Die Frauenstadtrundgänge der Schweiz sind aus einer gemeinsamen Bewegung heraus in den 1990er-Jahren entstanden und agieren in verschiedenen Schweizer Städten als selbstständige Vereine. Ein interdisziplinäres Team aus Geisteswissenschaftlerinnen recherchiert in Archiven, erforscht die lokale Frauen- und Geschlechtergeschichte und konzipiert Stadtführungen, Vorträge und Publikationen mit dem Ziel, die Ergebnisse einem breiten Publikum bekannt zu machen.
Entstehung Frauen spielten in der traditionellen Geschichtsschreibung lange Zeit eine Nebenrolle. Infolge der Neuen Frauenbewegung begannen Historikerinnen, den sogenannten männerzentrierten Blick auf die Geschichte zu hinterfragen und die bisher kaum erforschte Geschichte von Frauen aufzuarbeiten. Gleichzeitig setzten sie sich für die Berücksichtigung der Frauen- und Geschlechtergeschichte in den Lehrplänen der Universitäten ein und forderten ihre systematische Aufarbeitung in den Archiven. Im Zuge dieser Bestrebungen etablierten sich in Deutschland ab den späten 1970er-Jahren erste Frauenstadtrundgänge, die im Rahmen von Frauensommeruniversitäten und Historikerinnentreffen durchgeführt wurden.Eva Bachmann: Von Nonnen, Hexen, Dienstmädchen und Dienerinnen: Frauenstadtrundgänge in der Schweiz. In: Traverse. Zeitschrift für Geschichte = Revue d’historie 22 (2015), Heft 3, S. 7. Historikerinnen der Frauengruppe Köln stellten an der 5. Historikerinnentagung in Bern 1988 den Kölner Frauengeschichtsverein vor.Gwen Edith Kiesewalter: Touristin in der eigenen Stadt – Historische Stadtrundfahrten für Frauen in Köln. Ein Erfahrungsbericht. In: Regula Ludi, Ruth Lüthi, Regula Rytz (Hrsg.): Frauen zwischen Anpassung und Widerstand. Beiträge der 5. Schweizerischen Historikerinnentagung. Zürich 1990, S. 123–131. Ihr Vortrag wirkte als Initialzündung für ähnliche Projekte in der Schweiz: Noch im selben Jahr lancierte der historische Verein StattLand Bern zwei Stadtrundgänge mit dem Fokus auf Frauen- und Geschlechtergeschichte.Eva Bachmann: Von Nonnen, Hexen, Dienstmädchen und Dienerinnen: Frauenstadtrundgänge in der Schweiz. In: Traverse. Zeitschrift für Geschichte = Revue d’historie 22 (2015), Heft 3, S. 7. Im Sommer 1990 boten Basler Historikerinnen den ersten Frauenstadtrundgang der Schweiz an. 1991 wurde der Frauenstadtrundgang Zürich gegründet.Auf den Spuren der Frauengeschichte. In: Tages-Anzeiger, 27. Februar 1991.Der Frauengeschichte nach-gehen. In: Die Wochenzeitung, 8. März 1991. Es folgten sodann Frauenstadtrundgänge in Luzern, Freiburg, Zug, Winterthur, Aarau und Baden.Ursina Largiadèr: Ehre, wem Ehre gebührt: der Verein Frauenstadtrundgang Zürich will Gedächtnisorte für Frauen schaffen. In: Rosa. Die Zeitschrift für Geschlechterforschung 30 (2005), S. 38–39.
Zielsetzungen Wie von den Geschichtswerkstätten und der Grabe-wo-du-stehst-Bewegung der 1970er- und 1980er-Jahre gefordert, wird die lokale Frauengeschichte erforscht, aus dem akademischen Umfeld herausgetragen und einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Ein wichtiges Anliegen ist die Schaffung von Gedächtnisorten für Frauen im Stadtbild: Plätze, Strassen und Denkmäler erinnerten kaum an den konkreten Alltag oder an Projekte von Frauen, sondern waren vorwiegend männlichen Persönlichkeiten aus der lokalen Geschichte gewidmet. Frauenstadtrundgänge schaffen Gedächtnisorte für Frauen, indem an konkrete Lebenszusammenhänge von Frauen erinnert wird und diese über Stadtführungen an Gebäude, Plätze und Skulpturen angebunden werden.Verein Frauenstadtrundgang Zürich: Chratz & Quer. Sieben Frauenstadtrundgänge in Zürich. Zürich 1995, S. 9–10.
Charakteristik und Entwicklung der Frauenstadtrundgänge Die Vereine fokussieren in ihren jeweiligen Rundgängen auf die Darstellung der Lebens- und Erfahrungswelt von Frauen in der jeweiligen Region vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Die Stadtrundgänge werden häufig von mindestens zwei Stadtrundgängern geführt und oftmals mit Kostümen, Requisiten sowie Bild und Ton ergänzt. Charakteristisch sind schauspielerische Einlagen, wobei diese bei den Vereinen unterschiedlich stark ausgeprägt sind.Julia Konstantinidis: Seit 25 Jahren unverzichtbar. In: Christoph Merian Stiftung (Hrsg.): Basler Stadtbuch. Basel 2015, S. 140–141.Katharina Huber und Brigitta Gerber: Der Frauenstadtrundgang. Zur Geschichte von Frauen in Basel. In: Christoph Merian Stiftung (Hrsg.): Basler Stadtbuch. Basel 1990, S. 154. Mit den Theatereinlagen grenzen sich die Vereine von klassisch-vortragenden Stadtführungen ab.Eva Bachmann: Von Nonnen, Hexen, Dienstmädchen und Dienerinnen: Frauenstadtrundgänge in der Schweiz. In: Traverse. Zeitschrift für Geschichte = Revue d’historie 22 (2015), Heft 3, S. 12–14. Bei allen Vereinen lässt sich die Tendenz feststellen, dass sie sich allmählich von der reinen Frauengeschichte weg- und hin zur Geschlechtergeschichte bewegen.
FemmesTour Im Hinblick zur 150-Jahrfeier des schweizerischen Bundesstaates im Jahr 1998 schlossen sich die Frauenstadtrundgänge in neun verschiedenen Städten (Aarau, Basel, Bern, Freiburg, Genf, Luzern, Winterthur, Zug und Zürich) im Projekt FemmesTour zusammen. Es handelte sich um das einzige grosse Frauenprojekt, das vom Bund im Rahmen der Jubiläumsfeier finanziert wurde. Unter dem Titel Was Frauen tun, wenn Männer Staaten gründen erarbeiteten die Historikerinnen der einzelnen Vereine für ihre Stadt einen Rundgang. Insgesamt nahmen im Sommerhalbjahr 1998 über 7000 Besucher an FemmesTour teil. Ihre umfassenden Forschungsergebnisse trugen sie zusammen in der Publikation Mit Geld, Geist und Geduld: Frauen und ihre Geschichte zwischen Helvetik und Bundesstaat. Verein Femmes Tour, gegründet 1996 als Dachverband der Frauenstadtrundgangsvereine und 1999 nach Beendigung des Projekts aufgelöst.Femmestour (Hrsg.): Mit Geld, Geist und Geduld: Frauen und ihre Geschichte zwischen Helvetik und Bundesstaat. Bern 1998.Olivia Hochstrasser: Mit Geld, Geist und Geduld. Frauen und ihre Geschichte zwischen Helvetik und Bundesstaat. In: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 48 (1998), S. 552–554.Jeannette Egli: Wo sind die Frauen geblieben? FemmesTour ‘98. In: Rosa: Die Zeitschrift für Geschlechterforschung 16 (1998), S. 31–32.Sabine Lorenz und Kathrin Schafroth: «Femmes Tour». Visualisierung von Geschichte(n) im städtischen Raum. In: ITINERA. Allgemeine Geschichtsforschende Gesellschaft der Schweiz, Fasc. 23 (1999), S. 109–119.
Frauenstadtrundgang Basel Rund 20 Aktive führen Rundgänge zu unterschiedlichen Themen durch, wobei jährlich ein neuer Rundgang für die jeweilige kommende Saison ausgearbeitet wird. 2016 entschied sich der Verein, Männer als Aktivmitglieder aufzunehmen, da die gesellschaftlichen Themen der Rundgänge alle betreffen und bei Diskussionen um Geschlecht unterschiedliche Perspektiven notwendig sind.https://www.frauenstadtrundgang-basel.ch/site/assets/files/1126/jahresbericht_fsrg_170310.pdf
Zum 500. Geburtstag von Wibrandis Rosenblatt stiftete der Verein Frauenstadtrundgang Basel 2004 eine Gedenktafel, die am Pfarrhaus der Martinskirche angebracht wurde.Olivia Kalantzis: Starke Frauen berühmter Männer. “Die Frau an seiner Seite – Berühmte Paare in Basel” heisst der neue Rundgang des Vereins Frauenstadtrundgang Basel – eine spannende Spurensuche nach den Frauen der Iselins, Burckhardts und Sachers. In: Basler Zeitung, 6. April 2004 (83), S. 25.Heute in Basel / Vorträge / Lesungen. In: Basler Zeitung, 19. August 2004 (193), S. 26.
Zusammen mit dem Gründungsmitglied Brigitta Gerber konnte der Verein 2019 erreichen, dass diejenigen Menschen, die in der Frühen Neuzeit in Basel wegen Hexerei verurteilt wurden, symbolisch mit einer Gedenktafel rehabilitiert wurden.Nina Jecker: Verfolgt, getötet, spät geehrt. Basel gedenkt mit einer Tafel beim Käppelijoch den Opfern der Hexenverfolgung. In: Basler Zeitung, 22. März 2019 (69), S. 21.Dagmar Brunner: Fluss- und Frauengeschichten. In: ProgrammZeitung, April 2019, Heft 4, S. 24.
Auszeichnungen 1997 Verleihung des Chancengleichheitspreises beider Basel, «das heisse Eisen»Yvonne Bollag und Marie Thérèse Kuhn: Ein heisses Eisen – Chancengleichheitspreis 1997. In: Christoph Merian Stiftung (Hrsg.): Basler Stadtbuch. Basel 1997, S. 92. 2005 Verleihung des FemPrix zusammen mit den Frauenstadtrundgängen Zürich und Zug durch den Verein Feministische Wissenschaft SchweizVerein Feministische Wissenschaft Schweiz (Hrsg.): Feminfo. Bern, Juni 2005, Heft 2, S. 7–8.
Frauenstadtrundgang Zürich Über 20 Historikerinnen erforschen die Frauen- und Geschlechtergeschichte der Stadt Zürich und vermitteln ihre Ergebnisse mittels Rundgängen, Vorträgen und Publikationen einem breiten Publikum. Im Sommer 1999 beteiligte sich der Frauenstadtrundgang Zürich an der Aktion Transit 1999, im Rahmen derer die bekanntesten Denkmäler für historische Männerfiguren der Stadt verschoben wurden.Jan Morgenthaler und Eva Schumacher (Hrsg.): Ein flüchtiger Sommer in Zürich: die reisenden Denkmäler: [Transit 1999]. Zürich 1999. Der Frauenstadtrundgang Zürich beteiligte sich mit der Ausstellung Durchsage der Leitstelle und zeigte auf 10 Bildtafeln – platziert an verschiedenen Tramhaltestellen – auf, wie Frauen im 19. Jahrhundert in der Stadt Zürich unterwegs waren.Lektion in Frauengeschichte. In: Tages-Anzeiger, 15. Juni 1999.
Auszeichnungen 1995: Ehrengabe aus dem Literaturkredit des Kantons Zürich für die Publikation Chratz & Quer. Sieben Frauenstadtrundgänge in ZürichSymbolische Ehre wichtiger als Preis – 14 kulturelle Auszeichnungen des Kantons Zürich 1995. In: Neue Zürcher Zeitung, 3. Dezember 1995.Bundesrat als Kultur-Sprecher der Regierung. In: Tages-Anzeiger, 3. Dezember 1991. 2005: FemPrix des Vereins Feministische Wissenschaften an die Frauenstadtrundgänge Basel, Zug und Zürich 2009: Gleichstellungspreis der Stadt ZürichRegionaljournal Zürich Schaffhausen, 24. November 2009.Die weibliche Seite von Zürich. Der Verein Frauenstadtrundgang erzählt Geschlechtergeschichten – und wird ausgezeichnet. In: Aargauer Zeitung, 23. November 2009.
Frauenstadtrundgang Luzern Entstanden aus dem Frauenstreik von 1991 ist der Verein in seiner über 25-jährigen Geschichte der Zielsetzung treu geblieben, die blinden Flecken und wenig bekannten Ecken der Luzerner Vergangenheit – sowohl im geografischen Sinne als auch im öffentlichen Bewusstsein – in Hinblick auf die Geschlechtergeschichte zugänglich zu machen. Dies nicht nur in Form von Rundgängen, sondern auch Beiträgen im Damals-Blog des Onlinemagazins Zentralplus. Der Verein Frauenstadtrundgang Luzern setzt sich aus Frauen aus verschiedenen Berufs- und Studienfeldern zusammen. Dadurch profitiert der Verein von einer Vielfalt an Perspektiven: Historikerinnen, Lehrerinnen, Kulturschaffende und Studentinnen verschiedener Disziplinen werfen ihren Blick auf das Zusammenleben der Geschlechter in der Stadt Luzern durch die Jahrhunderte. Besonderes Interesse gilt dabei dem Alltagsleben und der Kulturgeschichte. Das thematische Spektrum ist weit: Geschichten von Abenteurerinnen und Unternehmerinnen erhalten ebenso Beachtung wie politisch engagierte Patrizierinnen und Bürgerinnen. Badekulturen begeistert die Forscherinnen genauso wie die Wahrnehmung von Gerüchen, und letztlich werfen sie auch immer einen Blick auf die Frauen am Rande der Gesellschaft.Eva Bachmann: Von Nonnen, Hexen, Dienstmädchen und Dienerinnen: Frauenstadtrundgänge in der Schweiz. In: Traverse. Zeitschrift für Geschichte = Revue d’historie, Jg. 22 (2015), Heft 3, S. 10.
Auszeichnungen 2008 Anerkennungspreis des Kunst- und Kulturpreises der Stadt Luzern.
Frauen in Freiburg – Stadtrundgänge Ursprünglich aus einer Arbeitsgruppe hervorgegangen, wurde der Frauen in Freiburg – Stadtrundgänge 1992 durch Historikerinnen als Verein institutionalisiert. Neben den kostümierten Stadtrundgängen, die sowohl in deutscher als auch in französischer Sprache angeboten werden, inszenierte der Verein auch zwei grosse Strassentheater.