mini|hochkant=1.5|Das Elsass als Region im Nordosten Frankreichs (bis 2015) Die Geschichte des Elsass, einer Region am westlichen Rand des deutschen Sprachraums, ist geprägt vom fruchtbaren Einfluss zweier der großen Kulturräume Europas: des germanischen (deutschen) und romanischen (französischen). Nach der Völkerwanderung zunächst germanisiert und in die kulturellen Strömungen der deutschen Geschichte einbezogen, geriet es seit der Neuzeit zunehmend unter die politische Kontrolle des französischen Königreichs, wobei es verschiedene äußere Formen durchlief. Zu nennen wären das Herzogtum Elsass (7.–8. Jahrhundert), die beiden Landgrafschaften des Elsass (12.–17. Jahrhundert) und die frühneuzeitliche französische Provinz Elsass (17.–18. Jahrhundert). Mit der Herausbildung des Nationalstaats seit der Französischen Revolution verstärkten sich die Spannungen und die Region wechselte schließlich zwischen 1871 und 1945 vier weitere Male ihre politische Zugehörigkeit.

Kurzüberblick Für einen Schnellüberblick siehe Elsass#Geschichte

Das heutige Elsass wurde vor etwa 700.000 Jahren erstmals von Menschen besiedelt, seit etwa 50.000 Jahren vom Homo sapiens. Im 6. Jahrtausend v. Chr. hielt das Neolithikum Einzug. Erste Funde, die auf eine politische Oberschicht hindeuten, datieren auf etwa 2000 v. Chr., und etwa 600 v. Chr. begann die Keltenzeit. Das Elsass war eine der Kernregionen der Kelten. Zum Ende der keltischen Epoche herrschte für kurze Zeit Ariovist. Danach regierten im heutigen Elsass für etwa 450 Jahre Römer (ca. 58/52 v. Chr. bis ca. 405/406 n. Chr.).

Nach einer Zeit unklarer und wechselnder Herrschaftsverhältnisse wurde das Elsass Teil Alemanniens. Alemannien fiel in zwei Schritten ans Fränkische Reich: 496/507 der Nordteil, der das Elsass nur tangiert; 536/537, nach kurzem ostgotischen Protektorat, der übrige Teil mit dem Elsass. Dauerhaft siedelnde Alemannen gab es seit etwa 350 im Sundgau, seit dem 5. Jahrhundert auch im übrigen Elsass. Diese wurden anfangs assimiliert, ab dem 5. Jahrhundert behielten sie ihre Religion und ihre Sprache.

Bis zum 7. Jahrhundert gehörte das Elsass zum Herzogtum Alemannien, das einen mehr oder weniger autonomen Verwaltungsbezirk des Frankenreiches darstellte. Anschließend, vielleicht im Zusammenhang mit dem merowingischen Machtverfall, bildete das Elsass bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts ein eigenständiges Herzogtum unter den Etichonen. Im Rahmen der karolingischen Machtdurchdringung wurden im 8. Jahrhundert die beiden elsässischen Gaugrafschaften Nordgau und Sundgau gegründet. Zwischen 843 und 925 kam es im Rahmen der fränkischen Reichsteilungen zu einem mehrmaligen Wechsel der Oberherrschaft, ab 925 verblieb das Elsass beim Ostfränkischen Reich (später Heiliges Römisches Reich).

Spätestens 988 wurde das Elsass Teil des Herzogtums Schwaben, bei dem es bis zu dessen Ende 1250 verblieb. Für Nord- und Sundgau wurde vor 1130 je ein Landgrafenamt eingerichtet, sie bestanden bis ins 17. Jahrhundert. Nach 1250 entwickelte sich eine Vielzahl unterschiedlicher Territorien, die zwischen 1633 (erste französische Protektionsverträge und Stationierung von Militär) und 1697/1714 (Friedensschlüsse bestätigen die französischen Eroberungen) mehrheitlich unter französische Oberherrschaft gelangten. Die französische Provinz Elsass wurde eingerichtet, ihre Grenzen wichen von denen der früheren Landgrafschaften teilweise ab.

Zu Beginn der Französischen Revolution wurden 1789 alle politischen Sonderrechte abgeschafft und 1790 die beiden Départements Haut-Rhin und Bas-Rhin geschaffen. Ihre Grenzen stimmten bald nicht mehr überall mit denen der früheren Provinz Elsass überein: 1794 kam die Grafschaft Saarwerden zu Bas-Rhin (Krummes Elsass), 1795 wechselte der Kanton Schirmeck von Bas-Rhin zum Département Vosges, 1798 kam das bis dahin schweizerische Mülhausen zum Haut-Rhin, 1800 kam das Département Mont-Terrible zu Haut-Rhin (1814 zum Kanton Bern) und 1814 kam Landau von Bas-Rhin zunächst zu Österreich und 1816 an Bayern.

Zwischen 1871 und 1918 gehörte das Elsass als Teil von Elsass-Lothringen zum von Preußen geführten deutschen Kaiserreich. Aus den französischen Départements Bas-Rhin und Haut-Rhin wurden dabei die elsass-lothringischen Bezirke Unterelsaß und Oberelsaß. Dabei waren die Grenzen verändert worden: die zu Haut-Rhin gehörende Region um Belfort blieb als Territoire de Belfort bei Frankreich, und kleinere zum Département Vosges gehörende Teile (vor allem das obere Breuschtal) kamen zum Bezirk Unterelsass.

1918 kamen die beiden elsässischen Bezirke wieder als Départements zu Frankreich, die Grenzen wurden nun jedoch nicht verändert. 1940–1944 war das Elsass von der Wehrmacht besetzt, wurde deutscher „Zivilverwaltung“ unterstellt und Teil des NSDAP-Gaus Baden-Elsass, faktisch also annektiert. Mit der Befreiung des Elsass durch amerikanische Truppen im Frühjahr 1945 gelangte es an Frankreich zurück.

1972 wurde aus den beiden rheinischen Départements die Region Elsass gegründet. Damit wurde die Bezeichnung «Elsass» erstmals seit der Aufhebung der französischen Provinzen Ende des 18. Jahrhunderts wieder Name eines politischen Territoriums Frankreichs. 1979 wurde Straßburg Sitz des Europäischen Parlaments. Die Grenzkontrollen zu Deutschland fielen 1995 weg. Zum 1. Januar 2016 wurde im Zuge einer Territorialreform die Region Elsass aufgelöst und in die Region Grand Est eingegliedert.

Bis 1250: Die Entstehung des Elsass

Bis ca. 58 v. Chr.: Vor- und Frühgeschichte

mini|Das heutige Elsass war ein Kernraum der Kelten. Die orange Zone zeigt die Ausgangsregion zur Latènezeit. Das grüne Gebiet zeigt die keltische Einflusszone um 1000 v. Chr., das rote die bis etwa 400 v. Chr.

Die Vor- und Frühgeschichte ist geprägt durch das Auftreten des Menschen, mehrere scharfe Klimawechsel mit Kaltzeiten und die Etablierung keltischer und germanischer Bevölkerungsgruppen.

Die heutige Region Elsass wurde etwa vor mindestens 700.000 Jahren erstmals von Menschen, vor etwa 50.000 Jahren vom Homo sapiens besiedelt. Nach der letzten Kaltzeit stellte sich etwa 10.000 v. Chr. das im Wesentlichen bis ins 18. Jahrhundert bestehende Landschaftsbild ein. Die neolithische Revolution (Beginn des Sesshaftigkeit und Einführung von Ackerbau und Viehzucht) hielt im 6. Jahrtausend v. Chr. Einzug. Aus der Bronzezeit datieren erste Funde, die auf eine politische Oberschicht hindeuten (etwa 2000 v. Chr.).

Für die in der Eisenzeit liegende, etwa 550-jährige keltische Periode, die im Elsass von etwa 600 bis 58/52 v. Chr. dauerte, vermutet man das Vorherrschen kleiner Territorien. Zeugnisse dieser Zeit sind die mur païen („Heidenmauer“) genannten Überreste (Odilienberg, Frankenburg und der Taennchel). Um 110 v. Chr. zogen die Kimbern und andere Germanengruppen durchs Elsass. Im ersten vorchristlichen Jahrhundert siedelten im mittleren und nördlichen auch die germanischen Triboker. Der Süden des Elsass gehörte in dieser Zeit zum Gebiet der keltischen Sequaner, deren Zentrum sich um Besançon befand.

Etwa 71 v. Chr. überschritt der Germane Ariovist als Söldnerführer den Oberrhein. In der Folge baute er seine Machtstellung im Elsass und benachbarten Regionen aus. Weitere germanische Gruppen ließen sich in seinem Herrschaftsbereich nieder.

Ca. 58 v. Chr.–451 n. Chr.: Römisches Reich und Hunnen

Die römische Epoche ist gekennzeichnet durch die Latinisierung der keltischen und germanischen Gruppen, die Lage an der Außengrenze des römischen Reiches und die damit verbundenen Auseinandersetzungen mit neu zuströmenden germanischen Gruppen.

Nachdem die Sequaner die Römer um Unterstützung gegen Ariovist gebeten hatten, besiegte Julius Caesar 58 v. Chr., vermutlich bei Mülhausen, Ariovist. Bis 52 v. Chr. eroberte Caesar das nun so genannte Gallien. Das Elsass war jetzt Teil des römischen Herrschaftsgebiets, bei dem es bis ins 5. Jahrhundert verblieb. In diesen etwa 450 Jahren war der Rhein anfangs und dann wieder seit dem 3. Jahrhundert römische Reichsgrenze (Gewinn und Verlust der agri decumates). Durch Latinisierung der keltischen Gruppen entwickelte sich eine gallorömische Bevölkerung, die seit dem ersten nachchristlichen Jahrhundert auch erste germanische Gruppen assimilierte. Auch die seit etwa 350 dauerhaft siedelnden Alamannen verschmolzen vorerst mit der gallorömischen Kultur. Sie entwickelten nur im heutigen Sundgau eine Art vorstaatlicher (und vorfränkischer) Eigenständigkeit.

mini|Römische Provinzen um 395

Anfangs standen die eroberten Gebiete unter Militärverwaltung. Im Jahre 89 oder 90 wurde die Provinz Germania superior (Obergermanien) gegründet, zu der auch das heutige Elsass kam. Im Zuge der diokletianischen Reichsreform wurde das südliche Elsass 297 der Provinz Maxima Sequanorum, das nördliche der Provinz Germania prima (Germania I) zugewiesen. Die dabei gezogene Provinzgrenze (Landgraben südlich von Schlettstadt) entspricht weitestgehend den späteren bzw. heutigen Grenzen zwischen Sundgau (südliches „Oberelsass“, später Haut-Rhin) auf der einen und Nordgau („Unterelsass“, später Bas-Rhin) auf der anderen Seite. Beide Provinzen gehörten zur Diözese Gallien. Unter den Römern wurden Militärlager, Zivilsiedlungen und Straßen angelegt. Im Jahre 12 v. Chr. war beispielsweise Argentoratum gegründet worden, die Vorgängersiedlung von Straßburg.

Seit der Mitte des 3. Jahrhunderts kam es in unregelmäßigen Abständen zu Einbrüchen der Alemannen, mit denen römische Heere einige kriegerische Auseinandersetzungen zu bewältigen hatten. Dabei musste der Rhein als Grenze wiederholt wiederhergestellt werden. 405 und 406 zog der römische Heermeister Stilicho die römischen Truppen vom Oberrhein ab, um dem westgotischen Angriff auf Italien begegnen zu können. Später wanderten weitere Alemannen ein (weiter im Norden Burgunden), die diesmal Sprache und Religion beibehielten. Inwieweit es bereits jetzt zu einem Überwiegen der germanischen Bevölkerung gegenüber der gallorömischen Bevölkerung kam, ist offen. Auch die Art und Weise ihres Zusammenlebens ist nicht näher beleuchtet.

435 brachte der römische Heermeister Aëtius im Bündnis mit den Hunnen Gallien wieder unter römische Oberhoheit. Die tatsächliche Macht über das Elsass lag in der Folgezeit jedoch mehr bei den Hunnen als bei den Römern. Seit 441 wurden die Hunnen von Attila angeführt. Nach dem römisch-fränkisch-westgotischen Sieg über Attila und die mit ihm verbündeten Alemannen in der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern 451 endete die hunnische Herrschaft im Elsass.

451–925: Alemannien und fränkische Reiche

Hauptmerkmale dieser Periode sind die lockere Etablierung Alemanniens (anfangs selbständig, dann aber rasch als Teil des Frankenreiches), die Christianisierung mit Bischofssitzen und Klostergründungen, der kurzzeitige Bestand eines elsässischen Herzogtums, die karolingische Machtorganisation durch die Gaugrafschaften sowie die letztliche Zuordnung des Elsass zum Ostfrankenreich.

mini|Ausdehnung der Alemannen zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert mini|Ausdehnung des Fränkischen Reiches zwischen 481 und 814

Nach dem Abzug der Hunnen wurde das Elsass nun vermutlich von Alemannen und teilweise auch von gallorömischen Gruppen kontrolliert, da die Römer im Elsass keine Herrschaft mehr hielten. Vermutlich seit dem Ende des Weströmischen Reiches im Jahr 476 endete der letzte noch verbliebene römische Einfluss.

Alemannien, der von Alemannen bewohnte und kontrollierte Raum, reichte im Norden bis ins Maingebiet. Ab wann und unter welchen Voraussetzungen das Elsass als Teil Alemanniens angesehen werden kann, ist offen, vermutlich frühestens 451. Die alemannischen Anführer, die meist gleichzeitig über verschiedene Gebiete Alemanniens herrschten, wurden von römischen Chronisten rex (König) oder dux (Herzog) genannt. Ab etwa 500 erfolgte eine starke Zuwanderung germanischer Siedler ins Elsass, die spätestens nun die gallorömische Bevölkerung nach und nach überwogen.