mini|hochkant=1.4|Stahlbuch der Stadt Essen, Seite zur Eröffnung des neuen Essener Rathauses 1979 mit den Unterschriften von Delegierten der Städte
Mit dem Stahlbuch besitzt die Stadt Essen eine besondere Form eines Goldenen Buches, in das sich bedeutende Persönlichkeiten während eines Besuchs der Stadt eintragen dürfen.
Geschichte Stahlbuch (1934 bis 1945) Der erste nationalsozialistische Oberbürgermeister der Stadt Essen, Theodor Reismann-Grone, regte 1933 an, als Gästebuch der Stadt ein Stahlbuch anzulegen. Es gab bis dahin kein städtisches Gästebuch. Die Namensgebung und Form des Buches begründete er damit, dass Essen als größte Metallstadt Deutschlands ihren Aufstieg hauptsächlich der Kruppschen Gussstahlfabrik verdanke, daher sei ein Stahlbuch angemessener als ein Goldenes Buch.
Die Buchbinderin Frida Schoy gestaltete den stählernen Einband. Dieser wurde durch die Friedrich Krupp AG aus Platten aus nichtrostendem Chrom-Nickel-Stahl gefertigt, die aus dem oberen Teil eines 1,5 Tonnen schweren gegossenen Blocks herausgearbeitet wurden. Die Form und Stärke des Buchdeckels wurden durch Hobeln und Schleifen erreicht. Die Verzierung durch eine strahlenartige Maserung des Deckels entstand durch die Kristallisation des einst flüssigen Stahls und wurde durch ein besonderes Ätzverfahren sichtbarer gemacht.Essen erhält ein Stahlbuch; In: Essener Volkszeitung vom 11. September 1935 Den auch heute einzigen Schmuck des Einbandes stellt das auf dem stählernen Buchdeckel mittig aufgebrachte Stadtwappen dar, das eine Emaille-Arbeit der Goldschmiedemeisterin Sigrid Keetmann, einer Schülerin von Elisabeth Treskow, ist. Der Buchrücken besteht aus Leder, das mit Nieten mit den Stahldeckeln verbunden ist.
Einträge zur Zeit des Nationalsozialismus Den Anstoß zur Anlegung des Stahlbuchs gab die Hochzeit des Gauleiters von Essen, Josef Terboven mit Ilse Stahl, einer ehemaligen Sekretärin von Joseph Goebbels, am 28. Juni 1934 im damaligen Essener Rathaus und im Essener Münster. Adolf Hitler und Hermann Göring nahmen an beiden Veranstaltungen als Trauzeugen teil. Dazu erhielt das Stahlbuch im Vorwort den Satz: Es soll ein Ausdruck dafür sein, daß heute mit dem Dritten Reich und diesem Buch eine neue Epoche der Stadt eingeläutet wird. Hitler und Göring, beide damals Ehrenbürger der Stadt Essen, setzten am 28. Juni 1934 die ersten beiden Unterschriften ins neue Stahlbuch. Ihnen folgten direkt das frische Ehepaar Terboven, Otto Dietrich, Oberführer Wilhelm Staub, der stellvertretende Gauleiter Heinrich Unger, Ministerialrat Erich Gritzbach und Major Karl Bodenschatz.
Nach den Genannten gibt es unter anderem Einträge dieser Personen des Nationalsozialismus: Robert Ley (Reichsleiter der NSDAP), Wilhelm Frick (Reichsminister), Julius Dorpmüller (Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn, später Reichsverkehrsminister) und Albert Speer (Architekt Hitlers).
Zu den Einträgen von Unternehmern gehören Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, Albert Vögler (Generaldirektor des damals zweitgrößten Stahlkonzerns der Welt Vereinigte Stahlwerke) und Ernst Tengelmann.
Am 6. Juni 1937 besuchte der Korpsführer des NS-Fliegerkorps und Generalmajor Friedrich Christiansen anlässlich der Taufe 10 neuer Segelflugzeuge Essen und trug sich dabei ins Stahlbuch ein.Zum Besuch des NSFK.-Korpsführers. In: Essener Anzeiger vom 3. Juni 1937 Generalfeldmarschall August von Mackensen hinterließ im Juni 1938 mit seiner Frau und weiteren anwesenden Generälen und Ehrengästen während seines Besuchs zum Westdeutschen Kavalleristentag in Essen seine Unterschrift.Hunderttausend grüßten von Mackensen. In: Essener Anzeiger vom 20. Juni 1938
Unter den ausländischen Gästen der Stadt Essen sind, neben der japanischen Olympiamannschaft, insbesondere die Vertreter des damals faschistischen Italiens zu nennen, darunter Korporationsminister Ferruccio Lantini, der sich am 14. Dezember 1938 eintrug.Lantinis Besuch im Ruhrgebiet. In: Essener Volkszeitung vom 15. Dezember 1938 Der faschistische Gewerkschaftsführer Tullio Cianetti hinterließ als einziger einen Spruch: La mia simpatia per la Citta di Essen, cuore di acciaio della Germania amica.; heißt übersetzt: Meine Sympathie der Stadt Essen, Herz des Stahls des befreundeten Deutschlands. Im August 1939 trugen sich die einzelnen Spieler der isländischen Fußballmannschaft in das Stahlbuch ein, als sie während einer Reise durch Deutschland auch die Stadt Essen besuchten.Gäste aus dem Norden. In: Essener Volkszeitung vom 24. August 1939
Die Liste der Einträge endet am 23. Juni 1944 mit Ritterkreuzträgern der Wehrmacht und Angehörigen eines Stoßtrupps der 329. Infanterie-Division (Hammer-Division).
Heutiges Stahlbuch Nach dem Zweiten Weltkrieg erlaubten es die bisher darin verewigten Größen aus der Zeit des Nationalsozialismus nicht, das Stahlbuch als Gästebuch einfach weiterzuführen, da es bisher mehr ein Ehrenbuch der Nationalsozialisten darstellte. Die Verantwortlichen wollten wieder ein städtisches Gästebuch, da in der Zeit des Wiederaufbaus und der sich stabilisierenden Lage erneut bedeutende Persönlichkeiten der Stadt Essen einen Besuch abstatteten. Oberbürgermeister Hans Toussaint ließ das alte Stahlbuch aus dem städtischen Archiv holen und die Seiten der nationalsozialistischen Einträge heraustrennen. Der alte, ursprüngliche stählerne Einband aus den 1930er Jahren blieb erhalten, da er keinerlei Hinweise oder Insignien zur NS-Zeit aufweist. Er zeigt lediglich mittig das Essener Stadtwappen und am oberen Rand die Aufschrift Das Stahlbuch. Die Neubindung erfolgte wieder durch Frida Schoy. So wiegt auch das heutige Stahlbuch rund 20 Kilogramm und misst etwa 33 mal 42 Zentimeter. Da die Stadt Essen weiterhin von Kohle und Stahl geprägt war, entschied man sich erneut für das Stahlbuch. Jede Seite besteht aus handgeschöpftem Büttenpapier. Sie wird vor der Unterschrift des Besuchers in grafischer Tradition und in Handarbeit beschriftet sowie mit Hoheitssymbolen und Wappen bemalt. Die historischen Seiten aus der NS-Zeit werden im Stadtarchiv aufbewahrt.
Vor dem 1150-jährigen Stadtjubiläum im Jahr 2002 reichte die Ratsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen einen Antrag ein, die nationalsozialistisch begonnene Tradition der Stahlbucheintragungen für Ehrengäste der Stadt Essen zu beenden. Dieser fand keine Mehrheit und wurde im November 2001 abgelehnt.
Vom 29. Mai bis 8. Juni 2019 fand in der Essener Rathaus Galerie eine Ausstellung zum 85-jährigen Bestehen des Stahlbuchs statt, die durch den Oberbürgermeister Thomas Kufen eröffnet wurde.Pressemeldung der Stadt Essen vom 29. Mai 2019: Eröffnung der Ausstellung "das stahlbuch von essen"Aktuelle Ausstellung zum städtischen Gästebuch verschweigt nationalsozialistische Geburtsstunde; In: Lokalkompass Essen Nord vom 30. Mai 2019
Einträge seit 1953 Den ersten neuen Eintrag nahm der damalige Bundespräsident Theodor Heuss im Jahr 1953 vor. Es folgten bis heute nahezu alle Bundespräsidenten und Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen. Hinzu kamen Nobelpreisträger und Würdenträger, Gewerkschafter und Politiker sowie Sportler.
Die Seiten aus handgeschöpftem Büttenpapier werden seit 1976 durch den ausgebildeten Plakatmaler Helmut Groth kunstvoll mit Wappen und Bildern gestaltet.
Liste der Einträge (Auswahl) 1953: Theodor Heuss, erster Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland 1953: Paul von Lettow-Vorbeck, Generalmajor Kommandeur der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika 1956: Paul I., König von Griechenland 1957: Ludwig Erhard, Bundesminister für Wirtschaft 1960: Franz Meyers, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen 1960: Otto Dibelius, Bischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland 1960: Willy Brandt, Regierender Bürgermeister von Berlin 1960: Heinrich Drimmel, Unterrichtsminister von Österreich 1960: Walter C. Dowling, Botschafter der Vereinigten Staaten 1962: Heinrich Lübke, Bundespräsident, mit Ehefrau Wilhelmine 1964: Parakat Achutha Menon, indischer Botschafter 1965: Ludwig Erhard, Bundeskanzler 1965: Franz Meyers, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen 1965: Alois Niederalt, Bundesminister für Angelegenheiten des Bundesrates und der Länder 1965: Gerd lemmer, Minister für Bundesangelegenheiten des Landes Nordrhein-Westfalen 1965: Georg Leber, erster Vorsitzender der IG Bau-Steine-Erden 1965: George C. McGhee, Botschafter der Vereinigten Staaten 1965: Frank Kenyon Roberts, britischer Botschafter 1966: Otto Brenner, erster Vorsitzender der IG Metall 1967: Heinrich Rodenstein, erster Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft 1967: Gerhard Schröder, Bundesminister der Verteidigung 1967: Franz Josef Strauß, Bundesminister der Finanzen 1967: Käte Strobel, Bundesministerin für Gesundheitswesen 1968: Asher Ben-Natan, israelischer Botschafter 1968: Bernhard Vogel, Minister für Unterricht und Kultus des Landes Rheinland-Pfalz 1969: Gustav Heinemann, Bundespräsident, aus Anlass der Verleihung des Ehrenrings der Stadt Essen 1969: Leonhard Mahlein, erster Vorsitzender der IG Druck und Papier 1970: Walter Arendt, Bundesminister für Arbeit 1970: Semjon Konstantinowitsch Zarapkin, Botschafter der Union der Sozialistischen Sowjet-Republiken 1971: Adolf Schmidt, erster Vorsitzender der IG Bergbau und Energie 1971: Hans-Dietrich Genscher, Bundesminister des Innern 1972: Walter Scheel, Bundesminister des Auswärtigen 1972: Hans-Jochen Vogel, Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau 1973: Josef Ertl, Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten 1973: Karl Hauenschild, erster Vorsitzender der IG Chemie-Papier-Keramik 1974: Heinz Vietheer, Vorsitzender der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen 1975: Ernst Breit, Vorsitzender der Deutschen Postgewerkschaft 1975: Ueda Tsuneaki, japanischer Botschafter 1976: Hans Apel, Bundesminister der Finanzen 1976: Annemarie Renger, Präsidentin des Deutschen Bundestages 1977: Friedhelm Farthmann, Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen 1977: Walter Scheel, Bundespräsident 1978: Helmut Schmidt, Bundeskanzler 1979: Muhammad Ali, amtierender Boxweltmeister im Schwergewicht 1979: Ewald Moldt, Leiter der Ständigen Vertretung der DDR in der Bundesrepublik 1979: Delegierte einiger Städte zur Eröffnung des neuen Essener Rathauses 1980: Wladimir Semjonowitsch Semjonow, Botschafter der Union der Sozialistischen Sowjet-Republiken 1981: Berthold Keller, Vorsitzender der Gewerkschaft Textil-Bekleidung 1982: Günter Döding, Vorsitzender der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten 1983: Willy Brandt, Vorsitzender der SPD 1983: Karl Carstens, Bundespräsident 1984: Franz Steinkühler, Vorsitzender der IG Metall 1985: Helmut Kohl, Bundeskanzler 1985: Richard von Weizsäcker, Bundespräsident, mit Ehefrau Marianne 1985: Juan Antonio Samaranch, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) 1985: István Horváth, Botschafter der Ungarischen Volksrepublik 1986: Gerhard Brandt, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland 1986: Herbert Wehner, ehemaliger Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, mit Ehefrau Greta 1986: Jordi Pujol, Präsident der Landesregierung von Katalonien 1986: Wolfgang Berghofer, Oberbürgermeister von Dresden 1987: Juli Alexandrowitsch Kwizinski, Botschafter der Union der Sozialistischen Sowjet-Republiken 1987: Prinzessin Anne mit Ehemann Mark Phillips, anlässlich dem Besuch der Pferdesportmesse Equitana 1987: Papst Johannes Paul II. 1987: Erich Honecker, Vorsitzender des Staatsrats der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) 1987: Harald V. und Sonja von Norwegen, Kronprinz und Kronprinzessin von Norwegen 1988: Mauno Koivisto mit Frau Frau Tellervo Kovisto, Präsident der Republik Finnland 1989: Klaus Matthiesen, Minister für Umwelt, Raumordnung und Landwirtschaft von Nordrhein-Westfalen 1990: Prinz Claus der Niederlande 1990: Taufaʻahau Tupou IV., König von Tonga 1990: Jacques Santer, Premierminister von Luxemburg