mini|Karikatur zu Impfgegnern, die befürchteten, durch die Pockenimpfung zu Kühen zu werden (1802) Impfgegnerschaft bezeichnet die allgemeine Ablehnung von Impfungen. Impfgegner lehnen Impfungen aus sehr verschiedenen Gründen ab, beispielsweise aus religiösen Motiven, aufgrund von naturheilkundlichen Annahmen oder aus Angst vor Impfschäden. Viele Impfgegner zeigen eine verfestigte allgemeine Ablehnungshaltung gegenüber Impfungen. Zu den Impfgegnern zählen aber auch Personen, bei denen lediglich fehlende Informationen oder Desinformationen eine Impfgegnerschaft hervorrufen, etwa, weil durch ausführliche Berichterstattung über seltene Komplikationen eine verzerrte Wahrnehmung gegenüber dem deutlich größeren Nutzen entstand.Wolfgang Kiehl: (PDF; 1,1 MB) Hrsg.: Robert Koch-Institut, Berlin 2015, ISBN 978-3-89606-258-1, S. 60, Stichwort Impfgegner. Andere Impfgegner machen geltend, Impfungen beruhten auf Verschwörungen, oder sie leugnen die Existenz bzw. die Pathogenität von Viren oder die Existenz des Impfeffektes. Die von ihnen vorgebrachten medizinischen Argumente sind unbelegt oder wissenschaftlich widerlegt; insofern handelt es sich um eine Form der Wissenschaftsleugnung. Die Weltgesundheitsorganisation zählt die Impfzurückhaltung zu den zehn wichtigsten Gefahren für die Gesundheit der Menschheit.

Christiane Meyer und Sabine Reiter vom Robert Koch-Institut grenzen Impfskeptiker von den in der Regel irrational und unwissenschaftlich argumentierenden Impfgegnern ab. Impfskeptiker seien häufig medizinisch informiert, alternativmedizinisch orientiert und lehnten Impfungen nicht per se ab. Stattdessen verträten sie differenzierte Ansichten wie beispielsweise über den Zeitpunkt von Impfungen oder die Impfstrategie.

Historische Ursprünge, Verbreitung und demografische Charakteristika Die ersten Impfungen der allgemeinen Bevölkerung in vielen Ländern richteten sich Anfang des 19. Jahrhunderts gegen Pocken und stießen bald mit unterschiedlicher Begründung auf Ablehnung. Die Ablehnung oder Akzeptanz von Impfungen wird durch strukturelle und organisatorische Faktoren im Gesundheitswesen, aber auch durch soziale, historische, kulturelle, ideologische und andere Faktoren beeinflusst.

Die von Impfgegnern vorgebrachten Gründe für eine Ablehnung ähneln denen von heute: „eine angeblich fehlende Wirksamkeit der Impfung (Erkrankung trotz Impfung), die beobachteten Nebenwirkungen, die Auslösung weiterer Erkrankungen (‚Syphillisation‘), religiöse Beweggründe und die Einschränkung von Persönlichkeitsrechten durch Zwangsimpfungen“.

Immanuel Kant Der Philosoph Immanuel Kant wird gelegentlich als Beispiel einer ethisch begründeten Ablehnung von Pockenimpfungen genannt. Kant war allerdings vor allem in seinen späten Jahren kein genereller Impfgegner, sondern lediglich Skeptiker und Kritiker der damals verfügbaren Methoden zur Immunisierung. Seine Argumente beruhten unter anderem auf der geringen Sicherheit der damals eingesetzten Variolation, bei der der nicht abgeschwächte Erreger verabreicht wurde.Arno Frank: Seuchen und Aufklärung: Gottes gerechte Strafe, taz, online 20. August 2014, Abruf 31. August 2019.Jürgen Stolzenberg: , Vortrag am 21. – 23. April 2014 im Rahmen der XI Internationalen Kant-Konferenz in Kaliningrad, online 23. April 2014, abgerufen am 31. August 2019. Im Laufe seines Lebens änderte Kant seine Meinung zur Pockenimpfung.

So bezog er in seiner 1797 veröffentlichten Metaphysik der Sitten noch kritisch Stellung:Bonner Kant-Korpus: AA VI, Die Metaphysik der Sitten, (…) Von der Selbstentleibung, 1797. Wer „die Krankheit, die ihn in Todesgefahr bringt, sich selbst zuzieht“, der „wagt sein Leben aufs Ungewisse“, und sei somit weniger vernünftig als „der Seefahrer, welcher doch wenigstens den Sturm nicht macht, dem er sich anvertraut“. Da die Selbsttötung ethisch verboten sei, stelle sich die Frage: „Ist also die Pockeninoculation erlaubt?“ Kant vermied es, diese Frage im selben Text oder in anderen Zusammenhängen zu beantworten.Lambros Kordelas und Caspar Grond-Ginsbach: Kant über die „moralische Waghälsigkeit“ der Pockenimpfung. Einige Fragmente der Auseinandersetzung Kants mit den ethischen Implikationen der Pockenimpfung. NTM Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin, , Band 8, Ausg. 1, S. 22 ff, März 2000.

In seinem erst posthum veröffentlichten Alterswerk mahnte Kant, man solle „der Vorsehung“, welche übermäßiges Bevölkerungswachstum auch durch Pockenepidemien begrenze, nicht durch Impfungen in den Arm fallen.Bonner Kant-Korpus: Handschriftlicher Nachlass, AA XV, Zweiter Anhang Medicin, Seite 972. Pocken und Kriege seien dazu bestimmt, das Bevölkerungswachstum zu begrenzen: „Damit Staaten nicht mit Menschen überfüllt werden und man sie in ihrem Keim ersticke: zwey Übel als Gegenmittel in sie Gelegt — die Pocken und den Krieg“. Schutzimpfungen seien zwar „heroische Mittel der Ärzte“. Man müsse sich darauf verlassen, dass „die Vorsehung“ in ihrer Weisheit durch Krieg und Pocken eine Überbevölkerung verhindere: Heroische Mittel der Ärzte sind die, welche auf Tod und Leben oder, was eben so viel ist, auf die Gefahr des Patienten lebenslang krank zu werden dabey gewagt würden (auch nur eine Ansteckung beständig fürchten zu müssen). — Der Weise Gebrauch solcher Mittel kann nicht von einzelnen Menschen, sondern muß von der Vorsehung erwartet werden, welche Krieg und Kinderpocken (und zwar absichtlich) gewollt zu haben scheint, um die große Vermehrung hiedurch einzuschränken.Später hielt Kant sowohl durch die Obrigkeit angeordnete Impfkampagnen gegen Pocken als auch die Hinnahme solcher Impfungen durch die Untertanen für ethisch erlaubt: „ist doch das zweyte mittel, nämlich das der kinderpocken, durch andere Menschen erlaubt: daß namlich die Regierung die Pockeninoculirung durchgängig anbefehle, da sie dann für jeden Einzelnen unvermeidlich: mithin erlaubt ist.“

Weiterer Widerstand gegen Impfungen In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlangte die Impfdebatte Breitenwirkung und die Zahl der gegen Pocken Geimpften sank. Ersten organisierten Charakter hatte die Impfgegner-Szene durch das 1874 beschlossene Reichsimpfgesetz (gegen die Pocken) erlangt. Als erster impfgegnerische Verein wurde der Hamburger „Anti-Impfverein“ 1874 gegründet, der 1875 eine Petition mit knapp 16.000 Unterschriften gegen das Impfgesetz beim Reichstag einreichte. Wichtige impfkritische Organe waren die erstmals 1876 von Heinrich Oidtmann und Theodor Hahn herausgegebene Zeitschrift Der Impfgegner (später Der Impfzwanggegner), sowie der 1908 von Eugen Bilfinger gegründete „Verein impfgegnerischer Ärzte“, der ab 1908 auch die Zeitschrift Die Impffrage durch den Ingenieur Hugo Wegener und den Oberlehrer Paul Mirus herausgab. Als Dachverband vieler impfkritischer Vereine wurde 1911 der „Reichsverband zur Bekämpfung der Impfung“ gegründet, was auch zu einer öffentlichen Wahrnehmung für die Institutionalisierung der Impfgegnerschaft geführt hatte.

Die sogenannte Lebensreformbewegung war die seinerzeit stärkste Vereinigung von Impfgegnern. Der Präsident des Impfgegner-Bundes, Heinrich Molenaar, richtete sich u. a. gegen die Medizin und propagierte ein „Zurück zur Natur“, Impfungen betrachteten die Lebensreformer als Vergiftung des gesunden Körpers.

1881 erschien die einflussreiche Kampfschrift Die Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage. Mit einer weltgeschichtlichen Antwort des Sozialdemokraten Eugen Dühring, der als einer der Vorläufer des späteren Nationalsozialismus und der mit ihm verbundenen Rassenlehre angesehen wird. Darin behauptete er, das Impfen sei ein Aberglaube, von jüdischen Ärzten aus Gründen der persönlichen Bereicherung erfunden.

In der Regel übten hauptsächlich medizinische Laien Kritik an der Pockenschutzimpfung. Manche Impfgegner stellten hierbei die Wirkung der Pockenschutzimpfung in Frage und bestritten deren kausalen Zusammenhang mit dem Rückgang der Pockenfälle, obwohl dieser erst nach Einführung der Impfung stark eingesetzt hatte. So wurden beispielsweise bessere hygienische Zustände angeführt. Oidtmann dagegen behauptete, dass nicht die protektive Wirkung der Impfung, sondern der zurückgehende Lumpenhandel aus Schafwolle für jenen Rückgang verantwortlich sei (er vertrat die Ansicht, Pocken würden über Schafwolle übertragen). Andere Impfgegner stritten zwar den Sinn von Impfungen nicht ab. Stattdessen standen sie dem gesetzlich verankerten Pockenimpfzwang kritisch gegenüber, befürchteten Langzeitfolgen oder kritisierten z. B. als Vegetarier das Einbringen tierischer Materialien durch die Impfung (Impflymphe aus Kuhpocken). Schließlich gab es Impfgegner wie Wegener in den 1910er Jahren, die bewusst durch Berichte angeblicher Impfopfer die Bevölkerung „in Furcht und Schrecken“ versetzen wollten. Wegener veröffentlichte u. a. das Buch Segen der Impfung oder Impf-Friedhof – er machte dabei häufig keinerlei Angaben zu Quellen, Authentizität oder näheren Hintergrund, außerdem verbarg er Arbeitsweise und Informationsgewinnung.

Extremisten nutzten vor allem emotional gefärbte Argumente, die Ängste heraufbeschworen und größtenteils irrational und wissenschaftsfeindlich waren. Ein wiederkehrendes Motiv war auch das medienwirksame Präsentieren von Patienten mit Impfschäden. In den Jahren 1908 bis 1914 organisierten Impfgegner einige mehrtägige Kongresse. Von 1870 bis 1912 erschienen etwa 1000 impfgegnerische Publikationen, die zu Protestaktionen aufriefen.Bärbel-Jutta Hess: Seuchengesetzgebung in den Deutschen Staaten und im Kaiserreich vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis zum Reichsseuchengesetz 1900. Dissertation, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, 2009, S. 266ff. Die Impfgegnerbewegung zählte zu den bedeutendsten medizinkritischen Laienbewegungen.