mini|Ein Kollektaneenbuch aus der Mitte des 17. Jahrhunderts Ein Kollektaneenbuch (auch Kollektanee; von mittel-lateinisch collectanea [Plural], „Sammelwerke“; zu lat. collectaneus, „gesammelt“Duden. Das große Fremdwörterbuch. Herkunft und Bedeutung der Fremdwörter, herausgegeben und bearbeitet vom Wissenschaftlichen Rat der Dudenredaktion, 3., überarbeitete Auflage, Dudenverlag, Mannheim, Leipzig, Wien Zürich, 2003, ISBN 3-41104163-3, Lemma: Kollektaneen, S. 721) ist eine historische Bezeichnung für ein Notizbuch, also eine individuelle handschriftliche Zusammenstellung von Informationen in einem Buch. Kollektaneen sind aus der Antike überliefert und wurden vor allem in der Renaissance und im 19. Jahrhundert geführt. Sie enthielten etwa Rezepte, Zitate, Briefe, Gedichte, Gewichts- und Maßtabellen, Redewendungen, Gebete und Rechtsformulierungen. Kollektaneen sind private Sammlungen von Informationen. Tagebücher oder Reiseberichte werden üblicherweise nicht zu den Kollektaneen gerechnet. Anders als Tagebücher sind Kollektaneen in der Regel nicht chronologisch organisiert und haben keinen introspektiven Inhalt.Nicholas A. Basbanes, "Every Book Its Reader: The Power of the Printed Word to Stir the World", Harper Perennial, 2006, p. 82.

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Überblick Kollektaneen wurden vor allem von Lesern, Autoren, Studenten und Gelehrten als Hilfsmittel genutzt, um sich nützliche Konzepte und Fakten zu merken. Jedes Buch ist aufgrund der individuellen Interessen seines Schöpfers einzigartig, allerdings findet man in ihnen nahezu immer Passagen aus anderen Texten, teilweise begleitet von Kommentaren bzw. Anmerkungen. Sie gewannen in der Frühen Neuzeit an Bedeutung.

Die Entsprechung zum Kollektaneenbuch ist im englischen Sprachraum das Common-Place-Book. Der englische Begriff „commonplace“ ist eine Übersetzung des lateinischen Begriffs locus communis (aus dem Griechischen tópos koinós, siehe Topos), dem das deutsche Gemeinplatz entspricht, etwa als allgemein bekannte Aussage einer sprichwörtlichen Weisheit. In diesem Sinne können Kollektaneenbücher Sammlungen von Sprichwörtern sein, wie zum Beispiel das von John Milton. 1685 schrieb der englische Aufklärungsphilosoph John Locke auf Französisch eine Abhandlung über Kollektaneen, welche 1706 ins Englische unter dem Titel A New Method of Making Common-Place-Books übersetzt wurde. Er beschrieb darin Techniken zur Erfassung von Sprichwörtern, Zitaten, Ideen und Reden. John Locke gab darin konkrete Hinweise, wie man Materialien nach Thema und Kategorie anordnen kann, zum Beispiel nach Schlüsselthemen wie Liebe, Politik oder Religion sortiert.

Im 18. Jahrhundert wurden Kollektaneen zu einem Mittel zum Informationsmanagement, in dem man Zitate, Beobachtungen und Definitionen notierte. Sie wurden in privaten Haushalten verwendet, um ethische oder informative Texte zu sammeln, manchmal neben Rezepten oder medizinischen Rezepturen. Für Frauen, die von einer formalen Hochschulbildung ausgeschlossen waren, konnte ein Kollektaneenbuch eine Quelle für intellektuelle Referenzen sein. Die Edeldame Elizabeth Lyttelton führte eins von den 1670ern bis 1713 und ein klassisches Beispiel, welches Überschriften wie Ethical Fragments (deutsch: ethische Fragmente), Theological (deutsch: Theologie) und Literature and Art (deutsch: Literatur und Kunst) beinhaltete, wurde von Anna Jameson 1855 veröffentlicht.Mrs Jameson: A Commonplace Book of Thoughts, Memories, and Fancies. Original and Selected. Longman, Brown, Green and Longmans, London, 2., berichtigte Aufl. 1855 (Digitalisat, abgerufen am 16. März 2026). Kollektaneen wurden von Forschern und anderen Denkern so wie heutzutage Datenbanken benutzt: Carl Linnaeus, zum Beispiel, nutzte diese Technik, um die Nomenklatur seines Systema Naturæ zu schaffen und zu organisieren (welches die Basis für Systeme bildet, die von Forschern heute genutzt werden). Ein Kollektaneenbuch zu führen war oft eine lebenslange Gewohnheit: beispielsweise führte die englisch-australische Künstlerin Georgina McCrae eines von 1828 bis 1865.

Geschichte Frühe Beispiele Vorläufer der Kollektaneen waren die Aufzeichnungen von römischen und griechischen Philosophen über ihre Gedanken und Meditationen. Oft enthielten sie auch Zitate von anderen Denkern. Die Praxis, ein solches Buch zu führen, wurde besonders von Stoikern wie Seneca und Marcus Aurelius, dessen eigene Arbeit Meditations ursprünglich eine private Aufzeichnung von Gedanken und Zitaten war, empfohlen. Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon, einer japanischen Hofdame des 10. und 11. Jahrhunderts, ist ebenfalls ein privates Buch mit Anekdoten und Gedichten, alltäglichen Gedanken und Listen. Allerdings beinhaltet keines dieser Werke die Bandbreite an Quellen, die normalerweise mit Kollektaneen verbunden sind. Eine Reihe von Gelehrten der Renaissance führten etwas, das Kollektaneen ähnelte – zum Beispiel Leonardo da Vinci, der seine Notiz- und Skizzenbücher meist wie Kollektaneenbücher strukturierte: "A collection without order, drawn from many papers, which I have copied here, hoping to arrange them later each in its place, according to the subjects of which they treat", deutsch: Eine Sammlung ohne Reihenfolge, gezogen aus vielen Arbeiten, die ich hier kopiert habe, in der Hoffnung, sie später an die Stelle zu sortieren, an die sie gemäß ihrer Thematik gehören.

Zibaldone mini|Zibaldone di pensieri, geschrieben von dem italienischen Dichter Giacomo Leopardi Im Laufe des 15. Jahrhunderts war die Italienische Halbinsel Schauplatz der Entwicklung zweier neuen Formen der Buchproduktion: dem luxuriösen Registerbuch und dem Zibaldone.Armando Petrucci, Writers and Readers in Medieval Italy, trans. Charles M. Radding (New Haven: Yale UP: 1995), 185. Giovanni Rucellai, der Verfasser eines der anspruchsvollsten Beispiele des Genres, beschrieb es als "salad of many herbs"Dale V. Kent, Cosimo de' Medici and the Florentine Renaissance: The Patron's Oeuvre (New Haven and London: Yale UP, 2000), p. 69 (deutsch: Salat vieler Kräuter).

Zibaldoni waren immer Papierkodizes im kleinen oder mittleren Format – niemals die großen Schreibtischkopien des Registerbuchs oder anderer Schaubücher. Es fehlte ihnen außerdem das Innenfutter und die umfangreiche Verzierung anderer Luxuskopien. Anstelle von Miniaturen verwendete ein Zibaldone oft die Skizzen des Autors. Es enthielt kursive Schriften und was der Paläograf Armando Petrucci als eine erstaunliche Vielfalt von poetischen und prosaischen Texten beschriebPetrucci, 187.. Kontemplative, technische, dokumentarische und literarische Texte erschienen Seite an Seite, in keiner erkennbaren Reihenfolge. Die Gegenüberstellung von Steuern, Wechselkursen, medizinischen Mitteln, Rezepten und Lieblingszitaten zeigt eine sich entwickelnde weltliche, literarische Kultur.Ein Beispiel ist das Kaufmannshandbuch „Zibaldone da Canal“ aus dem Jahr 1312, das in der Beinecke Library der Yale-Universität aufbewahrt wird. Es enthält Hand-Skizzen von venezianischen Schiffen und Beschreibungen von Venedigs kaufmännischer Kultur. Die mit Abstand populärste literarische Auswahl waren die Arbeiten von Dante Alighieri, Francesco Petrarca und Giovanni Boccaccio: die „Drei Kronen“ der florentinischen Volkstradition.Kent, pg. 81. Diese Sammlungen wurden von modernen Gelehrten als eine Interpretationsquelle genutzt, wie Händler und Handwerker in der florentinischen Renaissance mit der Literatur und den bildenden Künsten interagierten.

Das bekannteste Zibaldone ist Giacomo Leopardis Zibaldone di pensieri aus dem 19. Jahrhundert.

Englisch Im 17. Jahrhundert waren Kollektaneen zu einer anerkannten Praktik geworden, die den Studenten in Einrichtungen wie der Oxford-Universität offiziell beigebracht wurde. John Locke fügte sein Indizierungsschema für Kollektaneenbücher zu einem Exemplar seiner Abhandlung An Essay Concerning Human Understanding bei. Die Kollektaneen-Tradition, in der Francis Bacon und John Milton unterrichtet wurden, hatte ihren Ursprung in der Pädagogik der klassischen Rhetorik. Das „commonplacing“ blieb bis ins frühe 20. Jahrhundert als beliebte Studientechnik erhalten. Kollektaneen wurden von vielen Denkern der Aufklärung, beispielsweise Autoren wie dem Philosophen und Theologen William Paleyn zum Schreiben von Büchern genutzt. Sowohl Ralph Waldo Emerson als auch Henry David Thoreau wurde an der Harvard University beigebracht, ein Kollektaneenbuch zu führen (ihre Bücher sind in publizierter Form erhalten geblieben).

Manche, wie Samuel Taylor Coleridge, Mark Twain und Virginia Woolf führten chaotische Lesenotizen, die mit anderen ganz unterschiedlichen Materialien vermischt waren; andere, wie Thomas Hardy, verfolgten eine mehr formale Methode von Lesenotizen, die der ursprünglichen Praktik der Renaissance mehr entsprach. Die anfängliche "clearinghouse"-Funktion des Kollektaneenbuches, nützliche oder sogar „vorbildliche“ Ideen und Aussprüche zusammenzufassen und zu zentralisieren, war später weniger verbreitet.

Kollektaneenbücher im deutschsprachigen Raum