Der Mord an Melanie und Karola Weimar ist ein westdeutscher Kriminalfall, der sich 1986 im hessischen Landkreis Hersfeld-Rotenburg zutrug. Die Tat und der komplizierte Rechtsgang hielten das Interesse der deutschen Medien bis Ende der 1990er Jahre wach. Die Eltern hatten die beiden Mädchen im Alter von sieben und fünf Jahren am 4. August 1986 als vermisst gemeldet, drei Tage später fand man ihre Leichen. Die Mutter Monika Weimar wurde in einem Indizienprozess 1988 zu lebenslanger Freiheitsstrafe wegen Mordes an ihren beiden Kindern verurteilt, 1997 in einem Wiederaufnahmeverfahren erstinstanzlich freigesprochen und 1999 erneut verurteilt. Die Chronologie der Gerichtsverfahren gegen die Mutter ist wegen der wiederholten Aufhebung der Urteile, unter anderem durch den Bundesgerichtshof, aus juristischer Sicht bemerkenswert.

Vorgeschichte Melanie Weimar wurde am 22. Juli 1979 geboren, ihre Schwester Karola am 8. März 1981. Die Mutter der Mädchen, Monika Weimar, geb. Böttcher (* 13. April 1958), war als Krankenpflegehelferin tätig. Ihr Vater Reinhard Weimar (* 17. Februar 1952; † 12. November 2012) hatte Kfz-Schlosser gelernt und arbeitete unter Tage im „Hera“-Schacht der Kali-und-Salz-Bergwerke, dem größten Arbeitgeber in der Region. Böttcher und Weimar hatten sich 1977 kennengelernt und im Juni 1978 geheiratet.

Das Ehepaar Weimar wohnte mit seinen Kindern und anderen Familienangehörigen in einem Mehrfamilienhaus im hessischen Philippsthal (Landkreis Hersfeld-Rotenburg). Im selben Haus wohnten Monikas beide Schwestern mit Ehemännern sowie die Mutter der drei Frauen, die Großmutter der beiden Mädchen. Monikas Vater war 1983 gestorben.

Reinhard Weimar war wegen Bewusstseinsstörungen mit langen ohnmachtsähnlichen Ausfällen seit Anfang 1985 mehrfach in ärztlicher Behandlung und musste dreimal stationär aufgenommen werden, zuletzt im Oktober 1985. Diese Zustände führte man auf eine Medikamenten-Intoxikation mit Benzodiazepinen und Neuroleptika zurück, da Spuren dieser Substanzen in seinem Urin nachgewiesen worden waren. Er konnte sich jedoch nicht erinnern, jemals entsprechende Medikamente eingenommen zu haben. Im Strafverfahren gegen seine Frau vor dem Landgericht Fulda äußerte er den Verdacht, diese habe sie ihm heimlich über Essen und Getränke verabreicht. Zugang dazu hätte sie durch ihre Arbeit in der Krankenpflege gehabt. Auch die Richter hielten das für möglich, ließen diese Frage jedoch offen. Seit seiner letzten Krankenhauseinweisung im Oktober 1985 waren keine Bewusstseinsstörungen mehr aufgetreten. Monika Böttcher äußerte den Verdacht, ihr Mann habe die Medikamente selbst eingenommen, um ihr Mitleid zu erregen.

Die Ehe der beiden galt zum Zeitpunkt des Todes der gemeinsamen Kinder bereits als zerrüttet. Auch Monika Weimars Schwester Brigitte Elliott (* ca. 1966), verheiratet mit einem Amerikaner, hatte Eheprobleme und die beiden Schwestern gingen abends öfter gemeinsam aus. Dabei hatte Monika Weimar im April bzw. Mai 1986 den US-Soldaten Kevin Pratt (* ca. 1962) kennengelernt und mit ihm ein Verhältnis begonnen. Sie dachte über eine Scheidung von Reinhard Weimar nach.

Am 3. August 1986 machte Monika Weimar mit Kevin Pratt und ihren beiden Kindern einen Badeausflug. Um 18 Uhr kam sie mit den Kindern nach Hause zurück und bereitete diese für die Nacht vor. Nach eigenen Angaben verließ sie das Haus um 20:30 Uhr, um sich in einer Diskothek erneut mit Pratt zu treffen, und kehrte gegen 3 Uhr nach Hause zurück.

Hergang Sowohl Monika als auch Reinhard Weimar hatten am 4. August 1986, einem Montag, Urlaub.

Die Mädchen wurden gegen 13:30 Uhr von ihrer Mutter (anderen Quellen zufolge von deren Schwester, Brigitte Elliott) als vermisst gemeldet. Polizei, Bundesgrenzschutz sowie Nachbarn begannen, nach den Kindern zu suchen. Reinhard Weimar beteiligte sich ebenfalls, seine Frau hingegen nicht, was den Ermittlern ungewöhnlich erschien.

Am Nachmittag des 7. August fand ein Busfahrer Melanies Leiche an einem Parkplatz an der L3255 in der Nähe der Untertagedeponie Herfa-Neurode, neun Kilometer von ihrem Elternhaus entfernt. Eine intensive Nachsuche führte eineinhalb Stunden später, gegen 18 Uhr, zum Auffinden von Karolas Leichnam an einem stillgelegten Straßenstück im Bengendorfer Grund, vier Kilometer vom Fundort von Melanies Leiche entfernt.

Die Kinder wurden am 11. August beigesetzt.

Ursprüngliche Aussage Monika Weimars Monika Weimar gab in ihren ersten Anhörungen an, die Kinder seien gegen 9:30 Uhr aufgestanden, hätten ein kleines Frühstück zu sich genommen und seien gegen 10:15 Uhr zu einem Spielplatz in der Nähe des Hauses gegangen. Sie selbst habe gegen 10:30 Uhr das Haus verlassen, um Besorgungen zu machen, sei zwischen 12:30 und 12:40 Uhr zurückgekommen und habe dann das Mittagessen vorbereitet. Dann habe sie ihren Ehemann geschickt, um die Kinder zum Essen zu holen; diese seien verschwunden gewesen.

Zweite Aussage („Nachtversion“) Am 29. August, einen Tag nach ihrer Festnahme, schilderte Monika Weimar eine neue Version der Ereignisse, die sie während des gesamten Verfahrens aufrechterhielt: Sie sei in der Nacht zum 4. August gegen 3 Uhr nach Hause gekommen und habe ihren Ehemann im Kinderzimmer vorgefunden. Beide Kinder seien bereits tot, noch körperwarm, gewesen; sie hätten ihre Tageskleidung getragen. Reinhard Weimar habe geweint und einen verwirrten, abwesenden Eindruck gemacht. Vom Schlafzimmer habe sie den Motor eines wegfahrenden Wagens gehört, der nach einer gewissen Zeit zurückgekommen sei. Kurz darauf sei ihr Mann in das Schlafzimmer gekommen, habe, von ihr zur Rede gestellt, gesagt: „Jetzt kriegt keiner mehr die Kinder“, und ihr den Ablageort der Leichen genannt.

Am Folgetag habe Monika Weimar ihre Kinder sehen wollen. Am genannten Ort habe sie Melanies, nicht jedoch Karolas Leichnam gefunden.

Ihre Vermisstenanzeige und ursprüngliche Darstellung erklärte sie durch Mitleid mit ihrem Mann. Auch fühle sie sich mitschuldig am Tod der Kinder. Bei der Darstellung habe sie sich an den Geschehnissen des Vortages orientiert.

Zur Urteilsbildung über die psychologische Nachvollziehbarkeit eines Verhaltens, wie es Monika Weimar an den Tag gelegt hatte, gab das Gericht ein psychologisches und ein psychiatrisches Gutachten in Auftrag.Gisela Friedrichsen: Der Fall Weimar, S. 135 Beide Gutachter erklärten das geschilderte Verhalten für vorstellbar;Marion Rollin: Mord ohne Mörder. Ein neues Fasergutachten über eine Bluse läßt Richter zweifeln: War Monika Weimar doch unschuldig? In: Die Woche, 24. Februar 1994. so urteilte die psychologische Gutachterin Müller-Luckmann, „dass die Darstellung der Tatnacht durch Monika Weimar im Zusammenhang mit ihrer Persönlichkeitsstruktur betrachtet nicht unwahrscheinlich ist“.Heide Platen: Kindsmord. Der Fall Weimar, S. 108/9

In seinem Plädoyer befand der Staatsanwalt jedoch, Müller-Luckmann habe nur Nachvollziehbarkeit attestiert, nicht aber Glaubwürdigkeit.Friedrichsen: Der Fall Weimar, S. 184.

Böttcher wurde zur Last gelegt, dass sie keine Wiederbelebungsversuche unternommen und keine Hilfe geholt habe, obwohl ihre ganze Familie im selben Haus lebte. Als ausgebildete Krankenpflegehelferin müsse sie zudem gewusst haben, dass der Tod nur durch einen Arzt mit Sicherheit festgestellt werden könne.

Darstellung Reinhard Weimars Reinhard Weimar gab an, ab etwa 22 Uhr bis zum späten Vormittag geschlafen zu haben, gegen 11:30 Uhr aufgestanden zu sein und auf seine Frau gewartet zu haben, die gegen 12:15 Uhr zurückgekehrt sei.

Im Prozess gegen seine Ex-Frau sagte er aus, er könne sich „nicht erinnern, eine solche Tat begangen zu haben“, und „wenn ich es gemacht habe, dann muss es ein Blackout gewesen sein“. Zum Abtransport der Leichen sagte er: „Ich bin mir fast sicher, dass ich den Abtransport der Mädchen nicht allein fertiggebracht habe“. Die Frage, ob er in der Nacht zum 4. August ähnliche Ausfallerscheinungen wie bei drei früheren Erkrankungen gehabt habe, beantwortete er so, sich das „nicht vorstellen“ zu können.

Darstellung des Gerichts Nach Ansicht des Landgerichts Fulda ließ Monika Weimar am 4. August gegen 11:30 Uhr ihre Kinder in ihren Pkw einsteigen. Danach sei sie mit ihnen zum späteren Fundort von Karolas Leiche, 11 km vom Wohnhaus der Familie entfernt, gefahren, wo sie um 11:40 Uhr angekommen sei. Dort habe sie eines ihrer Kinder zum Urinieren in ein Gebüsch geschickt und das andere in dieser Zeit getötet. Dann habe Monika Weimar auch das zweite Kind getötet und beide zunächst im Gebüsch abgelegt. Melanie habe sie dann aber in den Wagen geladen und sei um 11:50 Uhr zu einem 4 km entfernten Parkplatz gefahren. Dort habe sie die Leiche um 12 Uhr in ein Brennnesselgebüsch geworfen. Anschließend sei sie nach Hause gefahren, wo sie um 12:15 Uhr ankam.

Ermittlungen Zunächst hielt man mehrere Szenarien für möglich: Kindesentziehung durch einen Elternteil, Entführung durch Unbekannte oder ein Weglaufen der Kinder, etwa vor streitenden Eltern. Nachdem die Ermittler am 5. August von Monika Weimars Beziehung mit Kevin Pratt erfahren hatten, kam außerdem der Verdacht auf, sie habe ihre Kinder zusammen mit diesem entführt.

Nach dem Auffinden von Melanie und Karola kamen für die Ermittler nur noch die Eltern als Täter in Betracht: Dass ein Unbekannter die Mädchen am helllichten Tag in der Nähe der Wohnung getötet und fortgeschafft hatte, hielten sie für ebenso unwahrscheinlich wie die Möglichkeit, dass diese zu einem Fremden ins Auto gestiegen waren. Im persönlichen Umfeld der Kinder sah die Polizei nur bei den Eltern schlüssige Motive: Eifersucht bei Reinhard Weimar, den Wunsch, frei zu sein für die neue Beziehung, bei seiner Ehefrau.

Nach einer Vernehmung am 28. August wurde Monika Weimar festgenommen und am Tag darauf erneut verhört. Dabei belastete sie ihren Ehemann und kam vorerst wieder frei. Am 30. August wurde dann Reinhard Weimar festgenommen, aber noch am selben Tag wieder freigelassen, da das Amtsgericht Fulda keinen Haftbefehl erlassen wollte. Der zuständige Staatsanwalt hielt Reinhard Weimar für dringend tatverdächtig.Friedrichsen: Der Fall Weimar, S. 118

Obduktion der Leichen Die Leichen der Kinder wurden am 8. August 1986 obduziert; das Ergebnis lag am 18. August vor. Hinweise auf sexuellen Missbrauch gab es nicht, auch fanden sich keine Spuren von Psychopharmaka. Melanie war, möglicherweise unter weicher Bedeckung, erstickt worden, Karola hingegen hatte man erwürgt. Beide Todesarten gehen in der Regel mit unkontrolliertem Harn- und Stuhlabgang einher; dazu passte, dass Melanies Blase völlig leer war und bei Karola lediglich eine minimale Harnmenge gefunden wurde. Der Todeszeitpunkt entsprach etwa der Zeit ihres angeblichen Verschwindens, wenngleich die Tageszeit des Todes nicht schlüssig bestimmt werden konnte.

Die Untersuchung des Mageninhalts von Karola Weimar ergab, dass sie zuletzt Milch, Kakao und ein Weizenmehl enthaltendes Gebäck zu sich genommen hatte. Dies passte zu der Theorie eines kleinen Frühstücks, konnte andererseits aber auch auf den Verzehr von gefüllten Schokoladenkeksen, wie sie im Esszimmer der Familie gefunden wurden, zurückzuführen sein. Monika Weimar gab an, die Kinder hätten sich gelegentlich selbst verpflegt und ab und zu auch nach dem Abendessen noch etwas gegessen. Auf Grund des Verdauungsgrades musste der Tod dreißig Minuten bis maximal eine Stunde nach der letzten Nahrungsaufnahme eingetreten sein. Der Mageninhalt von Melanie Weimar zeigte optisch ein ähnliches Bild, wurde aber durch einen Fehler in der Gerichtsmedizin nicht näher analysiert.

Auffindezustand der Leichen