mini|Gemeinschaftsmodenschau der Düsseldorfer Kürschner mit der Beteiligung von 19 Betrieben im Hilton Hotel (1971)
Die Kürschnerei in Düsseldorf hatte seit Anfang des 20. Jahrhunderts in dem wohlhabenden Umfeld der, „Schreibtisch des Ruhrgebiets“ genannten, heutigen Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen bis um das Ende des 20. Jahrhunderts ein besonderes Niveau und Auskommen. Nahezu sämtliche Kürschnerbetriebe fertigten und verkauften Pelze und eventuelle Nebenprodukte an die Endkundschaft, anders als beispielsweise in den Konfektionszentren Berlin, Frankfurt am Main und vor dem Zweiten Weltkrieg auch Leipzig, wo viele Lohnkürschner und sogenannte Zwischenmeister für den Zwischen- und Einzelhandel tätig waren. Philipp Manes, der von den Nationalsozialisten ermordete Geschichtsschreiber der deutschen Pelzbranche, nannte vor 1942 in seiner Aufzählung der Städte mit den exklusivsten Pelzläden als Erste die beiden Rheinstädte: „Köln – Düsseldorf – Frankfurt – München – Dresden weisen Geschäfte auf, die in der Grösse und Aufmachung Berlin in den Schatten stellen“.Philipp Manes: Die deutsche Pelzindustrie und ihre Verbände 1900–1940. S. 152.
In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, einer besonderen Blütezeit der Pelzmode, gab es in der Stadt mit damals knapp 500.000 Einwohnern laut einem 1957er Fachadressbuch 66 Kürschnereien, fast alle verbunden mit einem Ladenlokal.Winckelmann Fachadressbuch der Rauchwaren- u. Pelzwirtschaft und des Kürschnerhandwerks Deutschland Nr. 65, 1957. Winckelmann Edition, New York, Zürich, S. 176–177. Die Stadt mit der Igedo als großer nationaler und internationaler Messeplatz für Mode entwickelte sich schnell zu einem Schwerpunkt des modischen Schaffens im Kürschnerhandwerk, nachdem nach dem Krieg viele Kürschnereibetriebe aus der Gegend des früheren Pelzzentrums des Leipziger Brühls zu den heimischen Fachbetrieben hinzugekommen waren.
Düsseldorf mit seiner exklusiven Einkaufsstraße Königsallee gilt bis heute als Modestadt mit einem Hang zum Schickimicki. Symbolhaft für das Image der Luxusmeile standen jahrzehntelang die flanierenden, im Winter ihren Pelz zur Schau stellenden Damen und immer noch, die lautstark um die „Kö“ kurvenden, mit teuren, möglichst offenen Kraftfahrzeugen protzenden Männer.
Der Einzugsbereich des Einzelhandels reicht weit über die Stadt hinaus, bis ins Ruhrgebiet oder in die nahen Niederlande. Für die an der Königsallee ansässigen Kürschner stellten außerdem, bis zur Schließung des letzten an der Straße ansässigen Unternehmens im Jahr 2021, Besucher aus den arabischen Emiraten und aus Russland einen wichtigen Kundenkreis.
Allgemein mini|Nachwuchswerbung, Kürschnerwerkstatt auf der Schadowstraße (1990)
Anders als in den meisten anderen Branchen erfordert der Pelz wegen der breiten Palette seiner Ausgangsprodukte, den unterschiedlichen Fellen von unterschiedlichen Tierarten und deren Individuen, eine dem Einzelfell angepasste handwerkliche Verarbeitung. Eine Rationalisierung durch Industrialisierung ist daher nur begrenzt möglich. Dies hat sich seit dem Mittelalter, bis auf die Erfindung der erheblich Arbeitszeit sparenden Pelznähmaschine, nur wenig verändert. Allerdings erfordert selbst das Nähen mit der Maschine eine erhebliche Übung und Geschicklichkeit. Auch das Zwecken, das Aufspannen der Felle und Pelze erfolgt heute in der Regel nicht mehr mit Zwecknägeln und Zweckzange, sondern mit Presslufttacker und Zweckzange.
Die Anfertigung eines Pelzmantels nimmt unter Umständen einige Arbeitstage in Anspruch. Da das Ausgangsmaterial häufig teuer ist, hat der Lohnkostenanteil bei hochwertigen Pelzen, wie beispielsweise Nerz, trotzdem nicht unbedingt einen entscheidenden Einfluss auf den Anteil am Verkaufspreis. Das ermöglicht es einem kleinen Kürschner-Handwerksbetrieb prinzipiell, auch in dem Höchstlohnland Bundesrepublik zu überleben, zumal sein Produkt in der Regel individueller und sorgfältiger gearbeitet sein sollte. Der oft hohe Wert macht es zudem für den Verbraucher sinnvoll, den Pelz von Zeit zu Zeit aktualisieren zu lassen, eventuelle Reparaturen oder andere Serviceleistungen ausführen zu lassen, oder ihn sogar den Sommer über zum Kürschner in die Pelzkonservierung zu geben. Das galt vor allem bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts, als sich dann doch erhebliche Schwierigkeiten eröffneten.
Die Bundesrepublik wurde nach dem Zweiten Weltkrieg recht schnell weltweit zum größten Pelzverbrauchsland, zumindest was den Pro-Kopf-Verbrauch betraf. Als gegen Ende der 1980er Jahre die ersten warmen Winter begannen, und gleichzeitig aus Tierschutzkreisen und der veganen Bewegung zuallererst das Pelztragen angegriffen wurde, verließen viele Pelzanbieter die Branche und viele Kürschnerkinder ergriffen erstmals nicht den Beruf ihrer Eltern. Nach Erreichung der Altersgrenze stellten die teilweise seit vielen Generationen bestehenden Unternehmen ihren Betrieb ein. Auch zeigte sich zunehmend, dass der Kürschner, der auf gute bis sehr gute Geschäftslagen angewiesen ist, kann er doch nicht gänzlich auf Laufkunden verzichten, die entsprechenden hohen Mieten nicht mehr erwirtschaften konnte, die während des außerordentlichen Pelzbooms der Nachkriegsjahrzehnte kein größeres Problem darstellten. Die Kürschnerei ist im Wesentlichen ein Saisongeschäft, den Sommer überbrückt der Handwerker mit Umänderungen, Reparaturen, Pelzkonservierung und anderen Serviceleistungen. Nach einer Auswertung aus dem Jahr 1965 erzielten die deutschen Kürschner durchschnittlich 51,6 Prozent ihres Umsatzes in den jeweils letzten drei Monaten des Jahres.Unterlagenmappe für das Kürschnerhandwerk. 2. Auflage 1965. Betriebswirtschaftliche Beratungsstelle für das Kürschnerhandwerk, Menden/Sauerland, S. 25. In Innenstadtlagen muss der Kürschner jedoch, bei gleicher Miete, mit Geschäften konkurrieren, zunehmend mit Filialbetrieben, die ganzjährig ihre Produkte verkaufen. Hinzu kam die Witterungsabhängigkeit bei anhaltender Klimaerwärmung. Pelz unterliegt inzwischen beinahe ebenso der Mode wie Textilien. In der darauffolgenden Saison haben die Pelze nicht mehr die gleichen Verkaufschancen, insbesondere nicht bei der Stammkundschaft, die die Modelle aus der Modenschau des vergangenen Jahres kennt. Die seit der Jahrtausendwende wieder verstärkt aufgekommene Mode mit Pelzbesätzen auf Kragen und an Kapuzen hat für die hiesigen Detailkürschner vom Umsatzanteil her nur wenig Bedeutung. Der Internetverkauf stellte bisher dagegen nur begrenzt eine Konkurrenz oder einen zusätzlichen, wesentlichen Geschäftszweig dar, der Käufer möchte die Pelze vor dem Kauf fühlen und anprobieren.
Geschichte
Für die frühe Zeit in der damals noch kleinen Stadt Düsseldorf scheint über eine Kürschnerei kaum etwas oder nichts bekannt zu sein. Nach der spontan erfolgten Stadterhebung im Jahr 1288 war der bisherige Flecken Düsseldorf ohnehin erst einmal nur von Bauern und Fischern bewohnt, ein selbständiges Handwerk war, anders als in Köln, Aachen oder dem benachbarten Neuss, kaum vorhanden. Handwerk fand fast nur für den eigenen Bedarf statt. Für die Zeit einhundert Jahre später wird vermutet, dass es für mehrere große Handwerke zunftmäßige Zusammenschlüsse unter der Bezeichnung von Bruderschaften gab. Falls auch schon Kürschner ansässig waren, so gehörten sie mit Sicherheit nicht dazu, die erhaltene Literatur über die ältere Handwerksgeschichte der Stadt ist jedoch sehr spärlich. Im 15. Jahrhundert stand das Düsseldorfer Handwerk schon in einiger Blüte, in einer Aufzählung der privilegierten Handwerker der Zeit sind die Kürschner nicht dabei. Im Jahr 1580 erhielten die Schuhmacher und Gerber, wohl als letzte Handwerkergruppe die Bestätigung als Zunft des Landesvaters Herzog Wilhelm; 1799 gründeten die Fassbinder unter Kurfürst Maximilian Joseph die allerletzte Zunft. 1809 wurden die Zünfte im Rahmen der von Frankreich ausgehenden Liberalisierung aufgehoben.
In den Schoßlisten (Steuer- und Vermögensverzeichnisse) aus dem zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts, der Zusammenstellung der Grundsteuerpflichtigen, befindet sich zumindest ein Kürschner. In den Hospital- und Gasthausrechnungen seit dem 16. Jahrhundert finden sich in manchen Jahren drei Kürschner (darunter Gerhard Peltzer, 1571), so dass der Historiker Erich Wisplinghoff daraus schloss, dass man demnach wohl mit insgesamt sechs Kürschnern rechnen darf und dass der Bedarf an Pelzen insgesamt recht hoch gewesen ist. Weder die armen Bewohner von Bilk noch die Siechen erhielten Pelze, wohl aber eine größere Zahl der von einem Gasthaus unterstützten Armen, 1571 waren es schätzungsweise 15 Personen. Daher darf man annehmen, dass ein Pelz zur Ausstattung eines normalen Bürgers gehörte, ein alleinstehender Handwerksmeister konnte ihn sich ebenfalls leisten. Ein Pelz kostete zu der Zeit etwa fünf Mark, ein siebenpfündiges Brot ⅓ Mark. Erhaltene Gasthausrechnungen des Jahres 1580 sind auf die Kürschner Godert Peltzer und Gerhard Peltzer ausgestellt. Auch in Belegen von Gerresheim des 15. und 16. Jahrhunderts erscheinen Kürschner.Erich Wisplinghoff: Vom Mittelalter bis zum Ende des Jülich-Klevischen Erbstreits (ca. 700-1614). In: Hugo Weidenhaupt (Hrsg.): Düsseldorf - Geschichte von den Ursprüngen bis ins 20. Jahrhundert. Band 1, Von der ersten Besiedlung zur frühneuzeitlichen Stadt. Schwann im Patmos Verlag, Düsseldorf, im Auftrag der Landeshauptstadt Düsseldorf, 1988, S. 238–242, 361, 415, ISBN 3-491-34221-X Im Landsteuerbuch aus dem Jahr 1632 ist auf der Zollstraße ein „Bundföderer aldae Mr (Meister) Johan“ genannt. Ein Buntfütterer war ein Kürschner, der vor allem edleres Fellwerk verarbeitet, benannt nach dem lebhaft gefärbten Bauchfell des russischen Eichhörnchens, dem Fehfell.
mini|Johann Wilhelm von der Pfalz in prächtiger, beschwänzter Hermelinrobe Die noch erhaltenen Kabinettsrechnungen der seit 1691 in Düsseldorf residierenden Anna Maria Luisa von der Pfalz zeugen ebenfalls von dem Vorhandensein eines Kürschnerhandwerks in Düsseldorf im 17. Jahrhundert. Daraus ersichtlich hatte die Kurfürstin einigen Bedarf an Kürschnerartikeln für sich und als Präsent für ihren Umkreis und an Dienstleistungen ihres Kürschners. Eine noch vorhandene Anweisung aus dem Jahr 1699 zum „Aufheben und Putzen des Pelzwerks der Kurfürstin“ der in Düsseldorf residierenden Anna Maria Luisa von der Pfalz an den dortigen Kürschner, den „Bundwirker“ Johann Welen (Johann Wolon?) zeigt, dass bereits zu der Zeit die Pelzwerker bei genügend betuchter Kundschaft die Aufbewahrung und die Pflege der Kundenpelze übernommen hatten. Die Kurfürstin bezahlte am 2. Juli für diese Dienstleistung vier Reichstaler, die Anzahl und Art der dafür aufbewahrten Pelze wurde offenbar nicht erwähnt.Jürgen Rainer Wolf (Hrsg.): Die Kabinettsrechnungen der Kurfürstin Anna Maria Luisa von der Pfalz (1667–1743). Band 1. Klartext Verlag, Essen, 2015, S. 353.
Aus den Kabinettsrechnungen gehen diverse weitere Arbeiten und Kleidungsstücke hervor, die die Kurfürstin an den inzwischen zum Hofkürschner ernannten Franz David Geilmeier gab. Siehe dazu am Ende dieses Artikels (→ Pelze der Anna Maria Luisa von der Pfalz während ihrer Zeit in Düsseldorf für die Jahre 1691 bis 1717). Als Anna Maria Luisa 1917 nach Florenz zurückkehrte, wird es den Hofkürschner schwer getroffen haben. Nicht nur die Kurfürstin, sondern auch der restliche Hofstaat dürfte zu seinen Kunden gezählt haben. Allerdings blieb Düsseldorf Verwaltungszentrum und Wohnsitz zahlreicher adliger Familien.Klaus Müller: Unter pfalz-neuburgischer und pfalz-bayerischer Herrschaft (1614–1806). In: Düsseldorf – Geschichte von den Ursprüngen bis ins 20. Jahrhundert. S. 179.