mini|hochkant=1.2|Verkehrsturm Ende November 1924 kurz vor der Fertigstellung
Der Verkehrsturm am Potsdamer Platz in Berlin war die erste Verkehrsampel in Deutschland.Anmerkung: Für eine als erste Verkehrsampel im Deutschen Reich bereits 1922 in Betrieb genommene Anlage am Hamburger Stephansplatz, die gelegentlich erwähnt wird, konnten trotz intensiver Recherche und Befragung des Hamburger Polizeimuseums keine zeitgenössischen Belege gefunden werden. Siehe auch: In: Hamburger Morgenpost, 8. Februar 2016, abgerufen am 21. Mai 2019. Der fünfseitige Turm war ab dem 15. Dezember 1924 in Betrieb und regelte den Verkehr auf dem Potsdamer Platz, zu der Zeit der verkehrsreichste Platz in Europa.
Als neue Berliner Sehenswürdigkeit war der Verkehrsturm auf vielen zeitgenössischen Bildern und Postkarten abgebildet und entwickelte sich schnell zum Sinnbild des modernen Berlins der zweiten Hälfte der 1920er Jahre. Bei den Arbeiten für den unterirdischen S-Bahnhof Potsdamer Platz wurde er Anfang Oktober 1937 abgebaut und durch eine Hängeampel ersetzt.
Architektur und Funktion Beschreibung Der Turm auf dem Potsdamer Platz war insgesamt Meter hoch, hatte einen Durchmesser von Metern und ein Gewicht von Tonnen. Er bestand aus fünf Stahlsäulen und einer fünfseitigen, überdachten Kanzel, in der ein Verkehrspolizist in der damals üblichen stehenden Körperhaltung den Verkehrsfluss beobachtete und mit einem dreistufigen Hebelschalter die Lichtsignale steuerte. Der Turm stand auf einem unterkellerten Betonfundament, in dem die unterschiedlichen Strom-, Signal- und Steuerleitungen zusammenliefen und zur Turmkanzel geführt wurden. An einer der Stahlsäulen waren Steigbügel und eine senkrechte Griffstange angebracht. Durch eine im Boden der Kanzel befindliche Klappe konnte der Beamte seinen Arbeitsplatz erreichen. An jeder der fünf Außenseiten waren unten eine große Uhr, in der Mitte ein Sichtfenster und oben drei nebeneinander angeordnete Lichtsignale in den Farben Grün, Gelb (zunächst Weiß) und Rot angeordnet, die mit Abschirmblenden zur Vermeidung von Blendwirkungen versehen waren. An den Ecken der Kanzel waren in Höhe der Lichtsignale blaue Leuchten montiert. Die Kanzel war neben dem Hebelschalter für die Lichtsignale mit einer Normaluhr, einer Sekundenuhr (Stoppuhr) und einem Sprachrohr für am Fuß des Turmes Stehende ausgestattet. Fernsprechverbindungen zum Polizeipräsidium Alexanderplatz und zur Feuerwehr sowie Feuerlöschapparate und eine Heizung vervollständigten die Ausstattung.Karl August Tramm, Oberingenieur: Verkehrstürme. (PDF; 966 kB) In Mitarbeiterzeitschrift Berliner Straßenbahn, 22. Jg., Ausgabe 18, 4. September 1925, Berliner Straßenbahn-Betriebs-GmbH, Berlin, S. 2 ff, abgerufen am 13. Juli 2019.
Funktion und Nutzung Der Verkehrsturm sollte die städtische Verkehrsregelung revolutionieren. Aufgrund des zu hohen Verkehrsaufkommens in der Innenstadt kam es nicht nur zu schier endlos wirkenden Staus, sondern auch immer häufiger zu Verkehrs- und Passantenunfällen. Der Verkehrsturm sollte der Straßenpolizei die Arbeit etwas abnehmen und erleichtern. Außerdem diente er nebenher als Zeitgeber und Signal- und Alarmturm (besonders bei Verkehrsunfällen). Besetzt war der Turm anfangs nur werktags von 8:30 Uhr bis mittags 12 Uhr sowie von 15 bis 18 Uhr. In einem Bericht vom September 1925 wird festgestellt, dass sich der Verkehrsturm mit seiner Ausstattung gut bewährt habe und die Absicht bestehe, an weiteren wichtigen Verkehrsknotenpunkten Berlins Verkehrstürme zu errichten.
Geschichte Vorgeschichte Anfang der 1920er Jahre nahm der private und gewerbliche Autoverkehr in den Großstädten des Deutschen Reiches immer mehr zu. Nach der Bildung von Groß-Berlin im Oktober 1920 hatte die Stadt im folgenden Jahr über 3,9 Millionen Einwohner. Der Bestand an Kraftfahrzeugen lag am 1. Juli 1921 bei 12.000. Diese Zahl stieg bis 1924 auf 30.000 Fahrzeuge und weitere drei Jahre später verdoppelte sie sich im Sommer 1927 auf 60.000 Fahrzeuge.
Über den Potsdamer Platz verliefen 26 Straßenbahn- und fünf Buslinien. Im Sommer 1924 überquerten täglich rund 24.000 Fahrzeuge den Platz, darunter 3.400 Straßenbahnzüge, 7.500 Kraftwagen, 500 Motorräder, 8.000 Fahrräder, 3.400 Pferdefuhrwerke und 1.000 Handwagen.Deutschlands erste Verkehrsampel. Auf: deutschlandfunk.de vom 15. Dezember 2024, abgerufen am 21. Dezember 2024.Ural Kalender: Die Geschichte der Verkehrsplanung Berlins aus der Reihe: Archiv für die Geschichte des Strassen- und Verkehrswesens, FGSV-Nr.: G 24. Forschungsgesellschaft für Strassen- und Verkehrswesen, Köln 2012, ISBN 978-3-941790-67-4 Am Potsdamer Bahnhof wurden rund 83.000 Reisende gezählt.Berlin in historischen Aufnahmen Der Ampelturm vom Potsdamer Platz In: Berliner Zeitung, 12. April 2018, abgerufen am 9. Juni 2019. Diese erhebliche Verkehrsbelastung des Potsdamer Platzes führte zu ständigen Unregelmäßigkeiten und Verspätungen im Linienverkehr, gleichzeitig beklagte die Berliner Polizei den hohen Personalbedarf zur Verkehrsregelung und die zunehmende Gefährdung ihrer Beamten, die wiederholt über- bzw. angefahren worden waren.Dr. H.: Berliner Verkehrsregelung. In: Städtebau, 1928, S. 192 ff.; zlb.de
Die besonders angespannte Situation am Potsdamer Platz entstand aber auch durch fehlende Parallelstraßen: Die Französische Straße war nicht durch die Ministergärten zur Tiergartenstraße weitergeführt worden und auch eine Verlängerung der Kochstraße und Anhalter Straße nach Westen konnte nicht durchgesetzt werden. Dies führte zur Überlastung der Leipziger Straße und des Nadelöhres Potsdamer Platz, die zudem von der Straßenbahn zusätzlich blockiert wurden.
Zusammen mit dem Leiter der Verkehrspolizei, Regierungsdirektor Wilhelm Mosle, reisten weitere Berliner Verkehrsexperten in andere Großstädte, unter anderem nach New York, (Mit Abbildung der Holzplattform.) London und Paris, um nach geeigneten Lösungen zu suchen, den Verkehrsablauf und die Verkehrssicherheit zu verbessern. Ein Ansatz war die Regelung des Straßenverkehrs durch Lichtzeichenanlagen, wie sie von den Eisenbahnen bzw. Hoch- und Untergrundbahnen bekannt war. In New York gab es 1917 für kurze Zeit einen Versuch mit einer ersten Lichtsignalanlage. 1920 wurden dort im Verlauf der Fifth Avenue noch recht provisorisch anmutende Verkehrstürme mit Metallgerüst und Holzkanzel aufgestellt. Nur zwei Jahre später entwarf Joseph H. Freedlander einen aufwendig mit Bronzegussplatten gestalteten Traffic Signal Tower, von dem im Dezember 1922 sieben Exemplare in der Fifth Avenue aufgestellt wurden.A History of New York Traffic Lights. In: The New York Times, 16. Mai 2014; abgerufen am 9. Juni 2019.History of Traffic – Traffic Signal Tower designed by Joseph H. Freedlander, 1922. local1182.org; abgerufen am 9. Juni 2019.13. Oktober 1921: Automobilverkehr in Amerika. (Mit Bericht über die „Verkehrsordnung in der fünften Avenue“) In: Vorwärts, Beilage ‚Heimwelt‘, 13. Oktober 1921, S. 4, abgerufen am 9. Juni 2019.16. August 1924: Verkehrsregelung in Amerika. In: Vorwärts, 16. August 1924, Morgenausgabe Nr. 384, S. 6.
Die angestrebte eindeutige Regelung setzte eine klare Führung der Verkehrsströme voraus, in denen auch die Fußgänger nur noch über festgelegte und markierte Übergänge die Fahrbahnen queren sollten. Im August 1924 errichtete man eine provisorische Holzplattform, von der aus Polizisten mittels Hornsignalen den Straßen- und Fußgängerverkehr auf dem Potsdamer Platz regelten. Der Fußgängerverkehr wurde zusätzlich mit an Bäumen befestigten Brettern kanalisiert. Diese Versuche wurden von der Tagespresse erstaunt kommentiert.Der Potsdamer Platz als Metapher für Berlin. Die Darstellung des Potsdamer Platzes in Feuilletontexten der 20er, 30er und 90er Jahre mit Zitat aus Fred Hildenbrandt: Zirkus Potsdamer Platz. In: Berliner Tageblatt, 8. August 1924. Aus: Christian Jäger, Erhard Schütz (Hrsg.): Glänzender Asphalt: Berlin im Feuilleton der Weimarer Republik. Fannei & Walz, Berlin 1994, S. 124–125, abgerufen am 26. August 2019.9. August 1924: Auf der Kommandobrücke In: Vorwärts, 9. August 1924, Morgenausgabe Nr. 372, S. 5 f. Schließlich wurden die Straßenbahngleise beider Fahrtrichtungen auf die Ostseite der beiden großen Bogenlampen-Kandelaber verschoben und fünf Verkehrsinseln neu angelegt.17. August 1924: Die Verkehrsregelung auf dem Potsdamer Platz. In: Vorwärts, 17. August 1924, Sonntagsausgabe Nr. 386, S. 6.21. August 1924: Ordnung auf dem Potsdamer Platz. (Mit Bild des geplanten Verkehrsturms und Bild der neu anzulegenden Verkehrsinseln) In: Vorwärts, 21. August 1924, Morgenausgabe Nr. 392, S. 5.
mini|hochkant|Blick von unten auf die Kanzel, August 1925
Als rechtliche Grundlage mussten zudem Festlegungen für eine Verkehrsordnung entwickelt werden. Am 28. Oktober 1924 wurde in der Vossischen Zeitung der Zwischenstand einer Polizeiverordnung zur Neuregelung des Berliner Verkehrs veröffentlicht. Darin wurden unter anderem Verkehrsstraßen erster und zweiter Ordnung eingeführt, in denen das Parken tagsüber nicht mehr zulässig war. Ferner wurden die Farben und die Bedeutung von Lichtsignalen (zunächst noch Rot – Weiß – Grün) festgelegt.28. Oktober 1924: Die Neuregelung des Verkehrs, Signale und Schilder. In: Vossische Zeitung, 28. Oktober 1924, Abendausgabe, S. 4. Die neuen Verkehrsregelungen wurden besonders von Handel und Industrie zunächst heftig kritisiert.4. November 1924: Fort mit der Verkehrsordnung, Handel und Industrie einmütig dagegen. In: Vossische Zeitung, 4. November 1924, Abendausgabe, S. 5. Die Gestaltung der Verkehrsverordnung beschäftigte noch viele Jahre, bis in die Gegenwart, die Interessengruppen und wurde regelmäßig in den Tageszeitungen erörtert. So wandten sich im Juni 1928 Radfahrergruppen aus der Arbeiterschaft gegen das angedachte Radfahrverbot in den Straßen erster Ordnung und riefen zu einer Kundgebung auf, bei der gleichzeitig die Schaffung von Radfahrwegen gefordert werden sollte.1. Juni 1928: Berliner Radfahrer gegen die Fahrverbote. In: Der Abend – Spätausgabe des Vorwärts, 1. Juni 1928, Abendausgabe, S. 7. Nach Jahren intensiver Verhandlung wurde schließlich am 23. Januar 1929 Berlins neue Verkehrsordnung, die Polizeiverordnung über die Regelung des Verkehrs und die Aufrechterhaltung der Ordnung in den Straßen Berlins (Straßenordnung) in Kraft gesetzt, womit rund 200 ältere Polizeiverordnungen aufgehoben wurden.23. Januar 1929: Berlins neue Verkehrsordnung – Inkrafttreten heute. In: Vorwärts, 23. Januar 1929, Morgenausgabe, S. 6.
Bau, Gestaltung und Betrieb des Verkehrsturms mini|Der Verkehrsturm am Potsdamer Platz vor seiner Fertigstellung im Dezember 1924