Edith Adelheid Rothe (* 11. November 1897 in Leipzig; † 29. Januar 1989Die zitierten Belege weisen zwei unterschiedliche Sterbedaten aus, den 26. und den 29. Januar 1989. Auf schriftliche Anfrage teilte das Stadtarchiv Heidelberg am 21. Mai 2019 mit, dass Edith Rothe am 29. Januar 1989 verstorben ist. Die Todesanzeige für Dr. Edith Adelheid Rothe erschien in der Rhein-Neckar-Zeitung, Nr. 29 (1989), Wochenendausgabe 4./5. Februar 1989, S. 15. in Heidelberg) war eine deutsche Bibliothekarin, Autorin und Publizistin.Edith Rothe. In: Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender, 7 (1950), S. 1707. Sie baute die Stadtbibliothek Leipzig nach deren Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wieder auf und erarbeitete von 1954 bis 1966 die für die Stadtgeschichte wesentliche Bibliographie zur Geschichte der Stadt Leipzig.
Familie Sie war das dritte Kind des promovierten Juristen, Oberjustizrates, Bankiers und Meißner Stadtrats Carl Wilhelm August Rothe und dessen Ehefrau Elisabeth (* 1865), geborene Gericke. Edith Rothes Vater war von 1918 bis 1930 Oberbürgermeister der Stadt Leipzig.Rothe, Edith. In: Rudolf Vierhaus (Hrsg.): Deutsche Biographische Enzyklopädie (DBE), Band 8 Poethen–Schluter. Walter de Gruyter, Berlin 2011, ISBN 978-3-11-094025-1, S. 569. (PDF-Datei; 92,3 kB), auf: uni-leipzig.de
Ihr Großvater mütterlicherseits, den sie nicht mehr kennengelernt hat, war der Privatgelehrte und Shakespeare-Forscher Robert Gericke (1828–1880).Rothe, Edith Adelheid, auf: leipzig.de
Ihr drei Jahre älterer Bruder Hans Ludwig Rothe wurde Regisseur, UFA-Chefdramaturg, Hörspiel- und Bühnenautor und Shakespeare-Übersetzer.Hans Rothe, tr.: Das Dramatische Werk von William Shakespeare, auf: oup.comRothe, Hans (1894–1963), auf: staatsbibliothek-berlin.deF[riedrich] L[uft]: Hans Rothe 70. In: Die Welt. 14. August 1964. Er fiel bei den Nationalsozialisten in Ungnade und emigrierte während der NS-Zeit in die Vereinigten Staaten, wo er eine Professur erhielt. Ihre ein Jahr ältere Schwester Eva Luise Rothe-Bergemann (1896–1983) wurde Ärztin, 1925 verwitwet, und emigrierte während der NS-Zeit in die Schweiz.Bergemann-Rothe, Eva Luise, 1896, Schweizerisches Bundesarchiv E2001-08#1978/107#177*. Ihre drei Jahre jüngere Schwester Gabriele Rothe-Smith (* 1900) unterrichtete als Lehrerin an der Kunstgewerbeschule Leipzig und emigrierte während der NS-Zeit nach England,Ute Camphausen, Olaf Thormann: Die Leipziger Kunstgewerbeschule. Eine Dokumentation zu Geschichte und Wirkung der Kunstgewerbeschule der Stadt Leipzig und ihrer Vorgänger- und Nachfolgeeinrichtungen. Erschienen anlässlich der Ausstellung »Die Leipziger Kunstgewerbeschule«, 20. Dezember 1996 bis 16. März 1997 im Museum für Kunsthandwerk Leipzig. Faber und Faber, Leipzig 1996, ISBN 3-928660-75-6. wo sie heiratete.
Schule, Ausbildung und Studium Gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Eva besuchte Edith Rothe die 1879 gegründete Baur’sche höhere MädchenschuleJuliane Jacobi: Bildungsgeschichten. Geschlecht, Religion und Pädagogik in der Moderne. Festschrift für Juliane Jacobi zum 60. Geburtstag. Böhlau Verlag, Köln/Weimar 2006, ISBN 978-3-412-33405-5, S. 185. der Vorsteherin Fräulein Marie Baur in der Johannisgasse 6 in Leipzig.Edith Glaser: Private Initiativen – Städtische Zurückhaltung. Das höhere Mädchenschulwesen in Leipzig im 19. und frühen 20. Jahrhundert (PDF-Datei; 333 kB). In: Gerlinde Kämmerer, Anett Pilz (Hrsg.): Leipziger Frauengeschichten. Ein historischer Stadtrundgang. Kunst- und Kultur-Centrum für Frauen KuKuC e. V., Leipzig 1995, S. 126–131, auf: uni-kassel.de 1914 besuchte sie, beeinflusst durch die Jugendbewegung (Bündische Jugend) und den lebensreformerischen Serakreis Jena, kurzzeitig die reformpädagogische Freie Schulgemeinde in Wickersdorf bei Saalfeld im Thüringer Wald.Schülerverzeichnis der Freien Schulgemeinde Wickersdorf. In: Archiv der deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein bei Witzenhausen in Hessen. Dieses Internat musste sie jedoch wegen des Kriegsausbruchs im August 1914 vorzeitig verlassen. Nach Leipzig zurückgekehrt, sammelte sie in der Folge für die Kriegsnotspende. An der Hochschule für Frauen zu Leipzig hörte sie Vorlesungen zu Kunstgeschichte, Literatur und Philosophie. Von 1917 bis 1919 bekam sie privaten Unterricht, wodurch sie nach dem Ende des Ersten Weltkrieges als Externe das Reifezeugnis des städtischen Realgymnasiums erhielt.Hans-Christian Mannschatz: „… immer rin in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln…“ Der Lebensweg der Leipziger Bibliothekarin Edith Rothe (1897–1989) (PDF-Datei; 5,6 MB). In: BIS : Das Magazin der Bibliotheken in Sachsen, Jg. 2 (2009), Heft 2, Juni 2009, S. 108–111.
Ab 1919 studierte sie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg, an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel und an der Alma Mater Lipsiensis in Leipzig die Fächer Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte. Im Frühjahr 1925 promovierte sie in Leipzig mit ihrer Dissertation Die Stellung des Kaufmanns und Bürgers in der mittelhochdeutschen Epik des 12. und 13. Jahrhunderts zum Doktor der Philosophie (Dr. phil.).Edith Rothe. In: Archiv für Kulturgeschichte (AKG), Band 17, Hermann Böhlau Nachfahren, Weimar 1965, S. 128. Nach einem Volontariat in der Universitätsbibliothek Leipzig bestand sie 1927 die Staatsexamina für den höheren Dienst an wissenschaftlichen Bibliotheken.
Wirken mini|Zeitgenössische Ansichtskarte des Schlosses Moritzburg bei Dresden aus den 1920er Jahren – Edith Rothe wurde dort ab 1928 und von 1938 bis 1945 tätig Sie wurde zunächst an der Stadt- und Universitätsbibliothek in Frankfurt am Main tätig. 1928 wurde sie als Bibliothekarin der Wettinischen Bücherschätze befristet beschäftigt, um diese nach Schloss Moritzburg bei Dresden zu überführen, dort eine Bibliothek aufzubauen und diese zu katalogisieren. Anlässlich des Goethejahres 1932 erstellte sie in Leipzig den Katalog zur großen Schau Faust und seine Welt im Grassi-Museum mit Ausstellungsstücken des Sammlers Gerhard Stumme.Carsten Rohde, Thorsten Valk, Mathias Mayer: Faust-Handbuch: Konstellationen – Diskurse – Medien. Springer-Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-476-05363-3, S. 334. Sie war 1932 auch an der sehr erfolgreichen Goethe-Ausstellung in Paris, die Objekte aus den Leipziger Sammlungen Salomon Hirzel, Anton Kippenberg und Gerhard Stumme zeigte, beteiligt. Diese wurde von der Bibliothèque nationale de France (BnF) aus Anlass des 100. Todestages von Goethe veranstaltet.Ch. Andler, H. Moncel: Bibliothèque Nationale. Goethe (1749–1832). Exposition organisé pour commémorer le centenaire de la mort de Goethe. Bibliothèque Nationale, Paris 1932.
Für sie als Frau war es äußerst schwierig, an wissenschaftlichen Bibliotheken fest angestellt zu werden. Sie versuchte deshalb, sich ab 1933 weiter zu qualifizieren, um einen dritten beruflichen Abschluss zu erlangen. Inzwischen allerdings herrschten politisch neue Bedingungen. In Stettin ließ sie sich durch Erwin Ackerknecht für das Volksbüchereiwesen ausbilden. Dort widerstrebte es ihr, nationalsozialistische Publikationen zu katalogisieren. Als sie sich schließlich weigerte, einen von ihr erwarteten Vortrag über Die Frau im nationalsozialistischen Staat zu halten, wurde ihr gekündigt.
Während der folgenden Jahre absolvierte sie ein viermonatiges Volontariat an der Bibliothèque nationale de France in Paris,Beobachtungen während einer viermonatlichen Volontärzeit an der Bibliothèque Nationale in Paris. In: Zentralblatt für Bibliothekswesen, Jg. 48 (1931), S. 551–563. O. Harrassowitz, Leipzig 1931. hielt sich zu Studienzwecken in Rom und in London an der British Museum Library auf,Edith Rothe: Die Bibliothek des Britischen Museums. In: Zeitschrift für Bücherfreunde, 53 (1936), S. 681–695. und arbeitete jeweils kurzzeitig in Berlin, in Halle an der Saale und in München für private Bibliotheken. Im Jahr 1938 wurde sie durch Prinz Ernst Heinrich von Sachsen zur Dante-Bibliothek seines Großvaters gerufen, des Dante-Übersetzers König Johann von Sachsen, um diese nach Schloss Moritzburg zu transferieren. Das Haus Wettin ermöglichte ihr die freie wissenschaftliche Arbeit. Dort erstellte sie den 1942 veröffentlichten Katalog der von ihr systematisiert aufgebauten Dante-Bibliothek.Edith Rothe: Katalog der Dante-Bibliothek des Königs Johann von Sachsen (= Schriften der Deutschen Dantegesellschaft 7), Hermann Böhlaus Nachfahren, Weimar 1942. Sie fungierte als Verwalterin der Schlossbibliothek und sämtlicher Kunstsammlungen des ehemaligen sächsischen Königshauses in Dresden.
Die von ihr sorgsam verwahrten Klosterhandschriften des Mittelalters, Inkunabeln, illustrierte Bücher des 16. Jahrhunderts, eine Autographen-Sammlung, Prachteinbände aus der Zeit der Renaissance und des 18. Jahrhunderts sowie eine geschlossene Handzeichnungssammlung König Friedrich Augusts wurden in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 bei den Luftangriffen auf Dresden inklusive des von ihr erstellten Kataloges komplett zerstört. Edith Rothe hatte diese wertvollen Archivalien mit großem persönlichen Einsatz und Aufwand aus dem zwischenzeitlich von der SS beschlagnahmten und sehr exponiert gelegenen Schloss Moritzburg auf das Westufer der Elbe in die Keller der dort ansässigen Dresdner Verwaltung ausgelagert.Georg Kretschmann: Das Silber der Wettiner – Eine Schatzsuche zwischen Moskau und New York. Ch. Links Verlag, Berlin 1995, ISBN 3-86153-088-0, S. 23, 27, 37, 40, 50, 63. „Der Verlust meines Elternhauses in Leipzig schmerzte mich nicht so wie der Untergang all dieser Kostbarkeiten, die ich gehegt und gepflegt hatte und mit denen ich über die Gebühr verwachsen war.“Schreiben von Edith Rothe, datiert 6. April 1945, an Adalbert Prinz von Bayern. Zitiert nach: Hans-Christian Mannschatz: „… immer rin in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln…“ Der Lebensweg der Leipziger Bibliothekarin Edith Rothe (1897–1989). In: BIS : Das Magazin der Bibliotheken in Sachsen, Jg. 2 (2009), Heft 2, Juni 2009, S. 108–111.
Zum Schicksal der Bibliothek von Schloss Moritzburg wurde ein zeitgenössischer Augenzeugenbericht von der damaligen Abiturientin Leonore Roßberg (1925–2012) verfasst,Leonore Roßberg wurde am 15. September 1925 in Döbeln geboren. Ihre Familie war zum fraglichen Zeitpunkt in Moritzburg (Sachsen) ansässig. Von 1938 bis 1944 besuchte Leonore Roßberg die Städtische Oberschule für Mädchen in Dresden-Neustadt und legte dort die Reifeprüfung ab. Sie war ausweislich zeitgenössischer amtlicher Belege Mitglied im BDM, jedoch nicht in der NSDAP. Vom 1. November 1944 bis zum 31. März 1945 wurde sie vom Bezirks-Schulrat Dresden-Land r.d.E. (Sitz Radebeul) mit 34 Wochenstunden, davon 4 als unvergütete Überstunden, als „Studentin im Ausgleichdienst“ an der Volksschule Reichenberg (Moritzburg) beschäftigt. Gemäß Zeugnis des Schulleiters war die „Studentin im Ausgleichdienst“ als „Schulhelferin“ eingesetzt und habe sich „gut bewährt“. Am 13. Mai 1946 immatrikulierte sich Leonore Roßberg für ein Studium an der Universität Rostock. der erhalten ist. Demzufolge seien die Bestände in der Zeit zwischen Mai und Winter 1945 zwangsweise verpackt und in die Sowjetunion verbracht worden. Das Verpacken der Archivalien sei von Edith Rothe, von Ingeborg Fels (Sächsische Landesbibliothek), Traudel Jahn (Karl-May-Verlag) und Leonore Roßberg durchgeführt worden.Leonore Roßberg (1925–2012): Erlebnisbericht einer Abiturientin zu den Vorgängen im Mai bis Winter 1945 in Moritzburg und zum Schicksal der Moritzburger Schlossbibliothek (Ansetzungstitel). In: Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB), Signatur: Mscr.Dresd.Aut.2581. Bis zum Sommer 1945 wohnte Edith Rothe im Ort Moritzburg, wo auch ihr in Leipzig ausgebombter Vater Zuflucht gesucht hatte.
1945 bewarb sich Edith Rothe für die vakante Direktorenstelle der Stadtbibliothek Leipzig in der Nachfolge von Johannes Hofmann.