Rocío Molina Cruz (* 1984 in Torre del Mar) ist eine spanische Flamenco-Tänzerin und Choreografin.
Leben
Ausbildung und frühe Auszeichnungen Rocío Molina begeisterte sich bereits in früher Kindheit für den Tanz. So nahm sie früh Unterricht bei La Trini und dann in der Tanzschule von La Lupi. An den Wochenenden pflegte sie nach Granada zu fahren, um Kurse bei Mariquilla zu besuchen. 1991 trat sie in das Konservatorium für Tanz von Málaga ein und setzte ab 1997 ihre Ausbildung beim Konservatorium in Madrid fort. 2002 schloss sie dort mit Auszeichnung ab.
Schon in der Kindheit und während der gesamten Ausbildung trat sie bei gesellschaftlichen Anlässen und bei Wettbewerben auf. Im Alter von elf Jahren gewann sie den Tanzpreis von Ubrique und mit dreizehn Jahren den von La Línea. 1997 debütierte sie im Teatro Goya in Barcelona. 2001 wurde sie in die Kompanie von María Pagés aufgenommen. Unter anderem nahm sie mit ihr an der Gala de Andalucía im New York City Center teil. Ein Jahr später wurde sie als beste Absolventin beim Certamen de Coreografía y Danza Española y Flamenco in Madrid ausgezeichnet.
Junge Karriere 2003 trat sie beim Circuito Flamenco in Madrid auf und im Tablao Las Carboneras. Beim Flamenco Festival USA tanzte sie an der Seite von Israel Galván. Auch in Korea trat sie auf.
2004 tanzte sie beim Theaterfestival Don Quijote in Paris und bei der Gala Flamenca in Santander. An der Biennale von Sevilla trat sie in Lo que el tiempo da, lo que el tiempo quita ... unter der Regie von José Luis Ortiz Nuevo auf. Außerdem nahm sie bei dieser Biennale auch am Zyklus +Jóvenes+Flamenco teil.
2005 trat sie beim Flamenco-Festival von Tokio in Las cuatro estaciones von Carmen Cortés auf. Im selben Jahr gründete sie im Alter von 20 Jahren ihre eigene Kompanie. In Vitoria präsentierte ihre erste eigene choreografische Arbeit, die sie gemeinschaftlich mit Carlos Chamorro geschaffen hatte: Mit Tangos, der Guajira und der Soleá enthielt Entre paredes einige der Tänze, die in der bisherigen Laufbahn von Rocío Molina wichtige Rollen gespielt hatten.
Im selben Jahr machte sie mit El eterno retorno, aufgeführt in Vélez-Málaga im Rahmen der Festspiele Málaga en Flamenco, bei Publikum und Kritik Furore. Das Stück beruht auf einer Idee von Juan Carlos Romero, der auch die Musik komponierte. Es setzt sich mit der Zeit und insbesondere mit Friedrich Nietzsches Idee der Wiederkunft alles Geschehenen auseinander und bringt diese in Tänzen und Gesängen zum Ausdruck: La máscara del infinito (Die Maske der Unendlichkeit, Soleá) El instante (Der Augenblick, Rondeña und Malagueña) Todo vuelve (Alles kehrt wieder, Alegrías) Detrás de la memoria (Hinter der Erinnerung, Seguiriya) El mito, el tiempo (Die Mythos, die Zeit, Lieder von Concha Piquer, vorgetragen von Pasión Vega) Zeitgenössischer Pas de deux, getanzt von Rocío Molina und Teresa Nieto Finale: De un infinito a otro, (Von Unendlichkeit zu Unendlichkeit, Lied Los cuatro muleros von Federico García Lorca, gefolgt von einer Reihe verschiedener Palos)
2006 war sie eingeladene Tänzerin bei Antonio Canales’ Show Bohemio. In Madrid führte sie Turquesa como el limón auf. Das Stück ist eine humorvolle Auseinandersetzung mit Tradition und Moderne des Flamenco und der Vielfalt seiner ästhetischen Formen und Ideen. Rocío Molina verkörperte darin die Moderne, ihre Partnerin Laura Rozalén die klassische Eleganz im Stil von Juana la Macarrona und Magdalena la Malena. Die Biennale 2006 in Sevilla eröffnete Rocío Molina mit Andalucía, el flamenco y la humanidad.
2007 war ein besonders ereignisreiches Jahr für sie: Zum Festival von Jerez brachte sie Almario auf die Bühne. Das Stück ist ein Spiel mit Formen, Farben und Mustern. Die traditionellen Tänze Taranto, Seguiriya, Garrotín und Soleá verband sie mit modernen Formen. Zur Biennale von Málaga zeigte sie Por el decir de la gente. Es beruht auf einer Idee von José Luis Ortiz Nuevo und ihr selbst: Sie tanzt zu romantischen Lied-Erzählungen von El Negro del Puerto, vorgetragen von den Sängern José Valencia und Juan Requena. Sie nahm an der Show Mujeres von Mario Maya teil. Sie tanzte als eingeladener Gaststar bei der Vorstellung von Miguel Povedas CD Tierra de calma. Sie tanzte bei der Hommage an Cano Lobato im Teatro de la Maestranza in Sevilla. Zur Biennale 2008 in Sevilla präsentierte sie mit ihrer Kompanie Oro viejo. Das Stück ist erneut eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Ablauf der Zeit:
Erneut tanzte sie diese Auseinandersetzung zwischen Gegenwart und Vergangenheit mit Laura Rozalén als Partnerin.
Leben und Arbeit ab 2009 2009 in Madrid und ein Jahr später zur Biennale in Sevilla präsentierte sie Cuando las piedras vuelen. Mit dem Stück setzte sie einen Wendepunkt: weg von der Inszenierung mit einem großen Ensemble zu einfacheren, kleineren Formen.
Danzaora y vinática von 2010 steht für den Anspruch Rocío Molinas, sich von einer Bailaora (einer Flamencotänzerin), zur Danzaora, der universellen Tänzerin, weiterentwickelt zu haben. Danzaora y vinática ist ein semiabstraktes Stück, in dem Rocío Molina dank ihrer perfekten Körperbeherrschung das Publikum mit Tempo und überraschenden Wendungen beeindruckte. Elemente aus Flamenco, Ausdruckstanz im Anklang an Martha Graham, Hip-Hop und andere Tanzformen verbinden sich miteinander.
An Bosque Ardora, zur Biennale 2014 in Sevilla aufgeführt, arbeitete Rocío Molina ihren eigenen Angaben zufolge zwei Jahre. Das Stück spielt in einem mystischen Wald. Eine Tänzerin, Rocío Molina, und sechs Tänzer treten auf. Sie ist abwechselnd die Jägerin und die Gejagte, die Reiterin, die von den Jägern und ihren Hunden verfolgt wird. Auf der halbdunklen Bühne stehen echte Bäume. Eine große Geräuschkulisse, verursacht von Schlagzeug, Posaunen, Gesängen, absichtlichen Dissonanzen, sowie audiovisuelle Effekte verstärken den dramatischen Eindruck.
Afectos von 2014 ist eine emotionale Begegnung von Rocío Molina und der Sängerin Rosario la Tremendita. Zu Kompositionen von Pablo Martín werden erneut die verschiedensten Musik- und Tanzrichtungen miteinander verbunden, von Flamenco über Jazz und Barockmusik bis zu Hip-Hop und Butoh.
2015 tanzte sie in Felahikum, einer Synthese aus Flamenco und Hip-Hop. Im Zusammenspiel mit ihrer Partnerin Honji Wang konfrontieren sich die beiden Tanzstile gegeneinander und verschränken sich miteinander. Das Stück ist formenreich, dabei jedoch geometrisch-nüchtern gehalten. Die Tänzerinnen sind ganz in Schwarz und Weiß gekleidet. In einer phantasievollen Szene spielen sie mit einem schwarzen Tülltuch, das von den Ventilatoren auf der Bühne in die Luft gehoben wird. Seit 2015 ist sie assoziierte Künstlerin am Pariser Théâtre Chaillot.
Bei der Biennale von Sevilla 2016 beeindruckte sie mit einer Improvisation von vierstündiger Dauer.
Caída del Cielo von 2017 entwickelte sie in Zusammenarbeit mit Carlos Marqueríe für das Théâtre Chaillot. Die Kraft des Stückes gründe sich in ihren Eierstöcken, ihrem Uterus, beschrieb sie drastisch dessen Intention:
Das Stück ist voller literarischer Anspielungen, vom Hohenlied bis zu Francisco de Goyas Caprichos, von der grotesken Kunst bis Teresa von Ávila. Mit dem Stück trat sie 2017 auch beim Berliner Tanz im August auf.
Beim Festival von Avignon im Juli 2018 präsentierte sie sich in Grito Pelao schwanger auf der Bühne. In dem Stück setzte sie sich persönlich mit ihrem Wunsch auseinander, dem Wunsch einer lesbischen Frau und Tänzerin nach Mutterschaft, und dem schwierigen Weg dorthin. Ihre Partnerinnen auf der Bühne waren Sílvia Pérez Cruz sowie Rocío Molinas Mutter Lola Cruz, eine Hausfrau, die damit den ersten Bühnenauftritt ihres Lebens hatte. Auf der Schwelle zum siebten Schwangerschaftsmonat trat sie im September 2018 nochmals in Grito Pelao bei der Biennale von Sevilla auf. Gegen Ende 2018 brachte sie ihre Tochter Juana zur Welt. Nach ihrer Mutterschaftspause trat sie im März 2019 erneut auf die Bühne. Im April 2019 trat sie mit Caída del Cielo in Düsseldorf auf.
Im Januar 2022 wurde sie mit dem Silbernen Löwen der Biennale von Venedig für ihre Choreografie Confesión de la carne ausgezeichnet. Sie ist die erste Flamenco-Tänzerin, die je mit diesem Preis ausgezeichnet wurde. Das Preisgericht unter Leitung von Wayne McGregor würdigte sie mit den Worten:
Rezeption Bereits im Alter von Mitte 20 war Rocío Molina als technisch perfekte Tänzerin von großer Kreativität und Originalität anerkannt:
Mit ihren späteren Arbeiten entwickelte sie sich zur Avantgardistin. Dies äußert sich in der Kleidung, in den musikalischen Formen, und in den Bewegungen, beispielsweise in der Brechung der Flamenco-typischen Vertikalen durch Stürze. Anhänger des traditionellen Flamenco kritisieren dies, während es in der spanischen und internationalen Kritik gewürdigt wird:
Die Tageszeitung El Mundo listete sie 2018 in der Aufstellung OrgulloOrgullo, spanisch für „Stolz“ Gay als eine der 15 einflussreichsten Lesben Spaniens.
Auszeichnungen Rocío Molina wurde im Laufe ihrer Karriere mit einer Reihe von Ehrungen ausgezeichnet:
2002 beste Absolventin beim Certamen de Coreografía y Danza Española y Flamenco in Madrid. 2007 Premio Revelación El Público von Canal Sur Radio für die beste Show Turquesa como el Limón. 2007 Preis Deflamenco.com für die beste Tänzerin 2007. 2008 Giraldillo von Sevilla für die beste Choreografie für Oro viejo. 2009 Preis der Cátedra de Flamencología de Jerez für Oro viejo. 2010 Premio Nacional de Danza. 2011 Goldmedaille der Provinz Málaga. 2015 Premio Max für Bosque Ardora. 2016 Giraldillo von Sevilla für die beste Tänzerin. 2017 Premio Max für die beste Tänzerin, beste Choreografie und beste Beleuchtung für Caída del Cielo. 2019 UK National Dance Award als herausragende moderne Tänzerin in Caída del Cielo. 2019 Premio Max für Grit Pelao. 2022 Silberner Löwe bei der Biennale von Venedig.
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Flamenco-Tänzer Kategorie:Choreograf (Moderner Tanz) Kategorie:Spanier Kategorie:Geboren 1984 Kategorie:Frau