mini|Rekonstruierter Verlauf der beiden Wasserleitungen ʿAin ʿArafāt und ʿAin Hunain Die ʿAin Bāzān () bzw. später ʿAin Hunain () war eine Rohrleitung, die vom frühen 14. Jahrhundert bis zur zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die wichtigste Grundlage der Wasserversorgung der Stadt Mekka bildete. Die Leitung, die eine Länge von etwa 29So Sami Mohsin Angawi: Makkan Architecture. Ph.D. Thesis, School of Oriental and African Studies, London, 1988. S. 167. oder 32So al-Kurdī al-Makkī: at-Tārīḫ al-qawīm li-Makka wa-bait Allāh al-karīm. 2000, S. 420. Kilometern hatte, führte Wasser aus den östlich von Mekka gelegenen Bergen nach Mekka, wo sie verschiedene Laufbrunnen im oberen und unteren Teil der Stadt füllte. Bis zum frühen 15. Jahrhundert wurde die Leitung ʿAin Bāzān genannt, danach ging man in Mekka zu dem Namen ʿAin Hunain über.

Wann die Leitung erbaut wurde, ist nicht geklärt. Amīr Tschūpān ließ die alten Röhren im Jahre 1326 freilegen. Es wird allerdings vermutet, dass die Leitung zumindest teilweise auf die Rohrleitung ʿAin al-Muschāsch zurückgeht, die schon im frühen 9. Jahrhundert von Zubaida bint Dschaʿfar, der Gemahlin des abbasidischen Kalifen Hārūn ar-Raschīd, angelegt wurde. Der Wasserfluss in der ʿAin Bāzān bzw. ʿAin Hunain war großen Schwankungen unterworfen. Im frühen 16. Jahrhundert galt er als stark, wenn das Wasser demjenigen, der in ihm stand, bis zu den Schuhriemen reichte.Ǧārallāh Ibn Fahd: Kitāb Nail al-munā. 2000, S. 237. Um den Wasserfluss der Leitung in Trockenphasen zu erhöhen, wurde sie im Laufe der Zeit mit einer immer größeren Anzahl von Zuläufen versehen. Außerdem musste die Leitung häufig repariert und gereinigt werden, da sich die Röhren bei Überschwemmungen regelmäßig mit Erde und Geröll zusetzten. Bis in die 1560er Jahre blieb die ʿAin Hunain die „wohlbekannte Wasserquelle Mekkas“ (ʿAin Makka al-maʿhūda).al-Ǧazīrī: Durar al-fawāʾid al-munaẓẓama. 2002, Bd. I, S. 685. Danach erhielt die Stadt mit der ʿAin ʿArafāt eine zweite Wasserleitung, wodurch die Bedeutung der ʿAin Hunain für die Wasserversorgung Mekkas zurückging. Heute ist die ʿAin-Hunain-Leitung Teil des Gesamtsystems historischer Wasserleitungen Mekkas, die als ʿAin Zubaida bezeichnet werden.

Berichte über die Freilegung der Leitung durch Amīr Tschūpān Berichte über die Freilegung der ʿAin-Bāzān-Leitung finden sich bei verschiedenen arabischen Geschichtsschreibern. Sie teilen übereinstimmend mit, dass diese im Jahre 726 (= 1325/26 n. Chr.) erfolgte, und zwar durch Amīr Tschūpān in seiner Eigenschaft als Gouverneur der beiden Irak für den Ilchan-Herrscher Abū Saʿīd.

Der Bericht Ibn Kathīrs Der früheste Bericht über dieses Ereignis ist in der Weltchronik al-Bidāya wa-n-nihāya des syrischen Geschichtsschreibers Ibn Kathīr (gest. 1373) zu finden. Er berichtet, dass Anfang Ramadan 726 (= Anfang August 1326) die Nachricht Damaskus erreichte, dass eine Wasserleitung nach Mekka gelegt worden sei, die den Bewohnern der Stadt großen Nutzen bringe und früher unter dem Namen ʿAin Bādhān bekannt gewesen sei. Amīr Tschūpān habe diese Leitung aus weit entfernten Gebieten nach Mekka geführt, wo sie bis zu as-Safā und dem Ibrāhim-Tor der Heiligen Moschee reiche. Alle Mekkaner, Arme und Reiche, Schwache und Edle, könnten daraus gleichermaßen ihr Wasser schöpfen. Man habe am Anfang des Jahres (= Ende des Jahres 1325) mit den Grabungen begonnen und sie bis zum letzten Drittel des Monats Dschumādā al-auwal (= Anfang April) beendet. Der Bau der Leitung habe sich insofern als großes Glück erwiesen, weil zufällig das Jahr besonders trocken gewesen sei, so dass selbst die Zamzam-Quelle fast ausgetrocknet sei. Ohne den Bau des Qanāt, so merkt Ibn Kathīr an, „hätten die Mekkaner aus ihrer Stadt auswandern müssen, oder viele, die sich dort aufhielten, wären umgekommen.“ Er selbst habe bei einer Wallfahrt im Jahre 731 (= 1331/32) gesehen, welchen Nutzen auch die Pilger aus der neuen Wasserleitung zögen.Ibn Kaṯīr: al-Bidāya wa-n-nihāya. Ed. Ḥasan Ismāʿīl Marwa. 2. Aufl. Dar Ibn Kaṯīr, Damaskus-Beirut, 2010. Bd. XVI, S. 191. Digitalisat

Der Bericht Taqī ad-Dīn al-Fāsīs Zu den späteren Autoren, die über den Bau der ʿAin-Bāzān-Leitung berichten, gehört der mekkanische Geschichtsschreiber Taqī ad-Dīn al-Fāsī (gest. 1429). Er berichtet, dass der Bau der Leitung unter Amīr Tschūpān insgesamt 150.000 Dirham gekostet habe. Höhere Ausgaben seien nicht nötig gewesen, weil ungefähr zwei Fünftel der alten Wasserkanäle noch funktionsfähig gewesen seien.al-Fāsī: Šifāʾ al-ġarām bi-aḫbār al-balad al-ḥarām. Bd. I, S. 565. Das Wasser habe in den letzten Tagen des Monats Dschumādā II des Jahres, also in den letzten Apriltagen des Jahres 1326, wieder Mekka erreicht, nachdem die Stadt unter großer Wasserknappheit gelitten hatte.Al-Fāsī: az-Zuhūr al-muqtaṭafa. 2001, S. 200. Al-Fāsī verweist darauf, dass sein Urgroßvater Dāniyāl ibn ʿAlī al-Lūristānī an der Erbauung der Leitung beteiligt gewesen sei. Dieser sei wegen der Probleme in Mekka zuerst nach Ägypten und dann zu Tschūpān im Irak gereist und habe dann diesen zur Instandsetzung der Leitung ermuntert.Taqī ad-Dīn al-Fāsī: al-ʿIqd aṯ-ṯamīn. 1998, Bd. III, S. 231.

Zwei ägyptische Berichte Ein weiterer Bericht über die Erbauung der Leitung findet sich in der Chronik Kitāb as-sulūk li-maʿrifat duwal al-mulūk von al-Maqrīzī (gest. 1442). Demnach war der Grund dafür, dass in der Zeit von Amīr Tschūpān die Anzahl der Pilger aus dem Irak zugenommen hatte und der Wassermangel in Mekka für sie sehr belastend war. Der Wasserschlauch habe damals während der Wallfahrtssaison zehn und außerhalb der Wallfahrtssaison sechs bis sieben Masʿūdīya-Dirham gekostet. Amīr Tschūpān, der gerne in Mekka etwas Gutes leisten wollte, sei von Leuten zu einer alten Wasserleitung in ʿArafāt geführt worden, die nicht mehr funktioniert habe. Er habe dann während der Wallfahrt des Jahres 725 (= im November 1325) einem seiner Vertrauten 50.000 Dinar gegeben und ihn beauftragt, die alte Wasserleitung wiederherzurichten. Dieser Vertraute sei dann in Mekka geblieben und habe ausrufen lassen, dass jeder, der an dem Bau der Leitung mitarbeiten wolle, täglich drei Dirham bekomme. Daraufhin soll sich eine große Menge Araber bei ihm gemeldet haben, sogar Frauen seien dabei gewesen. Auf diese Weise habe man die Bauarbeiten in vier Monaten abschließen können. Am 28. Dschumādā al-auwal 726 (= 2. Mai 1326) floss das Wasser bis zu as-Safā. Die Mekkaner konnten mit dem Wasser sogar Gemüse anbauen.al-Maqrīzī: Kitāb as-sulūk li-maʿrifat duwal al-mulūk. Ed. Muḥammad Muṣṭafā Ziyāda, Cairo, 1941. Bd. II, Teil 1, S. 274f. Digitalisat

Der Bau der ʿAin-Bāzān-Leitung wird auch in dem biographischen Lexikon ad-Durar al-kāmina fī aʿyān al-miʾa aṯ-ṯāmina von Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī (gest. 1449) erwähnt, und zwar in dem Eintrag zu Amīr Tschūpān. Dort wird hervorgehoben, dass nach dem Bau der Leitung das Wasser in Mekka nicht mehr verkauft werden konnte, offenbar weil es so leicht verfügbar war.Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: ad-Durar al-kāmina fī aʿyān al-miʾa aṯ-ṯāmina. Maṭbaʿat Maǧlis Dāʾirat al-Maʿārif al-ʿUṯmānīya, Hyderabad, 1929. Bd. I, S. 541. Digitalisat

Ein wunderhafter Bericht Wie aus einem Bericht hervorgeht, den der syrische Gelehrte Muhammad Ibn-ʿAbdallāh asch-Schiblī (gest. 1367) nach einem Schriftstück von Ibn Qaiyim al-Dschauzīya (gest. 1350) zitiert, wurde die Freilegung der alten Wasserkanäle von einigen Anwesenden als ein wunderhaftes Ereignis wahrgenommen, bei dem auch die Dschinn eine wichtige Rolle spielten. Ibn Qaiyim al-Dschauzīya selbst hatte diesen Bericht nach asch-Schiblī in Mekka von dem dortigen Imam der Hanbaliten, Nadschm ad-Dīn Chalīfa ibn Mahmūd al-Gīlānī, erfahren, der selbst die Wiederherstellung der alten Leitung überwacht hatte. Demnach verlief die Suche nach der alten Leitung zunächst erfolglos, bis eines Tages einer der Bauarbeiter bewegungslos stehen blieb und dann den Muslimen im Namen der an dieser Stelle lebenden Dschinn eine Botschaft übermittelte: Er warnte sie, sie nicht ungerecht zu behandeln, weil ihnen sonst Übel widerfahren werde, und versprach, dass man sie nur dann passieren lassen und das Wasser herausgeben werde, wenn die Muslime den Dschinn das ihnen zustehende Recht geben würden. Als ihn der Imam fragte, was das sei, antwortete der Mann, dass man einen geschmückten Stier zu ihnen herausführen und für sie schlachten müsse. Das Blut, die Gliedmaßen und den Kopf solle man durch den ʿAbd-as-Samad-Brunnen zu ihnen herabwerfen, der Rest des Stiers sei für die Menschen. Danach wachte der Mann wieder aus seinem Besessenheitszustand auf. Auf Betreiben des Imams führten die Mekkaner die Anweisung, die der Mann ausgesprochen hatte, aus, brachten den Stier an die Stelle der Grabung und schlachteten ihn für die Dschinn. Kurz darauf habe der Imam den alten, in den Fels gehauenen Kanal gefunden, der so geräumig gewesen sei, dass ein Reiter auf seinem Pferd durch ihn hindurchschreiten konnte. Man habe dann den alten Kanal repariert und gereinigt, so dass schon vier Tage später das Wasser Mekka erreicht habe.Badr-ad-Dīn Muḥammad ibn ʿAbdallāh aš-Šiblī: Ākām al-marǧān fī aḥkām al-ǧānn. Ed. Edward Badeen. Orient-Institut Beirut, Beirut, 2017. S. 186f. Digitalisat Taqī ad-Dīn al-Fāsī, der diesen Bericht in seinem Werk zitiert, erklärt, dass es sich bei der Wasserleitung um die ʿAin Bāzān handelte, und sich das besagte Geschehen zutrug, als Amīr Tschūpān sie freilegte.al-Fāsī: Šifāʾ al-ġarām bi-aḫbār al-balad al-ḥarām. Bd. I, S. 568.

Name und Ursprung Der Bericht von Ibn Kathīr sagt ausdrücklich, dass die von Amīr Tschūpān wiederhergestellte Wasserleitung ihren Namen schon vorher hatte. Bāzān ist ein persisches Wort, welches das Becken eines Brunnens bezeichnet.Francis Joseph Steingass: A Comprehensive Persian-English Dictionary. Routledge & Kegan, London, 1892. S. 144b. Digitalisat Der mekkanische Geschichtsschreiber ʿUmar Ibn Fahd erwähnt, dass im Dschumādā II 619 (Juli/August 1222) Nūr ad-Dīn ʿUmar ibn ʿAlī ibn Rasūl, der Begründer der Rasuliden-Dynastie, für Salāh ad-Dīn Yūsuf ibn Abī Bakr, den aiyubidischen Herrscher des Jemen, das Sammelbecken (manqaʿ) erbaute, das als Bāzān bekannt ist.Siehe Ibn Fahd: Itḥāf al-warā. 1984, Bd. III, S. 37. Aus Beschreibungen der späteren mekkanischen Geschichtsschreibung ist bekannt, dass sich das Bāzān-Becken bei as-Safā befand und sich das Wasser der von Amīr Tschūpān freigelegten Leitung in es ergoss.ʿAbd al-ʿAzīz Ibn Fahd: Bulūġ al-qirā. Bd. I, S. 494. Es ist von daher gut möglich, dass die Leitung nach diesem Becken benannt wurde.

Der Bericht von al-Maqrīzī legt indessen nahe, dass diese Leitung erst im 14. Jahrhundert ʿAin Bāzān genannt wurde, und zwar nach dem Beauftragten Amīr Tschūpāns, der sie wiederherstellte.So erklärte auch Christiaan Snouck Hurgronje den Namen, siehe Chr. Snouck Hurgronje: Mekka. Band I: Die Stadt und ihre Herren. Martinus Niejhoff, Den Haag, 1888. S. 9. Digitalisat Der besagte Bericht spricht nämlich davon, dass am 27. Schaʿbān 726 (= 29. Juli 1326) Bāzān, der Abgesandte von Amīr Tschūpān, der die Wasserleitung nach Mekka gebaut hatte, nach Ägypten kam und mit dem Sultan zusammentraf, um ihm von der Leitung zu berichten. Der Sultan habe ihn durch einen Stellvertreter fragen lassen, wer ihm erlaubt habe, die Leitung zu bauen und warum er ihn nicht um Rat gefragt habe. Bāzān habe als Antwort darauf dem Sultan ausrichten lassen, dass er die Leitung ja wieder zerstören könne, wenn er wolle. Der Sultan habe dazu nichts mehr gesagt.al-Maqrīzī: Kitāb as-sulūk li-maʿrifat duwal al-mulūk. Ed. Muḥammad Muṣṭafā Ziyāda, Cairo, 1941. Bd. II, Teil 1, S. 274f. Digitalisat