Riyā' () ist ein missbilligender Begriff der islamischen Ethik für ostentativ zur Schau gestellte Frömmigkeit und religiöse Scheinheiligkeit, bei der gottesdienstliche Handlungen nicht für Gott und wegen ihres jenseitigen Werts ausgeführt werden, sondern um andere Menschen zu beeindrucken. Seit Hans Bauer ist es üblich, den Begriff mit „Augendienerei“"Bauer: Über Intention, reine Absicht und Wahrhaftigkeit. 1916, S. 2. bzw. "Augendienst"So Josef van Ess in Die Gedankenwelt des Ḥāriṯ al-Muḥāsibī 1961, S. 39–48. zu übersetzen. Gegenbegriff zu Riyā' ist Ichlās (iḫlāṣ; „Aufrichtigkeit“, siehe dazu Sure al-Ichlās), bei der die Intention des Handelnden rein auf Gott gerichtet ist. Der Theologe as-Saiyid asch-Scharīf al-Dschurdschānī (gest. 1413) definierte Riyā' als „Unterlassung des Ichlās beim Handeln dadurch, dass man bei ihm anderes als Gott beachtet“ (tark al-iḫlāṣ fī l-ʿamal bi-mulāḥaẓat ġair Allāh fīhi).as-Saiyid aš-Šarīf al-Ǧurǧānī: Kitāb at-Taʿrīfāt. Ed. Gustav Flügel. Leipzig 1845. S. 119, Z. 3. Digitalisat Die Ausarbeitung der Lehre vom Riyā' ist insbesondere das Verdienst der beiden Denker al-Muhāsibī (gest. 857/58) und al-Ghazālī (gest. 1111). Derjenige, der Riyā' betreibt, wird im Arabischen Murā'ī genannt.al-Ġazālī: Iḥyāʾ ʿulūm ad-dīn. 2005, S. 1206.

Wortherkunft, Übersetzungen und koranische Aussagen Das Wort riyāʾ ist Verbalsubstantiv zum 3. Stamm der arabischen Wurzel r-ʾ-y („sehen“). Es bedeutet eigentlich das "Hinsehen auf andere mit dem Wunsch, von ihnen beachtet und hochgeschätzt zu werden", wird aber auch mit "Augendienerei", "Heuchelei", "Scheinheiligkeit" oder "Gefallsucht" übersetzt.Bauer: Über Intention, reine Absicht und Wahrhaftigkeit. 1916, S. 2. Julian Obermann bevorzugte die sinngemäße Übersetzung mit "der religiöse Schein".Obermann: Der philosophische und religiöse Subjektivismus Ghazālīs. 1921, S. 148. Hans Wehr gibt die Bedeutung des zugrundeliegenden Verbs mit „so handeln, dass die Leute es sehen; Augendienerei treiben“ an.Hans Wehr: Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart. 5. Aufl. Harrasowitz Verlag, Wiesbaden, 1985. S. 442.

Der Ausdruck kommt in etwas veränderter Orthographie (riʾāʾ) auch drei Mal im Koran vor, und zwar jeweils in der Zusammenstellung riʾāʾ al-nās ("Hinsehen auf die Leute"). So werden in Sure 2:264 und 4:38 diejenigen gegeißelt, die ihr Vermögen für Almosen spenden, „um von den Leuten gesehen zu werden“ (riʾāʾ al-nās), und in Sure 8:47 solche Personen, die überheblich, und „um von den Leuten gesehen zu werden“ (riʾāʾ al-nās), aus ihren Wohnungen ausgezogen sind.

Das Verb, von dem das Verbalsubstantiv Riyā' abgeleitet ist, wird außerdem noch an zwei Stellen im Koran im Zusammenhang mit dem Gebet verwendet, nämlich in dem frühen Koranwort Sure 107:4-6: "Wehe den Betenden, die auf ihr Gebet nicht achten, die nur gesehen werden wollen (allaḏīn hum yurāʾūna)" und in dem auf die Munāfiqūn gemünzten Koranwort Sure 4:142: "Siehe, die Heuchler möchten Gott täuschen, doch er täuscht sie. Und wenn sie sich zum Gebet aufstellen, tun sie es nachlässig, wobei sie von den Leuten gesehen werden wollen (yurāʾūna n-nās), und sie gedenken Gottes dabei nur wenig."

Geschichte Die Überlieferungen von Schaddād ibn Aus und anderen frühen Muslimen Unter den frühen Muslimen hat sich insbesondere der zu den Ansār gehörende Prophetengefährte Schaddād ibn Aus (gest. 677) zum Riyā' geäußert. Kurz vor seinem Tod soll er gesagt haben: "Das, was ich für Euch am meisten fürchte, ist der Riyā' und die versteckte Begierde (aš-šahwa al-ḫafīya)."al-Baihaqī: Šuʿab al-īmān. 1990, Band V, S. 332. Yaʿlā, der Sohn von Schaddād ibn Aus, überlieferte von seinem Vater die Aussage, dass er und die Seinen in der Zeit des Gottesgesandten Riyā' mit „kleinem Schirk“ (širk aṣġar)", also Götzendienst, gleichgesetzt hätten.al-Baihaqī: Šuʿab al-īmān. 1990, Band V, S. 337. Schaddād wird auch mit folgendem Prophetenwort zitiert: "Wer fastet und dies zur Schau stellt, betreibt Schirk. Wer das Ritualgebet verrichtet und dies zur Schau stellt, betreibt Schirk. Wer Almosen gibt und dies zur Schau stellt, betreibt Schirk."al-Baihaqī: Šuʿab al-īmān. 1990, Band V, S. 337. In einer anderen Tradition zitiert er den Propheten mit der Aussage: "Das, was ich für meine Umma am meisten fürchte, ist der Riyā'".al-Muḥāsibī: ar-Riʿāya li-ḥuqūq Allāh. 1980, S. 163. Eine etwas erweiterte Tradition lässt Schaddād ibn Aus sagen:

Der Koranexeget Mudschāhid ibn Dschabr (gest. 722) meinte, dass sich auch die Aussage in Sure 35:10: auf die Leute des Riyā' beziehe.al-Ġazālī: Iḥyāʾ ʿulūm ad-dīn. 2005, S. 1202. ʿIkrima (gest. 723), der Klient von ʿAbdallāh ibn ʿAbbās lehrte, dass Gott den Menschen nicht für sein Werk, sondern für seine Intention belohne, weil es bei der Intention keinen Riyā' gebe. Qatāda ibn Diʿāma (gest. 736) soll gesagt haben:

An der Entwicklung der Idee der notwendigen Vermeidung von Riyā' nahmen auch die frühen Sufis teil. Der kufische Gelehrte Sufyān ath-Thaurī (gest. 778) soll anerkannt haben, dass er die Feinheiten des Riyā' niemals erkannt hätte, wenn Abū Hāschim as-Sūfī sie ihm nicht kundgetan hätte. Dieser Abū Hāschim war angeblich der erste, der den Beinamen aṣ-Ṣūfī trug.Josef van Ess: Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert der Hidschra. Eine Geschichte des religiösen Denkens im frühen Islam. Band I. De Gruyter, Berlin, 1991. S. 228.

Textliche Ausarbeitungen des Konzepts al-Muhāsibī Die erste ausführliche Analyse des Konzepts stammt von al-Hārith al-Muhāsibī (gest. 857/58), einem der älteren Schüler von al-Dschunaid. Er widmete dem Riyā' ein ganzes Kapitel in seinem Werk ar-Riʿāya li-ḥuqūq Allāh („Die Sorge um die Rechte Gottes“). Dieses Kapitel ist in 43 Abschnitte unterteilt, die sich auf 79 Traditionen stützen. Riyā' definiert er dabei als "die Ausrichtung des Menschen auf die Menschen beim Gehorsam gegenüber seinem Herrn (irādat al-ʿabd al-ʿibād bi-ṭāʿat rabbi-hī)al-Muḥāsibī: ar-Riʿāya li-ḥuqūq Allāh. 1980, S. 160. bzw. die „Ausrichtung auf die Geschöpfe beim Gehorsam gegenüber Gott“ (irādat al-maḫlūqīn bi-ṭāʿat Allāh).al-Muḥāsibī: ar-Riʿāya li-ḥuqūq Allāh. 1980, S. 162. Scharfsinnig psychologisierend brandmarkt er die unterschiedlichen Manifestationen falscher Frömmigkeit. Seine Kritik richtet sich dabei vor allem gegen die Klasse der „Koranleser“ (qurrāʾ), denen er vorwarf, Lob für religiöse Handlungen einheimsen zu wollen.Van Ess: Die Gedankenwelt des Ḥāriṯ al-Muḥāsibī. 1961, S. 41.

Al-Muhāsibī erklärt, dass derjenige, der seine große Bedürftigkeit nach reinen guten Handlungen bei der Auferstehung kenne, von seinem Herzen dazu gedrängt gewerde, sich vor Riyā' in Acht zu nehmen.al-Muḥāsibī: ar-Riʿāya li-ḥuqūq Allāh. 1980, S. 155. Der Vernunftbegabte werde von seiner Vernunft dazu gedrängt, sich vor Riyā' und Affektiertheit gegenüber Menschen in Acht zu nehmen und allein nach Gott zu streben, damit sein Wissen und Werk allein auf ihn gerichtet sind.al-Muḥāsibī: ar-Riʿāya li-ḥuqūq Allāh. 1980, S. 156. Ein Hadīth qudsī, den al-Muhāsibī zitiert, besagt, dass Gott kein Werk annehme, in dem sich auch nur das Gewicht eines Senfkorns an Riyā' befinde.al-Muḥāsibī: ar-Riʿāya li-ḥuqūq Allāh. 1980, S. 165.

Die Tatsache, dass die Unterlassung des Augendienstes Voraussetzung für das Heil im Jenseits ist, sieht al-Muhāsibī durch einen Hadith als erwiesen an, der besagt, dass Mohammed einem Mann, der ihm nach dem Mittel für die Rettung fragte, antwortete: Hieraus und aus anderen einschlägigen Hadithen leitete al-Muhāsibī auch seine Definition von Riyā' ab. Beweis dafür, dass die für Menschen erbrachten religiösen Handlungen Verderben bringen, sieht er auch in dem folgenden Koranwort:

Um dem Riyā' zu entkommen, muss der Gläubige nach al-Muhāsibī zu dem Zeitpunkt, wenn etwas eintritt, das zum Riyā' herausfordert, sich bewusst machen, dass es Riyā' ist, und diesen dann verabscheuen.al-Muḥāsibī: ar-Riʿāya li-ḥuqūq Allāh. 1980, S. 188. Josef van Ess sieht es als erwiesen an, dass die Leistung al-Muhāsibīs ist.Van Ess: Die Gedankenwelt des Ḥāriṯ al-Muḥāsibī. 1961, S. 48.

Riyā'-Traditionen in Hadith-Sammlungen Riyā' ist auch Gegenstand verschiedener Abschnitte in den kanonischen Hadith-Sammlungen. Häufig tritt hier neben Riyā' das arabische Wort sumʿa, das analog dazu als "Ohrendienst" übersetzt werden kann. So führt Muslim ibn al-Haddschādsch (gest. 875) in seinem Ṣaḥīḥ einen Hadith von Abū Huraira an, demzufolge derjenige, der für Augendienst und Ohrendienst (riyāʾ wa-sumʿa) kämpft und den Märtyrertod erleidet, die Hölle verdient.Ṣaḥīḥ Muslim, Kitāb al-Imāra, Bāb Man qātala li-riyāʾ wa-s-sumʿa istaḥaqq an-nār Nr. 3527 Und Muhammad ibn ʿĪsā at-Tirmidhī (gest. 892) hat in sein Kitāb aš-Šamāʾil einen Hadith aufgenommen, demzufolge der Prophet beim Haddsch auf einem schäbigen Sattel im Wert von nur vier Dirham ritt und dann Gott darum bat, dass er seine Wallfahrt zu einem Haddsch ohne Augen- und Ohrendienst machen möge.Muḥammad ibn ʿĪsā at-Tirmiḏī: Kitāb aš-Šamāʾil. Ed. ʿIzzat ʿUbaid ad-Daʿʿās. 3. Aufl. Dār al-Ḥadīṯ, Beirut, 1988. S. 159. Digitalisat

Besonders viele Riyā'-bezogene Traditionen werden in dem Werk Šuʿab al-īman von al-Baihaqī (gest. 1066) präsentiert, dessen 45. Kapitel sich mit „der Aufrichtigkeit des Handelns für Gott und der Unterlassung von Augendienst“ (iḫlāṣ al-ʿamal li-Llāh wa-tark ar-riyāʾ) befasst. Al-Baihaqī erwähnt in diesem Kapitel nicht nur Hadithe, sondern auch Logien von verschiedenen Asketen und Meistern wie al-Hasan al-Basrī, Sufyān ath-Thaurī, Fudail ibn ʿIyād, Dhū n-Nūn al-Misrī, Sarī al-Saqatī, Sahl at-Tustarī, al-Dschunaid usw., die dem Themenkreis Riyā' zugehören.Deladrière: Riyāʾ in EI². Band VIII, S. 547. Nach einer Anekdote, die al-Baihaqī in seinem Werk anführt, kam Abū Yaʿqūb Ibn Rāhawaih (gest. 853) einmal zu dem tahiridischen Herrscher ʿAbdallāh ibn Tāhir, wobei er eine Dattel im Ärmel hatte, die er aß. Der Herrscher sagte darauf zu ihm: "O Abū Yaʿqūb, wenn deine Unterlassung des Riyā' nicht selbst Riyā' ist, dann gibt es auf der Welt niemanden, der weniger Riyā' betreibt als Du."al-Baihaqī: Šuʿab al-īmān. 1990, Band V, S. 365. Die Anekdote zeigt, dass schon dieser Zeit ein Bewusstsein dafür existierte, dass Bemühung um Unterlassung von Riyā' gleichfalls Riyā' darstellen konnte.

al-Ghazālī Auch al-Ghazālī (gest. 1111) befasste sich ausführlich mit Riyā'. Er widmete das 28. Buch seines Hauptwerks Iḥyāʾ ʿulūm ad-dīn der „Missbilligung von Ruhm und Zurschaustellung“ (ḏamm al-ǧāh wa-r-riyāʾ). Al-Ghazālī beginnt seine Ausführungen mit der Aussage, dass Riyā' verboten und der Augendiener (al-murāʾī) bei Gott verhasst sei.al-Ġazālī: Iḥyāʾ ʿulūm ad-dīn. 2005, S. 1202. Bei frommen Handlungen wie der Sadaqa, der Salāt, dem Fasten, dem Ghazw und dem Haddsch gelte, dass sie, wenn der Handelnde allein die Zurschaustellung beabsichtige, unwirksam seien, da die Handlungen nach den zugrundeliegenden Absichten beurteilt werden. Wenn der Handelnde hingegen jenseitigen Lohn und Lob gleichzeitig erstrebe, dann gelte das, was Saʿīd ibn al-Musaiyab gesagt habe, dass es nämlich dafür keinen jenseitigen Lohn gebe.al-Ġazālī: Iḥyāʾ ʿulūm ad-dīn. 2005, S. 1210.

In seinen Ausführungen über Riyā' knüpft al-Ghazālī stark an al-Muhāsibī an, systematisiert das Material aber noch stärker (siehe unten). In einem eigenen Abschnitt legt er dar, dass die Unterlassung von Gehorsamshandlungen aus Furcht vor Riyā' keine Lösung des Problems ist, weil sie selbst wiederum Riyā' darstellt.al-Ġazālī: Iḥyāʾ ʿulūm ad-dīn. 2005, S. 1233 f. Es bestehe nämlich kein Unterschied zwischen dem Unterlassen einer Gehorsamshandlung aus Furcht, dass man von den Leuten als Augendiener betrachtet werde, und dem schönen Ausführen einer Gehorsamshandlung aus Furcht, dass man von ihnen für nachlässig gehalten werde.Obermann: Der philosophische und religiöse Subjektivismus Ghazālīs. 1921, S. 154. Die Rettung liege allein darin, dass man seinem Herzen auferlege, das Übel des Riyā' zu erkennen.al-Ġazālī: Iḥyāʾ ʿulūm ad-dīn. 2005, S. 1234.