Die Werschen-Weißenfelser Braunkohlen AG war ein 1855 gegründetes Unternehmen der deutschen Montanindustrie im Mitteldeutschen Braunkohlerevier. Bis 1897 befand sich der Hauptsitz in Weißenfels, danach in Halle (Saale). Das Unternehmen wurde 1940 in die Anhaltische Kohlenwerke AG eingegliedert, mit der es bereits seit 1924 eine Verwaltungsgemeinschaft verband.

Geschichte Infolge des Konzentrationsprozesses schlossen sich in Deutschland ab Mitte des 19. Jahrhunderts viele kleine Bergbau-Unternehmen zu finanzstarken Aktiengesellschaften zusammen. Dieser Vorgang, zeitgenössisch als Consolidation bezeichnet, betraf im Mitteldeutschen Braunkohlerevier zwischen 1854 und 1863 rund 15 Gruben mit 48 Abbaufeldern, die in fünf konsolidierenden Gesellschaften aufgingen.Uwe Steinhuber: Einhundert Jahre bergbauliche Rekultivierung in der Lausitz. Dissertation, Philosophische Fakultät der Universität Olomouc, 2005, S. 70. Dazu zählte die am 28. Juli 1855 mit Sitz in Weißenfels gegründete Werschen-Weißenfelser Braunkohlen AG., Deutsches Chemie-Museum Merseburg, abgerufen am 24. April 2019. Die erste Grube des Unternehmens ging am 23. September 1855 in Werschen, heute ein Ortsteil der Stadt Hohenmölsen, in Förderung.Aktien Werschen-Weissenfelser Braunkohlen-AG 1855 HWPH Historisches Wertpapierhaus AG, abgerufen am 24. April 2019.

Hauptinitiator und erster Generaldirektor war der Unternehmer Karl August Jacob. Zu den weiteren Mitgründern zählten Ludwig Wucherer, Johann Gottfried Boltze, Carl Degenkolb und Karl Gruhl. Boltze und Gruhl besaßen bereits Kohlegruben, die sie mit der Werschen-Weißenfelser Braunkohlen AG vereinigten.Cornelia Wewetzer: Halle und der Bergbau. Landesheimatbund Sachsen-Anhalt, 2005, S. 21.Erich Neuß: Karl August Jacob. Gebauer-Schwetschke Druckerei und Verlag, 1929, S. 254.Uwe Steinhuber: Einhundert Jahre bergbauliche Rekultivierung in der Lausitz. Dissertation, Philosophische Fakultät der Universität Olomouc, 2005, S. 70. In kürzester Zeit folgte der Erwerb weiterer Gruben, unter anderem in Webau, Keutschen, Köpsen, Gerstewitz und Reußen, ein heutiger Ortsteil von Theißen.Hanns Bruno Geinitz, Hugo Fleck: Die Steinkohlen Deutschlands und anderer Länder Europas. Oldenbourg, 1865, S. 91. Der unternehmerische Schwerpunkt lag nicht allein im Abbau von Braunkohle oder im Verkauf von Hausbrand, sondern von Anfang an auch auf der Kohleveredlung. Neben Brikettfabriken an verschiedenen Standorten, erbaute die Gesellschaft zwischen 1858 und 1861 beispielsweise in Köpsen eine für die damalige Zeit hochmoderne Schwelerei nebst angeschlossener Photogen- und Paraffinfabrik.

Ein besonderes Merkmal des Zeitz-Weißenfelser Braunkohlereviers war die Sedimentation der Kohle. Das Hauptflöz enthielt hier abwechselnde Einlagerungen von bitumenarmer Feuerkohle und bitumenreicher Schwelkohle. An mehreren Orten in der Region gab es besonders reichhaltige Bitumenkohle mit 30 bis 70 Prozent Teergehalt. Auf dieser Basis entwickelte sich im Raum Weißenfels-Hohenmölsen-Zeitz ein bedeutender Zweig der chemischen Industrie (Carbochemie). Besonders die A. Riebeck’sche Montanwerke AG und die Werschen-Weißenfelser Braunkohlen AG setzten hier neue Maßstäbe in der Forschung und Entwicklung der Kohlehydrierung.Mitteldeutsches Braunkohlenrevier, Wandlungen und Perspektiven, Heft 18, Zeitz/Weißenfels LMBV, abgerufen am 25. April 2019.

Eine große Bekanntheit, auch in privaten Haushalten, erlangte die Werschen-Weißenfelser Braunkohlen AG mit der Herstellung von Beleuchtungsstoffen. Ab den letzten Dekaden des 19. Jahrhunderts entwickelte sich das Unternehmen unter anderem zu einem bedeutsamen Produzenten von Haushaltskerzen. Deutschlandweit bekannt waren die Marken Werschen-Weißenfelser Kronen-Kerzen, Adler-Kerzen, Wagen-Kerzen, und vor allem die Werschen-Weißenfelser Solon-Kerzen, die vorrangig aus den Braunkohlewerken in Köpsen und Webau kamen. Die Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure berichtete 1862 über die Gesellschaft:

„Die Werschen-Weißenfelser Braunkohlen-Aktiengesellschaft zu Weißenfels, welche auf 500.000 Thlr. Aktienkapital basiert, beschäftigt sich ebenso mit der direkten Verwertung der gewonnenen Braunkohle, wie mit deren indirekter Verwertung durch Erzeugung von Photogen und Paraffin. Der eigentliche Grubenbetrieb dieser Gesellschaft beschäftigt in der Umgebung von Naumburg, Weißenfels und Zeitz über 1200 Mann. Im Jahr 1859 wurden auf sämtlichen Gruben der Gesellschaft (Runthal, Teuchern, Werschen, Gröben, Rödlitz, Keutschen, Köpsen, Gerstewitz, Domsen und Tornau) zirka 1 Million Tonnen reiner Braunkohle gefördert und davon 530.000 Tonnen zu etwa 53 Millionen Briketts geformt und als solche verkauft.“Zeitschrift des Vereines Deutscher Ingenieure, 4. Jahrgang 1862, S. 528.

Bis 1917 schüttete das Unternehmen an seine Aktionäre regelmäßig hohe Dividenden aus, beispielsweise 15 Prozent für das Geschäftsjahr 1874 und 20 Prozent für das Geschäftsjahr 1916.Max Diezmann: Deutsche Industrie-Zeitung, Organ der Handelskammern zu Chemnitz, Dresden, Plauen und Zittau, Jahrgang 1874, S. 320.Zeitschrift für angewandte Chemie, 3. Jahrgang 1917, S. 422. Gleichfalls zeichnete sich die Werschen-Weißenfelser Braunkohlen AG bis 1918 durch fortschrittliche Sozialleistungen aus. Bereits seit 1856 existierten betriebseigene Arbeiter-, Pensions- und Unterstützungskassen sowie Arbeitnehmervertretungen. Diese Leistungen und Mitbestimmungsrechte gingen maßgeblich auf den Mitbegründer Carl Degenkolb zurück, der als Wegbereiter der heutigen Betriebsräte gilt.Geschichte der Anhaltischen Kohlenwerke AG und der Werschen-Weißenfelser Braunkohlen AG, 1928 Landesarchiv Sachsen-Anhalt, abgerufen am 25. April 2019.

1897 wurde der Sitz des Unternehmens nach Halle (Saale) verlegt. Um leistungsfähige Technik einführen und damit die Produktion steigern zu können, erfolgte zeitgleich eine umfangreiche Vergrößerung sämtlicher Werke sowie der Erwerb neuer Abbaufelder und der Bau weiterer Schwelereien. Hervorzuheben ist die um 1898 errichtete Brikettfabrik in Wählitz mit fünf dampfbetriebenen Hochleistungs-Pressen und dem bis 1906 erbauten ersten eigenen Braunkohlekraftwerk zur Stromerzeugung.TU Bergakademie Freiberg (Hrsg.): Freiberger Forschungshefte, Jahrgang 1982, S. 41.Zeitschrift für Gewinnung und Verwertung der Braunkohle (Hrsg.): Braunkohle, Band 4. Deutscher Braunkohlen-Industrie-Verein, 1906, S. 134.

Ab dem Jahr 1900 führten Preisabsprachen und ein übersteigertes Profitstreben zu einer reichsweiten Versorgungskrise, der sogenannten Kohlenot.Holm A. Leonhardt: Kartelltheorie und Internationale Beziehungen. Theoriegeschichtliche Studien. Hildesheim 2013, S. 96. Vor diesem Hintergrund trat das Unternehmen im Jahr 1909 dem Mitteldeutschen Braunkohlen-Syndikat bei. Dieses Kartell erwies sich jedoch als instabil, so dass es zwischen 1910 und 1913 verstärkt zu Unternehmenskonsolidierungen kam. Im Ergebnis waren zu Beginn des Ersten Weltkriegs nur noch zwei Großunternehmen im Zeitz-Weißenfelser-Revier tätig: die Riebeck’sche Montanwerke AG und die Werschen-Weißenfelser Braunkohlen AG.Mitteldeutsches Braunkohlenrevier, Wandlungen und Perspektiven, Heft 18, Zeitz/Weißenfels (S. 6.) LMBV, abgerufen am 25. April 2019.

Einen besonders erfolgreichen Zusammenschluss stellte die Fusion in gleicher Eigenschaft mit der Waldauer Braunkohlen-Industrie AG im Jahr 1911 dar. Damit gelangten die verkehrsgünstig gelegenen Braunkohlenwerke Profen nebst immenser Lagerstätten sowie die Waldauer Mineralöl- und Paraffinfabriken bei Naumburg in den Besitz des Unternehmens. Von der Waldauer Braunkohlen-Industrie AG wechselte Waldemar Scheithauer in die Geschäftsleitung der Werschen-Weißenfelser Braunkohlen AG, zunächst als Erster Direktor, später als Generaldirektor und Aufsichtsratsmitglied. Nach diesem Zusammenschluss befanden sich 65 Prozent der deutschen Schwelteerverarbeitung im Geschäftsbereich der Werschen-Weißenfelser Braunkohlen AG. In den folgenden Jahren konzentrierte das Unternehmen die Kohleveredlung auf die Schwelereien in Webau, Gerstewitz und Köpsen. Veredlungsprozesse wurden optimiert, zum Beispiel zur Entölung des Paraffins, sowie Verfahren wie das Trockenschwitzverfahren, die Kristallationstechnologie, die Paraffinwäsche oder die Selektiventölung eingeführt und ständig weiterentwickelt.Mitteldeutsches Braunkohlenrevier, Wandlungen und Perspektiven, Heft 18, Zeitz/Weißenfels (S. 6.) LMBV, abgerufen am 25. April 2019.

Insgesamt wurden im Jahr 1914 in den Gruben des Unternehmens rund 2,4 Millionen Tonnen Rohkohle gefördert.Geschäftsbericht 1913/14 Hamburgisches Welt-Wirtschafts-Archiv, abgerufen am 4. Mai 2019. Auf den Briketts der Werschen-Weißenfelser Braunkohlen AG waren zu dieser Zeit grundsätzlich die Initialen der Gesellschaft und der Ortsname der jeweiligen Brikettfabrik gepresst – zum Beispiel W.W. Luckenau oder W.W. Wählitz. Eine Ausnahme stellten die Briketts aus der übernommenen, noch von der Waldauer Braunkohlen-Industrie AG errichteten Fabrik in Profen dar. Diese Erzeugnisse trugen sogar noch zu DDR-Zeiten die Prägung Waldau. Damit war ersichtlich, dass die installierten Pressen von 1910 unverändert viele Jahrzehnte in Betrieb blieben.Mitteldeutsches Braunkohlenrevier, Wandlungen und Perspektiven, Heft 19, Profen, S. 6. LMBV, abgerufen am 15. März 2019.Heiko Gösel: Weißenborner Heimat. Echo vergangener Zeiten. Weißenborn, 2015, S. 17. Forstkurier, abgerufen am 15. März 2019.

Feindliche Übernahme Ab 1910 begannen die beiden jüdischen Großindustriellen Julius Petschek (Prag) und Ignaz Petschek (Aussig) ihren Einfluss im Mitteldeutschen Braunkohlerevier auszuweiten. Sukzessive kauften die stark zerstrittenen Brüder zahlreiche Anteile an Kohlen-, Papier-, Glas- und Chemie-Aktiengesellschaften im Sudetenland und ganz Deutschland auf. Obwohl die Brüder in denselben Geschäftsfeldern tätig waren, standen sie in Konkurrenz und bekämpften sich erbittert.Ingolf Strassmann: Jüdische Arbeit und jüdisches Kapital im Braunkohlenrevier in und um das Herzogtum Sachsen-Altenburg. S. 9. juedische-geschichte.de, abgerufen am 25. April 2019. Bei vielen Unternehmen erlangten Julius und Ignaz Petschek die Aktienmehrheit durch feindliche Übernahmen und überboten sich dabei gegenseitig. Auf diesem Wege erwarben die Brüder im Jahr 1913 einen Aktienanteil von 25 Prozent an der Werschen-Weißenfelser Braunkohlen AG.Wilhelm Pleper: Bergwirtschaftliche Mitteilungen. Bände 4–5. J. Springer, 1913, S. 47, 92.

In den folgenden drei Jahren entbrannte ein regelrechter Wettkampf um die Majorität der Werschen-Weißenfelser Braunkohlen AG, den letztlich Julius Petschek gewann. Gegen den Willen der Banken und der Aktionäre sicherte er sich die Aktienmehrheit und erzwang in einer außerordentlichen Generalversammlung am 24. November 1916 den Rücktritt sämtlicher Aufsichtsratsmitglieder. Auf die gleiche Art und Weise weiteten die Petscheks ihren Einfluss auf die Anhaltische Kohlenwerke AG aus, deren Aktienmehrheit Julius Petschek im Jahr 1918 übernahm. Das Vorgehen zog ein verheerendes Presseecho nach sich. Wirtschaftsredakteure beispielsweise der Deutschen Tageszeitung, der Täglichen Rundschau (Berlin) oder der Neuen Freien Presse (Wien) kritisierten wiederholt die Benachteiligung von Kleinaktionären sowie die mit der Monopolstellung verbundenen volkswirtschaftlich steigenden Energiepreise. Selbst die wirtschaftsliberale Frankfurter Zeitung mahnte die Petscheks, dass „der Mensch nicht nur mit höheren Zwecken wächst, vielmehr wachse der Mensch auch mit höheren Pflichten“.Pressestimmen 1913 bis 1922 Werschen-Weißenfelser Braunkohlen AG Hamburgisches Welt-Wirtschafts-Archiv, abgerufen am 10. Mai 2019.Montanistische Rundschau, 15. Jahrgang 1923, S. 357.Die Bank, Monatshefte für Finanz- und Bankwesen, Jahrgang 1916, S. 1083.