938, S. 1019. Dann wurde ihm bewusst, dass „in England und Amerika zu Forschungszwecken außerordentlich hohe Staatszuschüsse bewilligt werden, wie man sie bei uns nicht kannte. Eine Zeit, die gebieterisch fordert, dass Deutschlands Ruf auf dem Weltmarkt in gleicher Geltung bleibt, mahnt alle die, die irgendwie berufen sind, an der Wissenschaft mitzuarbeiten, zu regster Tätigkeit“.Hans Joachim Schmidt: Forschung tut not! In: Zahnärztliche Mitteilungen. Band 31, Nr. 6, 1940, S. 66. Auch während des Zweiten Weltkriegs fand er gelegentlich Zeit, sich mitzuteilen.Hans Joachim Schmidt: Die Karieshäufung der rechten und der linken Seite der Kiefer oben und unten. In: Zahnärztliche Rundschau. Band 50, Nr. 7, 1941, S. 251.Hans Joachim Schmidt: Was sind Handelsdünger und was leisten sie im Landbau? In: Zahnärztliche Mitteilungen. Band 33, Nr.25/26, 1942, S. 230.Hans Joachim Schmidt: Zusammenschau der Paradentosebehandlung in der täglichen Praxis - Ein Versuch. In: Zahnärztliche Rundschau. Band 52, Nr. 46/47, 1943, S. 1075. Eine Verwundung, die ihn längere Zeit ans Bett fesselte (s. o.), bot ihm Gelegenheit, Literatur zu sammeln über „Vitalstoffe“ und Kariesätiologie, wobei ihm Schriftleiter einiger Zeitschriften behilflich waren. Ab 1948 reihten sich unter die Helfer des Stuttgarter Zahnarztes auch „einige amerikanische Herren“ ein (John William Knutson, Henry Trendley Dean, Basil Glover Bibby, Francis Arthur Arnold).Hans Joachim Schmidt: Die Deutsche Dokumentenstelle für zahnärztliches Schrifttum. In: Zahnärztliche Mitteilungen. Band 48-50, Nr. 3, 1960, S. 94. Im Jahr 1952 bezeichnete Hans Joachim Tholuck Schmidt neben Walter Drum und Rudolf Schill als einen der „Vorkämpfer der Idee der Fluoridierung“ in Deutschland.Hans Joachim Tholuck: Die Hessische Fluoraktion. In: Zahnärztliche Mitteilungen. Band 40, Nr. 22, 1952, S. 561. Dies wird durch Schmidts Monographien (ab 1951) und zahlreiche Zeitschriftenbeiträge (zu Fluorid ab 1949) eindrucksvoll belegt.
Ein Autor mit Ausdruckschwierigkeiten Wo eine Redaktion nicht hilfreich eingriff, können einem aufmerksamen Leser allerdings einige stilistische Besonderheiten in Schmidts Ausführungen nicht entgehen: falsch geschriebene Begriffe und Autoren-Namen, Wortneuschöpfungen, Telegrammstil und stereotype Aussagen. Der Gießener Zahnmediziner und Biologe Albert Keil machte dazu beispielhaft in einer Besprechung von Schmidts „Kariesprophylaxe durch Fluortherapie?“ (1951) folgende Anmerkungen: „Manche Satzformulierungen sind schwer verständlich oder unpassend, wie überhaupt in sprachlicher Beziehung das Manuskript einer nochmaligen Überprüfung bedurft hätte (verunmöglichen (unreflektiert aus Leimgrubers Arbeiten übernommen), Kontaktberührung, In Deutschland werden die Zahnreihen in Berlin und Köln berieselt u. a.).“ Auch seien in dem „Sammelreferat in Buchform“ Zitate anderer Autoren nicht immer klar von der Meinung des Verfassers unterschieden.Albert Keil: Neue Bücher. Hans Joachim Schmidt: "Kariesprophylaxe durch Fluortherapie?" In: Zahnärztliche Welt. Band 7, 1952, S. 219. Ewald Harndt fand schon den Titel des Werks – mit dem bereits 1950 ein Münchner Dentist seinen Aufsatz überschrieben hatte –A. L. Ketterl: Kariesprophylaxe durch Fluortherapie. In: Deutsche Dentistische Zeitschrift. Band 4, 1950, S. 691. nicht ganz logisch: „Er will also der Karies vorbeugen bzw. ihr Auftreten verhüten, indem er sie mit Fluor behandelt und heilt. Schon durch diese nicht ganz logische Fassung des Titels kommt die modische Überwertung des Elementes zum Ausdruck.“Ewald Harndt: Bücherschau. Kariesprophylaxe durch Fluortherapie? In: Deutsche Zahnärztliche Zeitschrift. Band 9, Nr. 17, 1954, S. 1030. Noch heftiger kritisierte der Kariesforscher Klaus Georg König die Zweitauflage des Werks, die 1967 unter dem Titel „Zahnkariesprophylaxe durch Fluoride“Hans Joachim Schmidt: Zahnkariesprophylaxe durch Fluoride. Die Grundlagen wissenschaftlicher und praktischer Fluorforschung in der Welt mit besonderer Berücksichtigung Europas. Alfred Hüthig Verlag. Heidelberg 1967. veröffentlicht wurde. Schmidt habe sich mit seiner selbstgestellten Aufgabe übernommen. Neben den vielen sachlichen Mängeln, bis hin zum ärztlichen Kunstfehler beim beschriebenen Vorgehen zur Behandlung einer Flusssäure-Verätzung, kritisierte König „Druckfehler, die sich auf jeder Seite finden“, und einen grammatikalisch nicht immer reinen Satzbau. Er sah sich „ausserstande, das Buch als Nachschlagewerk über die Kariesprophylaxe mit Fluoriden zu empfehlen.“Klaus Georg König: Buchbesprechungen. Schmidt H. J.: Zahnkariesprophylaxe durch Fluoride. In: Schweizer Monatsschrift für Zahnheilkunde. Band 77, 1967, S. 579–583. Der Kariesforscher Josef Münch kritisierte das Werk wegen grober Irreführung der Leser des Textes, der sich auf Münchs Beiträge bezieht, und einer willkürlichen Veränderung der Autorenreihenfolge bei der Schrifttumsangabe.Josef Münch: Das neue Buch. Schmidt H. J.: Zahnkariesprophylaxe durch Fluoride. In: Zahnärztliche Praxis. Band 18, Nr. 11, 1. Juni 1967, S. 142. Schmidt selbst bezeichnete sein Buch dagegen auch später noch als „Standardwerk“,Hans Joachim Schmidt: Entwicklung der Trinkwasserfluoridierung, Empfehlungen, Ergebnisse. Teil I, Eigenverlag, Stuttgart 1978, Vorwort S. 1. zumal der vor der DGZMK-Empfehlung noch kritisch eingestellte Karl Michael Hartlmaier darin nun „Die Wahrheit über Fluor“ geschildert sah.Karl Michael Hartlmaier: Die Wahrheit über Fluor. Ein Buch, das überzeugt. In: Zahnärztliche Mitteilungen. Band 57, 1967, S. 271.
Erste Kontakte mit Fluoridforschung