Die Wütenden – Les Misérables ist ein französisches Filmdrama von Ladj Ly, das im Mai 2019 im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Cannes seine Premiere feierte und dort den Preis der Jury gewann. Im Rahmen der Verleihung des César 2020 erhielt der Film insgesamt neun Nominierungen und vier Prämierungen, darunter als bester Film. Zudem war Les Misérables bei der Oscarverleihung 2020 in der Kategorie Bester Internationaler Film nominiert. Am 20. November 2019 kam der Film in die französischen und am 23. Januar 2020 in die deutschen Kinos.
Der Film beruht auf wahren Begebenheiten, spielt in einer der Pariser Banlieues und erzählt von den schwierigen Lebensverhältnissen ihrer multikulturellen Bewohner und der Arbeit dreier Polizisten, die dabei mit alltäglicher Gewalt konfrontiert sind.
Handlung Der Polizist Stéphane hat sich zur Einheit der Verbrechensbekämpfung in Montfermeil versetzen lassen, einer französischen Gemeinde im Département Seine-Saint-Denis und einem Vorort von Paris. Die Spannungen zwischen den Banden, die in dieser Gegend leben, sind hoch. An seinem ersten Arbeitstag lernt Stéphane die Arbeit und das Viertel kennen, überwiegend vom Rücksitz des Peugeots seiner beiden Teamkollegen aus, dem aggressiven und leicht psychotischen Chris und dem eher ruhigen Gwada. Sie versuchen den Frieden in diesem benachteiligten multikulturellen Viertel aufrechtzuerhalten. Bei ihrer Arbeit müssen sie nicht nur mit Schulkindern Gespräche führen, sondern auch mit der Muslimbruderschaft und einem Gangster, der sich selbst zum Bürgermeister von Montfermeil ernannt hat. Kriminelle und Polizisten kennen sich hier bestens, und solange niemand die Nerven verliert, kommen sie miteinander aus.
Die eigentlichen Schwierigkeiten beginnen, als ein Zirkusdirektor den Diebstahl des Löwenbabys „Little Johnny“ aus seinem Zirkus meldet. Als Stéphane und seine Kollegen den minderjährigen Löwendieb Issa festnehmen wollen, setzen sie sich einer Gruppe wütender Kinder zur Wehr. In dem Tumult wird der Junge durch ein von Gwada abgefeuertes Gummigeschoss im Gesicht verletzt. Dieser Vorfall wird von einer Kameradrohne gefilmt, die der andere Junge Buzz von einem Hausdach aus steuert. Auf Chris’ Betreiben hin beschaffen sich die Polizisten die Speicherkarte mit dem Video, ehe Buzz dessen Veröffentlichung gelungen wäre, und verbergen damit die Tat, die sie in schlechtem Licht erscheinen lässt, vor der Öffentlichkeit. Zudem findet das Team den jungen Löwen wieder und bringt ihn dem Zirkusdirektor zurück. Unter scharfem Protest von Stéphane zwingt der Zirkusdirektor den verängstigten Issa für kurze Zeit, in einem Käfig einem ausgewachsenen Löwen gegenüberzustehen, der dabei fauchend und, ohne ihn körperlich zu verletzen, mit seinen Tatzen nach ihm schlägt. Chris lässt danach den traumatisierten Issa wieder frei, statt ihn – wie Stéphane es verlangt hat – zur Behandlung seiner Verletzungen in ärztliche Behandlung zu bringen. Zudem zwingt er Issa dazu, die wahre Ursache seiner Verletzungen zu verschweigen.
An einem der folgenden Tage sind Chris, Gwada und Stéphane erneut in ihrem Pkw in Montfermeil auf Streife unterwegs, als ihr Auto von teilweise vermummten Jugendlichen, darunter auch Issa, mit explosiven Stoffen attackiert wird. Dadurch zum Verlassen des Autos gezwungen, verfolgen die drei die Jugendlichen in ein Wohnhaus. Dabei werden sie von diesen und weiteren Teenagern im Treppenhaus eingekesselt und massiv mit verschiedenen Waffen attackiert. Die von Stéphane angeforderte Verstärkung trifft nicht ein. Der selbsternannte Bürgermeister kommt in das Treppenhaus, um die Jugendlichen zu beschwichtigen, wird dabei aber von ihnen gelyncht, niedergeschlagen und -getreten. Chris wird von einem der Jugendlichen mit einem Wurfgeschoss am Auge verletzt. Buzz beobachtet die Lebensgefahr, in der sich die Polizisten befinden, durch den Spion einer Wohnungstür, die er ihnen öffnen möchte, jedoch innehält, als er sieht, dass Issa mit einem Molotowcocktail kommt. Als Issa mit einem brennenden Molotowcocktail wurfbereit den eingekesselten Polizisten gegenübersteht und von Stéphane mit der Pistole im Anschlag zum Unterlassen aufgefordert wird, blendet der Film aus und der Abspann beginnt.
Gewalt in den Pariser Vororten Der Film ist von den Unruhen von 2005 inspiriert, von denen auch Montfermeil betroffen war, wo in diesem Jahr zwei Jungen auf der Flucht vor der Polizei starben und es im Frühjahr 2006 zu erheblichen Übergriffen kam, bei denen mit Baseballschlägern bewaffnete Jugendliche das Wohnhaus des UMP-Bürgermeisters Xavier Lemoine mit Steinen bewarfen. Die Vorstadtunruhen zählen zu den schlimmsten, die Frankreich je erlebte. Knapp 3.000 Menschen wurden festgenommen, mehr als 8.000 Autos gingen in Flammen auf.Christian Jungen: Filmfestspiele von Cannes: Das sind die neuen Talente des Autorenkinos. In: Neue Zürcher Zeitung, 18. Mai 2019. Wegen der Unruhen hatte die französische Regierung beschlossen, Montfermeil besonders zu fördern.
Die Geschichte ist in diesem Pariser Vorort angesiedelt, der seinen besonderen Platz in der französischen Geschichte hat, da in Montfermeil auch der Roman Die Elenden (Originaltitel Les Misérables) von Victor Hugo spielt, hat jedoch außer dem gemeinsamen Schauplatz nichts gemeinsam.Verena Lueken: Neue Filme in Cannes: Eine nahe schlimme Zukunft weit entfernt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. Mai 2019. Dennoch werden die Ähnlichkeiten zwischen der heutigen wütenden Jugend und dem kleinen Gavroche vor 150 Jahren nur allzu deutlich.Nancy Tartaglione: Ladj Ly’s 'Les Misérables' Is Rare Competition Debut For A Feature First-Timer — Cannes Ones To Watch. In: deadline.com, 16. Mai 2019.
Produktion Stab und vorherige Filme
Der Filmemacher Ladj Ly ist in Montfermeil aufgewachsen, seine Familie stammt ursprünglich aus Mali. Ly hatte 2005 während der Unruhen in seinem Viertel begonnen, den Dokumentarfilm 365 Tage in Clichy-Montfermeil über die Gewalt, die sich damals in den Pariser Vororten entlud, zu drehen.365 jours a Clichy Montfermeil. In: allocine.fr. Abgerufen am 17. Oktober 2019.Konrad Kögler: Les Misérables. In: daskulturblog.com, 30. Juni 2019. Er habe das fast 100-stündige Material trotz aller Angebote nicht verkauft, sondern den Film kostenlos ins Netz gestellt.
Diese Langzeitdoku nach den Aufständen 2005 diente wiederum für den Kurzfilm Les misérables als Basis, mit dem Ly 2018 für den César nominiert wurde.Thomas Abeltshauser: Die Wütenden – Les Misérables. In: epd Film, 23. Dezember 2019. Die Idee zu Die Wütenden – Les Misérables basiert auf diesem Kurzfilm. Im Jahr 2006 hatte er Ausschreitungen der Polizei gefilmt und ins Netz gestellt, woraufhin das Polizei-Verhalten untersucht wurde. Die Polizisten wurden aufgrund seiner Bilder später verurteilt.Ulrike Koltermann: Beeindruckender Erstlingsfilm. Les Misérables: Polizeigewalt in Pariser Vorstadt. In: zdf.de, 16. Mai 2019. Er wollte bereits in diesem Film die menschlichen Geschichten aufzeigen und weniger einen einfachen Bericht im Nachrichtenstil.Les Misérables – Interview mit Ladj Ly. In: arte.tv, 14. Oktober 2019.
Der Film sei ein Alarmsignal an die politisch Verantwortlichen, die gar nicht wissen oder auch nicht wissen wollen, was in diesen Vierteln abgeht: „Ungerechtigkeit und Unterdrückung gehören zum Alltag der Menschen in den Banlieues“, so Ly, denn wie der junge Gavroche in Victor Hugos Les Misérables revoltierten besonders die jungen Leute gegen jede Form von Autorität. Trotz allem sei Die Wütenden aber auch ein Film über Hoffnung, über die Chance zum Dialog. Deshalb habe er auch die letzte Szene offen gelassen. Ly lässt seinen Film mit einer aufwühlenden Szene und einem Zitat aus Hugos Werk enden: „Merkt Euch, Freunde! Es gibt weder Unkraut noch schlechte Menschen. Es gibt bloß schlechte Gärtner.“ Zu den Parallelen seines Films zum Roman erklärte Ly, er habe über das Elend und die bittere Armut sprechen wollen, die 100 Jahre nach Hugos Roman noch immer in den Vororten herrschten. So sei sein Film auch als eine Warnung an die Politiker gedacht. Vor 10 bis 15 Jahren habe es in den Vorstädten schon einmal Ausschreitungen gegeben, doch seitdem habe sich nichts verändert. Jetzt lebe dort eine neue Generation, um die man sich bemühen müsse.
Besetzung und Synchronisation mini|Damien Bonnard bei der Premiere des Films im Mai 2019 in Cannes Ly hat sein Erstlingswerk vor allem mit Menschen aus Montfermeil gedreht, mit professionellen Schauspielern und Laienschauspielern. Damien Bonnard spielt den Polizisten Stéphane, Alexis Manenti und Djebril Zonga seine neuen Kollegen Chris und Gwada. Issa Perica spielt Issa, der das Löwen-Baby der Zirkusfamilie geklaut hat. Die Rolle des kleinen Buzz besetzte Ly mit seinem Sohn Al-Hassan als dessen Alter Ego. Jeanne Balibar hat im Film einen Cameo-Auftritt als Polizeichefin.Nicholas Barber: Cannes 2019 review: Les Misérables. In: bbc.com, 16. Mai 2019.
Die deutsche Synchronisation entstand nach der Dialogregie von Pierre Peters-Arnolds im Auftrag der Christa Kistner Synchronproduktion GmbH, Berlin. Finn Posthumus leiht in der deutschen Fassung Buzz seine Stimme.
Dreharbeiten Ein Großteil der Szenen ist mit der Handkamera gefilmt. Zusätzlich setzte Ly, wie bereits in seinem Dokumentarfilm, eine Drohne ein, die er zum wichtigen Teil der Handlung macht und die er immer wieder in die Höhe steigen lässt, um damit Dinge festzuhalten, die bald auch für die Polizei interessant werden. Als Kameramann fungierte Julien Poupard.
Veröffentlichung Eine erste Vorstellung des Films erfolgte am 15. Mai 2019 im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Cannes, wo er mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Es folgten zahlreiche Festivalteilnahmen, so etwa beim Sydney Film Festival, beim Filmfest München (in der Sektion Spotlight), beim Jerusalem Film Festival und dem Melbourne International Film Festival.Les Misérables. In: miff.com. Abgerufen am 9. Juli 2019. Im September 2019 lief der Film beim Toronto International Film Festival in der Sektion Contemporary World Cinema sowie im Rahmen der Filmkunstmesse Leipzig.Marc Mensch: In: Blickpunkt:Film, 20. August 2019. Im Oktober 2019 wurde er beim Unabhängigen FilmFest Osnabrück als Abschlussfilm gezeigt.Les Misérables. In: filmfest-osnabrueck.de. Abgerufen am 15. Oktober 2019. Am 31. Oktober 2019 kam der Film in die spanischen und am 20. November 2019 in die französischen Kinos. Ein Kinostart in Deutschland erfolgte am 23. Januar 2020 im Verleih von Wild Bunch und Alamode Film.Starttermine Deutschland In: insidekino.com. Abgerufen am 23. Januar 2020. Ebenfalls im Januar 2020 erfolgte eine Vorstellung beim Palm Springs International Film Festival.Programmheft des Palm Springs International Film Festivals 2020. In: psfilmfest.org. Abgerufen am 3. Januar 2020. (PDF; 331 KB) Ende August und Anfang September 2020 wurde er in der Open-Air-Ausgabe des Festivals des deutschen Films vorgestellt.Die Wütenden. In: festival-des-deutschen-films.de. Abgerufen am 3. August 2020. Im September 2020 wird er beim International Film Festival Piešťany gezeigt.Programm 2020. In: cinematik.sk. Abgerufen am 4. September 2020.
Rezeption Kritiken Bei Rotten Tomatoes konnte der Film 87 Prozent der Kritiker überzeugen und erreichte hierbei eine durchschnittliche Bewertung von 7,5 der möglichen 10 Punkte.
Ulrike Koltermann von ZDF heute bescheinigt dem Film, er sei eine gelungene Mischung aus chaotischem Vorstadtleben, derbem Polizistenhumor und erschreckender Gewalt, die plötzlich aufflamme. mini|hochkant=1.5|Regisseur Ladj Ly (Mitte) auf einer Montage des Fotografen JR im Jahr 2004, die auch im Film zu sehen ist