Vera Kohn, geborene Schiller (* 24. März 1912 in Prag, Österreich-Ungarn; † 29. Juni 2012 in Quito, Ecuador) war eine österreichisch-ecuadorianische Theaterschauspielerin und Psychologin. Sie war die Ehefrau des Architekten Karl Kohn, mit dem sie während der Zeit des Nationalsozialismus nach Ecuador emigrierte.
Leben und Wirken Kindheit und Name Viele Informationen über Vera Kohns Leben scheinen auf ihrem Buch zu basieren. Ihr Vater war Anwalt, ihr Großvater väterlicherseits war Landwirt in Třebívlice.Vera de Kohn: La espiritualidad a los 100 años (siehe Weblinks) Ihr Großvater mütterlicherseits war Bankier; laut Aussage Kohns war er Direktor mehrerer Unternehmen wie zum Beispiel Schokoladenfabriken oder Teppichmanufakturen.Vera Schiller de Kohn: Initiatische Therapie. 2012, S. 17. Laut eigener AussageBernhard Hetzenauer: Und in der Mitte der Erde war Feuer (siehe unter Dokumentarfilme) zählten zum Freundeskreis der Familie Franz Kafka, Max Brod und Franz Werfel. Deutsch bezeichnete sie als ihre Muttersprache, hatte aber auch Tschechisch gelernt. Sie hatte eine Schwester und einen Bruder.
Kohn besuchte in Prag die „Deutsche Schule für Frauen“,Damit könnte das Deutsche Mädchen Reform Real Gymnasium gemeint sein. erhielt privaten Französischunterricht, und hatte eine Vorliebe für Gedichte und das Theaterspielen. Als Kind spielte sie im Familien- und Freundeskreis Theater.
Vera Kohn nutzte später mehrere Namensvarianten, darunter Kohn-KaganZuzana Güllendi-Cimprichová: Modernetransfer Tschechoslowakei - Ecuador oder Schiller de Kohn, in einigen spanischsprachigen Texten taucht auch die Namensvariante Khon auf.
Studium, Heirat und Emigration Vera Kohn begann ein Psychologie-Studium an der Prager Karls-Universität und studierte später französische Literatur an der Sorbonne in Paris. In Paris war sie mit dem Architekten Karl Kohn liiert, den sie 1934 heiratete, die Hochzeitsreise führte nach Urk in Holland.Vera Schiller de Kohn: Initiatische Therapie. 2012, S. 26. 1935 wurde Tochter Tanya geboren, eine später bekannte Künstlerin.Tanya Kohn & Enlace Judío - Entrevista exclusiva a Tanya Kohn, 9. April 2014. Die Familie wohnte in Prag in der 1936 errichteten „Villa Kohn in Prag - Smíchov“. Nach der Annexion Tschechiens durch die deutsche Wehrmacht im Oktober 1938 begannen Drangsalierungen durch die Deutschen, es gestaltete sich schwierig, das Land zu verlassen. Ihre Eltern und ihr Bruder lebten in England und ihr Bruder stellte das Geld für die Reichsfluchtsteuer zur Verfügung, die Juden vor ihrer Ausreise entrichten mussten.Vera Schiller de Kohn: Initiatische Therapie. 2012, S. 26. Im Juni 1939 verließ Kohn mit ihrer Familie Prag.
Ursprünglich war das Emigrationsziel der Familie Argentinien, Karl Kohn entschied sich jedoch später für Ecuador. Über England folgte die Schiffsreise mit der Ausbootung auf dem offenen Meer vor Salinas. Die Familie lebte kurz in Guayaquil und zog dann nach Quito weiter, wo Karl Kohn Arbeit an der Kunsthochschule fand.Vera Schiller de Kohn: Initiatische Therapie. 2012, S. 34. 1942 wurde die zweite Tochter Katya KohnPontificia Universidad Católica del Ecuador: Katya Kohn. Katya Kohn, verheiratete Bernasconi, ist eine bekannte Designerin und Illustratorin, die unter anderem einen Gedichtband von Pablo Neruda illustriert hat. geboren.
Schauspielkarriere Kohns Laufbahn am Theater begann bei Karl Löwenberg an den Kammerspielen Quito, einem deutschsprachigen Emigrantentheater. Erwähnt wird Kohn erstmals im Zusammenhang mit der zweiten Spielzeit der Kammerspiele (Ende 1944 oder Anfang 1945). Sie spielte die Rolle der Christine in Arthur Schnitzlers Liebelei. Unter dem Namen Vera Kohn-Kagan übernahm sie tragende Rollen, zum Beispiel die Titelrolle in AntigoneKohn-Kagan, Vera. In: Frithjof Trapp (Hrsg.): Biographisches Lexikon der Theaterkünstler. Teil 1: A – K. (= Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933–1945. Band 2/1). Saur, München 1999, ISBN 3-598-11375-7. von Jean Anouilh, und erzielte später auch vor ecuadorianischem Publikum in spanischer Sprache Erfolge. Huberta Reuscher-Heiman, Vera Kohn-Kagan, Gerti Goldmann und Inge Friedberg qualifizierte der Theaterkritiker Wenzel Goldbaum als ›ein Quartett weiblicher Spielkräfte‹, um das manche große Bühne das Ensemble beneiden könne. In ihrer Rolle als Eliza Doolittle in Bernard Shaws Komödie ›Pygmalion‹, mit der die zweite Spielzeit endete, verglich Goldbaum Vera Kohn-Kagan mit den ›großen Menschendarstellerinnen‹ der Aufführungen von Otto Brahm und Max Reinhardt.Maria-Luise Kreuter: Wo liegt Ecuador? 1975, S. 253.
1947 fand eine Aufführung von Henrik Ibsens Nora oder Ein Puppenheim am Teatro Nacional Sucre unter Mitwirkung von ecuadorianischen Schauspielern statt mit Gerti Goldmann in der Titelrolle.Maria-Luise Kreuter: Wo liegt Ecuador? 1975, S. 255–256. Als dann 1951 „die Kammerspiele als deutschsprachiges Theater praktisch aufgehört [hatten] zu existieren“,Maria-Luise Kreuter: Wo liegt Ecuador? 1975, S. 258. blieb von deren Schauspielerstamm nur Vera Kohn-Kagan übrig, die die spanische Sprache erlernte und Sprach und Gesangsunterricht nahm. „Die Aufführungen fanden das Interesse der Presse, und Löwenberg erschien hier als die Person, die dem Theater in Quito überhaupt erst zum Durchbruch verholfen hatte und Vera Kohn-Kagan als »Gestalt im Vordergrund der ecuadorianischen Theater Welt«, die über alle Mittel des modernen Theaters verfügte.“Maria-Luise Kreuter: Wo liegt Ecuador? 1975, S. 261–262. In einem Artikel anlässlich Kohns hundertstem Geburtstag wurde auf eine zehnjährige Theaterarbeit in Quito verwiesen. Die intensive Arbeit habe Vera Kohn dazu veranlasst, im New Yorker Actors Studio in New York ‘ernsthaft’ Theater zu studieren.100 anos de Vera Schiller de Kohn (siehe Weblinks)
Aufenthalt in Europa 1957 reiste Kohn nach Wien, wo ihre Schwester lebte, und gestaltete zusammen mit einem Schauspieler des Burgtheaters Lesungen und Radiosendungen. Gegenstand waren ecuadorianische Gedichte, die sie ins Deutsche übertragen hatte. Sie unterzog sich einer therapeutischen Behandlung im Therapiezentrum von Karlfried Graf Dürckheim und erlernte dort seine Initiatische Therapie. Nach drei Jahren kehrte sie nach Ecuador zurück.
Doktor der Psychologie in Ecuador
In Quito begann sie an der Universidad Central del Ecuador erneut ein Psychologiestudium, das sie 1969 mit dem Doktor in klinischer Psychologie abschloss. Sie war eine der ersten weiblichen Psychologen in Ecuador. Parallel zum Studium arbeitete freiwillig in einer psychiatrischen Klinik (Hospital Psiquiátrico San Lázaro in Quito), auf die aber die von ihr gewählte Bezeichnung Irrenanstalt besser zutraf: Es war eine Verwahranstalt für psychisch kranke Menschen, aber keine Einrichtung, die den verwahrten Menschen Hilfsangebote unterbreiten konnte.Vera Schiller de Kohn: Initiatische Therapie. 2012, S. 49 ff. Sie besuchte eine Einrichtung für Kinder mit Gehirnschäden in Seattle und arbeitete ehrenamtlich in einem psychiatrischen Krankenhaus in Mexiko.Vera Schiller de Kohn: Initiatische Therapie. 2012, S. 51. Zwischen 1970 und 1980 war sie auch an der Päpstlichen Katholischen Universität von Ecuador im Bereich der Psychohygiene tätig.
1975 gründete Kohn mit dem befreundeten Jesuiten und Anthropologen Pater Marco Vinio Rueda das Centro de Desarrollo Integral (CDI), wo Menschen mit geringen wirtschaftlichen Ressourcen psychologische Behandlung und Unterstützung ermöglicht wurde. Dort wurde auch die Initiatische Therapie angewandt. Kohn hielt Vorträge in vielen Ländern.
Literatur Vera Schiller de Kohn: Initiatische Therapie. Hin zum heiligen Kern. Nordländer, Rütte 2012, ISBN 978-3-937845-32-6. Maria-Luise Kreuter: Wo liegt Ecuador? Exil in einem unbekannten Land 1938 bis zum Ende der fünfziger Jahre. Metropol, Berlin 1975, ISBN 3-926893-27-3.Unter dem Titel Donde queda el Ecuador? Exilio en un país desconocido desde 1938 hasta fines de los años cincuentas ist das Buch 1997 in Quito auf Spanisch erschienen. Frithjof Trapp (Hrsg.): Biographisches Lexikon der Theaterkünstler. Teil 1: A – K. (= Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933–1945. Band 2/1). Saur, München 1999, ISBN 3-598-11375-7.
Dokumentarfilme Bernhard Hetzenauer: Und in der Mitte der Erde war Feuer. 2013 El País de la Mitad - Vera Kohn (Das Land der Mitte, spanisch, auf YouTube) Vida y obra de Vera Schiller de Kohn (Leben und Werk von Vera Schiller de Kohn, spanisch, auf YouTube) Vera de Kohn - Vivencias con Paco Salvador (spanisch, auf YouTube) Filme zur therapeutischen Arbeit von Vera Kohn Vera Kohn: Return to the Wholeness (Zurück zur Ganzheit, englisch, auf YouTube) Vera Kohn - Iniciática e Zen Budismo (Initiatisches und Zen-Buddhismus, spanisch, auf YouTube)
Weblinks 100 anos de Vera Schiller de Kohn, 23. März 2012. El Núcelo sagrado de Vera Kohn (Nachruf in spanischer Sprache vom 3. Juli 2012).
Einzelnachweise
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