Die Dampflokomotiven der West Country Class und der Battle of Britain Class der britischen Southern Railway (SR) wurden nach einem Entwurf von Oliver Bulleid von 1945 bis 1951 in mehreren Losen beschafft. Insgesamt entstanden in den bahneigenen Werkstätten in Brighton und Eastleigh 110 Stück dieser Klasse. Davon wurden noch 70 Stück an die Southern Railways ausgeliefert, die restlichen 40 Exemplare gingen ab 1948 an die staatlichen British Railways (BR), in denen die SR infolge des Transport Act 1947 aufgegangen war. Sie waren eine in ihren Maßen etwas reduzierte Version der Merchant Navy Class der SR und wie diese offiziell Mehrzwecklokomotiven, wurden aber vor allem vor den Expresszügen der Southern Railways bzw. der Southern Region von British Railways eingesetzt, teilweise auch auf nachrangigen Nebenstrecken. Die Maschinen wurden ab 1963 schrittweise ausgemustert, die letzten bespannten bis 1967 noch Expresszüge. Sie gehörten damit zu den letzten eingesetzten Schnellzugdampflokomotiven von British Railways.
Geschichte Für die Beschleunigung ihrer schweren Expresszüge in den Südwesten Englands sowie der Boat trains wie etwa dem Golden Arrow zu den Häfen am Ärmelkanal hatte Bulleid, der seit November 1937 Chefingenieur der SR war, bereits kurz nach Amtsantritt den Auftrag zur Entwicklung einer neuen, für diese Züge geeigneten Lokomotive erhalten. Die ersten Maschinen der neuen Merchant Navy Class wurden 1941 fertiggestellt. Aufgrund ihres hohen Gewichts waren sie jedoch nicht für alle Strecken der Southern Railway geeignet und konnte nur auf den wichtigsten Hauptstrecken der SR von London zur englischen Süd- und Kanalküste eingesetzt werden. Die SR benötigte zudem dringend neue Lokomotiven, da ihr Netz während des Zweiten Weltkriegs durch seine Lage in besonderem Maße durch Militärverkehr belastet war. Bulleid erhielt daher den Auftrag, eine leichtere Version der „Merchant Navys“ zu entwickeln, vor allem für die nur für geringeren Achsdruck zugelassenen Strecken der SR in Devon, die aufgrund ihres geringen Verkehrsaufkommens von den Eisenbahnern der SR als „Withered Arm“ (auf Deutsch in etwa Verkümmerter Arm) bezeichnet wurden. Sie sollte zudem für Strecken mit geringerem Lichtraumprofil geeignet sein, vor allem die Strecke zwischen Tonbridge und Hastings, deren Tunnel ein deutlich reduziertes Profil besaßen.Kent Rail: Bulleid Light Pacific SR West Country / Battle of Britain Class, abgerufen am 28. Juli 2021
Da die SR-Werkstätten in Eastleigh mit der Produktion der Merchant Navy Class ausgelastet war, erhielten die Werkstätten in Brighton den Auftrag. Zunächst wurde eine 2’C-Ausführung unter Verzicht auf die Nachlaufachse erwogen, jedoch entschloss sich Bulleid bald, im Wesentlichen eine in ihren Maßen reduzierte „Merchant Navy“ zu entwerfen. Die Treibradsätze und das Drehgestell blieben unverändert, ebenso auch die von Bulleid entwickelte kettengetriebene Innensteuerung der drei Zylinder in der Ölwanne. Leicht reduziert wurden die Nachlaufachse, die Zylinder und vor allem der Kessel und die Feuerbüchse. Zur Reduzierung des Lichtraumprofils diente zudem ein in den Außenmaßen etwas reduziertes Führerhaus. Der Tender erhielt ebenfalls etwas reduzierte Maße. Erst kurz nach Kriegsende lieferte Brighton im Mai 1945 die erste Lokomotive aus, die im Juni in einer großen Zeremonie in Exeter auf den Namen der Stadt getauft wurde. Zunächst wurde die neue Klasse schlicht als Lightweight Pacific bezeichnet, erhielt aber schließlich den Namen West Country, da die ersten Lokomotiven sämtlich nach Orten im West Country im Westen des SR-Netzes benannt wurden.Southern Railway E-Mail Group: Bulleid WC/BB "West Country" and "Battle of Britain" class 4-6-2, abgerufen am 28. Juli 2021 Noch vor Abschluss der Erprobung erteilte die SR den Auftrag zum Bau von insgesamt 70 Stück der neuen Pacific. mini|links|Lokomotive 34011 Tavistock 1949 in Exeter vor dem Pullmanzug Devon Belle nach London Waterloo mini|links|Namensschild der Lokomotive 34081 92 Squadron der Battle of Britain Class Entsprechend ihrem Namen wurden die ersten Exemplare im Westen des SR-Netzes stationiert, Ende 1946 waren 27 Stück im Depot Exmouth Junction in Exeter stationiert. Sie bedienten von dort vor allem die heutige Tarka Line nach Barnstaple mit ihrer Verlängerung nach Ilfracombe sowie die Strecke über Okehampton nach Plymouth und die von dieser abzweigenden Nebenstrecken zu den kleinen Seebädern an der Westküste von Devon und Cornwall. Bei Ausfall einer Merchant Navy übernahmen sie aber auch Leistungen auf der Hauptstrecke über Salisbury nach London. Ende 1946 erhielten erstmals auch Depots im Südosten die neuen Pacifics, da die „Merchant Navys“ für viele Strecken zwischen London und der Kanalküste zu schwer waren. Nach der 48. Lokomotive änderte die Southern die Bezeichnung, die für den Südosten vorgesehenen Lokomotiven wurden nach Flugzeugtypen, Geschwadern, Flugplätzen und hohen Offizieren der Royal Air Force benannt, die sich in der Luftschlacht um England (englisch Battle of Britain) ausgezeichnet hatten. Diese Lokomotiven wurden als neue Battle of Britain Class eingeordnet, ohne dass es irgendwelche technischen Unterschiede zwischen den beiden Klassen gab.Kent Rail: Bulleid Light Pacific SR West Country / Battle of Britain Class: A Change of Naming Policy, abgerufen am 28. Juli 2021 Eine spätere Serie erhielt wieder Namen von Orten aus dem West Country, so dass dieser Klasse schließlich 66 Lokomotiven zugeordnet wurden. Die übrigen 44 Lokomotiven gehörten zur Battle of Britain Class. Bis zur Nationalisierung erhielt die SR insgesamt 70 Lokomotiven, die nach dem von Bulleid entwickelten Nummerierungsschema die Nummern 21C101 bis 21C170 erhielten. BR gab den Lokomotiven beider Klassen 1948 die Nummern 34001 bis 34110.
Nach der Nationalisierung und der Gründung von British Railways wurden weitere Lokomotiven beschafft. Eine nennenswerte, allerdings noch zu Zeiten der Southern Railway in Auftrag gegebene Änderung war der Verzicht auf die schmaleren Führerhäuser. Nachdem die Lokomotiven entgegen erster Planungen nicht zwischen Tonbridge und Hastings eingesetzt wurden, waren diese nicht nötig und ab der 71. Lokomotive erhielten alle Neubauten breitere Führerhäuser, was auch die Sicht für das Personal etwas verbesserte. Sie erhielten auch größere Tender der bei den „Merchant Navys“ verwendeten Bauart. Bis 1951 wurden noch 40 weitere Lokomotiven an BR ausgeliefert, die Klasse erreichte damit die größte Stückzahl aller britischen Pacific-Typen. Mit Ausnahme von sechs in Eastleigh produzierten Maschinen entstanden alle in Brighton. Noch während der Auslieferung wurden Pläne entwickelt, einen Teil der Lokomotiven auf Ölfeuerung umzubauen. Zwei Lokomotiven erhielten kurzzeitig eine Ölfeuerung, doch die steigenden Ölpreise führten dazu, dass British Railways diese Pläne wieder aufgab. 1951 stationierte BR einige neu ausgelieferte Lokomotiven in Stratford, wo sie Leistungen auf der Hauptstrecke der Eastern Region zwischen London Liverpool Street und Norwich übernahmen, die bis 1948 zur LNER gehört hatte. Bereits ein Jahr später wurden die Lokomotiven wieder in das Netz der ehemaligen SR und nunmehrigen Southern Region von British Railways versetzt, wo alle Lokomotiven bis zu ihrer Ausmusterung verblieben. Im Ostteil der Southern Region bespannten sie vor allem Expresszüge auf fast allen Strecken, mit Ausnahme der schwersten, die den „Merchant Navys“ vorbehalten waren. Zu ihrem Einsatzgebiet gehörten auch die Boat trains zwischen London und den Kanalhäfen Dover und Folkestone, darunter der Pullmanzug Golden Arrow. Im Westen der Southern Region bespannten sie ebenfalls vorwiegend Expresszüge bis in die Badeorte an der Westküste von Devon und Cornwall, so etwa den Devon Belle und den Atlantic Coast Express. Diese bestanden auf den Außenästen des Netzes oft nur noch aus drei bis vier Wagen, womit die Lokomotiven leistungstechnisch unterfordert waren.
Wie bei den „Merchant Navys“ führte die neuartige Technik zunächst zu erheblichen Problemen. Insbesondere die kettengetriebene Steuerung und die nicht dauerhaft dicht zu haltende Ölwanne erwiesen sich als anfällig, zum einen durch sich entzündendes Öl, zum anderen durch Anfahrschwierigkeiten aufgrund verölter Schienen. Zudem wiesen die Maschinen einen vergleichsweise hohen Wartungsaufwand auf. Dagegen war ihre Leistungsfähigkeit ebenfalls unumstritten, insbesondere der von Bulleid neukonstruierte Kessel erwies sich als ausgesprochen leistungsfähig. Die leichteren Pacifics waren zudem gut in der Lage, eine ausgefallene Merchant Navy zu ersetzen. Sie wiesen jedoch wie diese einen hohen Kohlenverbrauch auf. Letzterer zeigte sich vor allem bei den 1948 von British Railways durchgeführten Vergleichsfahrten. In diesen wurden Express-, Mixed- und Güterzuglokomotiven der vier Vorgängergesellschaften von BR auf verschiedenen anspruchsvollen Strecken verglichen. Die leichten Pacifics zeigten sich im Vergleich mit der LMS-Klasse 5 „Black Five“, der LNER-Klasse B1 und den „Modified Halls“ der GWR-Klasse 6959 als die leistungsfähigsten Maschinen, benötigten aber bspw. bei Zugleistungen auf der schwierigen Highland Main Line in Schottland 33 % mehr Kohle als die „Black Five“.Rodger P.Bradley: British Railways: The 1948 Interchange Trials, S. 9, abgerufen am 30. Juli 2021
Analog zu den schweren Pacifics plante BR daher auch den Umbau der leichten Pacifics. Während die „Merchant Navys“ vollständig umgebaut wurden, blieben 50 Maschinen der West Country bzw. Battle of Britain Class bis zur Ausmusterung im Originalzustand. Die ab Ende der 1950er Jahre bei BR sehr rasch und teils überhastet umgesetzte Verdieselung führte dazu, dass das schließlich 1957 begonnene Umbauprogramm Ende 1960 abgebrochen wurde. Die meisten umgebauten Lokomotiven erreichten nur noch relativ geringe Laufleistungen. Der Umbau erfolgte weitgehend analog zu den „Merchant Navys“. Die kettengetriebenen Innensteuerungen wurden durch herkömmliche Walschaerts-Steuerungen ersetzt und die Maschinen verloren ihre auffällige Verkleidung. In diesem Zusammenhang erhielten sie auch eine neue Rauchkammer. Der hohe Kesseldruck war bereits zuvor reduziert worden. Lediglich die BFB-Radsätze blieben als äußerliches Merkmal erhalten, ansonsten ähnelten die Lokomotiven den neueren Standard-Pacifics von BR. Der Umbau wurde in der Fachwelt allgemein als geglückt betrachtet, da die Lokomotiven ihre Leistungsfähigkeit behielten. Zugleich wurden die andauernden Wartungsprobleme substanziell reduziert, auch die immer wieder kritisierte schlechte Sicht für das Lokomotivpersonal entlang der Verkleidung wurde behoben. Nachteilig war lediglich, dass aufgrund der neuen Steuerung die Treibräder mit Gegengewichten ausgeführt werden mussten, was zu etwas erhöhten Belastungen der Schienen führte. Ein besonderes Problem der umgebauten leichten Pacifics war jedoch, dass die Maschinen rund vier Tonnen schwerer geworden waren, was einen weiteren Einsatz auf den meisten Strecken westlich von Exeter verhinderte. Diese blieben bis zur Umstellung auf Diesellokomotiven bzw. zur Stilllegung den nicht umgebauten Lokomotiven vorbehalten.Kent Rail: Bulleid Light Pacific SR West Country / Battle of Britain Class: BR Modifications and Rebuilding, abgerufen am 28. Juli 2021