Der für die Purpurfärberei notwendige Purpur war die kostbarste Farbe des Altertums. Sie wurde aus Purpurschnecken, die im Meer leben, gewonnen. Schon lange vor der Gründung Roms produzierte man Purpur im Mittelmeerraum, sicher schon um 1600 v. Chr. im Bereich der minoischen Kultur, auf hohem technischen Niveau.Marianne Guckelsberger: Purple Murex Dye in Antiquity, Thesis. University of Iceland, Dezember 2013, S. 7–9. Die antike Literatur hat von der Kunst der Purpurfärberei nur Fragmente bewahrt. Detailliertere Informationen darüber findet man erst in der frühen römischen Kaiserzeit in der Naturalis historia von Plinius dem Älteren (23/24–79 n. Chr.). Seine Nachrichten sind für die Kenntnis der antiken Purpurfärberei unumgänglich, müssen aber für die frühe Römische Kaiserzeit durch Informationen über die Bedeutung der Purpurfarbe im Herrscherbereich ergänzt werden.

Erst wieder aus der römischen Spätantike sind weitere wichtige Nachrichten über die antike Purpurfärberei aus dem Bereich des Römischen Reiches vorhanden. Es ist das Kapitel über die Purpurwaren im Höchstpreisedikt des Diokletian (301 n. Chr.) und Gesetze verschiedener römischen Kaiser über den Purpur, die im Codex Theodosianus und dem Codex Iustinianus überliefert sind. Mit der Eroberung der Levante und ihrer hervorragenden Purpurfabriken und Nordafrikas durch die muslimischen Araber in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts erfährt die Purpurproduktion im Römisch/Byzantinischen Reich einen empfindlichen Rückschlag. Sie konzentrierte sich nun im Bereich des Römisch/Byzantinischen Reiches immer mehr auf die Hauptstadt, auf Konstantinopel. Sie wird im letzten Abschnitt über die Purpurfärberei im Byzantinischen Reich dargestellt.

Frühe Römische Kaiserzeit nach Plinius dem Älteren Man kann die Darstellung des Plinius über die Purpurfärberei im 9. Buch seiner „Naturalis historia“ (Randnummer [= Rn.] 124–141)C. Plinius Secundus: Naturalis historia. Lateinisch-Deutsch 9, Rn. 124–141: Text: Gerhard Winkler, Übersetzung und Kommentar: Roderich König, Verlag Heimeran München 1979, S. 92–104. in zwei Abschnitte gliedern: einen ersten, in dem er über die Arten der Purpurschnecken, über ihre Lebensweise und ihren Fang berichtet. Dabei unterscheidet er zwei Sorten von Schnecken: solche, die für die Produktion von Purpurfarben und solche, die für die Herstellung von Conchylienfarben gebraucht wurden (Rn. 125–133). Dann, in einen zweiten Abschnitt, in dem er zunächst über die Methoden zur Herstellung der Purpur- und Conchylienfarben und dann über verschiedene Purpursorten informiert: über Einfachfärbungen und Kombinationsfarben, die aus der Verbindung verschiedener Purpurfarbstoffe hervorgehen und schließlich über Luxuspurpurfarben (Rn. 134–141).

Purpurschnecken und ihr Farbstoff (Rn. 130–131) mini|Purpurgefärbte Stoffe und entsprechende Schnecken: Herkuleskeule bzw. Brandhorn – Bolinus brandaris; Stumpfe Stachelschnecke (Purpurschnecke) – Hexaplex trunculus; Rotmund-Leistenschnecke – Stramonita haemastoma, Thais haemastoma. Exponat des Naturhistorischen Museums in Wien

Plinius teilt die Purpurschnecken in zwei Kategorien ein, wobei er zwischen den verschiedenen Sorten, ihrem speziellen Farbton und der Qualität des Farbstoffes unterscheidet und die natürlichen Farbtöne bzw. Standardfarben der einzelnen Purpurschnecken nennt.

+Schnecken mit rot (– violetten) FarbstoffSchnecken mit sehr dunklem, blaugetöntem FarbstoffBezeichnung nach PliniusBucinumDialutenseTaeniensePurpuraCalculenseArtRotmund-Leistenschnecke (Stramonita haemastoma)Herkuleskeule (Bolinus brandaris)Gerippte Purpurschnecke (Ocenebra erinacea)Stumpfe Stachelschnecke (Hexaplex trunculus)Nordische Purpurschnecke (Nucella lapillus)Farbeblaustichiges funkelndes Rotwie die schimmernde, dunkle RoseBereich der dunklen Roseeine Sorte: Dunkelblau (bei Luftzufuhr) andere Sorte: Dunkelblauviolett (bei Belichtung)mehr DunkelblauQualität**************** Legende: Qualität im Sinne der Echtheit und Haltbarkeit der Farbe, absteigend von der höchsten Stufe, von *****, bis zur niedersten *

Es ist zu beachten, dass die natürlichen Farbtöne der einzelnen Purpurschnecken Veränderungen unterworfen sein konnten.L. Aenneus Seneca: Naturales Quaestiones 1, 3, 12 f. Einmal waren die Farbtöne abhängig vom Alter, von der Geschlechtsreife und dem Nahrungsangebot, das den einzelnen Purpurschnecken zur Verfügung gestanden hatte, andererseits konnten die Purpurfarben nuanciert werden durch die Methoden, die die Färber bei der Produktion des Farbstoffs anwandten.

Die Purpurschnecken bringen jedoch keinen fertigen Farbstoff hervor, sondern nur seine Vorstufen (Chromogene). Diese entwickeln sich in der Hypobranchialdrüse, und zwar bei beiden Gruppen in verschiedener Zusammensetzung. Die Drüse befindet sich in der Mantel- bzw. der Atemhöhle der Tiere. Nach der Qualität der Farbe wurde wohl die Purpura (Hexaplex trunculus) von den antiken Färbern am meisten geschätzt und nicht diejenige der Diatulense-Schnecke (Bolinus brandaris).

Farbstoffgewinnung und Vorgang des Färbens (Rn. 133) Plinius berichtet in seiner Naturalis historia 9, Abschnitt 62, Rn. 133 9:

Bei dem von Plinius beschriebenen Verfahren zur Farbstoffgewinnung handelt es sich um eine enzymatische Hydrolyse.Herbert Fouquet: Bau und Reaktionen natürlicher Chromogene indogoider Farbstoffe bei Purpurschnecken. Diss. nat. Saarbrücken 1970, S. 13; 37–43; 93–96. Dazu wird die Hypobranchialdrüse mit den Farbstoffvorprodukten (Chromogene) den Schnecken entnommen und dann eingesalzen. Auf 100 römische Pfund – rund 32 kg – Drüsenmasse gibt man jeweils ungefähr ein halbes Kilogramm Salz, das man drei Tage lang einwirken lässt. Anschließend bringt man die breiige Drüsenmaterie mit Wasser zusammen in einen Topf aus Blei oder nach neueren Forschungen aus Zinn. Auf 500 Pfund – etwa 163 kg – Masse gibt man 100 Amphoren Wasser (ca. 2.619 Liter).

Die Farbstoffbildung vollzieht sich relativ schnell unter der Aktivität des Enzyms Purpurase unter der Einwirkung von Luftsauerstoff oder Belichtung oder von beidem. Doch damit hat man gleich ein Problem: Mit dem entwickelten Purpurfarbstoff kann man nicht färben, weil dieser unfähig ist, auf die Faser aufzuziehen. Der entwickelte Purpurfarbstoff musste zuerst in einen wasserlöslichen Zustand (Leukoform) reduziert werden, den die Faser aufsaugen kann, wodurch eine innigere Adsorption an der Faser erfolgt.Siehe dazu Küpenfärberei und Küpenfarbstoffe: Franz Weiss: Die Küpenfarbstoffe und ihre Verwendung in der Färberei und im Zeugdruck. ISBN 3-211-80326-2, S. 30 (). Ausgelöst wird diese Reduktion durch die nach ungefähr drei Tagen einsetzende Gärung (Fermentation). Dafür scheinen die organischen Bestandteile, die zwangsläufig an den Drüsen hängen bleiben, verantwortlich zu sein. Experimente zeigten, dass die Küpe nicht zum Kochen gebracht werden darf, dann würde die Farbstoffbildung nicht stattfinden. Eine konstante mäßige Temperatur und die richtige alkalische Umgebung begünstigen vermutlich die Vermehrung eines Bakteriums, das die Reduktion in Gang bringt. Dabei vollzieht sich in den folgenden Tagen ein Farbwechsel: vom anfänglichen Purpurton zum Blau – Blaugrün – Grüngelb. Der Farbstoff ist löslich geworden. Nur so ist es möglich, dass der Farbstoff während des Eintauchens in die Küpe auf die Wolle oder Seide aufzieht und dann an der Luft zu einer der vielen Purpurvarianten von Violettrot zu Blauviolett oxidiert und wasserunlöslich wird. Alles gefärbte Material kommt grün aus der Küpe, man taucht es sofort in frisches Wasser, und erst im Kontakt mit dem Sauerstoff, möglichst ohne Belichtung, zeigt sich die erreichte Purpurvariante. Zum Schluss wird die getränkte Wolle gut gewaschen und zum Trocknen aufgehängt.Die Ausführungen haben die Forschungen von Inge Boesken Kanold und Inhalte von Wikipedia „Purpurküpe“ zur Grundlage.

Schneckenpurpurfarben bei Plinius bzw. ihre Anfärbungen Plinius kennt zwei Kategorien von Schneckenpurpurfarben: Die Purpurae (Purpurfarben im engeren Sinn) mit einem mehr rötlichen und die Conchylia (Conchylienfarben) mit einem mehr bläulichen Farbton. Die gängige Ansicht, die Conchylienfarben seien kein echter und vollwertiger Purpur gewesen, ist nicht richtig. Die Purpurfarben im engeren Sinn entstanden aus einer Mischung der Auszüge der Purpura (Hexaplex trunculus) und des Bucinums (Stramonita haemastoma) oder allein aus dem Diatulense (Bolinus brandaris), die Conchylienfarben dagegen allein aus der Purpura (Hexaplex trunculus), jedoch mit anderer Küpe als die Purpurfarben in engeren Sinn.

Arten von Anfärbungen mini|Mit „dunkle Rose“ ist vermutlich eine Gallica-Rose gemeint, die es schon in der Antike gab.

Einfachfärbungen (Rn. 134) 1. Purpurfarben

Purpura rubra = Purpura rosea = rubrum (ostrum) =

Farbe: wie die dunkle Rose (siehe Abbildung „dunkle Rose“); erzeugt aus dem Farbstoff von Bolinus brandaris.

2. Conchylienfarben

(1) Dunkle Conchylienfarben

a. Purpura hyacinthina = Heliotropeum caeruleum = atrum (ostrum) = (siehe Abbildung Santa Maria Maggiore)

Farbe: Dunkelblau wie der südliche Himmel.

b. Purpura violacea = violaceum (ostrum), erzeugt aus dem Hexaplex truncuus

Farbe: Dunkelblau mit rötlicher Nuance, erzeugt aus dem Hexaplex trunculus

c. Glaucum (ostrum)

Farbe: Dunkelblau ins Dunkelgrün schillernd, erzeugt aus dem Hexaplex trunculus

(2) Helle Conchylienfarben

a. Heliotropium, lividum (ostrum)

Farbe: hellblau, rauchblau, erzeugt aus dem Hexaplex trunculus

b. Ein rötlich nuanciertes Hellblau (Rauchblau) = Malvenfarbe, die ins Purpurne zieht, erzeugt aus dem Hexaplex trunculus.

Diese Conchylienfarben waren wohl Standardfarben der Einfachfärbungen. Es gab wohl viele Variationen von Farbtönen, die aus Einfachfärbungen hervorgingen. Sie wurden alle aus dem Hexaplex trunculus gewonnen. Die Farbunterschiede waren erzeugt durch unterschiedliche Küpen, durch unterschiedliche Belichtungen und Variationen bei der Luftzufuhr.Gerhard Steigerwald: Die antike Purpurfärberei nach dem Bericht Plinius’ des Älteren in seiner „Naturalis historia“. In: Traditio. 42 (1), (1986), S. 24–35, 54–55.

Zweifachfärbungen (Rn. 134–135) Die Zweifachfärbungen gehörten ausschließlich zur Kategorie der Purpurfarben im engeren Sinn. Bei ihnen hat man die Drüsenauszüge der Purpura (Hexaplex trunculus) und des Bucinums (Stramonita haemastoma) miteinander kombiniert. Plinius hebt zwei Sorten besonders hervor:Gerhard Steigerwald: Die antike Purpurfärberei nach dem Bericht Plinius’ des Älteren in seiner „Naturalis historia“. In: Traditio. 42 (1), (1986) S. 20–24.

mini|Pompeji, Villa Misteri, Fresko aus dem Mysteriensaal (Kleider mit Amethystpurpur) Purpura amethystina = Amethystpurpur, Farbton orientierte sich am indischen Amethystedelstein, erzeugt aus einem Farbstoffgemisch des Hexaplex trunculus und der Stramonita haemastoma (siehe Abbildung Pompeji, Villa Misteri) Color tyrius = dibapha tyria = blatta = Tyrischer Purpur (siehe Abbildung Ravenna, S. Vitale) Die Farbe war schwarzrot wie das getrocknete Blut. Diese Purpursorte ging aus einer Doppelfärbung hervor. Dieselbe Wolle (Seide) musste zweimal gefärbt werden: zuerst im grünen, noch nicht ausgereiften Farbstoff des Hexaplex trunculus und dann anschließend, ohne Verhängen in der Luft, in der stramonita haemastoma. Der tyrische Purpur galt als die kostbarste Purpursorte des Altertums und war die vorzügliche Purpurfarbe für die kaiserlichen Gewänder.Gerhard Steigerwald: Die antike Purpurfärberei nach dem Bericht Plinius’ des Älteren in seiner „Naturalis historia“. In: Traditio. 42 (1), (1986), S. 22–24.

Dreifachfärbungen (Rn. 139–140)