Die Chakaria Sundarbans waren ein Mangrovenwald im Distrikt Cox’s Bazar der Division Chittagong, im äußersten Südosten von Bangladesch, der durch menschliche Eingriffe am Ende des 20. Jahrhunderts zerstört wurde. Ihre ursprüngliche Fläche umfasste etwa 182 Quadratkilometer. Die Chakaria Sundarbans waren nicht Teil des Weltnaturerbes Sundarbans an der südwestlichen Küste von Bangladesch und im indischen Bundesstaat Westbengalen. Sundarban bedeutet in der bengalischen Sprache wörtlich schöner Wald.

Mangroven in Bangladesch Die Mangrovenlandschaft Bangladeschs ist dreigeteilt. Im Südwesten befinden sich etwa 5700 Quadratkilometer natürlichen Mangrovenwalds, die zusammen mit weiteren 4000 Quadratkilometern Mangrovenwald im indischen Bundesstaat Westbengalen die Sundarbans als größten zusammenhängenden Mangrovenwald der Welt bilden. Das im indischen Teil als Sundarbans-Nationalpark ausgewiesene Naturschutzgebiet wurde 1987 von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt. Die im bangladeschischen Teil ausgewiesenen Wildschutzgebiete wurden 1997 ebenfalls Weltnaturerbe. Der Schutz der Mangrovenwälder hat in Bangladesch eine mehr als 125 Jahre zurückreichende Tradition. Mangroven sind in einem Land, das zum großen Teil nur wenige Meter über dem Meeresspiegel liegt, ein unverzichtbares Element im Küstenschutz, sie mindern die durch Tsunamis und Zyklone verursachten Schäden und stabilisieren die Küstenlinie. Das zweite bedeutende Mangrovengebiet des Landes sind die im Bereich der Mündung der Meghna und auf der Küste vorgelagerten Inseln angepflanzten Plantagen. Diese beiden Mangrovensysteme liegen an einer etwa 380 Kilometer langen Küstenlinie, die durch das Wasser des Flusssystems Ganges-Brahmaputra-Meghna und die mitgeführten Sedimente geprägt ist. An der 274 Kilometer langen Küstenlinie der Division Chittagong, mit den Distrikten Chittagong und Cox’s Bazar, befinden sich abseits der Badestrände und der Bebauung stark beeinträchtigte Reste von Mangrovenwäldern. Zu ihnen gehören die Chakaria Sundarbans in der Nähe der Stadt Cox’s Bazar.

Die Mangroven Bangladeschs sind nicht nur wegen ihrer Größe, sondern auch wegen ihrer Biodiversität einzigartig. In ihnen lebt die Hälfte der Mangrovenarten des Indopazifik oder 41 Prozent der weltweit bekannten Mangrovenarten. Die Sundarbans der Südwestküste und Indiens gehören zu den wenigen Mangrovenwäldern der Welt, in denen große Säugetiere leben. Dazu gehören Bengaltiger und indische Elefanten.

Lage, Geografie und Geologie mini|Unterlauf des Matamuhori Die Chakaria Sundarbans befinden sich im ehemaligen Mündungsdelta des Matamuhori und einiger kleinerer Flüsse im Distrikt Cox’s Bazar der Division Chittagong. Sie waren historisch eine Vielzahl von Inseln, die durch Flussarme und Priele voneinander getrennt und mit Gräsern und Mangroven bewachsen waren. Anders als die Mündung des Ganges-Brahmaputra-Meghna-Systems reicht dieses Delta nicht bis zum Golf von Bengalen, sondern ist von der Küste und dem Tidenhub durch eine eiszeitliche Hügelkette isoliert. Es herrscht ein tropisches Regenwaldklima, das im Vergleich zu den Sundarbans im Südwesten mit jährlich 3500 Millimetern noch deutlich höhere Niederschlagsmengen liefert. Dabei fallen 80 bis 85 Prozent des Regens während des Monsun von Mai bis September. Die sechsmonatige Trockenzeit hat ihren Höhepunkt von Februar bis April. Die täglichen Durchschnittstemperaturen schwanken im Jahresverlauf zwischen 20 °C und 32 °C.

Der Boden der Chakaria Sundarbans ist schwefelsaurer Marschboden, der viel Jarosit enthält und mit Flächen extrem sauren Bodens durchsetzt ist. Aufgrund der Isolation vom Meer sind die Chakaria Sundarbans nicht mehr täglichen Überflutungen mit Brackwasser oder Meerwasser unterworfen. Stattdessen kommt es während gelegentlicher starker Regenfälle und während der periodischen Hochwasser des Matamuhori zu Überflutungen mit Süßwasser.

Flora mini|Mangrovenwald mit Sudari-Bäumen (Heritiera fomes) Die natürliche Zusammensetzung der Flora der Chakaria Sundarbans entsprach weitgehend jener der Sundarbans an der südwestlichen Küste, mit Heritiera fomes als dominierender Mangrove. Der Salzgehalt des Bodens ist jedoch deutlich höher. Aus diesem Grund blieben die Mangroven kleiner, mit Wuchshöhen von maximal zwölf Metern, und salztolerante Arten waren häufiger. Die Nipapalme fehlte ebenso wie die in den Restmangroven der Küste von Chittagong dominierenden Sonneratia apetala und Excoecaria agallocha. Vorhanden waren jedoch Sonneratia griffithii, die deutlich zahlreichere Aegialitis rotundifolia und die Dalbergie Dalbergia spinosa. Nur ein kleiner Teil der Chakaria Sundarbans ist noch von Mangroven bewachsen, und die meisten von ihnen bilden nur noch Büsche aus. Im Jahr 2010 waren nur noch elf Bäume der einst dominierenden Heritiera fomes vorhanden.

Natürliche Flora der Chakaria Sundarbans (Auswahl) Art Trivialname Familie Anmerkungen Acanthus ilicifolius Hargoza Acanthaceae Aegialitis rotundifolia Nuniagach Leguminosae Avicennia alba Sada baen Acanthaceae Mangrove Avicennia officinalis Tiyan baen Acanthaceae Mangrove Bruguiera gymnorrhiza Kankra Rhizophoraceae Mangrove Ceriops decandra Goran Rhizophoraceae Unterholz Dalbergia spinosa Ananta kata Papilionaceae Excoecaria agallocha Gewa Euphorbiaceae dominierende Mangrove Heritiera fomes Sundri Sterculiaceae dominierende Mangrove Phoenix paludosa Hental Palmae Unterholz Sonneratia apetala Keora Lythraceae Sonneratia griffithii Lythraceae

Fauna mini|Fischkatze mini|Schwarze Tigergarnele Die Fauna der Chakaria Sundarbans ist nur unzureichend untersucht. Sie bleibt in ihrer Reichhaltigkeit deutlich hinter jener der Sundarbans an der indisch-bangladeschischen Grenze zurück. Es fehlen beispielsweise Tierarten wie der Bengaltiger, Krokodile oder der Axishirsch. Dennoch waren die unberührten Chakaria Sundarbans ein bedeutendes Zentrum der Biodiversität, die infolge der Umweltzerstörungen der letzten Jahrzehnte weitgehend verschwunden ist. Von der auch als Krabbenfresser bekannten Unterart Macaca fascicularis aurea des Javaneraffen, die in den südwestlichen Sundarbans nicht vorkommt, wurden 2001 noch zwei Gruppen mit insgesamt dreißig Tieren gemeldet. 2010 waren diese Gruppen verschwunden, der Javaneraffe gehört nicht mehr zu Fauna der Chakaria Sundarbans.

Fauna der Chakaria Sundarbans (Auswahl) Art Trivialname Familie Anmerkungen Prionailurus viverrinus Fischkatze Katzen (Felidae) Herpestes urva Krabbenmanguste Mangusten (Herpestidae) Hipposideros galeritus Cantor-Rundblattnase Rundblattnasen (Hipposideridae) Todiramphus chloris Halsbandliest Eisvögel (Alcedinidae) Cacomantis sonneratii Sonneratkuckuck Kuckucke (Cuculidae) Rostratula benghalensis Bunt-Goldschnepfe Goldschnepfen (Rostratulidae) Dendrelaphis pictus Gefleckte Bronzenatter Nattern (Colubridae) Cerberus rhynchops Wassertrugnattern (Homalopsidae) Limnonectes limnocharis Dicroglossidae Euphlyctis cyanophlyctis Dicroglossidae Pseudapocryptes elongatus Oxudercidae ungefährdet (LC – Least Concern) Acanthopotamon martensi Potamidae ungefährdet (LC – Least Concern) Lobothelphusa woodmasoni Potamidae ungefährdet (LC – Least Concern) Metapenaeus brevicornis Geißelgarnelen (Penaeidae) ungefährdet (LC – Least Concern) Metapenaeus monoceros Geißelgarnelen (Penaeidae) Palaemon styliferus Felsen- und Partnergarnelen (Palaemonidae) Penaeus indicus Geißelgarnelen (Penaeidae) Penaeus monodon Schwarze Tigergarnele Geißelgarnelen (Penaeidae) Garnele mit großer wirtschaftlicher Bedeutung Scylla serrata Geriffelte Mangrovenkrabbe Schwimmkrabben (Portunidae) ungefährdet (LC – Least Concern)

Wirtschaftliche Nutzung mini|Typische Garnelenzucht im Distrikt Khulna, südwestliches Bangladesch Der Holzeinschlag und die Küstenfischerei auf Fische und Garnelen war in den Chakaria Sundarbans eine wichtige Einkommensquelle. Schätzungen gehen von einer Wirtschaftsleistung von 200.000 bis 900.000 US-Dollar pro Hektar aus.

Die Mangroven waren der Lebensraum der Brut von Garnelen mit wirtschaftlicher Bedeutung, insbesondere die Schwarze Tigergarnele. Der Fang der postlarvalen Stadien und junger Garnelen zur weiteren Aufzucht in den Garnelenfarmen des Landes war eine wichtige Einkommensquelle, hunderttausende Bangladescher waren von Fang, Aufzucht und Verarbeitung der Garnelen abhängig. Dabei wurde der Beifang, vornehmlich andere Garnelen und Fische, rücksichtslos aussortiert und in großen Mengen auf die Strände geworfen. Es herrschte ein krasses Missverhältnis zwischen Beifang und Schwarzer Tigergarnele, die nur 0,75 bis 1,5 Prozent der Fänge ausmachten. Eine 1990 veröffentlichte Studie kam zu dem Ergebnis, dass für eine einzige Schwarze Tigergarnele 14 Garnelen anderer Arten, 21 Fische und 1631 andere Tiere des Zooplanktons getötet wurden. Die Fangmethode brachte eine dramatische Beeinträchtigung der übrigen Wasserfauna mit sich.

1977 wurden im Rahmen eines Regierungsprogramms zur Förderung der Garnelenzucht 2251 Hektar Mangrovenwald für Garnelenfarmen gerodet. 1982 folgten weitere 694 Hektar, zwischen 1985 und 1988 3577 Hektar, und in den Jahren 1995 und 1996 wurde der Rest für die Garnelenzucht freigegeben. Die Umwandlung von Mangrovenwald in Garnelenfarmen wurde von der Weltbank, der Asiatischen Entwicklungsbank und dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen massiv unterstützt. Dazu wurden Kleinunternehmer, die keinerlei Bezug zur Landwirtschaft oder Fischerei hatten, mit großzügigen Krediten zum Landerwerb und zum Aufbau der Unternehmen versorgt. Häufig handelte es sich bei den Nutznießern um Stadtbewohner, die das gepachtete Land an eine Kette von Subunternehmern verpachteten, die bis zum Ende der Kette über immer geringer werdende Landflächen verfügen konnten. Die wenigen nicht für Garnelenfarmen genutzten Flächen wurden zur Salzgewinnung und für Siedlungen genutzt. Durch die fast vollständige Abholzung des Mangrovenwalds wurde dieser Lebensraum zerstört, mit der Folge, dass den Küstenfischern und ihren Familien die seit Generationen vielfältig genutzte Lebensgrundlage entzogen war. Der wirtschaftliche Erfolg der Garnelenzucht bleibt langfristig hinter den durch sie verursachten Schäden und dem Verlust an Chancen durch nachhaltige Forstwirtschaft und Fischerei oder Ökotourismus zurück.

Gefährdung und Schutz Alle Mangrovenwälder von Bangladesch sind durch von Menschen verursachte Beeinträchtigungen bereits zerstört oder akut gefährdet. Dazu gehören der Klimawandel und der dadurch bedingte Anstieg des Meeresspiegels, die Flächenverluste durch Rodung und Überbauung, aber auch die Nutzung als Fläche für die Garnelenzucht. Eine mehrjährige Nutzung für diesen Zweck führt regelmäßig zu Umweltverschmutzungen in einem Ausmaß, das eine Wiederaufforstung mit Mangroven unmöglich macht. Der Verlust der Mangrovenwälder hat nicht nur dramatische Folgen für die Biodiversität der unmittelbar betroffenen Gebiete. Das Fehlen der Mangroven macht die nun offen liegenden Landflächen und die ganze Küstenlinie anfällig für die Bodenerosion. Der fehlende Schutz durch dichte Mangrovenwälder macht die menschlichen Siedlungen in Küstennähe anfällig für die Wirkung von Zyklonen und Tsunamis. Schließlich werden die Sedimentfracht der Flüsse erhöht und die natürlichen Ablagerungsmuster an ihren Mündungen verändert.