mini|Silberwurz am südlichen Arealrand an der Velika Jastrebica im Orjen-Gebirge. Das arkto-alpine Glazialrelikt besiedelt periglaziale Standorte Arkto-alpine Disjunktion wird eine auffällige Arealaufspaltung einer Gruppe von Tieren und Pflanzen genannt, die in Lebensräumen der Tundra oder Kältesteppe, einerseits in Hochgebirgen der temperaten Zone (seltener subtropisch-mediterranen Gebirgen) und andererseits der Arktis, auftritt. In den zwei Teilarealen, die durch eine breite Lücke im mitteleuropäisch-osteuropäischen Flach- und Hügelland voneinander getrennt sind, kommen dann eine Vielzahl derselben Arten vor. Dieses Verbreitungsbild geht meist auf ein ehemals im Eiszeitalter zusammenhängendes Areal der kälteliebenden Arten zurück, das durch die seitherige Erwärmung verkleinert und dabei in Teilareale aufgespalten worden istLexikon der Biologie: arktoalpine Formen, Spektrum.de. Vorkommen von Tieren und Pflanzen in isolierten, kleinen Habitaten, etwa auf einzelnen Berggipfeln, sind dann als Glazialrelikte der Eiszeiten aufzufassen.Akira S. Hirao, Mikio Watanabe, Shiro Tsuyuzaki, Ayako Shimono, Xuefeng Li, Takehiro Masuzawa, Naoya Wada 2017: Genetic diversity within populations of an arctic–alpine species declines with decreasing latitude across the Northern Hemisphere. Journal of Biogeography, vol. 44: 2740-2751. (Wiley Online Library:PDF) Der Arealtyp, der sowohl in der geobotanischen als auch in der zoogeographischen Literatur sowie phylogenetisch gründlich untersucht wurde,Schmitt, T.; Muster, C. & Schönswetter, P. 2010: Are Disjunct Alpine and Arctic-Alpine Animal and Plant Species in the Western Palearctic Really “Relics of a Cold Past”? In: Relict Species Phylogeography and Conservation Biology, 2010: 239-252 ist vor allem in Eurasien zu finden, da hier die großen Gebirgsketten latitudinal von West nach Ost verlaufen und zusätzlich zwischen den arktischen und temperaten Regionen Flachländer vorherrschen. In Nordamerika tritt die arkto-alpine Disjunktion nicht auf, da die Gebirgsketten überwiegend in longitudinaler Erstreckung verlaufenVladimir Stevanović, Snežana Vukojičić, Jasmina Šinžar-Sekulić, Maja Lazarević, Gordana Tomović, Kit Tan: Distribution and diversity of Arctic-Alpine species in the Balkans. Plant Systematics and Evolution, Dezember 2009, 283.219, (PDF) sowie borealer Nadelwald während der maximalen Vereisungsphase bis in unmittelbarer Nähe zum Laurentinischen Eisschild wuchs.Hilary H. Birks 2008: Late-Quaternary history of arctic and alpine plants. Plant Ecology & Diversity. Vol. 1/2: November 2008: 135-146
Klimageschichte mini|350px|Eiszeitliches Maximum der beiden letzten Kaltzeiten in Europa: Weichsel-/Würm-Komplex und Saale/Riß-Komplex. Ein Großteil der europäischen Tiefländer zwischen Europa, Sibirien und Alaska – die beiden letztgenannten waren über die Bering-Landbrücke verbunden – blieben unvergletschert. Es herrschte ein trocken-kaltes Klima. Die Vegetation bestand aus einer Mischung von nördlichen und kontinentalen Florenelementen von alpinen, arkto-alpinen, arktischen, sub-arktischen, nördlichen montanen und südlichen, nördlichen und weitverbreiteten kontinentale Arten Die Gemeinsamkeit der Arealform bei verschiedenen Gruppen von Lebewesen kann auf einen gemeinsamen klimageschichtlichen Hintergrund zurückgeführt werden. Da sich bei vielen Artgruppen eine positive Korrelation zwischen der Ausdehnung der paläarktischen, eurasiatischen und holarktischen Teilareale feststellen lässt, muss in der Vergangenheit eine zonale Ausbreitungsmöglichkeit bestanden haben. Dies wird durch die Ausdehnung der Periglazialgebiete im Pleistozän erklärt, die in den Kaltzeiten des Glazials eine zusammenhängende Großlandschaft zwischen Atlantik und Pazifik gebildet hatten. In der über eine Million Jahre andauernden Periode der Eiszeiten wirkten sich mindestens sechs Glazialphasen mit abnehmenden Temperaturen auf den Zuwachs der Eismassen sowie auf Prozesse der Landschaftsdynamik, wie zum Beispiel die Bildung von Permafrostboden und weitflächigen Erscheinungen von Periglazialgebieten, aus. Dies hatte ebenfalls stark regressive Auswirkungen auf die vormals vorhandene Vegetation.Thorsten Englisch 1999: Multivariate Analysen zur Synsystematik und Standortsökologie der Schneebodenvegetation (Arabidetalia caerulea) in den Nördlichen Kalkalpen. In: Stapfia. Band 59, Linz 1999, S. 30–31, ISSN 0252-192X,
Der Nachweis arkto-alpiner Elemente in den temperaten und meridionalen Gebirgsketten bildete neben quartärgeologischen Nachweisen eines der entscheidenden Argumente für die These, dass Inlandseis und Eiskappen zum Rückzug der arkto-tertiären Vegetation (u. a. von Persischem Eisenholz oder Zelkova) geführt hatten. Nach dem Rückzug des Eises wurden sowohl im hohen Norden als auch in höheren Bergregionen geeignete Lebensbedingungen vorgefunden und besiedelt. Als Leitart der arkto-alpinen Flora wird das Massenaufkommen von Dryas (Silberwurz) genommen. So kann mit dem fossilen Vorkommen von Dryas zwischen Süd- und Mittelengland, der Bretagne, den Benelux-Staaten, Mittel- und Osteuropa sowie Zentralrussland die Ausdehnung der ehemaligen kaltzeitlichen Tundra in Europa rekonstruiert werden.
Austausch von Flora und Fauna mini| Spitzkiele haben ihr Diversitätszentrum in der Arktis. Relikte südlicher Regionen bilden Artenpaare wie der Dinarische Spitzkiel zum Alpen-Spitzkiel mini|Die Raupen des Dickkopffalters Pyrgus centaureae leben an der Moltebeere, die in Europa vor allem ein Glazialrelikt des hohen Nordens ist Während der Eiszeiten wurde der arkto-tertiäre Formenbestand fast vollständig ausgeschaltet, die Wald- und Hochgebirgsflora in Refugialgebiete zurückgedrängt. Auf der anderen Seite wurde der Florenaustausch mit anderen Gebirgen und den nördlichen Regionen beträchtlich intensiviert. So sind arkto-alpine Arten von den Picos de Europa in Nordspanien bis in die Japanischen Alpen verbreitet.
Ein Beispiel einer eurasiatisch-amerikanisch-arktisch verbreiteten Art ist der Alpenapollo, dessen europäisches Teilareal nur die zentralen Alpen umfasst. Erst vom Ural an besiedelt er Sibirien, die Mongolei, Alaska, Kanada und die westlichen USA bis New Mexico. Jedoch fehlt er in Europa in Skandinavien oder Island. Nicht alle der kaltzeitlichen Arten konnten ein arkto-alpines Areal ausbilden. Ein Großteil der Tundrenarten besiedelt nur eines der Teilareale und wird dadurch jeweils in alpine oder arktische Sippenpaare getrennt. Beispiele der zwischen Arktis und temperaten alpinen Hochgebirgen divergenten Sippenpaare sind Salix retusa-Salix polaris,Thorsten Englisch 1999: S. 31 oder Oxytropis dinarica-Oxytropis campestris.
Gleiches Schema findet sich auch in der Fauna der Paläarktis. Es lassen sich auch mehrere Arealformen arkto-alpiner Disjunktion beschreiben. So gibt es Verbreitungsareale zwischen europäischen und asiatischen Hochgebirgen und der Arktis oder solche die nur eines der Hochgebirgssysteme und die Arktis umfassen. Seltener sind Fälle rein europäischer arkto-alpiner Disjunktion.Varga, Zoltan und Schmitt, Thomas 2008: Types of oreal and oreotundral disjunctions in the western Palearctic. Biological Journal of the Linnean Society, vol. 93: 415-430. Folgende Schmetterlinge besitzen ein europäisches arkto-alpines Areale: Pyrgus andromedae oder Pygmaeana fusca. In Asien umfasst es aber mehr Arten: u. a. Pyrgus centaureae, Colias hecla, Euphydras iduna, Boloria alaskensis oder Oeneis bore. Zum sibirischen arkto-alpinen Teilareal gehören Altai und Sajan sowie die sibirische Arktis. Auch bei Schmetterlingen finden sich Sippenpaare, die sich in arktische und alpine Formen trennen lassen. Die südlichste Verbreitungsgrenze solcher alpinen Arten mit nächstverwandten arktischen liegt in den Hochgebirgen der Balkanhalbinsel. Es sind: Agriades glandon – Agriades aquilo, Colostygia lineolata – Colostygia turbata, Holoarctia cervini – Holoarctia puengeleri u. a.Varga, Zoltan und Schmitt, Thomas 2008: S. 422–423
Durch reproduktive Isolation der stark zersplitterten Vorkommen einzelner Hochgebirge haben zahlreiche arkto-alpine Arten oft Unterarten gebildet, die erst nach den Eiszeiten durch geographische Trennung entstanden sind. Auch unter diesen gibt es Disjunktionen nur zwischen den im gleichen Zonobiom liegenden Gebirgen und Landschaften. Diese Arealform wird alpine Verbreitung bezeichnet. Sie gilt für Arten, die in den alpinen Stufen einzelner Hochgebirge Eurasiens verbreitet sind, aber nie in der Arktis auftreten. Ein Beispiel einer rein oreotundralen Art ist Boloria pales. Es ist ein in alpinen Tundren lebender Schmetterling, der vom Kantabrischen Gebirge bis nach Taiwan in einzelnen Hochgebirgen auftritt und noch die Gebirge Südsibiriens erreicht (Altai, Sajangebirge), ohne in die Arktis vorzudringen.Yu-Feng Hsu 1997: Notes on Boloria pales yangi, ssp. nov., a remarkable disjunction in butterfly biogeography (Lepidoptera: Nymphalidae). Journal of Research on the Lepidoptera, vol. 34/1-4: 142-146 (researchgate:PDF) Weitere Beispiele der alpinen Verbreitung in Europa sind der Eros-Bläuling sowie zahlreiche Erebien wie Erebia oeme, Erebia albergana, Erebia pronoe, Erebia manto, Erebia sudetica, Erebia tyndarus, Erebia pharte, Erebia epiphron oder Erebia gorge. Ein vikariierndes Sippenpaar der arkto-alpinen Fauna sowie den oro-Mediterranen xeromontanen Gebirgen zwischen Artkis der Alpen, der Iberischen und Balkanhalbinsel sowie Kleinasiens sind Agriades glandon – Agriades pyrenaicus – Agriades dardanus. Während Agriades glandon eine polyzentrische eurasiatische (zirkumpolare) tundro-alpine Art und Vertreter der alpiden Fauna ist, vollzog sich bei den anderen die jeweilige Artbildung in meridionalen Refugien während der Eiszeiten, die höchstwahrscheinlich in größter Nähe zu den heutigen stark zersplitterten Standorten lagen und Larvalhabitate mit dem Zottigen Mannsschild (Androsace villosa) anboten.Varga, Zoltán 1977: Zoogeographische Gliederung der paläarktischen Orealfauna. In: Verhandlungen des Sechsten Internationalen Symposiums über Entomofaunistik in Mitteleuropa (Hrsg. Malicky, Hans), Springer Netherlands, 263-284.
Die Adamović-Linie Eine strenge Grenze nach Süden besitzen die Arten, die zur arkto-alpinen Arealgruppe zählen, in der sogenannten Adamović-Linie. Diese scharfe Trennungslinie tritt auf der Balkanhalbinsel in Erscheinung. Sie ist die Trennungslinie zwischen der mitteleuropäischen und mediterranen Vegetationszone. Südlich der Adamović-Linie treten praktisch keine arkto-alpinen Elemente mehr auf. De Lattin hatte diese von Lujo Adamović 1907 aufgrund pflanzengeographischer Grundzüge postulierte Grenze als Stauungszone sibirischer Faunenelemente erkannt. Der ungarische Entomologe Zoltán Varga hat die Adamović-Linie als Grenze zwischen alpinen und xeromontanen Schmetterlingsarealtypen weiter bekräftigt. Neben den klimatischen Ursachen sind Substrattypen, Geomorphologie und Bodenverhältnisse und dadurch bedingte Unterschiede in der Vegetation für diese faunistischen Unterschiede verantwortlich. Für die genetischen Linien der südosteuropäischen Hochgebirge mit typischer alpiner Zonierung konnte bei arkto-alpinen und alpinen Disjunktionen eine frühere genetische Trennung festgestellt werden. Sie gehören älteren genetischen Linien an, die dort an Ort und Stelle die Eiszeiten überdauert haben und im Gegensatz zu den Alpinen Relikte der älteren Eiszeitphasen stellen.Schmitt, T.; Muster, C. & Schönswetter, P. 2010: Are Disjunct Alpine and Arctic-Alpine Animal and Plant Species in the Western Palearctic Really “Relics of a Cold Past”? In: Relict Species Phylogeography and Conservation Biology, 2010: 239-252
Phylogenetische Zeugnisse mini|Der Graubraune Mohrenfalter – in Europa ein hochalpiner Falter, der von den Ostpyrenäen bis in Tundren der Arktis und der Mongolei vorkommt