Territorialgeschichte
1220–1802 Heiliges Römisches Reich, Reichsstadt Nordhausen 1802–1807 Königreich Preußen 1807–1813 Königreich Westphalen, Departement des Harzes, Distrikt Nordhausen 1813–1867 Königreich Preußen, Provinz Sachsen, Regierungsbezirk Erfurt, Kreis Nordhausen 1867–1871 Norddeutscher Bund, Königreich Preußen, Provinz Sachsen, Regierungsbezirk Erfurt, Kreis Nordhausen 1871–1882 Deutsches Reich, Königreich Preußen, Provinz Sachsen, Regierungsbezirk Erfurt, Kreis Nordhausen 1882–1918 Deutsches Reich, Königreich Preußen, Provinz Sachsen, Regierungsbezirk Erfurt (kreisfreie Stadt) 1918–1945 Deutsches Reich, Freistaat Preußen, Provinz Sachsen, Regierungsbezirk Erfurt (kreisfreie Stadt) April bis Juni 1945 Amerikanische Besatzungszone, Freistaat Preußen, Provinz Sachsen, Regierungsbezirk Erfurt (kreisfreie Stadt) 1945–1949 Sowjetische Besatzungszone, Land Thüringen, Landkreis Nordhausen 1949–1952 Deutsche Demokratische Republik, Land Thüringen, Landkreis Nordhausen 1952–1990 Deutsche Demokratische Republik, Bezirk Erfurt, Kreis Nordhausen ab 1990 Bundesrepublik Deutschland, Freistaat Thüringen, Landkreis Nordhausen Die Geschichte von Nordhausen umfasst mehr als 1000 Jahre seit Gründung der Stadt Nordhausen und lässt sich darüber hinaus bis zu einzelnen vorgeschichtlichen Siedlungsplätzen im südlichen Harzraum zurückverfolgen. Als Sitz der Äbtissin des Nordhäuser Damenstiftes und besonders als freie Reichsstadt nahm Nordhausen vom 13. bis zum 19. Jahrhundert einen besonderen Rang ein. Von 1937 bis 1945 befand sich bei Nordhausen das Rüstungszentrum Mittelwerk Dora und ab August 1943 das Konzentrationslager Mittelbau, in dem 60.000 Häftlinge unterirdisch die V2-Waffe produzierten. Anfang April 1945 zerstörten zwei Luftangriffe der Royal Air Force drei Viertel des Stadtgebiets.
Name der Stadt Frühe urkundliche Namensformen sind Nordhusa (876), Nordhuse (929), Northusun (965, 1075, 1105), Northuson (993, 1042, 1105), Nordhusen (ab dem 12. Jahrhundert) und Northusia (1200, latinisiert).Pierre Fütterer: Wege und Herrschaft. Untersuchungen zu Raumerschließung und Raumerfassung in Ostsachsen und Thüringen im 10. und 11. Jahrhundert (= Palatium. Band 2). Schnell + Steiner, Regensburg 2016, ISBN 978-3-7954-3064-1, Bd. 1, S. 296–301. Zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert überwiegt in Chroniken und Statuten die Schreibweise Northusen, ab 1480 ist die Lautung Northausen beziehungsweise später Nordhausen mit frühneuhochdeutscher Diphthongierung bezeugt.Manfred Niemeyer (Hrsg.): Deutsches Ortsnamenbuch. De Gruyter, Berlin/Boston 2012, ISBN 978-3-11-018908-7, S. 457.
Laut germanistischer Namenforschung liegt eine Bildung aus „Nord“ und „-hausen“ (ursprünglich ein Dativ Plural, also „bei den Häusern“) vor; die Bedeutung des Ortsnamens ist demnach „bei der nordwärts gelegenen Ansiedlung“. Das namenkundliche Gegenstück bildet die Ortschaft Sundhausen, die etwa zur gleichen Zeit in unmittelbarer Nachbarschaft zu Nordhausen gegründet wurde und deren Name „bei der südwärts gelegenen Ansiedlung“ bedeutet (sunt ist mittelhochdeutsch für Süden).
Die These, dass der Namensbestandteil Nord auf die germanische Gottheit Nerthus zurückzuführen sei,Hans-Joachim Graul: Nordhuse – Nordhausen. Nordhausen-Salza 2005, S. 46. steht außerhalb der wissenschaftlichen Diskussion. Hiernach beziehe sich der Ortsname auf eine Versammlungsstätte oberhalb der Zorge-Niederung im Bereich des heutigen Petersberges, wo sich die Germanen u. a. zum Thing versammelt und auch Gottesdienst und Brauchtum gepflegt hätten.
Die Einwohner der Stadt heißen korrekt „Nordhäuser“ (in der Mundart „Nordhisser“).
Wegen seiner jahrhundertealten Tradition der Branntwein-Herstellung trägt Nordhausen auch den Ortsnecknamen „Branntwienpisser“ und „Schnapshausen“.Frauenprojekt an der Umweltakademie Nordthüringen e.V. (Hrsg.): Erfrischendes aus der Region. Spitznamen aus dem Landkreis Nordhausen. Auleben 1999. S. 19. Ein weiterer Spottname ist „Priemköppe“ wegen der ehemaligen Kautabakproduktion.
Vor- und frühgeschichtliche Besiedlung mini|Trepanation an einem neolithischen Schädel, Fundort: Nordhausen, Museum für Ur- und Frühgeschichte in Thüringen Von frühen Siedlungen in der Region wusste man schon im 19. Jahrhundert durch „Abgrabungen“, allerdings mit ungeeigneten Mitteln und unter unzulänglicher Dokumentation, wie etwa an der Hügelgräbernekropole von Auleben (Solberg). Bei Windehausen südöstlich von Nordhausen fand sich eine der wenigen Grabanlagen Thüringens aus dem späten Neolithikum, wohl der Glockenbecherkultur. Dort fand sich ein Dreiviertelkreisgraben von etwa 12 m Durchmesser. Rund 300 m entfernt befindet sich eine spätbronzezeitliche Siedlung, das dortige Grab stellt möglicherweise die Gründerbestattung dieser Siedlung dar. Das Kriegergrab mit zahlreichen Beigaben weist Einflüsse aus der mittleren lüneburgischen Bronzezeit auf und lässt sich der frühen (westmitteldeutschen) Spätbronzezeit zuordnen. In der Umgebung sind weitere endneolithische und bronzezeitliche Gräber bekannt, die belegen, dass in der ausgehenden Mittel- und der beginnenden Spätbronzezeit die Sitte verbreitet war, Gräber im Ostteil von Kreisgräben anzulegen.Mario Küßner: Eine außergewöhnliche Grabanlage am Übergang der Mittelbronzezeit zur Spätbronzezeit bei Windehausen (Landkreis Nordhausen), in: Beiträge zur Geschichte aus Stadt und Landkreis Nordhausen (2017) 164–178 (Digitalisat, PDF). Schon länger bekannt ist der frühbronzezeitliche Fundplatz Nohra.Erika Schmidt-Thielbeer: Ein Friedhof der frühen Bronzezeit bei Nohra, Kr. Nordhausen, in: Jahresschr. Halle 39 (1955) 93–114. Einen Überblick über die Bodendenkmäler gaben Paul Grimm, Wolfgang Timpel, Johannes Löffler, Eva Blaschke mit Die ur- und frühgeschichtlichen Bodendenkmäler des Kreises Nordhausen, Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens, Nordhausen 1974.
mini|Nordhausen im Helmegau
Der Raum Nordhausen war sowohl keltischen als auch germanischen Einflüssen unterworfen, wobei die archäologisch erkennbaren Elemente gemischt und lokal transformiert wurden. Es handelt sich dementsprechend um eine Mischzone mit zahlreichen (keltischen) Latènekulturelementen, wie etwa Drehscheibenkeramik oder Glasarmringen.Michael Meyer: Einheimische und Migranten. Siedlungssysteme im eisenzeitlichen Südharzvorland, in: Svend Hansen, Michael Meyer (Hrsg.): Parallele Raumkonzepte, de Gruyter, 2013, S: 281–292. Zugleich fanden sich im Landkreis Nordhausen zahlreiche Elemente der polnischen Przeworsk-Kultur, die weiter südlich nicht vorkommen, hinzu kamen insgesamt sieben Siedlungen dieser Kultur im Umkreis von Nordhausen. Diese gehen möglicherweise auf Zuwanderer aus Schlesien zurück, die als Spezialisten an den Südharz kamen. Bei den Siedlungen lässt sich eine Hierarchisierung nachweisen, nämlich in die drei Typen der Höhenburg, die als Zentralorte aufgefasst werden, also als wirtschaftlicher, sozialer und kultischer Kristallisationspunkt, dann größere Siedlungen, denen die Funktion von Austauschorten und spezialisierter Produktion zukam, schließlich kleinere, offene Siedlungen. Nach dem 1. Jahrhundert verschwand diese Siedlungsstruktur, wohl durch Migrationsvorgänge.
Das Gebiet um Nordhausen gehörte vielleicht im späten 5. Jahrhundert zum kurzlebigen Thüringer Reich und wurde um 531 durch Eroberung fränkisch. Zwischen 650 und 700 besiedeln wendisch-sorbische Gruppen den Ortsteil Bielen. Nachgewiesen sind auch Slawenplätze.In: Ortsteil Bielen auf der offiziellen Website der Stadt Nordhausen (abgerufen am 29. April 2019). Nach dem ehemaligen Nordhäuser Stadtarchivar und Museumsleiter Robert Hermann Walther MüllerR. H. Walther Müller – NordhausenWiki, abgerufen am 26. Oktober 2020. begann die Einsiedlung der damals als Surbi bezeichneten westslawischen Gruppen ab 640 infolge eines Friedens- und Freundschaftsvertrages zwischen dem Slawenkönig Samo und dem Thüringerherzog Radulf. Zunächst wurden die Gebiete westlich der Saale durch sorbische Kolonisten besiedelt. Müller stützt sich dabei insbesondere auf die Untersuchungen von Christoph Albrecht über Die Slawen in ThüringenChristoph Albrecht: Die Slawen in Thüringen. Ein Beitrag zur Festlegung der westlichen slawischen Kulturgrenze des früheren Mittelalters. [= Jahresschrift für die Vorgeschichte der sächsisch-thüringischen Länder Bd. 12, 2.], Halle 1925. (Rezeption). Eine aktuelle Analyse des Hersfelder Zehntverzeichnisses durch Christian ZschieschangChristian Zschieschang: Das Hersfelder Zehntverzeichnis und die frühmittelalterliche Grenzsituation an der mittleren Saale. Eine namenkundliche Studie. (= Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa, Bd. 52) Böhlau, Wien 2017, ISBN 978-3-412-50721-3 () zeigt eine signifikante sorbische Besiedlung im Friesenfeld und im Hassegau. Eine vergleichbare aktuelle Studie zur sorbischen Besiedlung westlich von Kieselhausen und Sangerhausen liegt derzeit nicht vor, obwohl sie seinerzeit bereits von Robert Hermann Walther Müller angemahnt wurde:
Die Theorie von der Begründung slawischer Wohnplätze in Thüringen durch Hörige, Kriegsgefangene oder Sklaven, die in der einschlägigen Literatur immer wieder kritiklos nachgeschrieben wird, kann und muß, wenn man den Tatsachen nicht Gewalt antun will, überwunden werden. Eine solche Revision wird viel Neuarbeit erfordern, aber auch eine Fülle neuer Erkenntnisse zeitigen.Robert Hermann Walther Müller: Die Merwigslindensage in Nordhausen. Ein Denkmal der Thüringer Frühgeschichte. Schriftenreihe heimatgeschichtlicher Forschungen des Stadtarchivs Nordhausen, Harz / Nr. 1, Rat der Stadt, Nordhausen 1953, S. 34.
Nach Robert Hermann Walther Müller ist Bielen neben Windisehen-Breitungen eindeutig slawischen Ursprungs. Als Slawenplätze sieht er in Übereinstimmung mit dem damaligen Forschungsstand die Ortschaften Sittendorf, Rosperwenda, Windehausen und Steinbrücken an, wobei letztere mittlerweile ebenfalls nach Nordhausen eingemeindet wurde. Hinzu kommen die Wüstungen Alt-Wenden, Nausitz, Lindeschu, Tütchewenden und Ascherwenden. Als weitere Slawenorte nennt er Nenzelsrode und Petersdorf, wobei auch Petersdorf mittlerweile zur Stadt Nordhausen gehört. Bei Berga stellte bereits Rudolf Virchow im Jahre 1872 die Reste einer Fischersiedlung fest. Wendischen Einschlag lassen die Ortschaften Görsbach, Sülzhayn, Branderode, Buchholz und Leimbach erkennen, wobei die letzten beiden mittlerweile ebenfalls nach Nordhausen eingemeindet worden sind. In Branderode ist sogar eine windische Tür in der Kirche nachgewiesen worden, genauso in Kleinfurra und Trebra. Flurnamen sorbischen Ursprungs finden sich in Kraja, Thalwenden, Worbis, „Wyndischen Luttera“, zwischen Petersdorf und Steigerthal und bei Stempeda, wobei die beiden letztgenannten mittlerweile ebenfalls zu Nordhausen gehören. In der Stadt Nordhausen selbst führt er die Straße Grimmei und die Grimm-Mühle (die spätere Kaisermühle) auf sorbische Ursprünge zurück. Auch im Zorgedorf Krimderode, heute ebenfalls zu Nordhausen, gab es einen inzwischen versiegten Bach Grimme gleichen sorbischen Namensursprungs: 'auf dem Sande; auf dem Kiese'. Selbst den Namen für die Zorge und den Mühlgraben führt Robert Hermann Walther Müller auf das Sorbische zurück. Für ihn hat auch die Nordhäuser Lindensage ihren Ursprung in der sorbischen Kolonisation, ist doch die Linde der Symbolbaum dieses Volkes.
Mittelalter