SklavenmarktDer Gemäldetitel Sklavenmarkt findet sich in Norbert Wolf: Die Kunst des Salons: Malerei im 19. Jahrhundert, 202., auch Der SklavenmarktDie Bezeichnung Der Sklavenmarkt findet sich in Klaus von Beyme: Die Faszination des Exotischen: Exotismus, Rassismus und Sexismus in der Kunst, S. 118. , ()Der französische Titel Marché d’esclaves stammt aus Gerald M. Ackermann: Jean-Léon Gérôme: 1824–1904: sa vie, so œuvre, S. 66. ist ein Gemälde des französischen Malers Jean-Léon Gérôme aus dem Jahr 1866. Das in Öl auf Leinwand gemalte Bild hat eine Höhe von 84,6 cm und eine Breite von 63,3 cm. Es zeigt eine im Nahen Osten angesiedelte Szene, in der eine nackte Frau in der Öffentlichkeit als käufliche Ware angeboten wird. Die im Stil des Orientalismus gemalte Darstellung einer exotischen Welt entsprach nicht realen Begebenheiten, sondern den sexualisierten Fantasievorstellungen des europäischen Publikums. Das Gemälde gehört zur Sammlung des Sterling and Francine Clark Art Institute in Williamstown (Massachusetts).

Bildbeschreibung mini|Detailansicht der zentralen Personen: Käufer, Verkaufsobjekt, Verkäufer Gérôme zeigt im Gemälde Sklavenmarkt eine orientalische Szene. In der Bildmitte steht in Frontalansicht eine nackte Frau, die zum Verkauf angeboten wird. Ein um den Hals gelegter weißer Strick kennzeichnet sie als Sklavin. Abgesehen vom dunklen Kopfhaar ist keinerlei Körperbehaarung zu sehen; selbst das Schamhaar im Genitalbereich fehlt. Der Kritiker Paul Mantz bezeichnete sie 1867 in der Gazette des Beaux-Arts als „femme en ivoire“ (Frau aus Elfenbein) und hob damit ihren makellosen Körper mit heller Hautfarbe hervor.Paul Mantz: Salon de 1867 in Gazette des Beaux-Arts, S. 531. Die nackte Sklavin wird flankiert von zwei bekleideten Männern. Hinter ihr steht ein dunkelhäutiger Mann mit schwarzem Bart, der die Rolle des Sklavenhändlers übernimmt. Der wenig freundlich auf die Sklavin blickende Mann trägt auf seinem kahlgeschorenen Kopf eine ockerfarbene Kappe, bei seiner hellen orientalischen Kleidung könnte es sich um eine Dschallabija handeln. Mit seiner zur Hüfte gestellten linken Hand umfasst der Händler einen Stab, der diagonal bis zum Boden ragt. Dieser dünne Stock dient dem Mann nicht als Stütze, sondern ist eher geeignet, seinen Anweisungen mit Schlägen Nachdruck zu verleihen. Vor der Brust hält er mit der rechten Hand ein weißes Stück Stoff, mit dem vermutlich die Sklavin zuvor bekleidet war. Die Entkleidung der Frau ermöglicht es dem potentiellen Käufer die menschliche Ware besser zu begutachten. Der Kunde steht rechts von ihr und wird im Profil gezeigt. Er trägt ein grünes Gewand mit weißer Verzierung. Darunter ist dunkle Kleidung zu sehen. Vorn und am breit umgeschlagenen Ärmel kennzeichnet ein leuchtend goldener Stoff den Träger als wohlhabenden Mann. Von seinem dunkelhäutigen Gesicht ist nur die Partie um Nase und Augen zu sehen, da vor den Mund ein Teil seines weißen Kopftuches gebunden ist. Der Kunde blickt zur etwas kleineren Sklavin herunter. Er hat die linke Hand auf ihren zur Seite geneigten Kopf gelegt und steckt zwei Finger der rechten Hand zwischen ihre kaum geöffneten Lippen. Mit den Fingern scheint er den Zustand ihrer Zähne zu prüfen – eine Handlung, die eher vom Pferdemarkt bekannt ist.Norbert Wolf: Die Kunst des Salons: Malerei im 19. Jahrhundert, 202. Hinter dem Kunden stehen zwei weitere Männer, die möglicherweise zu seinem Gefolge gehören. Während einer dieser Männer weitestgehend verdeckt wird und fast nur die weiße Kopfbedeckung zu sehen ist, blickt vorn ein junger Mann mit grauem Turban und auffällig rotem Gewand über die Schulter des Kaufinteressenten. Er scheint ebenfalls einen Blick auf die nackte Frau erhaschen zu wollen. Der potentielle Käufer ist jedoch die einzige Person im Bild, die die Sklavin in ihrer ganzen Nacktheit von vorn sieht. Nur der Bildbetrachter hat einen ebenso freien Blick auf die entkleidete Sklavin. mini|Detailansicht des männlichen Sklaven am Bildrand Der Hintergrund ist nicht eindeutig zu lokalisieren. Die Architektur mit ihren Säulen, Bögen, Vordächern und hellem Mauerwerk erinnert an Gebäude im Vorderen Orient. So könnte der Ort beispielsweise eine Karawanserei sein. Die Szenerie hinter dem Geschehen im Vordergrund wird von zahlreichen Personen bevölkert. Am linken Bildrand stehen vor einer Säule zwei im Gespräch vertiefte Männer. Davor hat sich auf dem Boden ein Hund zur Ruhe gelegt. Am linken Bildrand sitzt eine Gruppe von Frauen auf der Erde. Zwei Frauen sind in weiße Kleidung gehüllt und tragen vor ihrem Gesicht einen Schleier. Eine von ihnen kümmert sich um ein halbnacktes Kleinkind. Daneben sitzt eine Frau im blauen Gewand, deren dunkles, fast schwarzes Gesicht frontal zu sehen ist. Sie schaut nicht zum Bildbetrachter, sondern blickt nachdenklich vor sich hin. Hinter den sitzenden Frauen steht eine Gruppe von Männern. Sie sind wie die Männer auf der linken Seite in orientalische Kleidung gehüllt. Hierzu gehören Turbane und Kaftane, in teils farbigen Stoffen. Nur schwer zu erkennen ist ein nackter dunkelhäutiger Mann, der am rechten Bildrand vor den bekleideten Männern steht. Sie begutachten sein vorderes Antlitz, während er dem Bildbetrachter seinen Rücken zuwendet. Er bildet in Hautfarbe und Geschlecht einen Gegenpol zur weiblichen Sklavin in der Bildmitte.

Die Lichtsituation im Bild ist unbestimmt. Obwohl die Szenerie vermutlich unter freiem Himmel angesiedelt ist, fällt das Licht nicht von oben auf die Personen. Stattdessen sind in der linken Bildhälfte nach schräg links fallende Schatten zu sehen. Die im hellen Licht erscheinende Szene des Vordergrundes wirkt wie auf einer Bühne von vorn beleuchtet. Hierzu passt die für Gérôme charakteristische Feinmalerei im Stil der Akademischen Kunst. Mit großem Detailreichtum sind nicht nur die Gesichtszüge des Sklavenhändlers oder die Stoffe der Gewänder ausgeführt, auch einzelne Steine im Bildvordergrund wurden malerisch individuell beschrieben.James A. Ganz, Richard R. Brettell: Great French paintings from the Clark: Barbizon through impressionism, S. 134. Das Gemälde wurde unten rechts mit „J. L. GEROME“ signiert.Sarah Lees, Richard Rand, Katharine J. Albert: Nineteenth-century European paintings at the Sterling and Francine Clark Art Institute, S. 360.

Aktdarstellungen in Gérômes Darstellungen der Antike und des Vorderen Orients mini|Jean-Léon Gérôme: Phryne vor den Richtern, 1861, Hamburger Kunsthalle Gérôme ist bekannt für seine Darstellungen antiker Themen und Sujets aus dem Vorderen Orient. In seinem 1861 gemalten Werk Phryne vor den Richtern (Hamburger Kunsthalle) zeigt er eine in der griechischen Antike angesiedelte Szene, in der eine entkleidete Frau in ähnlicher Weise gezeigt wird, wie sie später im Bild Sklavenmarkt zu sehen ist. Die historisierende Darstellung der Phryne ermöglichte es dem Publikum des 19. Jahrhunderts, sich wie ein Voyeur am nackten Körper einer Frau zu ergötzen, ohne gegen die sittenstrenge Moral der Zeitgenossen zu verstoßen. mini|Cham: M. GÉROME. Un Arabe qui a mal aux dents achète un esclave pour lui mâcher son dîner., Karikatur in der Zeitschrift Charivari, 1867 Die Orientmotive des Malers standen nicht zuletzt unter dem Eindruck seiner Reisen in den Nahen Osten, die er 1856 und 1862 unternommen hatte. Gérôme weilte jeweils für mehrere Monate in Ägypten und seinen Nachbarländern, studierte Landschaften und Baudenkmale und beobachtete die dort lebenden Menschen. Die im Nahen Osten entstandenen Skizzen dienten später in Europa neben zeitgenössische Fotografien als Vorlage für seine Gemälde. Die vor Ort erlangten Kenntnisse brachten ihm in Frankreich viel Ruhm ein. So lobte Maxime Du Camp, der selbst den Nahen Osten bereist und dort auch fotografiert hatte, Gérômes Sklavenmarkt für seine realistische Darstellung. In seiner in der Revue des Deux Mondes erschienenen Kritik Le Salon de 1867 hob er die genaue Beschreibung in Gérômes Gemälde hervor. Auch glaubte er, den Ort des Bildes exakt wiederzuerkennen. Demnach sei das Motiv in den Ruinen der al-Hakim-Moschee in Kairo angesiedelt. Zudem urteilte Du Camp über die im Bild gezeigte nackte Frau, sie sei eine Abessinierin und gehöre somit zu den teuren Sklavinnen. Der Maler habe sie geschickt als unterwürfig, demütig und resigniert dargestellt.Sarah Lees, Richard Rand, Katharine J. Albert: Nineteenth-century European paintings at the Sterling and Francine Clark Art Institute, S. 360. Diese positive Einschätzung des Gemäldes teilten nicht alle Zeitgenossen. So schuf der Karikaturist Cham eine Zeichnung nach Géromes Gemälde, die er 1867 in der Zeitschrift Le Charivari veröffentlichte. Darunter fügte er die parodierende Unterschrift hinzu: „M. GÉROME. Un Arabe qui a mal aux dents achète un esclave pour lui mâcher son dîner.“ (sinngemäß: Ein Araber mit Zahnschmerzen kauft eine Sklavin, damit sie für ihn das Abendessen kaut).Arnauld de Vresse (Hrsg.): Cham au Salon de 1867, Nr. 642.

Im Gemälde Sklavenmarkt weisen zwar Architektur und Kleidung der dargestellten Personen auf den Vorderen Orient hin und das Geschehen könnte vor diesem Hintergrund durchaus im 19. Jahrhundert in Ägypten stattgefunden haben, doch gibt es für einen Sklavenmarkt, wie er im Bild geschildert wird, keinen dokumentierten Hinweis. Sklaverei im Islam war zwar in einzelnen Ländern der Region bis ins 20. Jahrhundert verbreitet, aber Gérômes Sklavenmarkt ist weder eine nach dem Leben gemalte Szene, noch eine neutrale Darstellung realer Begebenheiten.James A. Ganz, Richard R. Brettell: Great French paintings from the Clark: Barbizon through impressionism, S. 134. Die öffentliche Präsentation einer nackten Sklavin entsprach daher vermutlich der Fantasie. Vorlage hierzu könnte eine Beschreibung des Autors Gérard de Nerval sein, der 1851 in seiner in Teilen fiktionalen Reise Voyage en Orient einen Sklavenmarkt beschrieb. Hierin schilderte er einen Verkäufer, der eine Sklavin entkleidet. In dieser Erzählung wird wie in Gérômes Gemälde, der Mund der Sklavin geöffnet, um die Zähne zu untersuchen.Sarah Lees, Richard Rand, Katharine J. Albert: Nineteenth-century European paintings at the Sterling and Francine Clark Art Institute, S. 360.

Das Thema Sklavenmarkt wählte Gérôme wiederholt als Bildmotiv. Ein anderes Gemälde mit demselben Titel befindet sich heute im Cincinnati Art Museum. Diese 1871 entstandene Version des Themas zeigt mehr oder weniger bekleidete Frauen, die an einer Hauswand kauernd als Sklavinnen verkauft werden sollen. Der orientalische Händler sitzt hier im Haus vor geöffneten Fenster und wartet auf Kundschaft. Darüber hinaus schuf Gérôme 1884 zwei im antiken Rom angesiedelte Sklavenmarktszenen. Sowohl der Sklavenmarkt in Rom (Walters Art Museum, Baltimore) als auch der Sklavenmarkt in antiken Rom (Eremitage, Sankt Petersburg) zeigen einen Händler, der auf erhöhter Bühne eine Sklavin entkleidet hat und sie vor einem Publikum aus männlichen Kunden zur Versteigerung anbietet. Der Autor Norbert Wolf wies darauf hin, dass solche Darstellungen von Sklavenmärkten im 19. Jahrhundert in großer Zahl in den Salonausstellungen zu sehen waren. Diese Bilder dienten als „Sensationsdarstellungen“, „die dem wohlig schaudernden Publikum dokumentarisch vor Augen führten, wie weibliches Kapital zum späteren Konsum, zur späteren Verlustierung ... versammelt wurde.“Norbert Wolf: Die Kunst des Salons, S. 202.