mini|Ansicht des Festplatzes Das 12. Deutsche Turnfest fand mit etwa 62.500 teilnehmenden aktiven Turnern vom 12. bis 16. Juli 1913 in Leipzig statt. Anlass waren der 100. Jahrestag der Völkerschlacht und das 50-jährige Gedenken an das 3. Allgemeine Deutsche Turnfest 1863 am gleichen Ort.
Allgemeine Vorgeschichte und Planung Bereits beim Abschluss des 11. Deutschen Turnfestes 1908 in Frankfurt am Main wurde unter den Teilnehmern allgemein der Wunsch geäußert, die nächste Veranstaltung in Leipzig stattfinden zu lassen. Am 15. April 1910 wurde in der Deutschen Turnzeitung berichtet, dass sich die Stadt Leipzig bereit erklärt hat, das Fest abzuhalten. Der Ausschuss der Deutschen Turnerschaft legte sich bei einer Sitzung am 22. und 23. Juli 1910 in Straßburg endgültig auf Leipzig fest. Hauptanlass war der 100. Jahrestag der Völkerschlacht, daneben wollte man auch an das 50 Jahre zuvor in der Stadt durchgeführte 3. Allgemeine Deutsche Turnfest erinnern.Alfred Mäding (Hrsg.) 1913, S. 3 f. Bereits 1879 wurde im Vorfeld des 5. Deutschen Turnfestes – ebenfalls in Frankfurt am Main stattfindend – eine Deutsche Turnfestordnung festgelegt, ein überarbeiteter Neuentwurf wurde erstmals für die Veranstaltung in Leipzig angewendet. Im Sommer 1910 begannen die ersten Vorbereitungen für das 12. Deutsche Turnfest. Unter der Leitung von Ferdinand Goetz, dem damaligen Vorsitzenden der Deutschen Turnerschaft, wurde ein vorbereitender Ausschuss gegründet, um mit der Stadt Leipzig die nächsten Schritte zu besprechen.K. F. Mehlhorn-Leutzsch: Die Organisation des 12. Deutschen Turnfestes. In: Festbuch 1913, S. 9 f. Festturnwart war Rudolf Witzgall.
Die 36 der Deutschen Turnerschaft angehörigen Leipziger Turnvereine erklärten sich bereit, das Fest mit Unterstützung der Stadt auszurichten. Aus städtischen Vertretern und Mitgliedern der Leipziger Turnerschaft wurden etwa ein Jahr vor Beginn des FestesRudolf Mothes 1913, S. 182. ein Hauptausschuss und mehrere untergeordnete Fachausschüsse gebildet. Einer der drei Vorsitzenden des Hauptausschusses war der damalige Vorsteher der Leipziger Stadtverordneten und spätere Oberbürgermeister Karl Rothe.K. F. Mehlhorn-Leutzsch: Die Organisation des 12. Deutschen Turnfestes. In: Festbuch 1913, S. 11 f.
In fachlicher Hinsicht gab es den Bauausschuss (Vorsitz Julius Zeißig), den Empfangs- und Verkehrsausschuss, den Finanzausschuss, den Ordnungsausschuss, den Pressausschuss (verantwortlich für alle offiziellen Veröffentlichungen, u. a. für Plakate, das Festbuch, die Festzeitung und Festpostkarten), den Turnausschuss, den Turnfahrtenausschuss, den Ausschuss für festliche Veranstaltungen, den Wirtschaftsausschuss und den Wohnungsausschuss.K. F. Mehlhorn-Leutzsch: Die Organisation des 12. Deutschen Turnfestes. In: Festbuch 1913, S. 12–15. mini|Massenquartier Für die Unterbringung der teilnehmenden Turner wurden Quartiere in Bürgerhäusern und auch in Villen bereitgestellt. Die Massenquartiere waren in Schulen untergebracht, zu diesem Zweck wurden die örtlichen Schulferien vorverlegt.Rudolf Mothes 1913, S. 183. Leipzig war in 30 sogenannte Quartierbezirke eingeteilt, wobei darauf Wert gelegt wurde, dass Mitglieder einzelner Turnvereine innerhalb eines Quartierbezirkes untergebracht waren, um den reibungslosen Ablauf und die die Teilnahme an gemeinsam besuchten Veranstaltungen zu gewährleisten. Auf den ausgegebenen Karten mit den Unterkünften waren die am nächsten gelegenen Straßenbahnlinien und -haltepunkte mit angegeben.Besondere Anzeigen für die Festtteilnehmer. I. Quartiere. In: Festbuch 1913, S. 17. Die Teilnehmergebühr betrug zwischen 1,50 und sechs Mark.Alfred Mäding (Hrsg.) 1913, S. 347 f.
Vor dem offiziellen Beginn des Turnfestes fanden am 22. Juni sowie am 6. und 10. Juli jeweils Probeturnveranstaltungen statt, die letzteren beiden mit begleitenden abendlichen Konzerten.K. F. Mehlhorn-Leutzsch: Die Organisation des 12. Deutschen Turnfestes. In: Festbuch 1913, S. 16. Einen Tag vor der Eröffnung wurde in der auf dem Festgelände befindlichen 16. Bürgerschule Leipzigs eine durch den Preßausschuss organisierte und kostenlos zugängliche Turnausstellung eröffnet.Alfred Mäding (Hrsg.) 1913, S. 169–173. Für diese Ausstellung, in der schriftliche Quellen zur deutschen Turngeschichte sowie historische Turngeräte ausgestellt wurden, erschien ein separater Katalog.12. Deutsches Turnfest in Leipzig.12.-16. Juni 1913. Ausstellungs-Führer 1913.
Das Festplakat entwarf der Münchener Künstler Hans Treiber,Alfred Mäding (Hrsg.) 1913, S. 19 f. für die Gestaltung des Einbandes und des Titelblattes der Festzeitung sowie der Teilnehmerkarte konnte Bruno Héroux gewonnen werden.Fritz Groh: Zur künstlerischen Ausstattung unserer Festzeitung. In: Festzeitung (1913), Nr. 1, S. 24.
Festplatz mini|links|Lageplan des Festplatzes mini|Blick auf den Haupteingang Zunächst fasste man als Turnfestareal die Fläche nordwestlich des damals im Bau befindlichen Völkerschlachtdenkmals (heute Wilhelm-Külz-Park und große Teile des Alten Messegeländes) ins Auge. Das Gelände hatten sich allerdings schon die Organisatoren der Internationalen Baufach-Ausstellung gesichert.Alfred Mäding (Hrsg.) 1913, S. 6. Ebenfalls in die engere Auswahl kamen der Messplatz an den Frankfurter Wiesen (heute Jahnallee, Ecke Friedrich-Ebert-Straße) sowie der Sportplatz Leipzig.Verwaltungs-Bericht 1914, S. 72. Da diese Flächen aber als zu klein erachtet wurden, beschloss man am 26. September 1910, das größtenteils städtische Gelände der 1909 stattgefundenen Landwirtschaftlichen Ausstellung in Eutritzsch mit einer Fläche von 407.200 Quadratmetern weiterzunutzen.Alfred Mäding (Hrsg.) 1913, S. 7. Die zu diesem Zeitpunkt als Ackerland verpachtete Fläche befand sich an der Delitzscher Straße, heute etwa auf Höhe zwischen Schönefelder und Friedhofstraße. Von der Innenstadt aus war das Areal mit der Straßenbahn zu erreichen, die dafür etwa 25 Minuten benötigte.Alfred Mäding (Hrsg.) 1913, S. 8.
1912 besuchten Vertreter der Leipziger Organisatoren das Sokolfest in Prag und Olympische Sommerspiele in Stockholm. Inspiriert von diesen Erfahrungen entschied man sich, auf eine Festhalle zu verzichten und das Hauptaugenmerk auf einen großen stadionartigen Turnplatz zu richten. Für den Entwurf der gesamten Anlage sorgte der Stadtbaurat und Leiter des Hochbauamtes Otto Wilhelm Scharenberg.Alfred Mäding (Hrsg.) 1913, S. 11.
Der 54 Meter breite und mehrteilige Haupteingang mit 14 Kassen befand sich östlich des Eutritzscher Marktes, zwei Nebeneingänge an der Schönefelder Straße und am heutigen Werkstättenweg, Ecke Dieselstraße.Verwaltungs-Bericht 1914, S. 73. Rechts vom Haupteingang aus wurde ein Gebäude mit Räumlichkeiten für ein provisorisches Postamt mit Telegrafie- und Telefonmöglichkeiten, die Presseberichterstatter sowie den Pressausschuss errichtet, auf der linken Seite ein Gebäude für die wichtigsten Ausschüsse. mini|Blick auf das Festplatzgelände mini|links|Blick auf den großen Turnplatz Als etwa 450 Meter lange Feststraße wurde die Thaerstraße ausgebaut, die das Areal in das Turngelände und in das sogenannte Vergnügungsviertel aufteilte. Auf der rechten Seite der begrünten Feststraße befanden sich sechs Restaurants, am Ende ein Tanzplatz und das Hauptrestaurant. Auf der linken Seite befanden sich in Haupteingangsnähe drei kleinere Turnzelte mit den Maßen 40 × 60 Meter sowie das große Wettturnzelt, welches 40 × 80 Meter groß war. Der zentral gelegene 69.020 Quadratmeter große Übungsplatz war insgesamt 340 Meter lang und 203 Meter breit. Er unterteilte sich in einen kleineren Geräteturnplatz (70 × 203 Meter, 14.210 Quadratmeter Fläche) und den großen Freiübungsplatz (270 × 203 Meter, 54.810 Quadratmeter Fläche) für maximal 17.264 Turner. Die vier umlaufenden Tribünen boten Platz für etwa 60.000 Zuschauer, darunter waren mehr als 23.000 nummerierte Sitzplätze. Zwischen dem Platz und den Tribünen waren Straßen für Einmärsche und zusätzliche Zuschauerkapazitäten angelegt. Unter den Tribünen waren unter anderem Garderoben, Geräteschuppen, Wasch- und Erfrischungsräume für die Turner und Verkaufsstände untergebracht.Alfred Mäding (Hrsg.) 1913, S. 8–11. Insgesamt war diese Anlage fast vier Mal so groß wie das Stockholmer Olympiastadion. Nördlich der großen Turnfläche war der 66.720 Quadratmeter große Probeturn- und Aufstellungsplatz zu finden, östlich noch zwei kleinere Spielplätze mit den jeweiligen Maßen 90 mal 60 Meter.
Alle Bauten wurden aus unbehandeltem und wiedervendbarem Holz konstruiert, repräsentative Gebäude wie der Haupteingangsbereich oder das Hauptrestaurant waren mit Stoffen bespannt und mit Malereien verziert.
Sportdisziplinen und Wettkämpfe (Auswahl) mini|Freiübung westfälischer Turner mini|Wettbewerb im Tauziehen Freiübungen (Massenturnen mit und ohne Sportgeräte) Sechskampf (Hochsprung, Stabweitsprung, Kugelstoßen, 150-Meter-Lauf, Schnellhangeln, Freiübung) Zwölfkampf (Weitsprung, 100-Meter-Lauf, Ballweitwurf, mehrere Übungen an Reck, Barren, Pferd, dazu Freiübung) Zehnkampf im Wasser (100 Meter Freistil, 50 Meter Rückenschwimmen, 25 Meter Brustschwimmen, vier Pflicht- und drei Kürsprünge vom 1- bzw. 3-Meter-Brett) Eilbotenschwimmen (Staffelwettbewerb 4 × 50 Meter Freistil) 400-Meter-Lauf Weitsprung mit Anlauf ohne Brett Hochsprung ohne Anlauf Speerwurf Kugelstoßen Tauziehen Eilbotenlauf über 500 Meter (Staffelwettbewerb) Fechten Ringen (teilweise als Sonderwettübung der Sechs- und Zwölfkämpfer) Wasserball Sportspiele (Faustball, Schlagball, Fußball, Korbball, Barlauf, Schleuderball, Hockey, Tamburinball) VoltigierenAlfred Mäding (Hrsg.) 1913, S. 30–36, 133–156; Rudolf Witzgall (Hrsg.) 1913, S. 18–124.
Ablauf des Turnfestes 12. Juli mini|Bannerübergabe aus Frankfurt am Main Am 12. und 13. Juli reiste die Großzahl der Turner zum Fest an, der Hauptbahnhof verzeichnete an diesen beiden Tagen 66 Sonderzüge, der Bayerische Bahnhof 15, der Eilenburger sowie die beiden Vorortbahnhöfe Plagwitz-Lindenau und Gohlis-Eutritzsch jeweils neun. An jedem Bahnhof erwartete die Turner ein Empfangskomitee, die Gäste wurden an zuvor festgelegte Plätze geführt, von dort aus wurden sie nach der Registrierung von Leipziger Turnschülern zu den Wohnquartieren geleitet.Alfred Mäding (Hrsg.) 1913, S. 45 f.
Am Nachmittag fanden die ersten Proben zu den Freiübungen statt, in der Halle des Eutritzscher Turnvereins tagten die Kampfrichter der Veranstaltung. Ab 18 Uhr fand auf dem großen Turnplatz des Festgeländes die offizielle Begrüßungsfeier mit zahlreichen Ehrengästen statt.Alfred Mäding (Hrsg.) 1913, S. 39. Die Festreden hielten u. a. Karl Rothe, Ferdinand Goetz, der sächsische Kultusminister Heinrich Gustav Beck, Theodor Lewald als Vertreter des Reichskanzlers sowie abschließend der Leipziger Oberbürgermeister Rudolf Dittrich, der das Banner der Deutschen Turnerschaft entgegennahm.Erinnerung an das Zwölfte Deutsche Turnfest in Leipzig 1913, S. 45–55. Um möglichst vielen Turnern die Teilnahme an einer Eröffnungsfeier zu ermöglichen, fanden am Abend des ersten Tages in verschiedenen Leipziger Lokalitäten Begrüßungsabende statt, u. a. im Krystallpalast, im Zoologischen Garten mit Kongreßhalle, im Centraltheater oder im König-Albert-Park.Alfred Mäding (Hrsg.) 1913, S. 63–85.
13. Juli mini|links|Festzug vor dem Platz mini|Freiübung