Der Census of the Reception of Antique Art and Architecture (kurz: Census, vormals bekannt als der Census of Antique Works of Art Known to Renaissance Artists, der Census of Antique Works of Art and Architecture Known to the Renaissance und der Census of Antique Works of Art and Architecture Known in the Renaissance) ist ein interdisziplinäres Forschungsprojekt, das dem Forschungsfeld der Antikenrezeption gewidmet ist. Zentraler Bestandteil des Projekts ist die Datenbank, in der die in der Renaissance bekannten antiken Bild- und Bauwerke und die zugehörigen frühneuzeitlichen Dokumente erfasst und miteinander verknüpft werden. Das Projekt ist eine Kollaboration zwischen dem Institut für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin und der Bibliotheca Hertziana in Rom.

Aufgabe Der Census ging aus dem Gedanken hervor, mehr Klarheit über die tatsächlichen Antikenkenntnisse der Künstler der Renaissance zu schaffen. Seit seiner Gründung verfolgt das Projekt daher das Ziel, alle in der Renaissance bekannten antiken Monumente und die sie rezipierenden frühneuzeitlichen Dokumente zu erfassen. Nach dem anfänglichen Fokus auf figürliche Kunst und deren Rezeption bis 1527 wurde der zeitliche Rahmen später auf das Jahr 1600 und andere Kunstgattungen, insbesondere Architektur, erweitert.Nesselrath, Arnold (1984). "The Census of Antique Works of Art and Architecture Known to the Renaissance". In Corti, Laura (ed.). Automatic Processing of Art History Data and Documents. Papers Vol. 2. Regione Toscana. S. 83–96.

Zusätzlich zu den Datensätzen, die sich mit dem Kernthema des Census beschäftigen, der Zeit zwischen 1400 und 1600, weitete sich die Zeitspanne der Census-Datenbank durch Kooperationsprojekte auf frühere und spätere Epochen aus. Zwischen ca. 2009–2015 wurden im Zuge der Kooperation mit dem Projekt Corpus Medii Aevi Datensätze zu mittelalterlichen Kunstwerken zur Datenbank hinzugefügt. Wiederum zwischen ca. 2009–2016 wurden Datensätze, die sich mit den Antikenrezeptionen bei Johann Joachim Winckelmann und anderen Antiquaren seiner Zeit beschäftigen, zur Datenbank durch die Kooperation mit dem Projekt Corpus Winckelmann hinzugefügt.

Im Jahr 2015 enthielt die Census-Datenbank ca. 15.000 Datensätze antiker Bild- und Bauwerke sowie ca. 36.000 Bild- und Schriftquellen aus der RenaissanceStrauch, Timo: Von Flussgöttern, Rossebändigern und Tempeln. Auf den Spuren antiker Kunst und Architektur in der Renaissance. In: Jahrbuch der Heidelberger Akademie der Wissenschaften für 2015, S. 111. PDF und wird bis heute ständig erweitert. Die antiken Monumente umfassen Skulptur und Plastik, Architektur, Inschriften, Münzen, Malerei und Mosaiken. Unter den Renaissancedokumenten finden sich neben Zeichnungen, Druckgraphiken, Skulpturen, Gemälden und Medaillen auch Sammlungsinventare, Reiseberichte, Künstlerviten und archivalische Dokumente.

Die Veröffentlichung der neuen Datenbank mit neuem Interface in 2023 wurde auch genutzt, um eine terminologische Veränderung bezüglich der frühneuzeitlichen Objekte zu etablieren, von „documents“ zu „postclassical works“. Diese Veränderung gründet in der starken Wandlung methodologischer Fragestellungen, die frühneuzeitliches künstlerisches Einfallsreichtum gegenüber der rein „dokumentarischen“ Antikenrezeption betont.

Geschichte Der Census entstand 1946 am Warburg Institute in London als Kooperationsprojekt mit dem Institute of Fine Arts an der New York University. Initiiert wurde das Projekt von den Kunsthistorikern Fritz Saxl und Richard Krautheimer und dem Archäologen Karl Lehmann, mit dem Ziel, ein dokumentarisches Forschungsinstrument für ein besseres Verständnis vom Nachleben der Antike in der Renaissance zu entwickeln. Für die Umsetzung ihrer Idee konnten sie die Archäologin Phyllis Pray Bober gewinnen, die ab 1947 am Aufbau eines Karteikartensystems arbeitete. Die antiken Monumente wurden in alphabetischer Ordnung und nach Gattungen getrennt auf den Karteikarten verzeichnet und neben Angaben zur Datierung, Autorschaft, Ikonographie etc. die zugehörigen Bild- und Schriftquellen aus der Renaissance erfasst. In der Anfangszeit lag der Fokus vorerst auf der antiken Skulptur und ihrer frühneuzeitlichen Dokumentation in Texten und Zeichnungen. Ab 1954 wurden die handschriftlichen Karteneinträge durch fotografische Aufnahmen der Monumente und Reproduktionen der Renaissancedokumente aus der Fotothek des Warburg Institute ergänzt.

Neben Bober, die stets in New York für das Projekt gearbeitet hatte und von es von 1949 bis 1984 als Direktorin leitete,Ridgway, Brunilde Sismondo (2004). "Phyllis Pray Bober. 2 December 1920 · 30 May 2002". Proceedings of the American Philosophical Society. 148(3): 361–367.Phyllis Pray Bober (2002). Before and After the Census of Antique Works of Art Known to Renaissance Artists [The Italian Renaissance in the Twentieth Century. Acts of an International Conference. Florence, Villa I Tatti, June 9-11, 1999]. Florence: Leo S. Olschki. S. 375–85. erhielt der Census im Jahr 1957 durch Ruth Rubinstein am Warburg Institute in London eine weitere langjährige Protagonistin. Ab diesem Zeitpunkt wurden in New York und London zwei parallele Karteien und Fotosammlungen fortgeführt. Aus Forschungen im Umfeld des Census gingen in der Folge zahlreiche Editionen von Renaissanceskizzenbüchern hervor.J.B. Trapp (1999). "The Census: its Past, its Present and its Future". Pegasus. Berliner Beiträge zum Nachleben der Antike. 1: 11–21. Zu den wichtigsten Publikationen, die im Rahmen des Census-Projekts entstanden sind, gehört das gemeinsam von Bober und Rubinstein selbst erarbeitete „Handbuch“ (Renaissance Artists and Antique Sculpture: A Handbook of Sources), das 1986 erschien.J.B. Trapp (2003). "Phyllis Pray Bober. 2.12.1920 – 30.5.2002". Pegasus. Berliner Beiträge zum Nachleben der Antike. 4: 167–178.

Im Zuge der Kooperation des Census mit der Bibliotheca Hertziana in Rom ab Anfang der 1980er Jahre wurde das Forschungsprojekt nun auch auf die antiken und in der Renaissance bekannten Bauwerke ausgeweitet.Bartsch, Tatjana (2008). ""Distinctae per locos schedulae non agglutinatae" : das Census-Datenmodell und seine Vorgänger". Pegasus. Berliner Beiträge zum Nachleben der Antike. 10: 223–260. Der deutsche Kunsthistoriker und Archäologe Arnold Nesselrath übernahm 1984 von Philis Bober die Leitung des Census-Projekts. Gleichzeitig wurde die schon kurz zuvor entstandene Idee, das analoge Karteikartensystem in eine computergestützte Datenbank umzuwandeln, wiederaufgenommen. Mithilfe des neu gestarteten Art History Information Program des Getty Center for the History of Art and the Humanities (heute Getty Research Institute) wurde ab 1981 die erste Census-Datenbank entwickelt und programmiert. Unter der Leitung von Arnold Nesselrath in Rom und in Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Informatiker Rick Holt wurden ein objektrelationales Datenmodell erarbeitet und eine Software für UNIX-Systeme programmiert, was einen Datenzugriff nicht mehr allein über die Monumente, sondern von allen Seiten her ermöglichte.

Nach einem produktiven Jahrzehnt der Datenerfassung sowohl in London als auch in Rom wurde 1992 am Warburg Institute ein neu entwickeltes Abfragesystem der Census-Datenbank vorgestellt.Röll, Johannes (1997). "The Census of Antique Works of Art and Architecture Known in the Renaissance". Humboldt Spektrum (4): 46–51. Mit dem Ende der Förderung durch die Bibliotheca Hertziana wechselte der Census 1995 an die Humboldt-Universität zu Berlin, wo sich Horst Bredekamp erfolgreich für die Angliederung des Projekts an das Kunstgeschichtliche Seminar (heute Institut für Kunst- und Bildgeschichte) eingesetzt hatte. Zusätzlich erhielt das Census-Projekt eine Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). In den Folgejahren wurde die Datenbank auf das MS-DOS basierte Datenbank-System Dyabola umgestellt und die Eingabe von mehreren PC-Arbeitsplätzen ermöglicht. 1998 erfolgte die erstmalige Veröffentlichung der Datenbank auf CD-ROM (später auf DVD), die durch jährliche Updates ergänzt wurde. Die erste Internet-Version der Census-Datenbank stand für Abonnenten ab 2000 zur Verfügung.

1999 erschien der Dokumentarfilm „Das Census-Projekt“, produziert von Ingo Langner und der Deutschen Welle, der die damalige Zeit der Neuerungen und Umwandlung des Projekts zeigt.

Nach Auslaufen der BMBF-Förderung wurde der Census 2003 in das Akademienprogramm der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften aufgenommen und war bis Ende 2017 ein Vorhaben der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, dessen Arbeitsstelle an der HU Berlin angesiedelt war. Während dieser Zeit wurde die Datenbank in eine webbasierte Software (easydb) überführt, sie ist seit 2007 im Open Access im Internet konsultierbar.

Im Juni 2020 übernahm die US-amerikanische Kunsthistorikerin Kathleen Christian die Leitung des Census."History of the Census". Census Website. Census. 15. November 2021. Abgerufen am 20. Juli 2026. 2023 erfolgte ein Upgrade der Census-Datenbank auf FYLR, eine Nachfolge-Software von Easydb, mit einem neuen Interface. An ein Pilotprojekt der Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften anknüpfend, das von 2018 bis 2020 von der Senatskanzlei Berlin gefördert wurde, verschob sich der Fokus auf die Transformation der Census-Datenbank in Linked Open Data."Census Pilotprojekt". BBAW Forschungsprojekte. BBAW. 16. November 2021. Abgerufen am 20. Juli 2026. Ein zweijähriges Projekt (2021–2023) in Zusammenarbeit mit Takin.solutions, das von der Berlin University Alliance gefördert wurde, ermöglicht, Daten aus der relationalen Datenbank in RDF/XML zu transformieren, unter Zuhilfenahme der X3ML „mapping language“. Mit dem Ziel Census-Daten als FAIR-Daten zur Verfügung zu stellen, wurden diese mittels CIDOC CRM semantisch verschlüsselt. Als Ergebnis dieses Projekts wurde ein SPARQL-Endpunkt bereitgestellt. Exporte der RDF-/XML-Daten werden regelmäßig auf dem edoc-Server der Humboldt-Universität hinterlegt.

Im Mai 2026 schloss die Humboldt-Universität einen Vertrag mit der Bibliotheca Hertziana, der das Census-Projekt zu einer Kooperation zwischen den Institutionen machte, wobei Kathleen Christian und Tristan Weddigen als Direktorin und Direktor fungieren. Um das Projekt für neue Impulse zu öffnen und zur Anerkennung der bereits bestehenden inhaltlichen Breite der Datenbank, wurde der Projekttitel im Juni 2026 vom Census of Antique Works of Art and Architecture Known in the Renaissance in den Census of the Reception of Antique Art and Architecture geändert."A New Chapter for the Census". Census of the Reception of Antique Art and Architecture. Abgerufen am 20. Juli 2026.

Publikationen Von 1999 bis 2020 brachte der Census jährlich das mehrsprachige Periodikum Pegasus – Berliner Beiträge zum Nachleben der Antike heraus. Es diente hauptsächlich als Diskussionsforum für verschiedene mit der Antikenrezeption befasste Disziplinen und weitete den Blick auf alle nachantiken Epochen aus. Zudem wurden hier Forschungsergebnisse präsentiert, die aus der Arbeit mit der Census-Datenbank hervorgegangen sind.

Außerdem erschien in unregelmäßigen Abständen die Schriftenreihe Cyriacus – Studien zur Rezeption der Antike, die der Census gemeinsam mit der Winckelmann-Gesellschaft, Stendal, und dem Winckelmann-Institut für Klassische Archäologie der Humboldt-Universität zu Berlin herausgab. Die Reihe diente als Publikationsplattform von Tagungsakten und monographischen Untersuchungen.

Die aktuelle Buchreihe des Census All'Antica: Early Modern Perspectives on the Antique ist eine englischsprachige Reihe, die bei Brepols/Harvey Miller publiziert und gemeinsam von Cammy Brothers und Kathleen Christian herausgegeben wird. All'Antica publiziert Monographien, Tagungsbände und Übersetzungen wissenschaftlicher Beiträge, die sich mit der Rezeption der Antike inner- und außerhalb Europas befassen.