Im Sommer 1917 kam es zu ausgedehnten Unruhen in der Marine des Deutschen Reichs, die sich hauptsächlich in und vor Wilhelmshaven abspielten. Nachdem die kaiserliche Hochseeflotte aufgrund von strategischen Fehlplanungen kaum noch im Ersten Weltkrieg eingesetzt wurde, verschärften sich die bereits bestehenden Konflikte zwischen den Seeoffizieren und den Mannschaften. Große Teile der Besatzungen fühlten sich unmenschlich behandelt und durch die arrogant zur Schau gestellte bessere Versorgung der Seeoffiziere provoziert. Der Konflikt bekam eine starke politische Dimension, als die Friedensanstrengungen nach dem Sturz des russischen Zaren intensiviert wurden und die Seeoffiziere daraufhin auf den Schiffen alldeutsche Propaganda für Siegfrieden, weitreichende Annexionen und Reparationen betrieben. Im Zuge dieser Entwicklung hatten sich Gruppen der Besatzungen, auch im Umfeld der Menagekommissionen, organisiert und Protestaktionen durchgeführt. Führende Mitglieder dieser Gruppen begannen nun Kontakte zur USPD aufzunehmen und über einen Streik zur schnelleren Durchsetzung eines Friedens zu diskutieren. Nach einer größeren Protestaktion gegen willkürliche Bestrafungen im August 1917 nahm die Marineführung umfangreiche Verhaftungen vor. Sie versuchte die Unruhen als von der USPD gesteuerte Aufstandsbestrebungen darzustellen. Insgesamt zehn Matrosen und Heizer wurden zum Tode verurteilt. Die Urteile an Max Reichpietsch und Albin Köbis wurden am 5. September 1917 vollstreckt, die anderen Todesurteile in Zuchthaus- oder Gefängnisstrafen umgewandelt. Außerdem wurde eine ganze Reihe zum Teil schwerer Strafen verhängt. Die Begründungen des Militärgerichts waren juristisch unhaltbar. Untersuchungen gegen die USPD ergaben nichts Belastendes. Eine Reichstagsdebatte zum Thema trug mit zum Rücktritt des Reichskanzlers Georg Michaelis bei. Die Organisationen in der Flotte wurden zerschlagen, doch spielte die steigende Verbitterung über die erfahrenen und fortdauernden Ungerechtigkeiten eine wichtige Rolle bei den Ereignissen Ende 1918 in Wilhelmshaven und Kiel.

Die Kaiserliche Marine – Anspruch und Realität Die von Alfred von Tirpitz im Auftrag Kaiser Wilhelms II. betriebene massive Flottenrüstung trieb England in das Lager der Gegner Deutschlands, verschlang einen beträchtlichen Teil des Volksvermögens und erwies sich letztlich als nutzlos: Die Royal Navy stellte sich nicht wie erwartet einer großen Seeschlacht gleich zu Beginn des Krieges, sondern führte, für die deutsche Hochseeflotte unerreichbar, eine weiträumige Blockade durch. Eine selbstkritische Aufarbeitung der Fehler war außerhalb der Vorstellungswelt der Seeoffiziere.Siehe dazu den Vortrag des Marinehistorikers und Fregattenkapitän a. D. Dieter Hartwig: Meuterei 1917 sowie Gehorsamsverweigerungen und Revolution 1918 im Urteil der Marine von 1918 bis 2018. In: Jürgen Jensen (Hrsg.): Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Band 89, Heft 4, Kiel 2018, S. 161–176, hier S. 162 ff. Sie kamen meist aus dem gehobenen Bürgertum. Für sie war die Marine als gesamtdeutsche Streitmacht das Symbol des neuen nationalen Selbstverständnisses. Sie fühlten sich als Vorkämpfer des Strebens nach Weltgeltung.Gerhard P. Groß: Eine Frage der Ehre? Die Marineführung und der letzte Flottenvorstoß 1918. In: Werner Rahn (Hrsg.): Deutsche Marinen im Wandel. München 2005, S. 287-304, hier S. 294 ff. Dabei entwickelten die Seeoffiziere einen provokativ zur Schau getragenen arroganten Korpsgeist.

Als spätestens nach der Skagerrakschlacht immer deutlicher wurde, dass die Schlachtschiffe größtenteils in den Häfen bleiben würden, führten die durch die Flottenpropaganda geschürten hohen Erwartungen zu Desillusionierung und Frustration.Stephan Huck: Marinestreiks und Matrosenaufstände. Menetekel der Revolution?: In: Tillmann/Kinzler (Hrsg.): 1918 – die Stunde der Matrosen. Darmstadt 2018, S. 78–83, hier S. 79. Mit dem intensivierten U-Bootkrieg wurden die älteren, erfahrenen Offiziere in großer Zahl zur U-Bootwaffe versetzt. Sie wurden durch unerfahrene jüngere Offiziere ersetzt, die ihre Unsicherheit gegenüber den häufig schon jahrelang dienenden Besatzungen durch gesteigerten Standesdünkel und fortgesetzte Schikanen gegen ihre Untergebenen zu überspielen suchten.Christoph Regulski: Lieber für die Ideale erschossen werden, als für die sogenannte Ehre fallen. Albin Köbis, Max Reichpietsch und die deutsche Matrosenbewegung 1917. Wiesbaden 2014, S. 45.

Die Besatzungen bestanden zu einem großen Teil aus Facharbeitern, ohne die die hochtechnisierten Schiffseinheiten nicht zu beherrschen waren. Einige von ihnen waren mit gewerkschaftlichen oder sozialdemokratischen Ideen in Berührung gekommen. Viele waren aus Abenteuerlust in die Marine eingetreten. Aber auch Technikbegeisterung und Einsatz für das Vaterland dürften eine Rolle gespielt haben.Hans Beckers: Wie ich zum Tode verurteilt wurde. Die Marinetragödie im Sommer 1917. Frankfurt a. M. 3. Aufl. 1986, S. 26.

In der damaligen dramatischen Versorgungslage beschwerten sich die Mannschaften immer wieder über schlechtes Essen während bei den Seeoffizieren weiter wie vor dem Krieg getafelt würde und dass viele rauschende Feste mit hohem Alkoholkonsum gefeiert würden. Den Besatzungen dagegen war Alkohol an Bord verboten.Regulski, Lieber für Ideale, S. 69–72, 138.

Die Untätigkeit der Hochseeflotte ließ die Konflikte stark anwachsen und führte zur Bildung von kleineren Gruppen, die zu offenen Protestaktionen übergingen. Regulski erwähnt Aktionen Ende 1916/Anfang 1917 auf den Schiffen SMS Helgoland, Möve und auf Minensuchbooten.Regulski, Lieber für Ideale, S. 59.

Die Lage nach zwei Jahren Krieg Die Schlacht um Verdun dauerte fast das ganze Jahr 1916. Deutschland wollte damit die Westfront wieder in Bewegung bringen. Bei den erbittert geführten Kämpfen erlitt Deutschland jedoch enorme Verluste und musste sich schließlich auf eine verkürzte Frontlinie zurückziehen. Dann kam der berüchtigte Steckrübenwinter. Große Teile der Bevölkerung hungerten. Die Militärführung griff im Februar 1917 zu einem verzweifelten Mittel: der Wiederauflage des uneingeschränkten U-Bootkriegs. Damit riskierte sie den Kriegseintritt der USA. Admiral Henning von Holtzendorff erklärte, dass man damit England in wenigen Monaten in die Knie zwingen könnte und der Krieg beendet sei, bevor die USA eingreifen könnten. In der Folge veröffentlichte die Marine geschönte Versenkungszahlen. Die Kriegserklärung der USA erfolgte im April 1917.

mini|Eine der letzten Aufnahmen des Zaren vor seinem Sturz Während das Militär Deutschland in eine immer kritischere Lage manövrierte, zeichnete sich an der Ostfront die Hoffnung auf Frieden ab. Der Zar war im März 1917 gestürzt worden. Damit entfiel aus Sicht der deutschen Arbeiterbewegung der wichtigste Kriegsgrund: der Kampf gegen den Zarismus.Vgl. Hans-Joachim Bieber: Gewerkschaften in Krieg und Revolution. Arbeiterbewegung, Industrie, Staat und Militär in Deutschland 1914–1920. Hamburg 1981, S. 443. Dieser hatte lange Jahre eine Bedrohung für fortschrittliche Bewegungen in ganz Europa dargestellt.Regulski, Lieber für die Ideale, S. 83. Die aus Kriegsgegnern der SPD neugebildete USPD forderte einen "raschen Friedensschluss ohne Annexionen und Kontributionen", eine Formel, der sich einige Zeit später auch die SPD, das Zentrum und die Liberalen anschlossen. Von Juni bis September 1917 versuchten dann die europäischen Sozialisten und Sozialdemokraten Konferenzen zur raschen Beendigung des Krieges zu organisieren.

Die Protestgruppen in der Flotte verfolgten die Ereignisse durch die linke Presse, die zum Teil gelesen werden durfte und zum Teil illegal an Bord gelangte. Die Marineführung intensivierte den „Vaterländischen Unterricht“. Dazu holte sie Vertreter der rechtsradikalen Alldeutschen bzw. der Vaterlandspartei (DVLP) an Bord, die versuchten die Besatzungen davon zu überzeugen, dass nur ein Siegfrieden mit weitreichenden Annexionen und hohen Reparationen für Deutschland in Frage komme könne und dass demokratische Reformen gegen die natürliche Ordnung verstießen.Regulski, Lieber für die Ideale, S. 67. Für die Besatzungen wurde damit deutlich, dass ihre Offiziere sich einem raschen Friedensschluss widersetzten. Etwa Mitte 1917 notierte Richard Stumpf, Matrose auf SMS Helgoland, die zu der Zeit in Wilhelmshaven lag, dass die Matrosen so schnell wie möglich Frieden möchten und es herrsche die Meinung vor, dass nur die Offiziere den Krieg fortsetzen wollten.Wilhelm Dittmann (Hrsg.): Richard Stumpf. Warum die Flotte zerbrach – Kriegstagebuch eines christlichen Arbeiters. Berlin 1927, S. 148, 163.

Erste größere Proteste Um ein Ende des Krieges und damit auch das Ende ihrer Misshandlungen durchzusetzen, mussten sich die Besatzungen besser organisieren und sich mit den Kräften beraten, die sich für ein schnelles Kriegsende einsetzten, insbesondere mit der USPD.

Auf dem Schiff des IV. Geschwaders Friedrich der Große, das bis Mitte März 1917 das Flaggschiff der Hochseeflotte war, begann man ein System von Vertrauensleuten aufzubauen. Dabei war der Matrose Max Reichpietsch führend, der wegen seiner ruhigen und überlegten Art bei den Kameraden beliebt war und der der USPD nahestand.Regulski, Lieber für die Ideale, S. 77, 86. Auf verschiedenen Schiffen kam es jetzt zu größeren Protestaktionen gegen die Verpflegung, die als besonderer Teil der inhumanen Behandlung durch die Seeoffiziere empfunden wurde. Dabei lieferte eine Aktion am 6. Juni 1917 auf der Prinzregent Luitpold die Vorlage für die Besatzungen einer Reihe anderer Schiffe: Matrosen und Heizer der Luitpold weigerten sich verdorbenes Essen abzuholen. Die Schiffsführung blieb stur. Das Essen wurde weggeschüttet und es gab keinen Ersatz.Regulski, Lieber für die Ideale, S. 88. Aber zum ersten Mal hatte eine Besatzung einen Streik durchgeführt und diese Methode verbreitete sich schnell auf den Schiffen.Daniel Horn: German Naval Mutinies of World War I. New Brunswick, New Jersey (USA) 1969, S. 99. So gab es ähnliche Aktionen auf SMS Friedrich der Große, Posen, Moltke, und Nürnberg. Auf der Prinzregent Luitpold kam es zu drei weiteren Aktionen. Immer öfter konnten sich die Besatzungen dabei mit ihren Forderungen durchsetzen.Regulski, Lieber für die Ideale, S. 88–91.

Kontakte zur USPD