Max Neunzert (* 29. August 1892 in Winhöring; † 1982 in Bad Reichenhall) war ein deutscher politischer Aktivist. Er wurde bekannt durch seine Verwicklung in verschiedene Fememorde in den 1920er-Jahren sowie aufgrund seiner Rolle beim Hitlerputsch von 1923.
Leben und Tätigkeit Frühes Leben und Erster Weltkrieg (1892–1918) Neunzert war der Sohn eines Oberförsters. Seit 1902 stand der Vater als Oberförster im Dienst des Grafen Ernst von Moy in Salzburg. In seiner Jugend erstrebte Neunzer wie sein Vater eine Laufbahn als Gutsverwalter und Revierförster.
Neunzert besuchte die Realschule in Wasserburg, die er 1911 abschloss. Anschließend arbeitete er in der Landwirtschaft. 1912 meldete Neunzert sich als Einjährig Freiwilliger beim bayerischen Militär, aus dem er 1913 aus gesundheitlichen Gründen zur Ersatzreserve entlassen wurde.
Nach der Absolvierung der landwirtschaftlichen Akademie in Weihenstephan begann Neunzert 1914 ein Studium in der Landwirtschaftlichen Abteilung der Technischen Hochschule in München. Wenige Wochen nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs meldete er sich im September 1914 als Kriegsfreiwilliger zur bayerischen Armee. Er nahm anschließend von 1914 bis 1918 am Krieg teil.
In der Anfangsphase des Krieges tat Neunzert Dienst in der Maschinengewehrkompanie des I. Jägerbataillons, das an verschiedenen Frontabschnitten eingesetzt wurde. Im Juni 1916 erlitt er vor Verdun Prellungen durch einen Granatschuss und wurde wenige Stunden später durch einen Granatangriff verschüttet. Aufgrund dieses Erlebnisses erlitt Neunzert einen Nervenschock und wurde vorübergehend aus dem Kriegsdienst entlassen. Nach seiner Reaktivierung war er vor allem bei Maschinengewehrabteilungen der Fliegerabwehr eingesetzt. Kurz vor Kriegsende wurde er zum Leutnant der Reserve befördert.
Tätigkeit in der Münchener Einwohnerwehr und Verwicklung in Fememorde (1919 bis 1923) Während der bürgerkriegsartigen Zustände des Jahres 1919 beteiligte Neunzert sich als Mitglied eines Freikorps an der Niederschlagung des im Frühjahr 1919 in Teilen von Bayern etablierten Rätesystems. So nahm er an der Zurückeroberung verschiedener oberbayerische Städte durch die konterrevolutionären Kräfte teil.
Im Sommer 1919 wurde Neunzert als Zeitfreiwilliger dem Schützenregiment 41 der Brigade Epp zugeteilt. Von März bis Juni 1920 war er beim Nachrichtendienst des Reichswehrgruppenkommandos in München beschäftigt.
Politisch organisierte Neunzert sich in der NSDAP, in die er im Mai 1920 zum ersten Mal eintrat. Adolf Hitler hatte er bereits 1919 kennengelernt.
Seit Sommer 1920 war Neunzert ohne feste Anstellung bei der Wirtschaftsstelle der Landesleitung der Münchener Einwohnerwehr tätig. Gleichzeitig stand er dem Reichswehrhauptmann Ernst Röhm zur Verfügung. Röhm unternahm es damals als führender Offizier im Münchener Wehrkreiskommando, die rechtsextremen Geheimverbände in München zu beaufsichtigten, mit Waffen und finanziellen Mitteln zu versorgen und ihre Tätigkeit aus dem Hintergrund weitgehend zu dirigieren. Von Mai bis August 1921 hatte Neunzert anlässlich der Entwaffnung der Einwohnerwehr eine dauerhafte und hauptamtliche Stellung bei dieser inne. Anschließend war er vom August 1921 bis zum Mai 1923 Vertragsangestellter des Wehrkreiskommandos.
Bei der Einwohnerwehr bestand Neunzerts Aufgabe vor allem darin, geheime Waffenlager der Rechtsextremen, die durch die Entente gefährdet waren, zu räumen, indem er die Waffen an sichere Orte verbrachte. Hierbei ging es vor allem darum, dass die Waffenbestände der „patriotischen“ Kräfte in Deutschland im Verborgenen einen weitaus größeren Umfang besaßen als es die Friedensverträge mit den Siegermächten des Ersten Weltkriegs erlaubten. Daher sollten diese Waffen vor den Inspektoren der Siegermächte, die in Deutschland die Einhaltung der Abrüstungsverpflichtungen kontrollierten, sorgfältig versteckt werden.
In diesem Zusammenhang bestand eine weitere wichtige Aufgabe von Neunzert und einigen anderen Mitgliedern der Einwohnerwehr darin, tatsächliche oder vermeintliche „Verräter“ in den eigenen Reihen oder Dritte, die von Waffenverstecken erfahren hatten und von denen befürchtet wurde, dass sie die alliierten Inspektoren oder die Behörden über diese illegalen Waffenbestände informieren würden, auszuschalten. Dies geschah zumeist durch die Liquidierung solcher Personen im Rahmen sogenannter Fememorde.
Neunzert stand im Verdacht, in den Jahren 1920 und 1921 an mindestens drei Fememorden an Personen, die die Rechtsextremen für Verräter hielten, beteiligt gewesen zu sein: Während des gescheiterten Fememordes an dem ehemaligen Soldaten Dobner lenkte Neunzert den Wagen, in dem Hermann Berchtold und Schuster diesen durch Strangulieren zu töten versuchten. Dobner entkam jedoch, indem er sich aus dem fahrenden Wagen stürzte und floh. Außerdem war Neunzert der Fahrer des Lastkraftwagens nach Ulm, der mit der Ermordung von Hans Hartung im August 1921 in Verbindung gebracht wurde. Die Polizei verdächtigte ihn zudem als Fahrer des Wagens, in dem 1920 das Dienstmädchen Maria Sandmayr ermordet worden war. Trotz eines zweifelhaften Alibis konnte ihm eine Tatbeteiligung am Sandmayrmord nicht nachgewiesen werden.
In seiner Tätigkeit für Röhm und die Einwohnerwehr unterhielt Neunzert enge Kontakte zur Münchner Polizeidirektion, insbesondere zum Polizeipräsidenten Ernst Pöhner und zum Leiter des Politischen Referates, Wilhelm Frick.
Ende 1920 legte Neunzert seine Diplomprüfung für Landwirte sowie die Prüfung für das landwirtschaftliche Lehramt ab.
Tätigkeit im „Kampfbund“ und Verwicklung in den Hitler-Putsch (1923) Von Mai bis November 1923 gehörte Neunzert der Oberleitung des „Kampfbundes“ an, einer von der NSDAP und mehreren nationalen Wehrverbänden (Reichskriegsflagge, Bund Oberland) gegründeten Organisation, in der die paramilitärischen Kräfte der in ihr zusammenarbeitenden Verbände zusammengeschlossen wurden, um durch eine Zusammenballung der kleineren Einzelorganisationen zu einer größeren Stärke zu gelangen, um die Aussicht zur Erreichung der gemeinsamen Ziele zu verbessern. Neunzert war im Stab des militärischen Führers des Kampfbundes Hermann Kriebel tätig und übernahm als Referent für Spionage und Landesverrat die Leitung der Nachrichtenabteilung des Kampfbundes.
Im November 1923 nahm Neunzert in exponierter Stellung am Hitler-Putsch in München teil: In der Nacht vom 8. zum 9. November 1923 besetzte der Kampfbund, der als militärischer Träger des Putsches fungierte, große Teile der Stadt, woran auch Neunzert beteiligt war. In der Nacht wurde er ins Polizeipräsidium geschickt um Wilhelm Frick seine Ernennung zum Münchener Polizeipräsidenten durch die Putschistenregierung mitzuteilen und diesen anzuweisen, das Präsidium unter seine Kontrolle zu bringen.
Als sich am frühen Morgen des 9. November 1923 abzeichnete, dass die Regierung des bayerischen Generalstaatskommissars Gustav von Kahr, der in der Nacht kurzzeitig signalisiert hatte, sich dem Putschunternehmen anschließen zu wollen, sich darauf vorbereitete, den Putsch niederzuschlagen, wurde Neunzert um 7.30 Uhr morgens von Hitler mit dem Auftrag nah Berchtesgaden geschickt, den früheren bayerischen Kronprinzen Rupprecht aufzusuchen und diesen in seinen, Hitlers, Namen darum zu bitten, die Vermittlung zwischen der Führung der Putschisten und der bayerischen Regierung zu übernehmen. Hitlers Auftrag lautete, dass Neunzert und der Kronprinz verhindern sollten, "dass Nationale auf Nationale" schießen. Das Unternehmen schlug fehl, da der Putsch, noch bevor Neunzert nach München zurückkehren konnte, aufgrund der Schießerei, die sich während des Marsches eines großen Teils der Putschteilnehmer zur Feldherrenhalle in den Mittagsstunden des 9. November am Odeonsplatz entsponn, von der Polizei niedergeschlagen wurde.
Neunzert erreichte den Kronprinzen Rupprecht etwa zur selben Stunde in Berchtesgaden als der Putsch in München zusammengeschossen wurde. Da er hiervon einstweilen nichts wusste, führte eine eineinhalbstündige freundliche Unterhaltung mit dem Aspiranten auf den vakanten bayerischen Thron. Als politisches Modell zur Regierung des Reiches schwebte Neunzert die Idee vor, einstweilen eine "Königsdiktatur" in Deutschland zu errichten, wie sie in den vorangegangenen Jahren in Italien, Spanien und Ungar etabliert worden war. Dabei sollte Hitler als Kanzlers eines Königsdiktators Rupprecht fungieren.
Auf der Rückfahrt nach München erfuhr Neunzert vom Fehlschlag des Putsches. Dennoch setzte er die Fahrt fort und erreichte den Hauptbahnhof am Abend gegen 21.30 Uhr.
Wenige Tage später floh Neunzert über die Grenze nach Österreich, wo er sich als politischer Flüchtling in den folgenden Monaten abwechselnd in Innsbruck, Salzburg und anderen Orten aufhielt.
Aktivitäten von 1924 bis 1929
Ein gegen Neunzert im Zusammenhang mit seiner Verwicklung in den Hitler-Putsch eingeleitetes Ermittlungsverfahren wurde im Rahmen des Hitler-Prozesses von der Münchener Staatsanwaltschaft eingestellt. Begründet wurde dies damit, dass es nicht nachweisbar sei, dass Neunzert in den Putschplan eingeweiht gewesen sei und dass seine Tätigkeit zudem von so untergeordneter Bedeutung gewesen sei, dass nicht nachgewiesen werden könne, dass er sich bewusst gewesen sei, durch seine Tätigkeit das hochverräterische Unternehmen Hitlers zu unterstützen. In der Forschung wird angenommen, dass die Justiz durch diese großzügige Vom-Haken-Lassung Neunzerts vor allem versuchte, eine Hineinziehung des ehemaligen bayerischen Kronprinzen, der von den meisten bayerischen Staatsdienern (darunter den Richtern und Staatsanwälten) weiterhin hoch verehrt wurde, in den Hitler-Prozess zu verhindern.
Im Juli 1924 wurde jedoch ein Haftbefehl gegen Neunzert erlassen, da man ihm vorwarf, den Wagen, in dem die Ermordung der Maria Sandmayr im Jahr 1920 durchgeführt worden war, gefahren zu haben.
Im März 1925 wurde ein Prozess gegen Neunzert und andere wegen der in der Nacht vom 3. zum 4. März 1921 durchgeführten Ermordung des Hartung durchgeführt. Neunzert und seine Mitstreiter wurden freigesprochen.
Nach der Neugründung der NSDAP im Jahr 1925 nahm Neunzert sukzessive eine immer distanzierte Haltung zu der Partei ein: Der sich zu dieser Zeit entwickelnde Personenkult um Adolf Hitler stieß ihn ab, zudem erkannte er immer deutlicher, dass die politische Linie, die die Parteiführung nun verfolgte, mit seinen monarchistischen Überzeugungen unvereinbar war. Zudem missfiel ihm die Umwandlung der Partei von einer Bewegung zu einer politischen Partei klassischen Zuschnitts mit einem bürokratischen Apparat und struktureller Enge.
Trotz persönlicher Bedenken trat Neunzert Anfang April 1928 allerdings doch wieder in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 84.006). Hintergrund war eine Absprache mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Heinrich Held, mit dessen Zustimmung Neunzert die NSDAP unterwandern wollte. Bei der bayerischen Landtagswahl des Jahres 1928 wurde er dann von der Partei als Kandidat für die südlichen Bezirke Oberbayerns nominiert. Mit 7.596 Stimmen verfehlte er den Einzug ins Parlament jedoch knapp.
Tätigkeit als Militärberater in China (1929 bis 1930) Nach dem Scheitern seines Versuches, Abgeordneter im Landtag zu werden, nahm Neunzert, der sich zudem finanziell in einer schwierigen Situation befand, 1928 ein Angebot seines alten Vorgesetzten Kriebels an, mit diesem als Militärberater der chinesischen Nationalregierung nach China zu gehen. Während Kriebel als Kommandeur einer Gardeeinheit der chinesischen Regierung fungierte, übernahm Neunzert den Posten von dessen Adjutanten.