Karl Kohn (* 21. Oktober 1894 in Prag, Königreich Böhmen; † 1979 in Quito, Ecuador) war ein tschechisch-ecuadorianischer Architekt und Maler.
Leben Karl Kohn wurde als drittes von sieben Kindern des Schächters Hugo Kohn und dessen Ehefrau Amelie geboren.Soweit keine anderen Quellen angegeben sind, stammen alle biografischen Angaben aus dem Aufsatz von Zuzana Güllendi-Cimprichová: Modernetransfer Tschechoslowakei – Ecuador (siehe Literatur). Die Familie lebte nach jüdisch-orthodoxen RegelnVera Schiller de Kohn: Initiatische Therapie. S. 24–25. und gehörte dem jüdisch-bürgerlichen Milieu an.
Nachdem sein älterer Bruder Otto Kohn Architektur studiert hatte, absolvierte auch Karl Kohn ein Architekturstudium an der Deutschen Technischen Hochschule in Prag.Zdeněk Lukeš: Begleichung der Schuld. S. 88. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs trag er in die Österreichisch-ungarischen Armee ein, erhielt mehrere Auszeichnungen und wurde zum Artillerie-Hauptmann befördert.Vida y Obra de Karl Kohn (spanisch) Nach Kriegsende studierte er 1918 – 1920 Architektur an der Akademie der Bildenden Künste Prag in der Meisterklasse von Josef Gočár.
Nach Beendigung des Studiums arbeitete Kohn eng mit seinem Bruder Otto zusammen.Zuzana Güllendi-Cimprichová: Modernetransfer Tschechoslowakei – Ecuador. pdf-Seite 1 1934 heiratete er die um achtzehn Jahre jüngere Vera geborene Schiller (1912–2012), die er im Zusammenhang mit einem Bauvorhaben ihrer Eltern kennengelernt hatte.
Während der Zeit des Nationalsozialismus – nach der Besetzung des tschechischen Staatsgebiets durch deutsche Truppen im März 1939 – entschieden sich 21 Mitglieder der Familie Kohn zur gemeinsamen Emigration, darunter die Brüder Karl und Otto Kohn mit ihren Familien. Das Fluchtziel Ecuador geriet in den Fokus vieler tschechisch-jüdischer Familien aufgrund der Waffengeschäfte zwischen tschechischen Unternehmen und dem Staat Ecuador, in die ein früherer Auftraggeber der Kohn-Brüder Karl und Otto direkt involviert gewesen sein soll: Františ Janeček, dessen Villa von ihnen gebaut worden war, und der nicht nur der Gründer und Besitzer der Jawa-Motorradwerke war, sondern auch in Verbindung stand zum Brünner Waffenwerk Zbrojovka Brno.Zuzana Güllendi-Cimprichová: Modernetransfer Tschechoslowakei – Ecuador. pdf-Seite 5. Ob er auch der Inhaber dieser Waffenfabrik war, wie Güllendi-Cimprichová schreibt, lässt sich nicht verifizieren. Auf vielen tschechischsprachigen Webseiten, so auf der Seite Vybudování československého moderního zbrojního průmyslu (Aufbau der modernen tschechoslowakischen Rüstungsindustrie), wird zwar auf dessen enge Verbindung zur Zbrojovka Brno bis etwa 1927 hingewiesen, es bleibt aber unklar, ob und in welcher Form diese nach der Gründung der Jawa fortbestand. Ecuador habe aufgrund der Waffengeschäfte Schulden bei der Zbrojovka Brno gehabt und deshalb beschlossen, „diese im Rahmen eines wirtschaftlich-humanitären Transfers zu begleichen. Am 2. Februar 1939 wurde zwischen Zbrojovka und der ecuadorianischen Regierung ein Abkommen unterschrieben, nach dem die tschechoslowakischen jüdischen Emigranten die Schulden abbezahlen sollten und im Gegenzug dafür Visa für Argentinien bekamen. Karl Kohn nahm an diesem Transfer teil.“Zuzana Güllendi-Cimprichová: Modernetransfer Tschechoslowakei - Ecuador. pdf-Seite 5. Karl Kohns Neffe, Joseph Kohn, der Sohn von Otto Kohn, bestätigt dies weitgehend, erwähnt aber kein einzelnes Unternehmen, das an diesem Deal beteiligt gewesen sein soll. (J. J. Kohn: Seit meiner Kindheit fasziniert mich die Mathematik, siehe Weblinks)
Das Ausreiseziel Argentinien wurde aus unbekannten Gründen nicht weiterverfolgt; die 21 Mitglieder der Kohn-Familie ließen sich überwiegend in Ecuador nieder, wo bereits ein weiterer Bruder von Karl und Otto lebte. Im Sommer 1939 kam die Familie in Ecuador an.
Guayaquil war nur ein Zwischenstopp. Kohn ließ sich aus Rücksicht auf seine FrauJ. J. Kohn: Seit meiner Kindheit fasziniert mich die Mathematik. siehe Weblinks und anders als sein Bruder Otto, dem eine Architektur-Professur in Cuenca angeboten worden war, in Quito nieder. Er erhielt, quasi als Ersatz für die ausgeschlagene Professur in Cuenca, schnell das Angebot, an der Kunstakademie von Quito zu unterrichten, der Escuela Nacional de Bellas Artes. 1940 erfolgte seine Berufung zum Professor.KARINA DEL ROCÍO SÁNCHEZ SALAZAR: 4 MUJERES ARTISTAS, PROPUESTAS ARTÍSTICAS EN DISENSO EN EL ECUADOR DE 1930 A 1960, Magisterarbeit an der UNIVERSIDAD CENTRAL DEL ECUADOR, FACULTAD DE ARTES, INSTITUTO DE INVESTIGACIÓN Y POSGRADO, Quito, März 2016, S. 103–104. Nach Güllendi-Cimprichová (pdf-Seite 5) fand die Berufung bereits zum Dezember 1939 statt.
Ein Jahr nach seiner Berufung gründete Kohn „an der Kunstakademie nach dem Prager Vorbild eine Architekturschule und schlug die Einrichtung eines Lehrstuhls für Architekturzeichnen vor. Für ein Land, in dem es bis zur Gründung der Fakultät für Architektur an der Universidad Central in Quito im Jahre 1946 kein Zentrum für höhere Architekturausbildung gegeben hatte, war dies ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Stärkung der Architekturlehre.“Zuzana Güllendi-Cimprichová: Modernetransfer Tschechoslowakei – Ecuador. pdf-Seite 5. Für Karina del Rocío Sánchez Salazar ist Kohn folglich „einer der Pioniere bei der Einführung moderner Ideen in Architektur und Industriedesign in Ecuador“.
Kohn starb 1979 in Quito. Er hinterließ seine Frau Vera und die gemeinsamen Töchter Tanya (* 1935) und Katya (* 1942).
Werk Die Jahre vor der Emigration (1920 bis 1939) Nach Ende seines Studiums arbeitete Kohn mit seinem Bruder Otto so eng zusammen, dass „keine genaue Zuschreibung der Bauten mehr möglich ist“. Zuzana Güllendi-Cimprichová attestiert den Kohn-Brüdern „eine undogmatische künstlerische Haltung, die sich durch eine sachliche, stilistisch ungebundene Auffassung der Architekturaufgabe“ ausgezeichnet habe, während „die Mehrheit der deutschsprachigen jüdischen Architekten […] zur weißen Moderne“ tendiert hätte, soll heißen: zum Bauhaus-Stil.Zuzana Güllendi-Cimprichová: Modernetransfer Tschechoslowakei – Ecuador. pdf-Seite 2. Der Begriff weiße Moderne wird in Deutschland eher mit der Weißen Stadt in Tel Aviv in Verbindung gebracht oder auch als Kritik am Bauhaus-Stil. (siehe: Fünf Punkte zu einer neuen Architektur, letzter Absatz) Die Auftraggeber der Kohn-Brüder waren „liberal gesinnte Industrielle, Unternehmer und Adelige, für die die Brüder Kohn Mietshäuser in prominenten Lagen im Prager Stadtzentrum oder exklusive Villen am Stadtrand errichteten“.
Für den Kunsthistoriker Max Eisler war der Grundriss das bestimmende Element in der Architektur der Kohn-Brüder.
Güllendi-Cimprichová unterscheidet zwei Phasen in der der Emigration vorhergegangenen Schaffensperiode der beiden Brüder: „Die bis zum Beginn der 1930er Jahre errichteten Bauten sind stark dem neobarocken Historismus verpflichtet.“ Max Eisler führt das auf die Klientel zurück, für die die Brüder Kohn tätig waren. „Die wohlhabende und gebildete Bürgerschicht dieser Gegend lebt ganz besonders stark unter dem Eindruck der alten, vor allem der barocken Baukultur. Wie weit das eine Äußerlichkeit oder gar einen Atavismus bedeutet, steht hier nicht zur Frage. Für uns ist vorderhand nur die Feststellung wichtig, daß die beiden Architekten schon für diese Forderung ihrer Umwelt ein besonders offenes Verständnis besitzen, die klare Bereitwilligkeit mitzugehen, aber auch die Fähigkeit, die überlieferte Form nicht zu kopieren, sonderndurch neue Konstruktionen und im neuen Geiste zu beleben.“ Ein Beispiel für diese Schaffensperiode der beiden ist die Villa von Františ Janeček in Týnec nad SázavouDie dem Besitzer der Jawa-Werke gehörende dreistöckige Villa auf kreisförmiger Basis wurde als „Karussell“ bezeichnet.Villa von Františ Janeček. Die tschechischsprachige Webseite enthält mehrere Fotos der Villa. Die Kohns hatten für diese Villa auch die Inneneinrichtung entworfen, womit nach Eisler „den Angaben des Bauherrn, noch mehr seinen Intentionen aufs exakteste entsprochen ist. Und auf derselben Linie liegt dann das Allermeiste, selbst noch die Wohnungen in den Stadthäusern und die Innenräume in den Villen. Denn selbst hier wird die gegebene Veranlagung der Bewohner nicht durch originellen Übermut ausgereizt und aus der Bahn gedrängt, sondern immer das schöne Maß gesucht, in dem das Bürger- und Künstlerwesen sich verstehen und vereinigen können.“ „Ab dem Beginn der 30er Jahre setzen beide Architekten dem unaufhörlich fortschreitenden Rationalismus ein gegenläufiges Stilkonzept entgegen, den sogenannten emotionalen Funktionalismus“ im Sinne des der Gruppe Devětsil angehörenden Karel Honzík. Eisler wertet das nicht als Bruch mit der bisherigen Architektursprache, sondern als Zeichen der „stilistische[n] Neutralität der beiden Brüder, die es ihnen erlaubt, von Fall zu Fall eine Bauform zu wählen, ohne die grundlegenden, gleichbleibenden Eigenschaften ihrer Arbeit, ihres Charakters und ihrer Anschauung zu verlieren. Freilich, sowie der Druck der Konvention und damit auch der Anlaß zur Rücksicht aussetzt, verstärken sich die modernen Züge im Werke der Brüder, – der einfach schnittige Bauwürfel, das flache Dach, die dünne Wand, das leichtere, luftige Wesen, dies alles und noch mehr meldet sich dann mit dem sichtlichen Wohlgefühl der Befreiung sogleich zum Wort.“ Beispiele für die neue Architektursprache der Kohns sind: Villa Kohn in PragGüllendi-Cimprichová bezeichnet das 1936 entstandene Gebäude (nach Zdeněk Lukeš ein Villenpaar) als einen „der wichtigsten programmatischen Bauten dieser Schaffensperiode. […] Das Gebäude wurde am höchsten Punkt eines Abhangs errichtet. Der dynamische und voluminöse Baukörper beherrscht den großflächigen Garten, der in Terrassen gegliedert und funktional nach Gesellschaftsgarten, Kinderspielplatz mit Bassin und Nutzgarten aufgeteilt ist […] Über die Marmorplatten ist ein organischer Übergang vom Garten auf den Marmorfußboden des Wintergartens und somit in den Hauptwohnraum der Villa möglich. […] Die bewusste Verschmelzung von Innen- und Außenbereich lassen Garten und Bau dem Betrachter als eine organische Einheit erscheinen. […] Der asketisch anmutende Bau und die Innengestaltung stehen in einem gewissen Kontrast. Der repräsentative Charakter wird in der Garderobe durch eine Verkleidung aus grünem Opaxit zum Ausdruck gebracht. Das von den Architekten selbst entworfene Mobiliar erinnert mit seinem konservativen Charakter an die Tradition der Wiener Schule, ist gleichzeitig aber mit ästhetischer Raffinesse funktional gestaltet.“Zuzana Güllendi-Cimprichová: Modernetransfer Tschechoslowakei - Ecuador. pdf-Seite 3–4 Zdeněk Lukeš verweist vor allem auf das Pultdach, die Fassadengestaltung und das Geländer im Treppenhaus.Zdeněk Lukeš: Begleichung der Schuld. S. 88–94. mini|Historische Aufnahme des Molochov-Blocks in Prag. mini|Ansicht des Molochov-Blocks (um 2012)