mini|Blick auf das KZ Sachsenburg in der ehemaligen Spinnfabrik (1933) mini|Die ehemalige Spinnfabrik (2016) mini|Hof der Fabrik (2016)
Das KZ Sachsenburg war ein frühes Konzentrationslager. Es bestand von Mai 1933 bis August 1937 in Sachsenburg und war ab 1934 das einzige Konzentrationslager in Sachsen. Das Lager gilt als Bindeglied zwischen den frühen Konzentrationslagern und dem späteren KZ-System sowie als Experimentierfeld und Ausbildungsstätte der Lager-SS. Carina Baganz/Bert Pampel: Die frühen Konzentrationslager in Sachsen. In: Bert Pampel; Mike Schmeitzner (Hrsg.): Konzentrationslager Sachsenburg (1933-1937), Schriftenreihe der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Band 16, Sandstein, Dresden 2018, ISBN 978-3-95498-382-7, S. 16–33, hier S. 32.
KZ-Geschichte Aufbau des Lagers mini|Die ehemalige Spinnfabrik unterhalb von Schloss Sachsenburg (2016) Die ehemalige Spinnerei in Sachsenburg im Zschopautal wurde im April 1933 von der sächsischen Schutzhaftzentrale als Standort für ein großes Konzentrationslager für rund 2000 Häftlinge bestimmt. Anna Schüller: Die Entstehung und Entwicklung des KZ Sachsenburg von 1933 bis 1937. In: Bert Pampel; Mike Schmeitzner (Hrsg.): Konzentrationslager Sachsenburg (1933-1937), Schriftenreihe der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Band 16, Sandstein, Dresden 2018, ISBN 978-3-95498-382-7, S. 49–73, hier S. 50. Zur gleichen Zeit entstanden in ganz Sachsen hunderte kleine Haft- und Folterstätten, die im Laufe des Jahres 1933 aufgelöst wurden.
Im Mai und Juni 1933 erfolgte der Aufbau und die Einrichtung des KZ Sachsenburg. Ein Vorauskommando von zunächst 50 Häftlingen, das im Schloss Sachsenburg untergebracht war, stellte Betten und Einrichtungsgegenstände für das künftige Lager her.Schüller, Entstehung und Entwicklung, S. 51. Die Häftlinge wurden zu den Umbauarbeiten im Schloss für die Gauführerinnenschule der NS-Frauenschaft herangezogen.Gedenkstätte Sachsenburg
Ende Mai zogen sämtliche Häftlinge auf das Fabrikareal der ehemaligen Spinnerei. Die gefangenen Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter wurden meist aus dem KZ Plaue und aus verschiedenen Chemnitzer Haftstätten in das KZ Sachsenburg überstellt. Die Wachtruppe bestand anfangs sowohl aus SA- als auch SS-Angehörigen.
Das Lager unter der SA (1933/34) mini|Im Inneren der Fabrik waren die Häftlinge untergebracht (2011) Das KZ Sachsenburg wurde zunächst von dem SA-Standartenführer Max Hähnel geleitet, der auch die SA-Wachtruppen befehligte. Hähnel war für diese Aufgabe von seiner Tätigkeit als Obersteuersekretär vom Finanzamt Zschopau freigestellt worden. Er verfolgte ein Konzept der „Umerziehung“ der politischen Häftlinge Volker Strähle: „Großer Praktiker in der Behandlung von Schutzhäftlingen“. Max Hähnel, der erste Lagerleiter des KZ Sachsenburg. In: Bert Pampel; Mike Schmeitzner (Hrsg.): Konzentrationslager Sachsenburg (1933-1937), Schriftenreihe der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Band 16, Sandstein, Dresden 2018, ISBN 978-3-95498-382-7, S. 96–113, hier S. 102., allerdings kam es auch während seiner Zeit als Lagerleiter zu Misshandlungen von Gefangenen. Bei der auch im Lager abgehaltenen Volksabstimmung zum Austritt des Deutschen Reiches aus dem Völkerbund am 12. November 1933 verweigerte eine Mehrheit der Häftlinge ihre Zustimmung. In der Folge wurden Häftlinge schikaniert und misshandelt.
Die Gefangenen mussten bereits unter der SA in verschiedenen Kommandos arbeiten: Neben den Werkstätten im Lager gab es weitere Außenkommandos, etwa im nahen Steinbruch, bei der Regulierung der Zschopau und im Siedlungsbau in der Stadt Frankenberg.Schüller, Entstehung und Entwicklung, S. 57.
Besuche von Angehörigen der Inhaftierten waren in der Anfangszeit des Lagers zu festgesetzten Zeiten möglich. Auch durften die Häftlinge Postkarten nach außen schreiben, die jedoch eine Zensur durchliefen.Schüller, Entstehung und Entwicklung, S. 60.
Das Lager unterstand zunächst der sächsischen Schutzhaftzentrale und wurde von der Amtshauptmannschaft Flöha geführt. Ab April 1934 galt das KZ Colditz als Außenlager des KZ Sachsenburg, bis es im August 1934 aufgelöst wurde. Auch das frühe KZ Augustusburg gehörte organisatorisch zu Sachsenburg.Schüller, Entstehung und Entwicklung, S. 52 und 54. In dieser Zeit kam es zu den ersten bekannten Todesfällen unter den Häftlingen. Dabei starben Bruno Kießling und Kurt Herrmann Schubert.
Das Lager unter der SS (1934–37) mini|hochkant|Zellen des früheren KZ Sachsenburg (2017) Im August 1934, nach dem inszenierten „Röhm-Putsch“, übernahm das „SS-Sonderkommando Sachsen“ das bislang SA-geführte Konzentrationslager. Daraufhin wurde das KZ nach dem von Theodor Eicke im KZ Dachau eingeführten System neu organisiert. Das KZ Sachsenburg diente fortan als militärische Ausbildungsstätte der SS-Wachtruppe.Baganz/Pampel, Die frühen Konzentrationslager, S. 31. Die Übernahme des Lagers durch die SS bedeutete eine deutliche Verschlechterung der Haftbedingungen. Gewalt und Misshandlungen, etwa bei Vernehmungen, nahmen zu. Im April 1935 wurde die Prügelstrafe offiziell eingeführt.Schüller, Entstehung und Entwicklung, S. 68.
Zahlreiche Häftlinge kamen im Lager zu Tode, die tagelange Misshandlung und schließliche Ermordung von Max Sachs sorgte im Oktober 1935 für Entsetzen. Swen Steinberg: Mord im Lager Sachsenburg. Strafverfolgung und Erinnerungskultur im Fall Max Sachs. In: Bert Pampel; Mike Schmeitzner (Hrsg.): Konzentrationslager Sachsenburg (1933-1937), Schriftenreihe der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Band 16, Sandstein, Dresden 2018, ISBN 978-3-95498-382-7, S. 405–430, hier S. 416. Häftlinge mussten Zwangsarbeit beim Bau des Schießstandes im hinteren Teil des Lagergeländes leisten. Damit einher ging die zunehmende Abschottung des Lagers nach außen.
Ab September 1934, nach der Schließung des KZ Hohnstein, war das KZ Sachsenburg das einzige Konzentrationslager in Sachsen. 1935 stieg die Zahl der Gefangenen wieder deutlich an: In mehreren Verhaftungswellen wurden erneut politische Gegner sowie Zeugen Jehovas, welche die Wehrpflicht verweigert hatten, ins Lager überstellt. Auch Menschen, die wegen politischem Aktivismus Haftstrafen abgesessen hatten, sowie oppositionelle Geistliche kamen nach Sachsenburg.Schüller, Entstehung und Entwicklung, S. 67.
Politische Gegner bildeten weiterhin die Mehrheit unter den Gefangenen, allerdings kamen neue Häftlingsgruppen hinzu. In der Spätphase des KZ wurden unter anderem „kriminelle Häftlinge“ inhaftiert. Im Februar 1937 überstellten die Behörden mehr als 300 solche „Vorbeugehäftlinge“ nach Sachsenburg.Baganz/Pampel, Die frühen Konzentrationslager, S. 32.
Auflösung des Lagers Mit der Einrichtung größerer zentralisierter Konzentrationslager wie Sachsenhausen und Buchenwald wurde das KZ Sachsenburg aufgelöst. Der Bürgermeister der Nachbarstadt Frankenberg versuchte vergebens, bei der sächsischen Landesregierung zu erreichen, dass der rund um das Lager entstandene Wirtschaftsstandort erhalten bliebe.Sächsisches Staatsarchiv Chemnitz, 30044 Amtshauptmannschaft Flöha, Nr. 2424, Blatt 1
Im Juli 1937 wurden Gefangene nach Sachsenhausen und teilweise direkt weiter nach Buchenwald transportiert. Das letzte Häftlingskommando verließ am 9. September 1937 Sachsenburg.Schüller, Entstehung und Entwicklung, S. 71.
Auch die Angehörigen des SS-Kommandanturstabes und der Wachtruppen folgten zu einem großen Teil den Häftlingen in die neu errichteten Konzentrationslager. Damit fanden in Sachsenburg entwickelte und erprobte Organisationsprinzipien und Foltermethoden Eingang in das KZ-System.
Das Fabrikgelände wurde ab 1938 durch die Firma Bruno Tautenhahn als Spinnerei und Veredelungsbetrieb genutzt. Das Areal erfuhr eine Umgestaltung, auf dem Gelände des Schießstandes wurde das Freibad gebaut.Schüller, Entstehung und Entwicklung, S. 73.
Das Lagergelände Das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers befindet sich unterhalb des Schlosses Sachsenburg auf einer kleinen Halbinsel an der Zschopau, die von einem Mühlgraben begrenzt wird. Sachsenburg gilt als eines der in seinem Gebäudebestand am besten erhaltenen ehemaligen Konzentrationslager.
Fabrikgebäude Das aus dem 19. Jahrhundert stammende Fabrikgebäude war als Spinnerei gebaut und durch An- und Umbauten immer wieder verändert worden. In den oberen Stockwerken des Gebäudes waren die Gefangenen untergebracht, die in einzelne „Kompanien“ eingeteilt waren. In den großen Hallen befanden sich jeweils hunderte Schlafstellen in dreistöckigen Betten.
In den oberen beiden Stockwerken gab es unter dem Kommando der SS die Mannschaftsräume und einen Speisesaal der Wachtruppen. Anna Schüller/Volker Strähle: Der fotografische Blick auf das KZ Sachsenburg. In: Bert Pampel; Mike Schmeitzner (Hrsg.): Konzentrationslager Sachsenburg (1933-1937), Schriftenreihe der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Band 16, Sandstein, Dresden 2018, ISBN 978-3-95498-382-7, S. 178–203, hier S. 197. Das Fabrikgebäude steht heute weitgehend leer. Eine eingebaute Wasserkraftanlage ist in Betrieb.
Kommandanturgebäude mit Zellen mini|Das Gebäude der ehemaligen KZ-Kommandantur (2015)
Neben dem Eingangstor zum Konzentrationslager befand sich das Gebäude der Kommandantur. Die Kommandantur (Abteilung I) befasste sich in erster Linie mit den Angelegenheiten der SS-Angehörigen. Sie unterstand direkt dem Kommandanten bzw. dessen „rechter Hand“, dem Adjutanten. Volker Strähle: Das SS-Führungspersonal des KZ Sachsenburg. Karrierewege der Kommandanten und Schutzhaftlagerführer. In: Bert Pampel; Mike Schmeitzner (Hrsg.): Konzentrationslager Sachsenburg (1933-1937), Schriftenreihe der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Band 16, Sandstein, Dresden 2018, ISBN 978-3-95498-382-7, S. 156–177, hier S. 157.
In dem Kommandanturgebäude befanden sich vier Arrestzellen, die bis heute Inschriften von Häftlingen an den Wänden und Türen aufweisen. In dem Gebäude soll perspektivisch eine Dauerausstellung zur Geschichte des KZ Sachsenburg eingerichtet werden. Bert Pampel: Vom „vergessenen KZ“ zu einer neuen Gedenkstätte. Die öffentliche Erinnerung an das KZ Sachsenburg seit 1990. In: Bert Pampel; Mike Schmeitzner (Hrsg.): Konzentrationslager Sachsenburg (1933-1937), Schriftenreihe der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Band 16, Sandstein, Dresden 2018, ISBN 978-3-95498-382-7, S. 445–456, hier S. 456.
Führervilla mini|Die frühere Kommandantenvilla des KZ Sachsenburg (2015) Das auch als „Führerwohnhaus“ oder „Kommandantenvilla“ bezeichnete Gebäude war als Fabrikantenvilla erbaut worden. Die Führervilla war vom eigentlichen Lagergelände durch einen Zaun abgetrennt und befand sich in Sichtweite des Appellplatzes. In dem Gebäude gab es Wohnräume für die KZ-Führer, insbesondere für den Lagerleiter bzw. Kommandanten, sowie ein „Führerkasino“.Schüller/Strähle, Der fotografische Blick, S. 194.