mini|264x264px|Lauschender Musiker der Karolingerzeit auf dem Brunnen der Sieben Freien Künste, Karlshofbrunnen Aachen
Gehörbildung ist ein Kernfach der musikalischen Erziehung.vgl. Monika Quistorp 1970 und Sikora 2003, S. 370.
Ursprünglich wurde in diesem Fach ausschließlich das Blattsingen gelehrt. Damit ist das Anliegen der Gesangspädagogik gemeint, eine kognitive Verbindung zwischen dem Gesang und der inneren Hörvorstellung bei der Notation eines unbekannten Gesangs zu erreichen. Diese musikalische Basiskompetenz wurde durch die Notationskunst ergänzt und hatte anschließend auch eine Relevanz in der – zunächst ausschließlich improvisierten – Instrumentalmusik.
Diese älteren Definitionen mussten nochmals erweitert werden, da der Begriff Gehörbildung ebenfalls für das Beschreiben von Musik verwendet wird, die nicht in konventioneller Notation vorliegt oder die man auf andere Weise darstellen, beschreiben oder analysieren möchte (Höranalyse). Auch für jegliche Form der künstlerisch schöpferischen Musikproduktion, für improvisierte bzw. komponierte Musik oder deren tontechnische Aufzeichnung, sind die im Fach Gehörbildung erworbenen Kompetenzen von grundlegender Bedeutung.
Der Begriff Gehörbildung wird gelegentlich gleichgesetzt mit anderen Begriffen wie beispielsweise Hörerziehung. Im musiktheoretischen Fachdiskurs ist eine Verwendung beider Begriffe üblich.Fachgemeinschaft Hörerziehung Gehörbildung In maßgeblichen Lexika erscheint Gehörbildung als Oberbegriff für die Vielfalt der Methoden des Faches.Kaiser, MGG Artikel Gehörbildung. Innerhalb der institutionellen Ausbildung wurde das Fach der Allgemeinen Musiklehre bzw. der Musiktheorie zugeordnet. Dabei kommt es zu Überschneidungen mit den Unterrichtsinhalten anderer Fachbereiche, wie der allgemeinen Musikpädagogik, der Instrumentalpädagogik oder der Gesangspädagogik.
Musikpädagogische Praxis An den Musikhochschulen sind die Aufgaben zur Gehörbildung Bestandteile der Aufnahmeprüfungen. Die seit 2010 geäußerte Kritik und die Forderung nach einer kompetenzorientierten Vermittlung von Inhalten ist berechtigt, denn im deutschsprachigen Raum folgt man hier alten Traditionen, die nur selten hinterfragt werden. Im angloamerikanischen Sprachraum sind die Themen und Teilbereiche der Gehörbildung (aural skills) hingegen Gegenstand von umfangreichen wissenschaftlichen Forschungen.vgl. beispielsweise die bei Wolf 2016, bei Huey 2020 bei oder Felbick 2021 aufgeführte Literatur. Inzwischen haben die Musikhochschulen den Dialog mit den Kritikern gesucht, und dieser Diskurs ist gegenwärtig noch nicht abgeschlossen.Fachgemeinschaft Hörerziehung Gehörbildung
In einem Musikstudium haben Studierende das Fach zu belegen und erwerben damit besondere Kompetenzen, die beim Abschluss des Moduls in einer Prüfung nachzuweisen sind. Ebenso ist Gehörbildung ein fester Bestandteil der Abiturprüfung im Leistungskurs Musik einiger Bundesländer. Auch für Mitglieder eines Chores sind diese Kompetenzen von Bedeutung, denn elementare Fähigkeiten des Blattsingens gelten in vielen Fällen als Aufnahmekriterium für das Mitsingen in ambitionierten Chören oder Vokalensembles. Insbesondere in Profichören wird ein sicheres Blattsingen erwartet. Das Blattsingen wird bei einer langen Chormitgliedschaft spielerisch und in hohem Maße geschult. Da dieses spielerische Element bei einem systematisch angelegten institutionellen Gehörbildungsunterricht oft fehlt, wird das Fach vielfach als „ungeliebtes Nebenfach“ empfunden.Kay Westermann: Gehörbildung oder: Die Freuden der Pflicht – Gedanken zu einem ungeliebten Nebenfach. In: Musica 49 (1995), S. 401–407. Der Jazzpädagoge Frank Sikora berichtet, dass der Unterricht in diesem Fach oft das Gefühl der „Frustration, Verärgerung, Unsicherheit, ja sogar Angst“ auslöse. Die Ursachen seien u. a. darin zu suchen, dass dieses Fach die eigenen Fähigkeiten bzw. Unfähigkeiten des musikalischen Gehörs schonungslos offenlege. Sikora hat diese allgemein bekannte psychologische Problematik in seiner Jazzharmonielehre in einem Kapitel besonders thematisiert. Er gab dem Abschnitt auf der Basis seiner eigenen Erfahrungen den humorvollen und verständnisvollen Titel: „Das Grauen hat einen Namen“. Sikora 2003, S. 370–438.
In einer von Marcus Aydintan, Laura Krämer und Tanja Spatz 2021 vorgelegten Veröffentlichung werden darüber hinaus zahlreiche praktische Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt. Laura Krämer stellt fest, dass sich die deutsche Ausbildungslandschaft bezüglich des Faches Gehörbildung grundsätzlich von vielen anderen Ländern unterscheide. Sie nennt exemplarisch Frankreich und Russland. Dass viele weitere Länder diesem angeblichen „Nebenfach“ mehr Aufmerksamkeit widmen, konnte in anderen Forschungsarbeiten gezeigt werden.Felbick 2021. Juliane Brandes schildert in ihrem kritischen Erfahrungsbericht die „grundsätzlichen Desiderate“ der deutschen Musikpädagogik. Insbesondere gilt dies für das Fach Gehörbildung, denn Brandes stellt die rhetorische Frage nach der inneren Hörschulung, die „erstrebenswert für eine gelungene schulische und instrumentale Musikpädagogik“ sei. In der praktischen Arbeit mit Kindern gibt Friederike Stahmer einen kurzen Einblick in die vielfach erprobte und erfolgreiche Gehörbildungs-Methode, die auf der Music learning Theory von Edwin E. Gordon basiert. Die innere Tonvorstellung entwickelt sich demzufolge ähnlich wie beim Spracherwerb durch eine Aneignung von zahlreichen patterns. Dieser „musikalische Wortschatz“ besteht aus einer kleinen Folge von bewusst erlebten Tonbeziehungen und kleinen Rhythmusfolgen. Die Arbeit mit diesen Patterns, z. B. dem musikalisch sinnvollen Motivmaterial, ist nicht zu verwechseln mit einem wenig Erfolg versprechenden mechanischen Lernen von isolierten Einzelintervallen oder Einzelakkorden. Da der Lernprozess mit dem Spracherwerb verglichen werden kann, ist dies unmittelbar einsichtig, denn ein Kleinkind lernt das Sprechen durch das Hören und Imitieren von Worten und nicht durch das Zusammensetzen der zuvor gelernten einzelnen Buchstaben. Sowohl die Wissenschaft als auch die praxiserfahrenen Pädagogen sind sich einig, dass ein körperliches Erleben dieser Patterns durch praktisches Tun (Singen und/oder Improvisieren) äußerst sinnvoll und erfolgversprechend ist. Es ist um ein Vielfaches effektiver als die sinnentleerte Arbeit mit einer preiswerten Software zum Intervalltraining o. ä.Beiträge von Krämer, Brandes und Stahmer in: Aydintan, Krämer, Spatz, 2021, S. 9–24 (Brandes), S. 25–31 (Stahmer), S. 164–169 (Krämer).
Historischer Abriss und die Entstehung der Teildisziplinen Wiewohl der Begriff Gehörbildung viele Jahrhunderte nicht benutzt wurde, waren die hier erworbenen Kompetenzen seit dem Mittelalter grundlegend und sind seit dem 11. Jahrhundert mit der europäischen Musikgeschichte eng verwoben.Kaiser MGG2 Art. Gehörbildung Die Geschichte dieses Faches beginnt mit einem Brief des Guido von Arezzo, zugleich das erste Dokument der europäischen Musikpädagogik. Der Mönch erläuterte hier eine Methode, einen in Notation vorliegenden unbekannten Gesang ohne fremde Hilfe singen zu lernen. Diese grundlegende Fähigkeit der Gehörbildung bezeichnete man später als Blattsingen.Schenk 1957. Guido von Arezzo nutzte die Tatsache, dass seinen Schülern die Melodie des Johannes-Hymnus "Ut queant laxis / resonare fibris / mira" etc. gut vertraut war. So hatten sie in ihrem Langzeitgedächtnis eine Vorstellung davon, mit welchen Tonhöhen die jeweiligen Zeilen begannen: ut, re, mi etc. In der Originalmelodie ergeben die Töne dieser Silben eine Tonleiter mit den Tönen c-d-e. So gelang es Guido von Arezzo, seinen Schülern mit dieser Merkhilfe eine auditive Orientierung innerhalb des Tonsystems zu vermitteln. Seit dem Mittelalter war die Anfang des 16. Jahrhunderts als Solmisation bezeichnete Unterrichtsmethode in einer heute kaum noch bekannten hexachordalen Form üblich.Heinrich Saess: Musica plana atque mensurabilis una cum nonnullis solmisationis regulis certissimis insertis summa diligentia compendiose exarata Fulda 1505. Diese sehr komplexe Form der mittelalterlichen Solmisation ist heute nur noch für die Musikwissenschaft, aber nicht mehr für die aktuelle Methode der Solmisation von Bedeutung. Dabei bediente man sich des Memorierungssystems der Guidonischen Hand. Obwohl die Silben ihren ursprünglichen Sinn im Kontext des allgemein bekannten Johannes-Hymnus schon recht bald verloren hatten, werden die von Guido von Arezzo vorgeschlagenen Solmisationssilben weltweit immer noch benutzt. Im Laufe der Musikgeschichte kam es dabei zu geringfügigen Ergänzungen und Änderungen. So wurde die Silbe ut durch die besser singbare Silbe do ersetzt. Der nicht immer eindeutig benutzte Begriff Solmisation darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die derzeit üblichen Solmisationsmethoden etwas ganz anderes sind als das mittelalterliche Solmisationssystem.Stoverock 1964 und Huey 2020. Seit dem 17. Jahrhundert wurden Reformen gefordert, die dann mehr und mehr zu einem Abschied von den alten hexachoradalen Methoden und der dabei gebräuchlichen Guidonischen Hand führten. Dabei spielten nicht zuletzt auch die Vorschläge gänzlich neuer Solmisationssilben eine Rolle.Nicolaus Gengenbach: Musica nova, Newe Singekunst, so wol nach der alten Solmisation als newen Bobisation und Bebisation der Jugend so leicht vorzugeben als zuvor noch nie an Tag kommen: 1. Theoreticam; 2. Practicam; 3. Technologicam. Leipzig 1626. Allerdings sind die historischen Details der hier knapp dargestellten ersten sieben Jahrhunderte für das Verständnis gegenwärtig üblicher Gehörbildungsmethoden nicht von Belang.Zunächst wurde zu den sechs ursprünglichen Silben die siebte Silbe si ergänzt. In der relativen Solmisation ist es üblich, diese als ti zu bezeichnen. Die Diskussionen über die beste Methode dauern bis heute weltweit an, zumal es in den letzten drei Jahrhunderten zu zahlreichen weiteren Vorschlägen für methodische Varianten kam. Nicht selten führte der fachliche Diskurs zu einem recht unfruchtbaren Methodenstreit, bei dem Pädagogen sich selbst immer wieder in dogmatische und pädagogisch wenig effektive Sackgassen manövrierten.z. B. Daignault 1992, Antinone 2000, bezeichnenderweise bei Phleps 2001 mit der Formulierung im Titel "Worüber Musikpädagogen sich streiten".
Neben der Basiskenntnis des Blattsingens, bei der aus der visuellen Notenvorlage eine innere Klangvorstellung entsteht, die für das Treffen der richtigen Tonhöhe erforderlich ist, bildet die sogenannte Notierungskunst das sinnvolle Pendant. In der einfachsten Form wird diese bei Johann Mattheson 1739 als die Fähigkeit beschrieben, eine selbst erfundene oder eine vorgesungene bzw. vorgespielte Melodie mit Hilfe konventioneller Notenschrift aufzuschreiben. Diese Kompetenz beherrschten Sänger seit dem karolingischen Mittelalter, aber der Hamburger Musiktheoretiker erläuterte dieses – im Regelfall mündlich überlieferte – Kunsthandwerk erstmals schriftlich.Johann Mattheson: Vollkommener Capellmeister, Hbg. 1739, 1. Tl., 8. Cap., S. 56–60. Im 19. Jahrhundert wurden diese Übungen zum Notieren des Gehörten systematisiert und als Musikdiktat bezeichnet. Diese beiden elementaren musikalischen Kompetenzen des Blattsingens und der Notierungskunst sind dem Vorlesen und dem Aufschreiben von Wortsprache vergleichbar.Dabei lassen sich zahlreiche Gemeinsamkeiten bei der kognitiven Verarbeitung von Sprache und Musik aufzeigen. Vgl. Lange 2002.
Einen gänzlich anderen Weg schlug Jean-Jacques Rousseau 1743 mit seiner Idee einer grundlegenden Reform der Notenschrift vor, denn er konnte beweisen, dass man diese durch die Einführung einer Ziffernschrift vereinfachen konnte.
400 px|Ziffernschrift von Rousseau Dissertation 1743, S. 92 Ausschnitt 450 px|Rousseau 1743, S. 92 Übertragung in konventionelle Notation