mini|Tafel mit Straßennamen auf Serbisch, Slowakisch und Ungarisch, im Dorf Belo Blato in der zu Serbien gehörenden Vojvodina mini|Südtirol: dreisprachige Schulbeschilderung in Gröden auf Italienisch, Ladinisch und Deutsch
Mehrsprachigkeit (auch: Diglossie oder Polyglossie „viel“ und „Sprache“, Multilingualismus oder Plurilingualismus) ist die Fähigkeit eines Menschen, mehr als eine Sprache zu sprechen oder zu verstehen. Auf eine Familie, soziale Gruppe, Kultur, Gesellschaft, ein Gebiet oder einen Staat bezogen, versteht man unter Mehrsprachigkeit die Geltung und die verbreitete oder übliche Verwendung mehrerer Sprachen nebeneinander durch die beteiligten Personen oder Institutionen.
Viele Menschen lernen mehrere Sprachen entweder im familiären Umfeld oder später in Kindergarten und Schule. Während in der Vergangenheit Mehrsprachigkeit für Individuen und Gesellschaft überwiegend negativ gesehen wurde, wird dies heute in Forschung und Politik differenzierter gesehen und vor allem die positiven kognitiven Auswirkungen für den Menschen und die Vorteile für die Gesellschaft hervorgehoben.
Begriffsbestimmungen Mehrsprachigkeit kann bedeuten: individuelle Mehrsprachigkeit: die Fähigkeit eines Menschen, in mehreren Sprachen zu kommunizieren gesellschaftliche Mehrsprachigkeit: die verbreitete Verwendung mehrerer Sprachen in einem Staat oder einer Region und als Unterfälle institutionelle Mehrsprachigkeit: die Verwendung mehrerer Sprachen in öffentlichen Einrichtungen, mehrere Amtssprachen funktionale Mehrsprachigkeit: in Gesellschaften, in denen Sprachen in verschiedenen Bedeutungszusammenhängen und Lebenswirklichkeiten verwendet werden, und als Unterfall Diglossie: Zweisprachigkeit einer Gesellschaft, bei der es eine klare funktionale Mehrsprachigkeit zwischen zwei sozial unterschiedlich gewerteten Sprachvarietäten gibt. kulturelle Mehrsprachigkeit: in Gesellschaften mit Einwohnern, die verschiedene Sprachen nebeneinander verwenden (z. B. Einwanderer oder Minderheiten) literarische Mehrsprachigkeit: Das implizite oder explizite Vorkommen verschiedener Sprachen in einem literarischen Werk
Oft ist eine gesellschaftliche und institutionelle Mehrsprachigkeit verknüpft mit einer Mehrsprachigkeit der einzelnen Menschen.Claudia Maria Riehl: Mehrsprachigkeit: Eine Einführung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2014, ISBN 978-3-534-25522-1, S. 12.
In vielen Veröffentlichungen werden Bilingualismus (Zweisprachigkeit) und Multilingualismus (Mehrsprachigkeit bzw. Polylingualismus) meist austauschbar verwendet. Der Unterschied zwischen Bilingualismus und Mehrsprachigkeit bezieht sich nur auf die Zahl der Sprachen. In manchen Ländern, darunter Belgien, Deutschland und die Schweiz, wird der Ausdruck Mehrsprachigkeit gegenüber Bilingualismus bevorzugt.Charlotte Hoffmann: An Introduction to Bilingualism. Routledge, London / New York 2014, ISBN 978-0-582-29143-0, S. 8–9.
Arten von Mehrsprachigkeit In der sprachwissenschaftlichen Literatur wird zwischen individueller und gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit unterschieden, wobei zwischen Mehrsprachigkeit auf persönlicher Ebene und auf gesellschaftliches Ebene nicht immer scharf getrennt werden kann.Suzanne Romaine: Bilingualism. 2. Auflage. Blackwell, Oxford 1995, ISBN 0-631-19539-4, S. 23.
Individuelle Mehrsprachigkeit Unter individueller Mehrsprachigkeit versteht man die Fähigkeit eines Menschen, sich in mehreren Sprachen verständigen zu können. Die Person kann von einer Sprache in die andere umschalten, falls dies erforderlich ist, um beispielsweise eine Unterhaltung aufrechtzuerhalten (Code-Switching).
Ursachen Es wird unterschieden zwischen: Frühe Mehrsprachigkeit: Wenn jemand mehrere Sprachen von Geburt an oder in der frühen Kindheit erlernt (z. B. durch zweisprachige Eltern oder eine mehrsprachige Umgebung). Erworbene Mehrsprachigkeit: Wenn jemand später im Leben weitere Sprachen lernt, z. B. in der Schule, im Beruf oder durch Auslandsaufenthalte.
Die individuelle Mehrsprachigkeit kennt viele Ursachen; zum Beispiel das Leben in Sprachgrenzgebieten, in sprachlich gemischten Regionen, Zusammenleben und Heirat mit Anderssprachigen, der Zugang zu höherer Bildung, der Glaube und die Zugehörigkeit zu einer Religion, Arbeit in internationalen Unternehmen usw.Yilmaz Ali, Schweizer Nachrichten für internationale Medien Soliday (Hrsg.): Mehrsprachigkeit in der Schweiz – Gewinn oder Nachteil. Basel 2004.
Notwendiges Sprachniveau In der Literatur gibt es eine Debatte, inwiefern jemand beide Sprachen gleichermaßen vollkommen beherrschen muss. Einige Linguisten stellen geringe Anforderungen: Danach ist jeder mehrsprachig, der sich im Alltag in verschiedenen Sprachen verständigen kann, ohne dass er jede Sprache notwendigerweise vollkommen beherrscht. Die Vertreter hoher Anforderungen betrachten nur diejenigen als mehrsprachig, die beide Sprachen so vollkommen wie eine Muttersprache beherrschen (perfekter oder wahrer Bilingualismus, Ambilingualismus).Charlotte Hoffmann: An Introduction to Bilingualism. Routledge, London / New York 2014, ISBN 978-0-582-29143-0, S. 21. Man kann auch zwischen symmetrischer und asymmetrischer Mehrsprachigkeit unterscheiden. Bei erster beherrscht man die Sprachen gleich gut, während bei der asymmetrischen Mehrsprachigkeit eine Sprache weniger gut beherrscht wird.
Ob jemand, der bilingual ist, seine beiden Sprachen fließend beherrscht, ist abhängig von vielen äußeren und inneren Umständen, wie zum Beispiel dem Alter, die allgemeine Intelligenz, die Sprachbegabung als auch Persönlichkeitsfaktoren, Motivation und soziale Umstände.Heike Rohmann, Karin Aguado: Der Spracherwerb: Das Erlernen von Sprache. In: Horst M. Müller (Hrsg.): Arbeitsbuch Linguistik. 2. Auflage. Schöningh, Paderborn 2009, ISBN 978-3-8252-2169-0, S. 279. Besonders beim Alter gibt es eine umfangreiche Diskussion in der Sprachwissenschaft, ob ein Kind ab einem bestimmten Alter eine weitere Sprache noch auf Muttersprachniveau erreichen kann oder nicht. Vertreter der These, dass dies ab einem gewissen Alter nicht mehr möglich sei, sprechen von einer „kritischen Periode“ für Spracherwerb.Charlotte Hoffmann: An Introduction to Bilingualism. Routledge, London / New York 2014, ISBN 978-0-582-29143-0, S. 37.
Gesellschaftliche Mehrsprachigkeit Gesellschaftliche Mehrsprachigkeit liegt vor, wenn in einer Gesellschaft mehr als eine Sprache verwendet wird. In Europa tritt dies beispielsweise in Grenzgebieten auf; ferner haben viele europäische Staaten sprachliche Minderheiten, so etwa die Basken in Spanien und Frankreich oder die keltischen Sprachen in Großbritannien, Frankreich und Irland, Es gibt die offizielle Mehrsprachigkeit in Ländern mit mehreren Amtssprachen Kulturelle Mehrsprachigkeit in Gesellschaften mit Einwohnern, die verschiedene Sprachen nebeneinander verwenden (z. B. Einwanderer oder Minderheiten) funktionale Mehrsprachigkeit in Gesellschaften, in denen Sprachen in verschiedenen Bedeutungszusammenhängen und Lebenswirklichkeiten verwendet werden, z. B. eine Sprache für den Beruf oder als Bildungssprache auf einer höheren Schule oder Universität, eine andere Sprache im sozialen Umfeld oder eine Sprache für den das Lesen vom Presseerzeugnissen, oder Hören für den Rundfunk und Hörfunk.
Arten Mehrsprachige Gesellschaften können in verschiedene Gruppen eingeteilt werden: Mehrsprachige Staaten mit Territorialprinzip sind Staaten, in denen zwar mehrere Sprachen Amtssprachen sind, aber jeweiligen Sprachen auf Teile des Staatsgebiets beschränkt sind oder nur geringfügige Überschneidungen aufweisen. Beispiel sind die Schweiz, Belgien oder Kanada. In solchen Staaten sind die Einwohner nicht notwendig alle mehrsprachig. Staaten mit individueller Mehrsprachigkeit sind Staaten, in denen ein großer Teil der Bevölkerung mehrsprachig ist. Die Menschen beherrschen mehrere Sprachen und setzen sie je nach Situation ein. So sind fast alle afrikanischen Staaten in diesem Sinne mehrsprachig. So sprechen viele Menschen in afrikanischen Staaten eine oder mehrere einheimische Sprachen sowie zusätzlich als Amtssprache noch Sprachen der ehemaligen Kolonialmächte wie Englisch oder Französisch. Einsprachige Staaten mit Minderheitsregionen sind Staaten, die nur eine Amtssprache haben, aber es gibt auf dem Staatsgebiet kleinere Gebiete, in denen anderssprachige Minderheiten leben. Beispiele sind etwa die Bretonen in Frankreich, die Katalanen in Spanien und die deutschsprachige Minderheit in Dänemark. Sprachliche Minderheiten, die schon längere Zeit in ihren Regionen leben, werden auch als autochthone Minderheiten bezeichnet. Staaten mit allochthonen Minderheiten sind Staaten, in denen sprachliche Minderheiten nicht schon länger leben, sondern durch Einwanderung Teil der Bevölkerung geworden und in der Regel über das Staatsgebiet verteilt sind. Beispiele sind italienische und türkische Immigranten in Deutschland, die sogenannten „Gastarbeiter“, und ihre Nachfahren, Facharbeiter und Firmenangehörige, die im Auslandsdienst arbeiten, sowie Diplomaten und Akademiker, die in fremden Ländern leben und arbeiten.Claudia Maria Riehl: Mehrsprachigkeit: Eine Einführung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2014, ISBN 978-3-534-25522-1, S. 62–65.
Seit den 2000er Jahren ist ein größeres Interesse daran entstanden, wie sich Sprache in mehrsprachigen Gesellschaften im öffentlichen Raum sich ausbildet. Besonderes Augenmerk ist dabei zum Beispiel auf (mehrsprachigen) Schildern, wozu auch Aufschriften auf Geschäftsportalen, Werbeplakate oder Hinweisschilder zählen. Solche Sprache im öffentlichen Raum wird in der Forschung als Sprachlandschaft (Linguistic Landscape) bezeichnet.Brigitta Busch: Mehrsprachigkeit. 2. Auflage. Facultas, Wien 2017, ISBN 978-3-8252-4789-8, S. 152–153.
Institutionelle Mehrsprachigkeit
Die institutionelle Mehrsprachigkeit bedeutet, dass in öffentlichen Institutionen und Organisationen wie Verwaltung, Rechtspflege, Gesundheitssystem und Schulwesen mehrere Sprachen verwendet werden.Brigitta Busch: Mehrsprachigkeit. 2. Auflage. Facultas, Wien 2017, ISBN 978-3-8252-4789-8, S. 156. Beispiele für mehrsprachige Institutionen sind mehrsprachige Schulen wie die Europäischen Schulen oder die Staatliche Europa-Schule Berlin oder die Institutionen der Europäischen Union.Elke G. Montanari, Julie A. Panagiotopoulou: Mehrsprachigkeit und Bildung in Kitas und Schulen. Narr Francke Attempo, Tübingen 2019, ISBN 978-3-8252-5140-6, S. 14. In der Schweiz werden die nationalen und kantonalen öffentlichen Dienste in verschiedenen Sprachen angeboten und Lebensmittel in Großverteilern dreisprachig angeschrieben. In Belgien arbeitet die Bundesebene dreisprachig. Die Region Brüssel-Hauptstadt ist zweisprachig. Die Gemeinden Ostbelgiens sind zweisprachig, ebenso wie eine Reihe von Fazilitäten-Gemeinden.
In mehrheitlich einsprachigen Gesellschaften kann institutionelle Mehrsprachigkeit bedeuten, dass für Sprecher von Minderheitssprachen Dolmetsch- und Übersetzungsdienste angeboten werden (community interpreting, public service interpreting). Im Rechtswesen, zum Beispiel in Südafrika, in dem neben Englisch und Afrikaans noch elf weitere Sprachen vor Gericht anerkannt sind, gehört Gerichtsdolmetschen zum Alltag. Auch wenn in vielen europäischen Staaten noch der einsprachige Schulunterricht vorherrscht, selbst wenn die Schülerschaft mehrsprachig ist, finden sich doch zunehmend auch mehrsprachige Unterrichtsformen. Zu den bekanntesten Formen zählt Fachunterricht in einer Fremdsprache (Immersionsunterricht), der auf einen kanadischen Schulversuch aus den 1970er Jahren zurückgeht. Schüler der englischsprachigen Mehrheitsbevölkerung wurden in diesem Schulversuch in den ersten drei Schuljahren in allen Fächern ausschließlich in Französisch, einer Minderheitensprache in Kanada, unterrichtet.Brigitta Busch: Mehrsprachigkeit. 2. Auflage. Facultas, Wien 2017, ISBN 978-3-8252-4789-8, S. 158–176.
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