Kluges Gesetz ist ein kontroverses von Friedrich KlugeKluge, Friedrich (1884). "Die germanische consonantendehnung". Paul und Braune Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur (PBB). 9: 149–186. aufgestelltes Lautgesetz des Urgermanischen. Dieses versucht, den Ursprung der urgermanischen Langkonsonanten *kk, *tt und *pp – das Urindogermanische entbehrte einer phonemischen Längenunterscheidung für Konsonanten – anhand der Assimilation von *n zu einem vorangehenden stimmhaften Verschlusslaut zu erklären unter der Bedingung, dass dasselbe *n zu einem im Urindogermanischen betonten Suffix gehörte. Der Begriff «Kluges Gesetz» wurde von Kauffmann (1887)Kauffmann, Friedrich (1887). "Zur geschichte des germanischen consonantismus". Paul und Braune Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur (PBB). 12: 504–547. geprägt und von Frederik Kortlandt (1991)Kortlandt, Frederik (1991). "Kluge's law and the rise of Proto-Germanic geminates" (PDF). Amsterdamer Beiträge zur älteren Germanistik. 34: 1–4. wiederbelebt. Gemäß dem Forschungsstand von 2006Ringe, Don (2006). From Proto-Indo-European to Proto-Germanic. Oxford University Press. ISBN 0-19-928413-X. ist dieses Gesetz von historischen Sprachwissenschaftlern generell nicht anerkannt worden.
Die daraus resultierenden langen Konsonanten sollen – außer sie folgten einem kurzen Vokal nach – später gekürzt worden sein, was für *ss unstrittig ist, da dieser Konsonant einen anderen Ursprung aufweist. Vertreter von Kluges Gesetz bedienen sich dieses Arguments, um das Auftreten von kurzem *p, *t oder *k am Ende vieler urgermanischer Wurzeln – insbesondere bei starken Verben – zu erklären, obwohl ihre wahrscheinlichen Kognaten in anderen indogermanischen Sprachen auf finale urindogermanische Konsonanten neben den zu erwartenden *b, *d, *g oder *ǵ auslauten. Tatsächlich sind nichtgermanische Belege für das urindogermanische *b so selten, dass *b eventuell kein Phonem gewesen sein mag; allerdings ist ebenfalls das Vorkommen von *p im Urgermanischen am Wortanfang genauso ungewöhnlich.
Ähnlich wie das Vernersche Gesetz hätte Kluges Gesetz viele Konsonantenalternationen innerhalb des grammatikalischen Paradigmas eines Wortes gebildet, was dazu geführt hätte, dass diese Wechsel nur noch teilweise hätten vorausgesagt werden können. Analoge Vereinfachungen dieser Komplexitäten werden als ErklärungKroonen, Guus Jan (2009). Consonant and vowel gradation in the Proto-Germanic n-stems. Doctoral thesis, Universiteit Leiden.Kroonen, Guus (2011). The Proto-Germanic n-stems: a study in diachronic morphophonology. Rodopi. ISBN 90-420-3293-6. Updated and extended version of Kroonen (2009). für die vielen Fälle vorgeschlagen, in denen eng verwandte – und sonst identische – Wörter auf kurze, lange, plosive, frikative, stimmlose oder stimmhafte urgermanische Konsonanten in anderen verwandten germanischen Varietäten hindeuten.
Assimilation Der Ursprung von urgermanischem *ll, *rr, *nn und *mm war zur Zeit KlugesSievers, Eduard (1878). "Zur accent- und lautlehre der germanischen sprachen". Paul und Braune Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur(PBB). 5: 63–163. bereits als Folge der Assimilation von Konsonantenclustern über frühere Morphemgrenzen dargelegt worden: *ll vom ursprünglichen (prägermanischen) *l-n, *rr vom früheren *r-n, *nn vom ursprünglichen *n-n und *n-w, *mm vom früheren *z-m und *n-m. Dies gilt heute – mit der Ausnahme, dass *r-n nicht unbedingt jedes Mal zu *rr geführt hatMoulton, William G. (1972). "The Proto-Germanic non-syllabics (consonants)". Pages 141–173 in van Coetsem, Frans (Hrsg.): Toward a Grammar of Proto-Germanic. De Gruyter. – als unumstritten. Einige Beispiele mit *-n sind:
Urgermanisch *fullaz < Urindogermanisch *pl̥h₁-nó-s > Sanskrit pūrṇá- (alle mit der Bedeutung ‘voll’) Urgermanisch *wullō- < Urindogermanisch *h₂wl̥h₂-neh₂- > Sanskrit ūrṇā- (alle mit der Bedeutung ‘Wolle’) Urgermanisch *ferrai ‘weit’ < Urindogermanisch *perH-noi > Litauisch pérnai ‘letztes Jahr’ Deutsch Welle, Althochdeutsch wella < Urindogermanisch *wel-neh₂- (e-Stufe); Russisch волна < Urindogermanisch *wl̥-neh₂- (Nullstufe) (alle mit der Bedeutung ‘Welle’)
Kluge (1884) versuchte, *pp, *tt und *kk auf die gleiche Weise zu begründen (Beispiele nach Kroonen 2011):
Urgermanisch *lappōn- < Urindogermanisch *lHbʰ-néh₂- > Latein lambō (alle mit der Bedeutung ‘lecken’) Mittelniederländisch roppen, Mittelhochdeutsch und später rupfen < Urindogermanisch *Hrup-néh₂- > Latein rumpō (‘brechen’)
Urgermanisch *buttaz (Genitiv Singular) < Urindogermanisch *bʰudʰ-no- > Sanskrit budʰná-, Latein fundus (alle mit der Bedeutung ‘Boden’) Urgermanisch *stuttōn- < Urindogermanisch *(s)tud-n- > Latein tundō (alle mit der Bedeutung ‘auf etw. stoßen’) Urgermanisch *likkōn- < Urindogermanisch *liǵʰ-n- > Altgriechisch λιχνεύω lichneuō, Latein lingō (alle mit der Bedeutung ‘lecken’) Urgermanisch *þakkōn- ‘tätscheln’ < Urindogermanisch *th₂g-n- > Latein tangō ‘berühren’
Ohne Kluges Gesetz wären jeweils **-bn-, **-pn-, **-dn-, **-tn-, **-gn- und **-kn- in den germanischen Formen gemäß Grimmschem und Vernerschem Gesetz zu erwarten.
Vorhersehbare Ausnahmen Kluges Gesetz funktionierte nicht hinter betonten Vokalen, sondern nur in der gleichen Umgebung wie das Vernersche Gesetz. Einige Beispiele nach Kroonen (2009, 2011) sind:
Urgermanisch *ufna- ‘Ofen’ < Urindogermanisch *úp-no- Urgermanisch *tafna- ‘Opfergabe’, ‘Mahl’ < Urindogermanisch *dh₂p-no- > Latein damnum ‘Schaden’, Altgriechisch δαπάνη dapanē (‘Aufwand’) Urgermanisch *swefna- < Urindogermanisch *swép-no- > Sanskrit svápna-, Latein somnus ‘Schlaf’, ‘Traum’ Urgermanisch *aþna- < Urindogermanisch *h₂ét-no- > Latein annus (alle ‘Jahr’) Urgermanisch *watn- < Urindogermanisch *wéd-n- ‘Wasser’ (*-r- im Nominativ, *-n- im Genitiv) Urgermanisch *laihna- ‘ausgeliehene Güter’ < Urindogermanisch *lóikʷ-no- > Sanskrit rékṇas- ‘Erbe’, ‘Reichtum’ Urgermanisch *wagna- < Urindogermanisch *wóǵʰ-no- ‘Wagen’ Selbst wenn diese Bedingung erfüllt wurde, wirkte Kluges Gesetz nicht auf die Nachkommen des urindogermanischen *s – oder des urgermanischen *z nach Vernerschem Gesetz – ein. Folgende Beispiele stammen ebenfalls von Kroonen (2009, 2011):
Urgermanisch *razna- ‘Haus’ < Urindogermanisch *Hros-nó- Urgermanisch *twizna- ‘Doppelfaden’ < Urindogermanisch *dwis-nó- Urgermanisch *liznōn- ‘lernen’ < Urindogermanisch *lis-néh₂- ‘sich wissend machen’ (ein mediopassiver Kausativ) Urgermanisch *aznō- ‘arbeiten’ < Urindogermanisch *h₂es-néh₂- Urgermanisch Genitiv Singular *uhsniz, Genitiv Plural *uhsnōn, Akkusativ Plural *uhsnunz < Urindogermanisch *uks-n-és, *uks-n-óHom, uks-én-n̥s ‘des Ochsen, der Ochsen, die Ochsen’
Kürzung langer Konsonanten in überlangen Silben Der Aufstieg langer Konsonantenphoneme ergab drei Silbenarten im Prägermanischen:
Kurz: Mit einem kurzen Vokal, dem ein kurzer Konsonant in der nächsten Silbe nachfolgt. Lang: Mit einem langen Vokal, einem Diphthong oder einem kurzen Vokal + *l/*m/*n/*r, dem ein kurzer Konsonant mit einem langen Vokal in der nächsten Silbe nachfolgt; oder ein kurzer Vokal, dem ein die Silbengrenze segmentierender langer Konsonant nachfolgt. Überlang: Mit einem langen Vokal, einem Diphthong oder einem kurzen Vokal + *l/*m/*n/*r, dem ein die Silbengrenze segmentierender langer Konsonant nachfolgt.
Anders formuliert: Silben konnten entweder aufgrund des spezifischen Vokals – oder einem nachfolgenden *l/*m/*n/*r – oder aufgrund eines in der nächsten Silbe erscheinenden langen Konsonanten lang sein. Wenn beide Möglichkeiten zutrafen, galt die Silbe als überlang (siehe das Konzept der Mora, welches darauf hinweist, dass solche überlange Silben sprachübergreifend selten vorkommen).
Alle überlangen Silben wurden dann durch die Kürzung des langen Konsonanten in lange Silben verwandelt. Dies ist unumstritten für *ss, welches vom urindogermanischen *t-t-, *d-t- und *dh-t-Clustern über Morphemgrenzen abstammt:
Ohne Kürzung (kurzer Vokal mit einem nachfolgenden langen Konsonanten): Urgermanisch *wissaz ‘gewiss’ < Urindogermanisch *wid-tó-s ‘bekannt’ Mit Kürzung (langer Vokal mit einem nachfolgenden ursprünglich langen Konsonanten): Urgermanisch *wīsa- ‘weise’ < Urindogermanisch *weid-tó- > Latein vīsus ‘gesehen’ Mit Kürzung (Diphthong mit einem nachfolgenden ursprünglich langen Konsonanten): Urgermanisch *haisiz ‘befehlen’ < Urindogermanisch *káid-tis ‘das Rufen’
Kluge (1884: 183) beabsichtigte, diese Erklärung weiterzuentwickeln, um sie auf Fälle anzuwenden, in denen aus langen Konsonanten bestehende urgermanische Wurzeln mit *p, *t oder *k auslauteten. Allerdings wären andere Konsonanten an denselben Artikulationsstellen aufgrund offenbar verwandter Wurzeln – im Urgermanischen oder in anderen indogermanischen Zweigen – zu erwarten gewesen. Folgende Beispiele stammen von Kroonen (2011):
Urgermanisch *deupa- ‘tief’, als würde es vom urindogermanischen *-b- abstammen; Litauisch dubùs ‘tief’, ‘hohl’ vom urindogermanisch *-bʰ- Urgermanisch *skēpa- ‘Schaf’, aber *skaban- ‘kratzen/scheren/schaben’ Urgermanisch *hwīta-, als würde es vom urindogermanischen *-d- kommen; Sanskrit śvetá-, śvítna- vom urindogermanischen *-t- (alle mit der Bedeutung ‘weiß’) Urgermanisch *wantu- ‘Handschuh/Fäustling’, aber *windan- ‘drehen’ Urgermanisch *dīka- ‘Damm/Deich’, als würde es vom urindogermanischen *-g- oder -ǵ- abstammen; Altgriechisch τεῖχος /ˈtêːkʰɔs/ ‘Wand’ vom urindogermanischen *-gʰ- oder *-ǵʰ- Urgermanisch *taikjan-, als würde es vom urindogermanischen *-g- oder -ǵ- kommen; Altgriechisch δείκνῡμι deiknymi vom urindogermanischen *-k- oder *-ḱ- (alle mit der Bedeutung „zeigen“)
Auswirkungen auf die urgermanische Morphologie Kluges Gesetz hat bemerkenswerte Auswirkungen auf die urgermanische Morphologie. Infolge seiner Abhängigkeit von Ablaut und Akzent wirkt das Gesetz nur auf einige Deklinations- und Konjugationsformen ein, was sowohl in Nominal- als auch in Verbalparadigmen zu Alternationen von Kurz- und Langkonsonanten führt. Kroonen (2009, 2011) vergleicht diesen Wechsel mit dem grammatischen Wechsel und insbesondere mit dem Stufenwechsel der benachbarten ostseefinnischen und samischen Sprachen. Dies ist bei den Nomina der n-Stämme und bei den néh₂-Präsensverben – imperfektive Verben, welche von perfektiven durch die Hinzufügung des urindogermanischen Suffixes *néh₂-/*nh₂- abgeleitet werden – am auffälligsten, aber es lässt sich ebenfalls bei mn-Stämmen und Richtungsadverbien beobachten.
Nomina der n-Stämme Kluges Gesetz erzeugt Langkonsonanten im Genitiv Singular – welche im Urindogermanischen mit *-n-és auslauten – und im Genitiv Plural (*-n-óHom). Es betrifft nicht den Dativ Plural: Obwohl das *n von *-n̥-mis im Urindogermanischen unmittelbar neben der Wurzel stand, war dieses silbenbildend, weshalb es sich noch vor der Entstehung des Urgermanischen zu *-un- entwickelte und dadurch die Einwirkung von Kluges Gesetz verhinderte.
Folgende Tabellen sind eine schematische Darstellung nach Kroonen (2009: 32), in welcher C dem Anfangs- und Endkonsonanten der Wurzel entspricht und G seine Variante nach Vernerschem Gesetz – falls vorhanden – darstellt: Paradigma der n-StämmeUrindogermanischUrgermanischNominativ SingularC_́C-ōC_C-ōGenitiv SingularC_C-n-ésC_CC-izLokativ > Dativ SingularC_C-én-iC_G-iniAkkusativ SingularC_C-ón-m̥C_G-anunNominativ PluralC_C-ón-esC_G-anizGenitiv PluralC_C-n-óHomC_CC-ōnDativ PluralC_́C-n̥-misC_C-ummizAkkusativ PluralC_C-on-n̥sC_G-unz Beispiel: „Fieber“UrindogermanischUrgermanischNominativ Singularkréyt-ōhrīþōGenitiv Singularkrit-n-éshrittizLokativ > Dativ Singularkrit-én-ihridiniAkkusativ Singularkrit-ón-m̥hridanun Dies zeitigt drei unterschiedliche Arten von Konsonantenwechsel (Beispiele nach Kroonen 2009): Reibung + Stimmhaftigkeit + LängeReibung + LängeNur LängeNominativ SingulartōgōrīhōwekōsterōGenitiv SingulartakkizrikkizwukkizsturrizBedeutungRute/Zweig, ZackeBesaitungsstange, ReiheDochtsteriles Tier