Der Begriff TVR Wedges steht für eine Familie von offenen und geschlossenen Sportwagen, die der britische Automobilhersteller TVR von 1979 bis 1991 in einem Dutzend Varianten produzierte. Die Bezeichnung leitet sich von der Keilform (englisch: Wedge) der Karosserien ab. Die Wedges lösten die TVR-M-Serie ab. Die Volumenmodelle waren der Tasmin 280i bzw. der TVR 280i mit Sechs- und der stärkere 350i mit Achtzylindermotor, die zusammengenommen in etwa 2000 Exemplaren gefertigt wurden. Daneben entstand eine insgesamt dreistellige Anzahl verschiedener Sonderversionen mit abweichenden, teilweise hochgezüchteten Motoren, die in Liebhaberkreisen als Big Bad Wedges bekannt sind.
Überblick mini|TVR-Logo
TVR als Kleinserienhersteller Von 1959 bis 1965 entstanden im britischen Blackpool zwischen 700 und 800 Coupés der Baureihe Grantura, die unter der Marke TVR verkauft wurden. Die nur 3,4 m langen Sportwagen hatten Gitterrahmen aus Stahlrohren und Karosserien aus glasfaserverstärktem Kunststoff. Angetrieben wurden sie von Vierzylindermotoren von BMC, Coventry Climax oder Ford of Britain mit einer Leistung von bis zu 98 bhp (73 kW). Hinzu kamen die äußerlich gleichen Modelle Griffith 200 und 400 mit US-amerikanischen Achtzylindermotoren.Mark Hughes: TVR Grantura, Griffith, Vixen & Tuscan. Classic & Sportscar, Heft 1271989, S. 43. Nachdem TVR im November 1965 von Martin Lilley übernommen worden war, löste der auf Ford-Komponenten beruhende Vixen den Grantura mit BMC-Technik ab. Der Wechsel des Techniklieferanten erfolgte vor allem aus Kostengründen.Ralph Dodds: TVR. Cars Of The Peter Wheeler Era. The Crowood Press, Ramsbury 2015, ISBN 978-1-84797-997-1, S. 15. Auf den Vixen folgte ab 1972 mit fließenden Übergängen die M-Serie mit den Coupés 1600M, 2500M, 3000M und 5000M. Später kamen das Cabriolet 3000S sowie das Coupé Taimar mit großer Heckklappe hinzu, sodass TVR am Ende des Jahrzehnts ein breit aufgestelltes Modellprogramm hatte.
Ungeachtet ihres Erfolges war die M-Serie Ende der 1970er-Jahre überholt. Die zunehmend strengeren Sicherheitsbestimmungen hätten eine kostenintensive Überarbeitung notwendig gemacht, die nicht zuletzt deshalb unwirtschaftlich erschien, weil die Zukunft der Modellfamilie auch aus logistischen Gründen begrenzt war. Die M-Serie nutzte Fahrwerks- und sonstige Komponenten des Triumph TR6 sowie Anbauteile des Ford Consul. Weil deren Produktion bereits 1975 bzw. 1976 ausgelaufen war, hatte TVR zunehmend Schwierigkeiten, die notwendigen Komponenten einzukaufen.John Tipler: TVR. Sutton Publishing, Strout 1998, ISBN 0-7509-1766-0, S. 78.Oliver Winterbottom: A Life in Car Design: Jaguar, Lotus, TVR. Veloce Publishing, 2017, ISBN 978-1-78711-035-9, S. 78. Martin Lilley sah sich daher zur Entwicklung eines vollständig neuen Autos gezwungen.
Nachfolger der M-Serie 1977 begann TVR mit den Arbeiten am Nachfolger der M-Serie. Maßgeblich beteiligt waren mehrere Ingenieure, die TVR von Lotus Cars abgeworben hatte. Mit der neuen Baureihe wollte Martin Lilley TVR in einer höheren Marktnische positionieren. Potentielle Konkurrenten waren Lotus und Porsche. Die Kosten der Entwicklung des neuen Modells und der Produktionsvorbereitung summierten sich bis 1980 auf 550.000 £.John Tipler: TVR. Sutton Publishing, Strout 1998, ISBN 0-7509-1766-0, S. 77. Sie überforderten die Leistungsfähigkeit der Inhaber und führten letztlich dazu, dass das Unternehmen 1982 an Peter Wheeler verkauft wurde.Ralph Dodds: TVR. Cars Of The Peter Wheeler Era. The Crowood Press, Ramsbury 2015, ISBN 978-1-84797-997-1, S. 30.
Breit gefächerte Wedge-Familie Die erste Version der Wedge-Reihe debütierte auf dem Brüsseler Autosalon im Januar 1980.Ralph Dodds: TVR. Cars Of The Peter Wheeler Era. The Crowood Press, Ramsbury 2015, ISBN 978-1-84797-997-1, S. 26. Bereits Ende 1979 hatte die Serienfertigung begonnen; in diesem Jahr entstanden die ersten sechs Tasmin Coupés. Anfänglich war der Wedge nur als Tasmin 280i mit einem 2,8 Liter großen Ford-Motor erhältlich. Er nahm die Rolle des Volumenmodells ein, die zuvor der 3000M gehabt hatte, war aber mehr als 40 Prozent teurer als sein direkter Vorgänger.Ralph Dodds: TVR. Cars Of The Peter Wheeler Era. The Crowood Press, Ramsbury 2015, ISBN 978-1-84797-997-1, S. 28. Auf der Suche nach leistungsstärkeren Varianten begann TVR noch unter Martin Lilley, eine Turboversion des Tasmin 280i zu entwickeln. TVRs neuer Inhaber Peter Wheeler gab den Tasmin Turbo, von dem zwei Prototypen entstanden waren, allerdings frühzeitig auf. Stattdessen entstand als neues Spitzenmodell der 350i mit einem Achtzylindermotor von Rover. In der Literatur finden sich Hinweise darauf, dass Wheelers Entscheidung für Rover-Motoren zumindest auch auf politische Aspekte zurückzuführen war: Während Autos mit Ford-Komponenten im arabischen Raum wegen der Geschäftsbeziehungen Fords zu Israel nur schlecht verkauft werden konnten, habe der insoweit unbelastete britische Rover-Motor dem Unternehmen die Expansion auf arabische Märkte ermöglicht.Mike Lawrence: A to Z of Sports Cars 1945–1990. Bay View Books, 1996, ISBN 1-870979-81-8. Ab 1985 entwickelte TVR den Rover-Achtzylinder schrittweise weiter, sodass dem 350i eine Reihe nochmals stärkerer Versionen zur Seite gestellt wurden, die einen Hubraum von bis zu 4,5 Litern hatten. Die Verbreitung dieser in Liebhaberkreisen als Big Bad Wedges (große böse Wedges) bezeichneten AutosRalph Dodds: TVR. Cars Of The Peter Wheeler Era. The Crowood Press, Ramsbury 2015, ISBN 978-1-84797-997-1, S. 43. blieb allerdings deutlich hinter den herkömmlichen 280i- und 350i-Modellen zurück.
1991 endete die Produktion, nachdem in 12 Jahren zusammengenommen mehr als 2600 Fahrzeuge aller Wedge-Varianten gebaut worden waren. Abgesehen von dem mittlerweile als veraltet empfundenen Design des WedgeRalph Dodds: TVR. Cars Of The Peter Wheeler Era. The Crowood Press, Ramsbury 2015, ISBN 978-1-84797-997-1, S. 63. war die Produktionseinstellung auch auf gesetzliche Änderungen zurückzuführen. Alle ab 1993 neu zugelassenen Fahrzeuge mussten mit einem Abgaskatalysator ausgestattet werden. Das in den 1970er-Jahren entworfene Chassis des Wedge bot nicht genügend Platz für einen Katalysator der Größe, die für eine wirksame Abgasentgiftung der leistungsstarken Motoren nötig war.Ralph Dodds: TVR. Cars Of The Peter Wheeler Era. The Crowood Press, Ramsbury 2015, ISBN 978-1-84797-997-1, S. 55. Ab 1992 ersetzte der neu konstruierte Griffith die Wegde-Modelle.
Nomenklatur Im englischen Sprachraum ist es üblich, die Fahrzeuge dieser Modellfamilie unter dem Begriff TVR Wegdes zusammenzufassen.Matthew Vale: TVR 1946–1982. The Trevor Wilkinson and Martin Lilley Years. The Crowood Press, Ramsbury 2017, ISBN 978-1-78500-351-6, S. 140.Ralph Dodds: TVR. Cars Of The Peter Wheeler Era. The Crowood Press, Ramsbury 2015, ISBN 978-1-84797-997-1, S. 26.Alastair Clements: Blackpool Peers. Geschichte der Marke TVR. In: Classic & Sports Car. 1/2007.John Tipler: TVR. Sutton Publishing, Strout 1998, ISBN 0-7509-1766-0, S. 75. Werksseitig wurde der Begriff allerdings nicht verwendet.
In der Entwicklungsphase hieß das Projekt MAL100 (für Martin Lilley 100).Oliver Winterbottom: A Life in Car Design: Jaguar, Lotus, TVR. Veloce Publishing, 2017, ISBN 978-1-78711-035-9, S. 79. Zu Beginn des Modellzyklus trugen die Autos die Modellbezeichnung Tasmin, die je nach Quelle auf den Vornamen einer Freundin Martin Lilleys,Rainer W. Schlegelmilch, Hartmut Lehbrink: Englische Sportwagen. Könemann, Köln 2001, ISBN 3-8290-7449-2, S. 396. auf die australisch-neuseeländische Tasman-RennsportserieJohn Tipler: TVR. Sutton Publishing, Strout 1998, ISBN 0-7509-1766-0, S. 76. bzw. auf eine Kombination darausOliver Winterbottom: A Life in Car Design: Jaguar, Lotus, TVR. Veloce Publishing, 2017, ISBN 978-1-78711-035-9, S. 87. oder auf einen zufällig in einem Lexikon gefundenen BegriffRalph Dodds: TVR. Cars Of The Peter Wheeler Era. The Crowood Press, Ramsbury 2015, ISBN 978-1-84797-997-1, S. 25. zurückzuführen ist. An den Begriff Tasmin waren zur weiteren Differenzierung die Zahlen 200, 280 bzw. 350 angehängt, die auf den jeweiligen Hubraum (2,0, 2,8 oder 3,5 Liter) Bezug nahmen. Ab Sommer 1984 entfiel der Name Tasmin; seitdem verwendete TVR nur noch dreistellige Zahlencodes zur Unterscheidung der einzelnen Fahrzeuge (200, 280i, 350i, 350SE, 390SE, 400SE, 420SE, 450SE, 420SEAC und 450 SEAC).
Beschreibung der Modellreihe Die TVR Wedges wurden unter der Leitung von Iain Jones konstruiert, den TVR 1977 von Lotus Cars abgeworben hatte. Bei Lotus hatte Jones unter anderem die die keilförmigen Modelle Elite und Éclat entwickelt, die ihrerseits vielfach als Lotus Wedges bezeichnet werden und technisch sowie stilistisch Vorbilder der neuen TVR-Reihe waren. Die Wedge-Familie setzt das Konzept der Vorgängermodelle Grantura, Vixen und M-Serie fort: Sie kombiniert eine leichte Kunststoffkarosserie mit einem Rohrrahmen und zuverlässigen Motoren von Großserienherstellern.C.R.: The TVR 3000M Road Test. In: Motorsport Magazine. September 1973, S. 1066 ff.
Rahmen und Fahrwerk Der Rahmen wurde für die Wegde-Reihe neu konstruiert. Im Vergleich zur M-Serie ist er 10 cm länger und 7,5 cm breiter. Die Rohre haben einen runden Querschnitt und einen Durchmesser von 1,5 Zoll (3,81 cm). Der Rahmen ist in der Wagenmitte angeordnet und hat vorn und hinten Ausleger für die Aufnahme der Radaufhängungen. Seine Form entspricht, von oben betrachtet, einem Y. In der vorderen Spreizung ist der Motor untergebracht. An einzelnen Stellen sind Metallplatten zur Erhöhung der Festigkeit eingearbeitet.Matthew Vale: TVR 1946–1982. The Trevor Wilkinson and Martin Lilley Years. The Crowood Press, Ramsbury 2017, ISBN 978-1-78500-351-6, S. 144. Für die Aufnahme des Rover-Achtzylindermotors musste der Rahmen im Bereich des Vorderwagens in mehr als 100 Details geändert werden; dazu gehörte unter anderem eine Verbreiterung der vorderen Spreizung.Ralph Dodds: TVR. Cars Of The Peter Wheeler Era. The Crowood Press, Ramsbury 2015, ISBN 978-1-84797-997-1, S. 34.
Die Fahrwerkskonstruktion ähnelte der der von Jones entwickelten Lotus Wedges. Alle Räder sind einzeln aufgehängt. Die vordere Doppelquerlenkerachse wurde von Ford zugekauft; sie entspricht der im Ford Cortina Mk IV verwendeten Konstruktion.John Tipler: TVR. Sutton Publishing, Strout 1998, ISBN 0-7509-1766-0, S. 77. Die Hinterradaufhängung ist eine TVR-Eigenkonstruktion. Sie ähnelt der des zeitgenössischen Jaguar XJ.Matthew Vale: TVR 1946–1982. The Trevor Wilkinson and Martin Lilley Years. The Crowood Press, Ramsbury 2017, ISBN 978-1-78500-351-6, S. 149. Die Bremsen stammen vom Ford Granada.
Antriebstechnik mini|3,5-Liter-V8-Motor von Rover
In den TVR Wedges waren drei verschiedene Motorentypen erhältlich: Von 1979 bis 1988 war der 2792 cm³ große Sechszylinder-V-Motor der deutschen Ford-Tochter (Ford Köln) die Standardmotorisierung, die den im Vorgängermodell verwendeten britischen Ford-Essex-Motor mit 3,0 Litern Hubraum ersetzte. Der Motor hat eine elektronisch gesteuerte Benzineinspritzung. Seine Leistung lag zunächst bei ; in der zweiten Serie fiel sie auf Der Motor war mit einem Schaltgetriebe von Ford gekoppelt. Er war im TVR Tasmin 280i sowie im TVR 280i in allen drei Karosserieversionen erhältlich. Unterhalb des 2,8-Liter-Sechszylindermotors war von 1982 bis 1984 im Tasmin 200 ein Reihenvierzylindermotor der Baureihe Ford Pinto erhältlich, der eine obenliegende Nockenwelle und zwei Vergaser hatte. Mit einem Hubraum von 1993 cm³ leistete er .Rainer W. Schlegelmilch, Hartmut Lehbrink: Englische Sportwagen. Könemann, Köln 2001, ISBN 3-8290-7449-2, S. 398.