mini|hochkant=1.3|Denkmalgeschützte Häuser an der historischen Straßenkreuzung in Möllenkotten (Möllenkotter Straße/Hauptstraße)
Möllenkotten ist ein Ortsteil der Stadt Schwelm (Ennepe-Ruhr-Kreis, Nordrhein-Westfalen), eingegliedert in das Stadtgebiet seit 1879. Im Mittelalter eine ländliche Hofgruppe mit Herrenhof und umliegenden Unterhöfen, erweiterte sich Möllenkotten später zu einem Straßendorf am Kreuzungspunkt zweier bedeutender Fernwege (heute gespiegelt im nahen Autobahnkreuz Wuppertal-Nord). Durch Ansiedlung vor allem von Eisengewerbe ab dem 18. Jahrhundert wechselte Möllenkotten von agrarischer zu kleingewerblicher, später industrieller Ausrichtung und wuchs im 19. Jahrhundert räumlich mit dem benachbarten Schwelm zusammen. Als Teil der historischen Bauerschaft bzw. Landgemeinde Schwelm wurde Möllenkotten 1879 mit dieser gemeinsam nach Schwelm eingemeindet.
Lage mini|links|hochkant=1.2|Möllenkotten am Kreuzungspunkt historischer Fernwege (rot), diese gespiegelt im heutigen Wegesystem (blau)
Möllenkotten liegt am östlichen Rand des Schwelmer Stadtgebiets und am östlichen Rand des Schwelmer Tals. In kleinräumiger Muldenlage (230 m ü. NN), ist der Ort dreiseitig von Berghängen umgeben. Südwärts schließt sich der Schwelmer Winterberg an (350 m ü. NN), ost- und nordostwärts der Höhenzug des Schwelmer Talrands (260 bis 360 m ü. NN). Letzterer ist auch Wasserscheide zwischen Schwelme/Wupper und Ennepe/Ruhr. Südwestwärts steigt das Gelände leicht in Richtung des historischen Ortskerns von Schwelm an, dieser gelegen in etwa 800 m Entfernung.
Oberhalb Möllenkottens entspringt am Hang des Winterbergs der Bach der Schwelme. Sie umfließt den Ort östlich und nördlich und wendet dabei ihre Richtung auf die Schwelmer Talsohle und entfernte Wupper zu. Ab dem Möllenkotter Ortsausgang (Kreuzung Hauptstraße-Hagener Straße) wird der Bach überwiegend unterirdisch verrohrt durch das weitere Stadtgebiet geführt.
Historischer Mittelpunkt des Dorfs Möllenkotten ist die heutige Straßenkreuzung Hauptstraße-Möllenkotter Straße. Etwas unterhalb der Kreuzung am nördlichen Dorfausgang lag der einstige Herrenhof Möllenkotten, heute am Ort von Hauptstraße 134 und 136. Hof und Dorf waren von einer zugehörigen Flur Möllenkotten umgeben, deren Grenzen nach dem Urkataster von 1828 annähernd gezogen wurden von
auf Westseite der heutigen Winterberger Straße (B 483) ab Ennepetaler Stadtgrenze nordwärts bis zur Drosselstraße, dann Grothestraße, Schonenfeld, nordwärts entlang Bach Fossbecke über Kreuzung Westfalendamm-Ländchenweg bis Hauptstraße/gegenüber Markgrafenstraße, nordwärts Hauptstraße, Brunnenstraße bis Stadtgrenze Ennepetal auf Ostseite dem Verlauf der heutigen Schwelmer Stadtgrenze zu Ennepetal (ab Ende Milsper Straße südwärts über Kreuzung Hagelsiepen-Hagener Straße, weiter parallel zur Königsfelder Straße bis an die Winterberger Straße).Fey S. 25–26.
Innerhalb der Möllenkotter Flur und in Benachbarung des einstigen Dorfs liegt Haus Martfeld, ein ehemaliges Rittergut, heute denkmalgeschützte Kulturstätte Schwelms mit Heimatmuseum und Stadtarchiv. Südöstlich an Möllenkotten angrenzend liegt das Ausflugsgebiet „Schwelmer Wald“ am Hang des Winterbergs, darin eingeschlossen die Schwelme-Quelle.
Geschichte mini|hochkant=1.2|Möllenkotten (A) und Schwelm (B) mit Lage an den alten Fernstraßen (gelb markiert). Karte 1788 von Friedr. Christoph Müller
Früheste bekannte Nennung fand Möllenkotten im 13. Jahrhundert als ein Herrenhof im Besitz der Grafen von Berg.Helbeck S. 135. Mittelalterliche Urkunden bezeichneten den Hof als „Mulenkotten“ oder „Moilenkotten“. Vermuteter Namensursprung ist ein frühes Gehöft oder eine ländliche Werkstätte („Kotten“) in gegebener Mulden-Lage, niederdeutsch artikuliert zu „Molen-Kotten“ oder „Mollenkotten“.Albano-Müller S. 15; Friedrich Woeste: Wörterbuch der westfälischen Mundart. Diedr. Soltau’s Verlag, 1882, S. 177. (Online-Ausgabe bei archive.org, abgerufen am 29. Mai 2019) Eine andere Ableitung wird „Mühlen-Kotten“ zugeschrieben, mit denkbarem Bezug zu einer einst dokumentierten Wassermühle am obersten Bachlauf der Schwelme.Tobien S. 41.
mini|hochkant=1.2|Blick über das Schwelmer Tal im frühen 19. Jahrhundert, Möllenkotten mittig vorn, dahinter Schwelm.
Der Herrenhof Möllenkotten wuchs zu Bedeutung als ein sogenannter Oberhof mit zahlreichen angeschlossenen Unterhöfen in der unmittelbaren und weiteren Umgebung (28 verbundene Hofesgüter im Jahr 1466, davon 5 am Ort „Möllenkotten“). Die Hofgruppe stellte für Ritter und Adel der Region ein lukratives Besitz-, Pfand- und Verhandlungsobjekt dar, insbesondere mit Blick auf deren Lage im lange umkämpften bergisch-märkischen Grenzgebiet. Hof Möllenkotten wechselte 1397 aus dem Besitz des Herzogs von Berg in den des Grafen von der Mark, bald darauf zurück in bergischen Besitz. Zu späterer Zeit sind Verpfändungen an den Grafen von Waldeck (1505) und den Grafen zur Lippe (1597) belegt.Helbeck S. 134–136. Seit dem 15. Jahrhundert findet man Hof Möllenkotten als Exklave dem bergischen Amt Beyenburg zugeordnet.
Die Bedeutung des Hofs Möllenkotten verband sich mit seiner Lage an der Kreuzung zweier wichtiger alter Handels- und Heerstraßen. Von Süden führte der Fernweg von Paris und Köln heran, von Westen der aus Belgien und Düsseldorf. Beide schnitten sich in Möllenkotten und leiteten, vereint weiter nach Nordosten in Richtung Dortmund und östliches Preußen. Die Ursprünge beider Straßen werden bis in die Zeit der römisch-germanischen Kriege zurückdatiert.Tobien S. 43–45. Noch heute bilden die Verläufe der Autobahnen 1 und 46 mit dem nahegelegenen Autobahnkreuz Wuppertal-Nord das historische Wegedreieck ab.Albano-Müller S. 12–13.
Die Kreuzungslage begünstigte das Entstehen eines Dorfes in Benachbarung zum Oberhof. Eine Urkunde von 1671 beschreibt Hof Möllenkotten als gelegen „im Dorff Möllenkotten uff der Landstraß“.Lauffs S. 5. Das Dorf gleichen Namens wuchs als typische Straßensiedlung mit Häuserreihen entlang der Kreuzungsränder.Fey S. 24–25. Vom historischen Baubestand zeugen noch heute zwei denkmalgeschützte Wohnhäuser unmittelbar im Kreuzungsbereich (Möllenkotter Straße 2 und 4, vgl. Foto oben).vgl. Denkmalliste der Stadt Schwelm, abgerufen 29. Mai 2019. Das Straßendorf richtete sich wirtschaftlich auf den Verkehrs- und Reisebetrieb am Kreuzungspunkt aus und wies zahlreiche Wirtshäuser auf, ferner Fuhrgeschäfte, Hufschmiede, Radmacher, Roßhändler, Sattler, Schuster und Bäcker.Helbeck S. 567.
Der Hof Möllenkotten wechselte zu späterer Zeit zum Namen „Schultenhof“, Bezug nehmend auf das Amt des Schulten oder Bauernrichters. Dieses Amt oblag dem jeweiligen Pächter und Bewohner des Hofes.Helbeck S. 138, Lauffs S. 7. Über viele Generationen stellte eine Familie Langewiesche den Schulten auf Möllenkotten (vgl. unten).Lauffs S. 10 ff. Im frühen 19. Jahrhundert übernahm diese Familie den Hof in eigenen Besitz, bevor er 1888 verkauft und bald darauf abgerissen wurde.Siepmann (1963) S. 58; Albano-Müller S. 68.
mini|hochkant=1.2|Das Straßendorf Möllenkotten 1831 mit drei bedeutenden Höfen am nördlichen Dorfausgang
Dem Schultenhof benachbart lagen zwei weitere alte Höfe am nördlichen Möllenkotter Dorfausgang (heute Kreuzung Hauptstraße-Kaiserstraße). Ihre Bezeichnungen des 19. Jahrhunderts waren „Rentrops Hof“ und „Thüngens Hof“ (letzteres Gebäude heute Hauptstraße 153). Das von den Höfen gebildete Dreieck um die alte Landstraße bildete den Mittelpunkt des Möllenkotter Dorflebens.Siepmann (1963) S. 53–55. Hier pflegten fernfahrende Händler mit ihren Kutschen Station zu machen und am Wegedreieck Transportware nach Köln, Düsseldorf oder Dortmund aufzunehmen. Der Schultenhof war auch ein traditionsreicher Gasthof für Fernreisende.Siepmann (1963) S. 53–55.
Die umgebende Flur des Dorfs war noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts landwirtschaftlich geprägt und dünn besiedelt.Fey S. 25. Besucher beschrieben die Gegend als äußerst angenehm, aus „Kornland, Weyden und Wiesen“ bestehend und mit einem weiten Blick über das Schwelmer Tal.Johann Diedrich von Steinen: Westphälische Geschichte, Theil 3, Stück 21. 1757, S. 1318 (Online-Ausgabe bei Digitale Sammlungen Universität- und Landesbibliothek Münster, abgerufen 29. Mai 2019). Die zitierte Beschreibung ist auf den Schwelmer Gesundbrunnen bezogen. Der touristische Reiz lockte in Zeiten beginnender Verstädterung und Industrialisierung im 18. und 19. Jahrhundert regelmäßig Ströme von Erholungssuchenden aus dem benachbarten Wuppertal herbei. Besondere touristische Anziehungspunkte der nahen Umgebung waren der Schwelmer Gesundbrunnen, die Bergwerkshalden der „Roten Berge“ (als Aussichtspunkt) sowie das benachbarte Tal der Heilenbecke mit seinem frühindustriellen Panorama dicht gereihter Hammerwerke.Albano-Müller S. 14–15; Helbeck S. 483–485.
Verwaltungstechnisch war Möllenkotten der historisch gewachsenen Bauerschaft Schwelm zugeordnet. Sie umfasste die Dörfer und ländlichen Anwesen rings um die Stadt herum auf einer Fläche von etwa 15 km² (1880).Helbeck S. 636; Siepmann (1953) S. 55. Das größte Dorf bildete Möllenkotten mit 455 Einwohnern im Jahr 1818.Helbeck S. 564. Die Bauerschaft war mit eigener Verwaltung und eigener (bäuerlicher) Rechtsprechung versehen, zugleich dem Gericht und der Finanzbehörde (Rezeptur) Schwelm zugeordnet.Johann Georg von Viebahn: Ortschafts- und Entfernungs-Tabelle des Regierungs-Bezirks Arnsberg, nach der bestehenden Landeseintheilung geordnet, mit Angabe der früheren Gebiete und Aemter, der Pfarr- und Schulsprengel und topographischen Nachrichten. Ritter, Arnsberg 1841, S. 62. Auch kirchlich gliederte sie sich Schwelm an.Fey S. 24–25. Infolge der napoleonischen Kommunalreformen ab Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Bauerschaft zur „Gemeinde Schwelm-Land“ umgewidmet und einer entstandenen Bürgermeisterei Schwelm hinzugegeben (ab 1844: „Amt Schwelm“).
Ein Wechsel von landwirtschaftlicher zu kleingewerblicher und frühindustrieller Ausrichtung setzte in Möllenkotten im 18. Jahrhundert ein und war beeinflusst von der Grenzlage zwischen zwei historisch gewachsenen Industrielandschaften.Dieter von Kürten: 375 Jahre Stadt Schwelm. In: Beiträge zur Heimatkunde der Stadt Schwelm und ihrer Umgebung. Heft 15, 1965, S. 9–11. Östlich von Möllenkotten hatte sich seit dem frühen 18. Jahrhundert Eisenindustrie in den engen Bachtälern von Rahlenbecke, Kahlenbecke, Heilenbecke und Ennepe angesiedelt, einen Vorteil reichlich vorhandener Wasserkraft nutzend. Hammerwerke und Schleifkotten ließen eiserne Roh- und Halbfertigprodukte entstehen, die ihren Weg über die Anhöhe nach Möllenkotten fanden und dort in kleinen Schmieden und Werkstätten weiterverarbeitet wurden. Möllenkotter Reidemeister vertrieben die Fertigwaren auf entfernte Märkte und bis ins Ausland, vom Standortvorteil der guten Verkehrsanbindung profitierend.Helbeck S. 478–509, 566–568; Albano-Müller S. 17–22.
Von der anderen, westlichen Seite reichte bis nach Möllenkotten die vorherrschende Gewerbelandschaft des Wuppertaler Raums. Hier hatte seit Anfang des 18. Jahrhunderts frühe Textilindustrie mit Bleichereien, Webereien und Bandwirkereien entlang des Wupperlaufs starken Aufschwung genommen. Dieser Industriezweig dehnte sich noch bis in das angrenzende Schwelmer Tal aus und sorgte in Möllenkotten für die Ansiedlung einer Bleiche am Bach Fossbecke (nördlich Esperantoweg), daran angeschlossen auch einer Leinenbandweberei (dokumentiert 1738) in der Organisationsform des Verlagssystems.Helbeck S. 510–527.
mini|links|hochkant=2.5|Möllenkotten und Schwelm zur Zeit beginnender Industrialisierung 1861 im Schwelmer Tal. In Möllenkotten rauchen bereits Schlote von mehreren Fabriken mit Dampfbetrieb.