Die European Organisation for Caries Research (ORCA) ist eine internationale Gesellschaft zur Erforschung und Prävention der Zahnkaries. Sie geht zurück auf die in einer Arbeitssitzung am 7. und 8. November 1953 in Konstanz gegründete Europäische Arbeitsgemeinschaft für Fluorforschung und Kariesprophylaxe (EAFK).Europäische Arbeitsgemeinschaft für Fluorforschung und Kariesprophylaxe. In: Zahnärztliche Mitteilungen. Band 41, Nr. 23, 1953, S. 704. Laut Internet-Seite der Organisation ist derzeit (Stand 2024) Margherita Fontana (USA) Präsidentin.
Geschichte Nach dem Zweiten Weltkrieg waren der Schweizer Zahnarzt Hans Robert Held (1910–1998) und der deutsche Zahnarzt Hans Joachim Schmidt (1907–1981) aus Stuttgart von Berichten aus den USA über die karieshemmende Wirkung von fluoridhaltigem Trinkwasser beeindruckt, die der US-amerikanische Zahnarzt Henry Trendley Dean (1893–1962) untersucht hatte. Anfang der 1950er Jahre fiel diese Nachricht mit Berichten über eine dramatisch zunehmende Kariesrate zusammen. In diesem Zusammenhang wurde einerseits auf eine stärkere Sensibilisierung der Zahnärzteschaft für das Problem hingewiesen, andererseits auf die ernährungsreiche Zeit nach den Entbehrungen während des Zweiten Weltkriegs.
Gründung Einem fauxpas des Stuttgarter Zahnarztes Hans Joachim Schmidt ist der Hinweis zu verdanken, dass er offenbar bereits 1949 eine Europäische Arbeitsgemeinschaft für Fluorforschung gründen wollte und in einem Rundschreiben acht Teilnehmer nannte, die er zur aktiven Mitarbeit aufforderte. Dass er im Zusammenhang mit einer weiteren Vereinsgründung (Institut für Kariesforschung und Kieferorthopädie der Württembergischen Zahnärzteschaft e. V.) die „Unfähigkeit der Universitäten zur wissenschaftlichen Leistung, bedingt durch sachliche und persönliche Mängel“ – Schmidt mag Personalmangel gemeint haben – als Anlass anführte, verärgerte allerdings Hans-Hermann Rebel, den Leiter des Zahnmedizinischen Instituts der Universität Tübingen. Rebel, der seit 1948 zusammen mit Adolf Knappwost der Fluorfrage experimentell nachging, kritisierte daraufhin öffentlich, dass er ohne seine Zustimmung auf Schmidt’s Liste als Teilnehmer genannt wurde, während zeitgleich in einem anderen Schreiben auf die „Unfähigkeit der Universitäten ...“ verwiesen würde.Hans Hermann Rebel: Mitteilung. In: Zahnärztliche Welt. Band 4, Mai 1949, S. 248.Hans Hermann Rebel: Erklärung. In: Deutsche Zahnärztliche Zeitschrift. Band 4, Nr. 8, 1949, S. 593. Bezüglich der Gründung der genannten Arbeitsgemeinschaft erklärte Schmidt später, dass er Anfang 1953 ein Schreiben des Schweizer Zahnarztes Hans Robert Held (1910–1998) erhalten habe „mit der Bitte ihn zu besuchen um den Gedanken zu prüfen, ob eine derartige Arbeitsgemeinschaft ins Leben gerufen werden sollte.“Hans Joachim Schmidt: 10 Jahre ORCA. In: Zahnärztliche Mitteilungen. Band 53, 1963, S. 593. Held soll verheiratet gewesen sein mit der Inhaberin der Fabrik, die die Zymafluor-Tabletten herstellte.Martin Oestrich: Die Geschichte ..., S. 9 Nach einer anderen Quelle hat er in Zusammenarbeit mit Forschern der Zyma AG, Nyon, die ersten in der Schweiz erhältlichen Fluorid-Tabletten entwickelt.Pierre Baehni et al.: Nachruf auf Dr. Hans Robert Held (1910–1998). In: Schweizer Monatsschrift für Zahnmedizin. Band 109, Nr. 3, 1999, S. 309. In diesem Zusammenhang wird von anderer Seite auch Victor Demole als Zyma-Forscher genannt.Henri Rieben et al.: Portraits de 250 Entreprises Vaudoises. 24-Heures, Lausanne 1980, S. 57.Henri Rieben et al.: Encyclopédie illustrée du pays de Vaud. Band 8: La Grande Mutation. L'économie vaudoise contemporaine. I. 24-Heures, Lausanne 1980, S. 143. Held hatte bereits 1950 in der Schweiz einen „Fluormangel“ konstatiertHans Robert Held: Statistische Betrachtungen des Fluorproblems. In: Zyma Journal. Juni 1950, S. 15.Hans Robert Held: Zahnärztliche Fluortherapie. In: Zyma Journal. Juni 1950, S. 35. und 1952 im Zyma Journal auch über seine Fluorid-Arbeiten berichtet, die die Fluorpassage nach Fluormedikation während der Schwangerschaft und in der Stillzeit betrafen.Hans Robert Held: Der Durchtritt des Fluors durch die Placenta und sein Übertritt in die Milch. In: Zyma Journal. Nr. 2, November 1952, S. 18. Als Schmidt sich am 28. Februar in Genf mit Held traf, habe er den Auftrag erhalten, die erste Satzung für die neue Arbeitsgemeinschaft zu entwerfen. Zur konstituierenden Sitzung in Konstanz trafen sich im November 1953 neben Held und Schmidt die Österreicher Sepp Koller und Horst Leonhardt, die Deutschen Walter Drum, Hertha Hafer, Adolf Knappwost, Erwin Ott, Hans Heuser, sowie die Schweizer Heinrich Schmid und Victor Demole, letztere als Repräsentanten der Fluorkommission der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften, die sich an der Gründung beteiligte und deren Präsident, Arthur Jean Held (1905–1999), als Präsident der neu gegründeten Vereinigung deren ersten Kongress in Salzburg leiten sollte.Report annuel pour 1954. In: Bulletin der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften. Band 11, 1955, S. 163.
Die Ziele der Organisation wurden wie folgt festgelegt: Das Studium des Fluorproblems zu fördern Das Ansehen der Fluorforschung und der zahnprophylaktischen Maßnahmen und deren wissenschaftliche Ergebnisse zu wahren und zu schützen sowie dem Missbrauch entgegenzutreten Die an dieser Aufgabe arbeitenden Forscher ungeachtet der Landesgrenzen zusammenzuführen., ORCA, Juli 2015. Abgerufen am 9. Juni 2019.
Der erste Kongress der Europäischen Arbeitsgemeinschaft für Fluorforschung und Kariesprophylaxe (EAFK) fand im Mai 1954 in Salzburg statt.Theo Hürny: Bericht über die 1. Tagung der Europäischen Arbeitsgemeinschaft für Fluorforschung und Kariesprophylaxe. In: Schweizer Monatsschrift für Zahnheilkunde. Band 64, 1954, S. 779. Die Vorträge beim dortigen Kongress wurden in der Zeitschrift Stoma (Schriftleiter: Hans Heuser) veröffentlicht, danach erschienen ausführlichere Kongressberichte gelegentlich in einer zahnärztlichen Zeitschrift des Landes, in dem der Kongress jeweils stattfand.z. B. der erste Kongress in Salzburg (1954) in Stoma, der Genfer Kongress 1955 in der Schweizerischen Monatsschrift für Zahnheilkunde, die Beiträge des Kongresses in Malmö (1957) in Odontologisk Revy, der Kongress in London (1961) in Archives of Oral Biology, etc. Ab dem 9. Kongress in Paris 1962 wurden für wenige Jahre die Vorträge der jährlichen Kongresse als Advances in Fluorine Research and Dental Caries Prevention in Buchform herausgegeben,J. L. Hardwick, J. P. Dustin, Hans R. Held (Hrsg.): Advances in Fluorine Research and Dental Caries Prevention. Proceedings of the 9th Congress of the European Organization for Research on Fluorine and Dental Caries Prevention. Paris 28th – 30th June, 1962. Pergamon Press, Oxford etc. 1963.J. L. Hardwick, J. P. Dustin, Hans R. Held (Hrsg.): Advances in Fluorine Research and Dental Caries Prevention. Volume 2. Proceedings of the 10th Congress of the European Organization for Research on Fluorine and Dental Caries Prevention. Geneva 10th – 14th July, 1963. Pergamon Press, New York 1964.J. L. Hardwick, Hans R. Held, Klaus G. König (Hrsg.): Advances in Fluorine Research and Dental Caries Prevention. Volume 3. Proceedings of the 11th Congress of the European Organization for Research on Fluorine and Dental Caries Prevention. Sandefjord, Norway, 7th – 9th July, 1964. Pergamon Press, Oxford etc. 1965.P. M. C. James, Klaus G. König, Hans R. Held (Hrsg.): Advances in Fluorine Research and Dental Caries Prevention. Volume 4. Proceedings of the 12th Congress of the European Organization for Research on Fluorine and Dental Caries Prevention. Utrecht, The Netherlands, 9th – 11h June, 1965. Pergamon Press, Oxford etc. 1966. bis man schließlich beim Kongress in Perugia 1966 Caries Research als neues Publikationsmedium ankündigte.Hans Joachim Schmidt: ORCA-Kongress 1966 in Perugia. In: Zahnärztliche Mitteilungen. Band 56, 1966, S. 832.Heinz Duschner: . Manuskript zum 50. Kongress der ORCA 2003 in Konstanz, Version vom Juli 2015Martin Oestrich: Die Geschichte der 1953 gegründeten European Organization for Caries Research (ORCA) und ihre Rolle bei der Prävention der Karies. Inaugural-Dissertation, Medizin-Historisches Institut der Universität Mainz, Manuskript 2003, fertig gestellt 2005, Promotion am 21. Februar 2006 Die Zeitschrift erscheint seit 1967 zweimonatlich und hat einen Impact Factor von 2.9.Caries Research Journal, Karger Verlag. Abgerufen am 15. August 2024.
Die Abkürzung ORCA für die Arbeitsgemeinschaft wurde beim Kongress 1956 in Marburg und Kassel zum ersten Mal verwendet.Kurzbericht über die Tagung der Europäischen Arbeitsgemeinschaft für Fluorforschung und Kariesprophylaxe in Marburg an der Lahn. In: Schweizer Monatsschrift für Zahnheilkunde. Band 66, 1956, S. 792. Im selben Jahr ermöglichten enge Kontakte von Hans Robert Helds Familie mit dem Schweizer Uhrenhersteller Rolex die Einrichtung des ORCA-Rolex-Preises für herausragende Arbeiten auf dem Gebiet der Kariesforschung. Rolex stiftete 30 goldene Armbanduhren neuester und raffiniertester Ausführung um die jeweils drei besten Arbeiten der nächsten 10 Kongresse zu belohnen.Kurzbericht ... (1956), S. 794
Namensänderung