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Das Heiligtum bei Symi () war ein von der minoischen bis in die römische Zeit bestehendes Höhenheiligtum im Süden der griechischen Insel Kreta. In griechisch-römischer Zeit wurden hier die Götter Hermes und Aphrodite verehrt. Das Heiligtum wurde im September 1972 bei Bauarbeiten an einer kleinen Straße entdeckt und von 1972 bis 2003 von Angeliki Lebessi ausgegraben.

Lage Die Ausgrabungsstätte des Heiligtums, dessen Gesamtfläche auf 9350 m² geschätzt wird, befindet sich im Osten der Gemeinde Viannos im waldreichen Gebiet von Krya Vrysi ( ‚Kalte Quelle‘). Das mit Kiefern und Eichen bestandene und von einem kleinen Wasserlauf durchzogene, nach Süden abfallende Plateau auf einer Höhe von etwa 1130 Metern liegt an der Südseite der bis zu 2009 Meter hohen Pratolitsa-Berge (), einem Teil des Dikti-Gebirges. Der 2148 Meter hohe Gipfel des Dikti () oder Spathi () im Norden ist 6,9 Kilometer entfernt. Zu erreichen ist das Heiligtum über eine Serpentinenstraße vom 1,4 Kilometer südwestlich gelegenen kleinen Ort Kato Symi (). Die Südküste Kretas bei Sidonia () liegt in einer Entfernung von ungefähr 7,9 Kilometern. Die nächsten größeren Orte sind Ano Viannos 8,2 Kilometer westlich und Ierapetra 23,5 Kilometer im Osten.

Geschichte Prähistorische Zeit mini|

Erste Hinweise auf die Existenz des Heiligtums stammen aus der mittelminoischen Phase MM II der Altpalastzeit um etwa 1700 v. Chr. Aus MM III sind einige Strukturen erhalten, die später umgebaut und ergänzt wurden. Es konnten Wände eines Schreins aus MM III B freigelegt werden, die bis zu einer Höhe von 30 cm erhalten waren. Eine später blockierte Tür verband zwei Räume mit Gipsböden. Auf einem umlaufenden niedrigen Bankaltar aus Stein im westlichen Raum standen steinerne Opfergefäße, davon zwei mit Linear-A-Inschriften. In beiden Räumen befanden sich diverse Kultvasen, Spenderöhren und konische Tassen aus Terrakotta, die die zeitliche Zuordnung ermöglichten.

mini|links|hochkant| mini| Südöstlich des Altars wurde ein reichhaltiges MM III B / SM I A-Stratum mit drei Räumen eines größeren Gebäudes erfasst, dessen verputzte Mauern noch eine Höhe bis zu einem Meter aufwiesen. Hier fanden sich in Verbindung mit einem Podest auf dreieckiger Grundfläche Tonvasen, sogenannte Kelche, und Steingefäße. Die südlich angrenzenden Räume und ein hypaithraler Plattenboden gehörten vermutlich zum selben Gebäude. Sie waren von einer dicken Brandschicht bedeckt. In den Gebäuderesten befanden sich zahlreiche Votive, unter anderem bronzene Idole von Adoranten aus SM III, Terrakotta-Tieridole derselben Phase, ein neupalastzeitliches Siegel mit der Darstellung zweier Fische und eine kleine eherne Votiv-Doppelaxt.

mini| Auch westlich des Altars stand ein Gebäude aus MM III B / SM I A, in dem eine große Anzahl von Opfergefäßen aus Stein entdeckt wurden, darunter ein Fragment mit drei Zeichen in Linearschrift A. Erwähnenswert ist auch ein neupalastzeitliches linsenförmiges Siegel aus diesem Bereich, auf dem eine laufende Ziege und ein zweileibiger Dämon im Knielaufschema dargestellt sind. Minoische Fundstücke aus späteren, historischen Fundschichten des Heiligtums, wie zwei männliche Bronzeidole aus SM I, Siegel der Neupalastzeit und drei kretomykenische Bronzeschwerter, weisen auf die offenkundige teilweise Wiederverwendung früherer Votivgaben. Aus der Neupalastzeit stammt eine rechteckige Einfriedung westlich der heiligen Quelle im Norden von etwa 530 m² mit einem quadratischen Podium in der Mitte.

mini| In minoischer Zeit scheint eine männliche Gottheit verehrt worden zu sein. Es gab Brandopfer von Tieren, Kultmahle und flüssige Opfergaben auf den gestuften Terrassen unter freiem Himmel. Die ersten Gebäude im südlichen Bereich waren Hilfsgebäude zum Aufenthalt von Priestern und Gläubigen. Eine wesentliche Rolle beim Kult spielte das Quellwasser des Heiligtums. Gegenstände wie die für die minoische Zeit als Opfergaben charakteristischen Tierfiguren aus Ton und Bronze lagen in einer Brandschicht unter dem Altar, wo sie während der langen Zeit der Nutzung mit späteren Votiven vermischt wurden. Infolge der Störung der Stratigrafie durch abfließendes Wasser am Berghang sowie die Bauarbeiten an der Straße, die zur Entdeckung des Heiligtums führten, konnten bestimmte Fundstücke nur auf Grund ihres Stils zeitlich zugeordnet werden.

Historische Zeit mini|

In subminoischer und geometrischer Zeit wurden im Süden des Heiligtums Terrassen und oberhalb der Terrassen ein Bothros für Brandopfer angelegt. Oberhalb des nördlichen Podiums entstand in der archaischen Zeit des 6. Jahrhunderts v. Chr. ein neues Gebäude unbekannter Funktion. Das Wasser der Quelle wurde im gleichen Zeitabschnitt künstlich kanalisiert. In klassischer Zeit, im 5. Jahrhundert v. Chr., kam es zur Restaurierung des archaischen Gebäudes, einschließlich der Errichtung einer Stützmauer. An der südöstlichen Ecke des neupalastzeitlichen Podiums wurde in der hellenistischen zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. ein einzelliger Naïskos angelegt, der von einem nachfolgenden 2,65 × 2,85 m großen römischen Bau überlagert ist.

Ab subminoischer (protogeometrischer) Zeit scheint das Heiligtum eine überregionale Rolle gespielt zu haben. Diese scheint im Laufe der archaischen und klassischen Zeit etwas zurückgegangen zu sein, ohne dass die Nutzungsintensität des Heiligtums selbst wesentlich nachgelassen hätte. Im Gegenteil fand sich, anders als frühere Berichte zu den Ausgrabungen vermuteten, durchaus reichhaltige Keramik aus diesen Phasen. Im 4. Jahrhundert zeigt sich noch einmal ein weiterer Rückgang in der Vielfalt der Keramikfunde, was daraus resultieren könnte, dass zu dieser Zeit das Heiligtum bei Symi durch eine einzige Stadt dominiert und kontrolliert wurde. Während dem Hellenismus änderte sich dies jedoch wieder und es sind vielfältigere Einflüsse nachweisbar. In römischer Zeit erlebte das Heiligtum schließlich einen deutlichen Niedergang und geriet spätestens mit der Christianisierung des Römischen Reiches außer Nutzung.Antonis Kotsonas: The sanctuary of Hermes and Aphrodite at Syme Viannou VII. The Greek and Roman pottery (= Library of the Archaeological Society at Athens. Band 349). Teilband 2, ISAW, New York 2024, ISBN 978-1-4798-3005-3, S. 547–574.

mini|links| Während der Kult der minoischen Zeit nicht rekonstruiert werden kann, ergibt sich aus den Fundstücken, dass in historischer Zeit im Heiligtum bei Symi die Götter Hermes und Aphrodite verehrt wurden. Sie gelten mitunter als Nachfolger der minoischen Vegetationsgöttin und ihres Paredros. Das Heiligtum wurde, wie aus Inschriften auf Dachziegeln hervorgeht, von Kultteilnehmern der benachbarten Poleis Lyttos, Priansos, Hierapytna und Arkades aufgesucht. Vermutlich grenzten die Gebiete dieser Poleis, wie auch das von Biannos, an das heilige Land. Die Nennung einer lyttischen Phyle der Lasynthioi in einer Inschrift deutet darauf hin, dass Lyttos die Verantwortung für den Kult und die Verwaltung des Heiligtums innehatte. Fraglich ist die Identifizierung des Kultortes mit dem bei Ptolemaios genannten Heiligen Berg () zwischen Inatos und Hierapytna. – Digitalisat (A dictionary of Greek and Roman geography, 1873, S. 268 Hierbei dürfte es sich um den Berg Dikte handeln, an dessen Nordwestseite die Diktäische Grotte und südlich von ihm das Heiligtum von Symi lagen.

mini| Zu den nachminoischen Funden gehören die Hälfte einer doppelten Vase in Form eines männlichen Kopfes aus subminoischer Zeit, viele weibliche Figuren der protogeometrischen Periode und eine weibliche Bronzefigur aus frühgeometrischer Zeit, die orientalische und minoische Elemente enthält. Ein wichtiger Fund der spätgeometrischen Periode ist eine Gruppe von zwei ithyphallischen Figuren, die zu einem gewissen Grad typologisch mit einigen eisenzeitlichen Gruppen aus Kleinasien assoziiert werden können und die in direktem Zusammenhang mit ähnlichen aus dem 7. Jahrhundert aus Sizilien steht. Vom Ende dieser Zeit stammt eine kopflose weibliche Tonfigur. Viele Fragmente eines Dreifußes, verziert mit dem wiederholten Motiv zweier Greifen, die den Heiligen Baum flankieren, wurden in der Gegend verstreut gefunden. Trotz seiner Verbindung mit zypriotischen Dreifüßen deuten einige Unterschiede darauf hin, dass es sich um ein kretisches Werk handelt, das sich an zypriotischen Prototypen orientiert.

mini|links|hochkant| Aus dem 7. Jahrhundert stammen zahlreiche Bronzefiguren als Götter- oder Anbeterdarstellungen. Zur frühen orientalisierenden Periode gehört die Figur eines Mannes, der einen Kilt trägt und eine viersaitige Leier hält, vielleicht eine frühe Darstellung von Hermes, dem Erfinder des Instruments. Der mittleren orientalisierenden Zeit gehört ein intakter Kouros an, der ebenfalls einen Kilt trägt und seine Arme in einer Anbetungsgeste hält. Die Form des Kopfes und die Anordnung der Haare einer männlichen Statuette aus derselben Zeit deuten auf ägyptische Einflüsse auf die Kunst Kretas im 7. Jahrhundert. Zum Ende der mittleren und der späten orientalisierenden Periode gehören jeweils ein Bogenschütze und ein kleiner Kouros. Die Figur eines Zentauren aus der späten orientalisierenden Zeit zeigt einen gewissen korinthischen Einfluss Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr.

mini| Von großer Bedeutung für die Geschichte der kretischen Kunst und für die Geschichte des Heiligtums selbst sind die auf seinem Gebiet gefundenen gravierten und ausgeschnittenen Bronzeplatten aus der Zeit vom 7. bis zur Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. Die Art der Fundstücke legt nahe, dass es sich um separate Opfergaben handelte und nicht um dekorative Anhänge, die an einem größeren Objekt angebracht waren. Einige von ihnen stellen männliche Anbeter dar, die ein Tier oder einen Teil davon zum Opfer bringen. Andere könnten den Gott Hermes wiedergeben. Einige männliche Figuren sind mit Bogen und Köcher bewaffnet. Ikonografische Elemente der Figuren, die dem oben erwähnten Zentauren gemeinsam sind, weisen auf die Existenz einer Werkstatt hin, in der sowohl Figuren als auch Plaketten hergestellt wurden.

mini|links|hochkant| mini| mini| Aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. stammt eine Bronzeplatte, die Hermes darstellt. In den oberen, von einem Bulldozer bei den Straßenbauarbeiten zerstörten Schichten lagen der untere Teil einer Tonstatuette der Aphrodite, eine weitere von Hermes und eine Bronzefigur des Gottes mit einer kurzen Tunika mit Gürtel, Mantel, Petasos und geflügelten Sandalen. Die Funde werden der späthellenistischen Zeit zugeordnet. Weitere Fundstücke sind zahlreiche Tierfiguren aus Bronze und Ton, Miniaturvotivschilde aus Bronze, Schmuck und andere Gegenstände.

Die Verehrung von Natur- und Fruchtbarkeitsgottheiten im Heiligtum bei Symi wird durch eine römerzeitliche Inschrift belegt. Nahe der Oberfläche wurde 1973 eine Inschrift aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. entdeckt mit einer Widmung an Hermes Kedritas ( ‚Hermes der Zedern‘):Georges Daux: Notes de lecture. In: Bulletin de correspondance hellénique. Volume 100, livraison 1, 1976. Seiten 211–213; https://www.persee.fr/doc/bch 0007-4217 1976 num 100 1 2039

Diese Inschrift wurde früher als Hermes Dendrites ( ‚Hermes der Bäume‘) gedeutet. Den Parallelkult der Aphrodite bezeugt ein Graffito auf einer späthellenistischen Hydria. Dort steht: ]Ι ΑΦΡΟΔΙΤΑ. Die vollständige Inschrift lautete vielleicht [ΕΡΜΑ ΚΑ]Ι ΑΦΡΟΔΙΤΑ.